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“Der Faktor, der Schule gelingen lässt, ist der Lehrer”: Ortsbesuch an einer preisgekrönten inklusiven Grundschule

FULDA. Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung – an der Antonius-von-Padua-Schule im hessischen Fulda gelingt das herausragend. Die Grundschule wurde für ihr Konzept mit dem renommierten Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet. Wie sieht die Arbeit des Kollegiums aus? Ein Ortsbesuch.

Mit genügend Personal kann die Inklusion klappen Die Grundschule Langbargheide in Hamburg zum Beispiel wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Mit dem Jakob-Muth-Preis werden inklusiv arbeitende Schulen ausgezeichnet. Die Grundschule Langbargheide in Hamburg zum Beispiel, wo dieses Foto entstand, bekam den Preis 2012. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Wer die Antonius-von-Padua-Schule in Fulda betritt, bemerkt schnell: Es ist keine Grundschule wie jede andere. Schon die Architektur der hellen, ineinander übergehenden Räume wirkt ungewöhnlich offen, ist barrierefrei. Die Klassenzimmer – wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann – haben keine Türen. Eine feste Sitzordnung gibt es nicht. Die Schüler tummeln sich altersübergreifend an Tischen und Stühlen, die wie Lerninseln erscheinen. Die Schüler dürfen auch auf dem Teppich liegen beim Lesen, Schreiben und Rechnen – wenn ihnen danach zumute ist. Trotz des bunten Treibens hält sich die Geräuschkulisse in Grenzen.

Auffällig ist der große Anteil an Schülern mit Behinderungen. Jedes dritte der rund 60 Kinder bringt ein Handicap und einen besonderen Förderbedarf mit. In der Padua-Schule wird Inklusion groß geschrieben – also das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Schülern. Festgeschrieben ist das Recht auf Inklusion in einer UN-Behindertenrechtskonvention. Auch in Hessen ist Inklusion eine der größten Zukunftsaufgaben im Bildungswesen.

 

Die Padua-Schule wurde für ihr außergewöhnliches Konzept und die Erfolge bei der Inklusion vor wenigen Monaten mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet. Es gab 3000 Euro an Preisgeld und viel Beachtung im Bildungs- und Sozialwesen. Mit der Auszeichnung ehrt die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit der Bundesregierung und der Deutschen Unesco-Kommission seit 2009 Schulen für ihr besonderes Engagement um die Inklusion.

“Die Idee funktioniert”

«Der Preis ist bedeutungsvoll und zeigt, dass die Idee funktioniert. Es ist auch ein Beleg für die Eltern, dass wir hier einiges richtig machen», sagt Rektor Hanno Henkel, der einen angenehmen Nebeneffekt beobachtet: «Wir haben eine riesige Nachfrage nach Plätzen. Die Eltern rennen uns – bildlich gesprochen – die Bude ein.»

Normalerweise haben die Regelschulen nur einige wenige behinderte Kinder und Jugendliche in ihre Klassen. Behinderte Schüler werden oft als Zusatzbelastung betrachtet, mit der man umzugehen lernen muss. In der Padua-Schule ist der hohe Anteil bewusst groß gewählt. «Wir wollten die Gruppe der behinderten Schüler pro Jahrgang so groß machen, dass sie nicht mehr ignorierbar ist», erklärt Henkel. Behinderte und Nichtbehinderte würden dadurch gleichberechtigter.

Wenn Förderschüler eine ganze Schule tyrannisieren… Krasser Fall wirft die Frage auf: Wo sind die Grenzen der Inklusion?

Ein Merkmal des Konzepts der Padua-Schule ist es Henkel zufolge auch, «das Prinzip der Gleichzeitigkeit» aufzugeben. «Jedes Kind lernt in seiner Geschwindigkeit und auf seinem Leistungsniveau. Wir müssen nur den Rahmen geben, damit die Kinder tun, was sie immer tun: lernen – ganz natürlich, ohne Zwang und ständigen Antrieb», erklärt er. Er betont, Schule bestehe nicht aus Druck, Kontrolle und omnipräsentem Leistungs- und Vergleichsdenken. Feste Termine für Klassenarbeiten gibt es nicht. Jedes Kind meldet sich selbstständig und eigenverantwortlich zu Prüfungen im Unterricht.

Im bundesweiten Vergleich ist Hessen indes quasi Schlusslicht bei der Inklusion. In keinem anderen deutschen Bundesland werden so wenige Schüler mit und ohne Handicap gemeinsam unterrichtet wie hier. Das geht aus einer im Juli veröffentlichten Studie hervor. Danach besuchten im vorigen Schuljahr 2016/17 lediglich 26,8 Prozent der Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule in Hessen. Im Bundesdurchschnitt lag die Quote bei rund 41 Prozent, Spitzenreiter Bremen erreichte 88,9 Prozent.

Hessens Kultusministerium in Wiesbaden unstrich in einer Reaktion darauf, erfolgreiche Inklusion messe sich nicht an Quoten. Man setze bei Kindern mit festgestelltem Förderbedarf auf die Wahlfreiheit von Eltern. Sie könnten je nach Bedarf vor Ort zwischen dem Angebot von Förderschulen und ‎inklusivem Unterricht an einer Regelschule wählen. Zudem stocke Hessen angesichts steigender Zahlen von Schülern mit besonderem Förderbedarf die Lehrerstellen auf: Ab dem neuen Schuljahr 2017/2018 seien über 4400 Stellen in der Sonderpädagogik geplant – rund 120 mehr als zuletzt, hieß es seinerzeit.

