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Ist das das Ende des bundesweiten Booms? Immer weniger Gymnasiasten interessieren sich für Latein (in Niedersachsen jedenfalls)

HANNOVER. Ist das eine Trendwende? Latein als zweite Fremdsprache ist heute nicht mehr so gefragt – in Niedersachsen jedenfalls nicht. Zunehmend bevorzugen Schüler an niedersächsischen Gymnasien Spanisch. Noch vor fünf Jahren galt bundesweit: Latein boomt. Und es gibt weiterhin gute Gründe, sich mit lateinischer Grammatik zu befassen, sagt – nicht ganz überraschend – der Landesvorsitzende des Altphilologenverbandes. Latein-Kritiker sehen das anders.

Dunke Wolken über Rom: Nimmt das Interesse an Latein ab? Foto: johnc24 / flickr (CC BY 2.0)

Dunke Wolken über Rom: Nimmt das Interesse an Latein ab? Foto: johnc24 / flickr (CC BY 2.0)

Immer weniger Schüler in Niedersachsen haben in den vergangenen Jahren Latein als zweite Fremdsprache gewählt. Das ergibt sich aus der Statistik des Kultusministeriums in Hannover. Demnach ging der Anteil der Gymnasiasten, die sich in der Sekundarstufe I für Latein entschieden, im Zeitraum von 2010 bis 2015 von 41,7 Prozent auf 36,4 Prozent zurück. Die Zahlen der Schüler, die sich für Französisch entschieden, waren ebenfalls rückläufig. Im Aufwind ist dagegen Spanisch: 19,3 Prozent aller Gymnasiasten entschieden sich 2015 für diese Sprache, 2010 waren es noch 11,4 Prozent. An allen rund 220 niedersächsischen Gymnasien wird Latein als zweite Pflichtfremdsprache angeboten, auch an einigen Gesamtschulen gehört es zum Fächerkanon.

Auch im Zeitalter von Twitter und Smartphone gebe es aber noch gute Gründe, Latein zu lernen, sagte Stefan Gieseke vom niedersächsischen Altphilologenverband: «Über den Latein-Unterricht kann man ein grammatisches System erlernen. Das ist eine gute Basis für alle weiteren Sprachfächer.»

Philologen-Chef: Latein boomt – weil Englisch so schwer ist

Latein sei die Mutter aller europäischen Sprachen, so Gieseke weiter. Französisch, Spanisch, Italienisch und Rumänisch ließen sich darauf aufbauen. In modernen Lateinbüchern werde auf diese Beziehungen auch hingewiesen. Mittlerweile gebe es sogar eine Studie, die die Beziehungen zwischen Türkisch und Latein analysiert. «Gerade Kinder mit Migrationshintergrund profitieren von Latein für den Deutschunterricht, denn es schult das Bewusstsein für Sprache.»

Auch eher schüchterne Schüler, die sich vor der Gruppe nicht so gerne exponieren, seien im Lateinunterricht gut aufgehoben, da sie sich nicht mit komplizierter Aussprache herumschlagen müssen. Zudem finden viele Kinder die Themen Rom und die Römer einfach spannend, ist Giesekes Erfahrung. Für die Zukunft hofft der Altphilologe auf eine kleine Trendwende.

«Mit dem Aufkommen von Spanisch vor etwa zehn Jahren musste Latein erst mal Federn lassen», sagt Gieseke. Viele Schüler hätten anfangs diese neue Fremdsprache auch deshalb gewählt, weil sie fälschlicherweise als leicht gelte. Mittlerweile aber habe sich herumgesprochen, dass dies ein Trugschluss sei. Daher habe Latein neuerdings wieder etwas mehr Zulauf. «Auch die Rückkehr zu G9 führt dazu, dass sich mehr Schüler das vermeintlich schwere Fach Latein zutrauen.»

Noch vor zehn Jahren hieß es allerdings: „Latein erlebt eine Renaissance in Schulen.“ So betitelte das Statistische Bundesamt (Destatis) 2007 eine Pressemitteilung, in der gemeldet wurde, dass mittlerweile jeder dritte Gymnasiast Latein lernt – im Schuljahr 2000/2001 war es nur jeder Vierte. Und der Boom nahm kein Ende: Noch im Schuljahr 2011/2012  meldete Destatis mehr als 800.000 Lateinschüler in Deutschland, was einem Anteil von neun Prozent aller Schüler entspricht – und mehr als der Hälfte der Gymnasiasten.

