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Von der Hoffnung junger Araber auf ein Studium in Deutschland – und der Enttäuschung, wenn’s nicht klappt

TUNIS. Viele Studenten aus der arabischen Welt hoffen, über ein Studium nach Deutschland zu kommen. Immer mehr private Agenturen werben mit All-inclusive-Service. Oft gibt es am Ende statt eines Visums aber Frust – nicht nur bei den Studenten.

Junge Tunesier setzen ihre Hoffnung auf ein Studium in Deutschland - oft vergeblich. Foto: Skinny / flickr (Public Domain Mark 1.0)

Junge Tunesier setzen ihre Hoffnung auf ein Studium in Deutschland – oft vergeblich. Foto: Skinny / flickr (Public Domain Mark 1.0)

Auf einer Häuserfassade gegenüber der deutschen Botschaft prangt der Traum vieler junger Tunesier. Unübersehbar wirbt eine Agentur mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen um Kunden, neben der eigentlichen Botschaft sind auf dem Plakat junge Studentinnen zu sehen. Einschreibung an der Uni, Visa-Anmeldung, Sprachunterricht in Deutschland inklusive. Es klingt nach einem Rundum-Sorglos-Paket für alle, die auf einen Aufenthalt in Deutschland hoffen. «Ich dachte, dass ich mir mit einem Studium in Deutschland eine Perspektive aufbauen könnte», sagt Tarek (Name geändert). «Jetzt habe ich ein Jahr verloren und warte auf mehr als 3000 Euro.»

Tarek ist 27 Jahre alt und hat schon einen Masterabschluss einer Universität in Tunis. Weil aber fast jeder dritte Hochschulabsolvent in Tunesien keinen Job findet, wollte Tarek nach Deutschland. «Die Agentur hat mir eine Uni in Berlin empfohlen und gesagt, dass das schon klappen wird», erzählt Tarek. Er zahlte die Gebühren für die Agentur und den Sprachkurs in Deutschland. Die tunesische Agentur setzte das Motivationsschreiben für das Visum auf und kümmerte sich um die Unterlagen. Ein halbes Jahr nach Antragstellung aber kam im Sommer 2017 die Absage der deutschen Botschaft.

Das Geschäft mit der Vermittlung von Studienaufenthalten in Deutschland scheint in der arabischen Welt lukrativ. Habe es im Jahr 2011 – kurz nach dem sogenannten Arabischen Frühling – nur eine Handvoll Agenturen gegeben, sollen es heute knapp 30 sein, sagt Amin Ben-Yedder, Direktor von Getusion, einer der größten Vermittlungsagenturen in Tunesien. «Leider gibt es auch schwarze Schafe, die den Ruf der ganzen Branche ruinieren.»

In den letzten vier Jahren hat sich bundesweit die Zahl der Studenten aus Nordafrika und dem Nahen Osten nahezu verdoppelt. Wurden 2013 rund 4500 Visa aus der Region für ein Studium oder Sprachkurse erteilt, waren es im vergangenen Jahr knapp 7500. Die meisten Studenten kommen aus Ägypten, dem Libanon und Tunesien.

Der Frust über abgelehnte Visa ist aber nicht nur bei den Studenten hoch, sondern auch bei Institutionen in Deutschland. «Seit Anfang 2016 haben wir gemerkt, dass bei vielen Kursteilnehmern aus Tunesien die Visaanträge abgelehnt worden sind», sagt Heidrun Englert vom inlingua Sprachcenter in Stuttgart. «Kamen am Anfang noch etwa 90 Prozent der Bewerber, war es im letzten Jahr gerade einmal die Hälfte.» Sie habe den Eindruck gehabt, dass von den Agenturen versucht werde, jeden ins Programm zu bekommen – unabhängig davon, ob er eine Aussicht auf einen Studienplatz und ein Visa habe oder nicht.

«Ich war schockiert, wie mit uns umgegangen wurde», sagt Soumaya Bali, die ihren Sohn zum Physik-Studium nach Deutschland bringen wollte. «Er war doch unsere Hoffnung.» Aber auch der Visumsantrag ihres Sohnes wurde abgelehnt, obwohl die Agentur mit Hauptsitz in Stuttgart der Familie zuvor Hoffnung gemacht habe. Inzwischen hat sie mit anderen Betroffenen eine Liste derer erstellt, die bis heute auf die versprochene Erstattung ihrer bereits gezahlten Gebühren von der Stuttgarter Agentur warten. 38 Namen stehen drauf.

Die Agentur bestätigte, dass es zuletzt «massive Probleme» bei der Erstattung gegeben habe – sie sieht die Verantwortung aber auch bei der Stuttgarter Sprachschule. Derzeit läuft ein Rechtsstreit wegen der Rückzahlungen.

Das teils dubiose Vorgehen einiger Agenturen kennt auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). «Stellenweise agieren diese Agenturen auch relativ aggressiv, greifen bei Messen dutzendfach Flyer ab oder schicken Mitarbeiter inkognito zu uns in die Beratung, um Informationen zu sammeln», berichtet die Leiterin des DAAD-Büros in Tunis, Beate Schindler-Kovats. Der DAAD bereitet im Gegensatz zu den privaten Agenturen keine Visaanträge vor und platziert Studenten auch nicht an bestimmten Hochschulen.

Aber die Anforderungen sind hoch, die Plätze begrenzt. Nicht nur beim Studium, sondern auch bei Sprachkursen. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen hielt die Bundesregierung fest, dass beispielsweise die Goethe-Institute in Marokko und Tunesien aufgrund beschränkter Kapazitäten und einem Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal dem Bedarf nicht gerecht werden könnten. Kunden wanderten häufig «zur zunehmenden Zahl privater Anbieter» ab.

Das führe auch zu gewissen Mythen, sagt Student Tarek aus Tunis: «Jeder hier weiß, dass man nur über eine Agentur nach Deutschland kommt.» Dafür nähmen viele Familien hohe Risiken auf sich, denn die Aufenthalte sind teuer: Allein die Sprachkurse kosten mit Unterkunft häufig mehr als 3000 Euro. Das durchschnittliche Einkommen in Tunesien beträgt umgerechnet nur etwa 260 Euro pro Monat.

Oft legen Familien Geld zusammen oder verkaufen sogar Land, um einen aus der Familie zum Studium nach Deutschland zu bringen. Bei abgelehnten Bewerbern ist der Frust dann entsprechend hoch: Nicht nur auf die Agenturen, sondern auch auf die deutsche Botschaft – nicht zuletzt, weil die Wartezeiten lang seien. «Du machst Dir die ganze Zeit Hoffnung», sagt Tarek. «Und am Ende stehst Du mit nichts da.» Von Simon Kremer, dpa

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