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Die freie, aber staatlich anerkannte Padua-Schule kann sich ihre Lehrer selbst aussuchen. Für die 60 Grundschüler sind es aktuell sechs Lehrkräfte: vier Grundschul- und zwei Förderschullehrer. Die passenden zu finden, sei besonders wichtig, betont Henkel. «Denn der Faktor, der Schule gelingen lässt, ist der Lehrer.» Seiner Meinung nach ist eines der größten Probleme bei der Umsetzung der Inklusion an deutschen Schulen die «extrem schlechte Finanzierung». Dabei sei das Modell nicht teurer als an Regelschulen. «Und volkswirtschaftlich wird es sich am Ende auch rechnen, weil wir nicht zwei Schulsysteme – für Regel- und Förderschüler – haben.»

Bei der Finanzierung ihres Neubaus hatte die Padua-Schule Glück – beziehungsweise reiche Gönner. Der im hessischen Biebergemünd ansässige Bekleidungshersteller Engelbert Strauss sponserte das Vorhaben komplett und gab 3,8 Millionen Euro. Das Gebäude macht seither einen hochmodernen Eindruck, die Schule an sich ist aber schon recht alt. Die Förderschule existiert Henkel zufolge seit dem Jahr 1904 und ist damit eine der ältesten in Hessen. Träger ist das Antonius Netzwerk Mensch. Es bietet in Fulda 300 Menschen eine Heimat in unterschiedlichen Wohnformen und rund 1000 Arbeitsplätze in verschiedenen Branchen.

Obwohl in der Padua-Schule Inklusion allgegenwärtig ist, spricht niemand darüber. «Das Wort “Inklusion” benutzen wir nicht. Es ist für uns Normalität», sagt Henkel. «Inklusion haben wir dann erreicht, wenn keiner mehr darüber redet.» Von Jörn Perske, dpa

Hier, auf der Seite des Jakob-Muth-Preises, findet sich ein ausführliches Porträt der Schule. 

 

Jakob-Muth-Preis: die Kriterien

Wie lässt sich erfassen, was eine gute inklusive Schule ausmacht? Als Antwort auf diese Frage wurden für den Jakob-Muth-Preis zentrale Qualitätskriterien erarbeitet, an denen sich die Jury orientiert. Sie lauten:

  • Schule auf dem Weg zur Inklusion: Wie ist die Schule zu einer inklusiven Schule geworden und wie möchte sie sich weiterentwickeln?
  • Inklusives Lernen: Wie sieht der inklusive Schulalltag für die Schülerinnen und Schüler aus?
  • Inklusives Lehren und Arbeiten: Wie sieht der inklusive Schulalltag für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus?
  • Inklusion und Leistung: Welche Leistungen erbringen die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Bereichen?
  • Inklusion und Gesellschaft: Wie wirkt die Schule daran mit, den Inklusionsgedanken in ihr Umfeld zu tragen?

Hier gibt es weitere Informationen.

7 Kommentare

  1. Der Unterricht steht und fällt mit der Lehrerpersönlichkeit. Aber eben nur der Unterricht. Der Unterricht ersetzt häusliches Lernen und häuslliche Erziehung nicht.

    Es ist falsch, dass sich die Lehrer in den letzten Jahren immer mehr aus dem Unterrichtsgeschehen zurückgezogen haben (Lehrer als Begleiter). Der Lehrer muss Lenker und Leiter sein! Er muss alle Fäden in der Hand haben.

  2. sechs Lehrer für 60 Schüler sind paradiesische Zustände, von denen NRW nur träumen kann. unter den Bedingungen wird inklusion in der Tat funktionieren.

    • Welche Ressourcenverschwendung! Für die 60 Hanseln reichen bei uns in NRW 2,5 Planstellen …
      – Natürlich ohne Sonderpädagogen, wobei eine der beiden Vollzeitkräfte der Rektor ist und die zweite die Konrektorin. Im Prinzip hätten die also keinen Unterricht, da sich die Pflichttermine der Schulleitung mit den Unterrichtsverpflichtungen überschneiden würden. Hinzukommt dass man für so eine kleine Schule weder sekretärin noch Hausmeisten benötigt. Ich sehe da gewaltiges Einsparungspotential.

  3. @ sofawolf: Ihr Kommentar passt nicht zu dem Artikel. Da haben Sie wohl etwas durcheinander gebracht.

    Schön, dass es mal ein positives Beispiel für eine inklusive Schule gibt. Für 60 Kinder gibt es 6 Lehrer. Das würden sich viele hier wünschen, die unter anderen Bedingungen inklusiv arbeiten..

  4. Eine freie Schule kann sich Ihre Schüler aussuchen. Das sind andere Ausgangsbedingungen. Interessant wäre das Abschneiden dieser Schule im Leistungsvergrleich.

    • darum geht es der grünen Ideologie ääh den betreibern nicht. das Risiko darin durchzufallen ist ihnen zu hoch.

      Außerdem wäre ein Blick hinter die Kulissen, also ein Schulbesuch ohne Tamtam, ohne das sie vom eigentlichen Ziel des Besuches weiß, bestimmt ssehr erhellend. nirgendwo wird mehr gelogen als bei schulprogrammen, tagen der offenen Tür und pressebesuchen, gerade bei privatwirtschaftlich organisierten Schulen.

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