Mehr Chinesisch gefordert

Wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) seinerzeit berichtete, mehrten sich angesichts dieses Trends allerdings kritische Stimmen. „In Frankreich lernt vielleicht ein Prozent der Schüler Latein, in Bayern sind es 50 Prozent der Gymnasiasten“, so rechnete Mario Oesterreicher, Vize-Präsident des Gesamtverbandes Moderne Fremdsprachen, vor. Er forderte gegenüber dem Blatt ein größeres Angebot von Sprachen wie Chinesisch oder Niederländisch an den Schulen – und weniger Latein. Schüler mit Kenntnissen in modernen Sprachen hätten später viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gängige Argumente für den Latein-Unterricht lässt Oesterreicher nicht gelten. Latein fördere das logische Denken? „Das schaffen andere Sprachen auch“, sagt er. Latein hilft im Deutschunterricht? „Warum verbessert man dann nicht den Deutschunterricht?“, so fragt er zurück.

Bestätigt wird Oesterreicher durch Befunde der Bildungsforscherin Elsbeth Stern von der Technischen Hochschule Zürich. Stern konnte laut „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ (FAZ) in Studien gemeinsam mit dem Bayreuther Schulpädagogik-Professor Ludwig Haag nachweisen, dass Latein weder Vorteile für das logische Denken noch für das Erlernen von Fremdsprachen bringt – im Gegenteil: In einer ihrer Untersuchungen hätten die Forscher die Spanischleistungen von Studenten verglichen, die in der Schule Latein gelernt hatten, mit denen von Studenten, die Französisch gelernt hatten. Dabei hätten die Lateiner klar schlechter abgeschnitten. Das Fazit der Forscher: „Latein ist offensichtlich keine optimale Grundlage für das Erlernen moderner Sprachen.“

Stern würde den Lateinunterricht laut FAZ deshalb gern in seiner Bedeutung zurückgestuft sehen – als Wahlfach lediglich für besonders interessierte Schüler. „Schulische Ressourcen sind knapp“, so wird sie von der Zeitung zitiert. „Deutschland hinkt hinterher, wenn es um die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der Schüler geht.“ News4teachers / mit Material der dpa

 

Auch Griechisch auf dem Rückzug

Gegenüber Latein führt Altgriechisch ein Exotendasein: In Niedersachsen beispielsweise bieten noch 15 Gymnasien von 220 die Sprache von Diogenes und Aristoteles an. Auch bei Griechisch ist ein  kräftiger Rückgang zu verzeichnen: Im Jahre 2017 entschieden sich 0,2 Prozent aller Gymnasiasten für dieses Fach als zweite Fremdsprache, 2010 waren es noch 0,3 Prozent. Heißt: Ein Drittel seiner Schüler ist dem Fach binnen sieben Jahren abhanden gekommen.

8 Kommentare

  1. Ich finde das nicht überraschend, weil Latein zusammen mit Mathematik die beiden Fächer sind, bei denen jede warum auch immer vorhandene Lücke (Krankheit, geistige Abwesenheit, fehlende Nacharbeit usw.) _sofort_ und _direkt_ aufgezeigt wird und nicht erst wie bei so ziemlich jedem anderen Fach nie oder erst nach Monaten. Abgesehen davon hat Latein als tote Sprache im Gegensatz zu französisch oder spanisch keinen unmittelbaren touristischen Nutzen.

  2. Milch der frommen Denkungsart

    Abgesehen davon, daß kein auch nur halbwegs kluger Kopf fordern würde, musische Fächer wie Kunst
    oder Musik etwa dem vordergründig “nützlicheren” Mandarin zu opfern, halte ich es im Übrigen für ein hanebüchenes Argument, Sprachen nach Ihrem touristischen Wert zu qualifizieren und beispielsweise Spanisch deshalb dem Lateinischen vorzuziehen, weil man sich damit ja leichter täte, ein Finca zu kaufen
    oder eine Paella zu ordern (gegen einen derartig schöden Ansatz, insbesondere Sprachen gegeneinander auszuspielen, würde sich ein Klassischer Philologe jedenfalls verwahren).
    Tatsächlich entspringen solche oder ähnliche Versuche, Latein aus den deutschen Gymnasien zu verbannen, letztlich jenem Konformismus der Beschleunigung wie Ökonomisierung, der durch die Dekonstruktion des un-seligen G8 auf den Schutthaufen der bildungspolitischen Geschichte befördert wurde, oder dem allbekann- ten Elitenhaß linker Gleichheitsgenossen (was nicht alle lernen, darf niemand lernen).
    Mithin bin ich zuversichtlich, daß diese Sprache – aller verzweifelten Mordanschläge zum Trotz – weiterhin seine Orchideennische an der Schule behalten wird, nämlich als Vermittler eines kollektiven Erfahrungs-schatzes und Weltwissens in einem sich überschlagenden Digitalisierungszeitalter.

    Ein augenzwinkernder Hinweis an die – notorisch lateinkritische – Redaktion sei mir zuletzt noch gestattet:
    Die dramatisierend-relativierende Überschrift dieses Artikels beweist erneut schlagend, daß der Schritt hin
    zur reißerischen Meinungsmache der Boulevardpresse allzu oft kein ganz weiter ist.

    • Bei mir war es der touristische Nutzen für französisch und gegen latein. Allerdings hätte ich Latein als dritte Fremdsprache gewählt. Leider war das nicht möglich.

      Die Ökonomisierung halte ich im Vergleich zum Lernaufwand für das geringere Argument gegen Latein. Die wenigen Hängenbleiber an den Gymnasien scheitern sehr häufig an einer Kombination von Defiziten in Mathematik und Latein.

  3. Ich weiß jetzt nicht genau wie es in Niedersachsen aussieht, aber in NRW kommt noch erschwerend hinzu, dass das Latinum seinen Wert als Zugangsqualifikation verloren hat; brauchte man früher beispielsweise noch das Latinum für die Fächer Englisch, Französisch, Spanisch etc. (Magister bzw. Sek2), ist dies heute nicht mehr nötig. Auch für Geschichte reichen heute bereits “Lateinkenntnisse”.
    Im Grunde ist das auch der richtige Weg, denn wenn ich meine Schüler in der Q1 mal aus Spaß bitte, amicus zu deklinieren, ernte ich meistens nur ein müdes Lächeln – und das mit Latinum! – da frage ich mich auch, was das noch soll! Mein subjektiver Eindruck ist zumindest, dass man das Latinum hinterhergeworfen bekommt, wenn man ein wenig im Unterricht vom Nachbarn abguckt und in den Klassenarbeiten mit der Methode Schrotflinte und ein wenig Basiswissen die 6 zu verhindern weiß.

  4. Milch der frommen Denkungsart

    @xxx und invictus:

    Selbst wenn man Ihre Feststellungen, die ich im Einzelnen nicht teile, zugrundelegte: Was anderes als die
    “probate” Methode einer Niveausenkung zögen sie folglich als Konsequenz nach sich, wie von Ihnen selbst beschrieben ?

    Im Übrigen kenne ich aus der Schulpraxis kein Fach, das gegen Abschreiben gefeit wäre; in Latein (gilt freilich
    auch für andere Fakultäten) muß man tatsächlich über sein Tun und Lassen irgendwann Rechenschaft able- gen, spätestens mit Eintritt in die Oberstufe. Dann jedoch hilft es nicht mehr, über das eigene defizitäre Basiswissen hinwegzuschwadronieren.

    Desweiteren: Es geht mir ausdrücklich nicht um eine irgendeine Zwangsbeglückung, sondern eine prinzipielle Angebotsvielfalt, die sich von der nur auf den puren Nutzen fixierten Monokultur einer vermeintlich sozial nivellierenden Einheitsschule unterscheidet.

    • Das Problem mit dem Nutzen haben die Mathematiker ab spätestens Klasse 7 andauernd, zumal die Schüler diese Frage in den allermeisten Fällen nicht aus Interesse, sondern nur als Ausdruck von Desinteresse stellen.

      In wie fern muss man in der Oberstufe Lateinkenntnisse nachweisen? Zumindest in NRW hat man das kleine Latinum ohne Prüfung nach Klasse 9 oder 10/EF bei Zeugnisnote ausreichend oder besser. Ob es das große Latinum noch gibt, weiß ich nicht. Latein als Abiturfach wird meines Wissens sehr, sehr selten gewählt geschweige denn in einer kursbildenden Anzahl, althumanistische Gymnasien mal außen vor gelassen.

      Es sollte sich hier mittlerweile herumgesprochen haben, dass ich ein ausdrücklicher Vertreter einer deutlichen Niveauanhebung bin, sprich Abiturquote maximal 30%.

  5. Milch der frommen Denkungsart

    @xxx

    Nun, insofern bin ich in der glücklichen Lage, an einem Gymnasium unterrichten zu dürfen, das jedes Jahr neben diversen Grundkursen gar mit einem lateinischen Leistungskurs aufwarten kann. Daher erreicht auch nicht jeder ein Latinum, da es eben in Jahrgangsstufe 10 quasi zum Schwur kommt.

    Im Übrigen bin ich mit Ihrer Prozentzahl, die Sie postulieren, widerspruchslos einverstanden.

  6. Es wäre interessant zu wissen, wann die FAZ über die sog. wissenschaftliche(n) Untersuchung(en) von E. Stern geschrieben hat – sicher vor manchen Jahren; in der Zwischenzeit ist nämlich längst nachgewiesen, dass Sterns Resultate weder wissenschaftlich haltbar noch korrekt sind. Sie weisen logische Fehler auf, sie interpretieren Ergebnisse falsch und sie widersprechen Alltagserfahrungen, zu denen sich Frau Stern in der Zwischenzeit sogar selber bekannt hat. Aber eben: Was einmal geschrieben worden ist, verschwindet ja nicht von alleine.

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