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Flüchtlingskinder: „Ich sehe die Gefahr, dass wir zu viele verlieren“ – Bildungsforscherin mahnt mehr Unterstützung für Schulen an

DORTMUND. Flüchtlingskinder zu unterrichten, ist eine große Herausforderung für die Schulen. Bildungsforscherin Prof. Nele McElvany erklärt in einem Interview mit News4teachers, wo die Probleme dabei liegen – und  was besser laufen könnte. Nele McElvany ist geschäftsführende Direktorin des renommierten Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund.

Mehrere Hunderttausend Flüchtlingskiknder werden derzeit in deutschen Schulen unterrichtet. Foto:  DFID - UK Department for International Development / flickr  (CC BY 2.0)

Mehrere Hunderttausend Flüchtlingskiknder werden derzeit in deutschen Schulen unterrichtet. Foto: DFID – UK Department for International Development / flickr (CC BY 2.0)

News4teachers: Sie sind als Bildungsforscherin mit ihrem Team viel in Schulen unterwegs, sprechen mit Lehrkräften. Was bekommen Sie von denen zu hören?

McElvany: In der Tat ist das Bild, das uns Lehrerinnen und Lehrer von ihrer Praxis mit Flüchtlingskindern vermitteln, geteilt. Wir bekommen Berichte aus Schulen, wo es gut funktioniert – etwa wenn relativ wenige Flüchtlingskinder sich gut in Regelklassen integrieren lassen, weil die Lehrkräfte ihre Aufmerksamkeit auf einzelne richten können. Dann hören wir von beiden Seiten, also von Lehrkräften und Kindern: Es läuft. Wir hören aber auch Schilderungen von massiven Problemen,  wenn die Ressourcen einfach nicht reichen. Auch junge Lehrerinnen und Lehrer haben Schwierigkeiten, wenn ihre erste Aufgabe im Beruf gleich heißt, eine Willkommensklasse zu übernehmen. Das ist schon eine sehr große Herausforderung, bei der auch sozialpädagogische Kompetenz gefordert ist, die gar nicht Bestandteil der Ausbildung war.

News4teachers: Wo stehen wir jetzt mit der Integration?

McElvany: Wir sind jetzt am Beginn der zweiten Phase. Die meisten Flüchtlingskinder haben die Willkommensklassen hinter sich und sind oder kommen jetzt in die Regelklassen. Das ist nochmal eine große Aufgabe. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass diese Kinder nach einem Jahr Sonderförderung ohne weiteres sprachlich im Regelunterricht mitkommen. Das mag bei einzelnen funktionieren, deren Eltern besonders bildungsnah sind, bei anderen ist das aber eine massive Überforderung. Niemand sollte glauben, dass ein 14-Jähriger, der im Lauf seines Lebens kaum jemals eine Schule von innen gesehen hat, mit Kindern, die acht Jahre lang das deutschen Schulsystem durchlaufen haben, leistungsmäßig ohne weitere Förderung mithalten kann. Ein Schulabschluss ist unter solchen Voraussetzungen eine Hoffnung, die sich in vielen Fällen nicht erfüllen kann.

News4teachers: Aber sind die Kinder nicht generell motiviert, in der Schule Fuß zu fassen?

McElvany: Ja, viele Kinder sind sehr motiviert, aber das Problem ist, dass die Gruppen sehr unterschiedlich sind. Natürlich spielt auch das Alter eine entscheidende Rolle – bei einem Siebenjährigen sind die Chancen größer als bei einem Jugendlichen kurz vor dem mittleren Abschluss, wenn nicht nur die sprachlichen Kompetenzen vorhanden sein müssen, sondern auch die fachlichen Kompetenzen zum Beispiel in Physik. Dahinter stehen aber auch noch höchst unterschiedliche Bildungserfahrungen. Wir haben die Akademikerfamilie aus Damaskus, deren Kinder fließend Englisch sprechen. Wir haben aber auch Familien, in denen die Eltern Analphabeten sind.

News4teachers: Welche Rolle spielt denn der familiäre Hintergrund?

McElvany: Die Familien werden nach meinem Eindruck nicht genug wahrgenommen. Wir wissen aus anderen Kontexten: Das familiäre Umfeld ist für den Schulerfolg mitentscheidend. Bildung funktioniert besser, wenn Eltern mitziehen. Wir kennen das seit Jahrzehnten unter anderem aus Schulen, die viele Kinder mit Migrationshintergrund unterrichten – viele davon versuchen zum Teil mit großem Erfolg, die Eltern mit in die Schule zu bekommen, um sie zu informieren, um sie als Unterstützungssystem zu gewinnen. Die Mütter sind in der Regel gute Ansprechpartner, um die Kinder zu erreichen. Ich stelle aber bisher keinen Transfer dieser vielen guten Erfahrungen fest. Das ist generell ein Problem: Viele Leute tun jetzt viele unterschiedliche Dinge. Ein Gesamtplan ist dabei kaum zu erkennen.

News4teachers: Ist die Schule nicht völlig überfordert, wenn sie sich noch um die Eltern kümmern soll?

McElvany: Lehrerinnen und Lehrer können die Initiatoren sein, aber tatsächlich benötigen sie Unterstützung von Fachleuten aus verschiedenen Professionen. Man muss sich ja nur einmal unser hochkomplexes Berufsausbildungssystem anschauen. Wie sollen Lehrkräfte hier ohne Hilfe beraten und das Potenzial von Jugendlichen erkennen – und damit ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt? Wir haben als Gesellschaft doch ein großes Interesse daran, diese Potenziale zu erschließen. Im Augenblick sehe ich eher die Gefahr, dass wir zu viele verlieren.

 

Hintergrund: das IFS
Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany leitet das renommierte Institut der Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund

Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany. Foto: TU Dortmund

Das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund gehört  mit seinen rund 100 Mitarbeitern zu den größten Bildungsforschungsinstituten in Deutschland.

Gründer und langjähriger Leiter des IFS war Prof. em. Dr. Hans Günter Rolff.  Von 2005 bis 2014 wurde das Institut von Prof. Dr. Wilfried Bos geleitet. Seitdem ist die Psychologie-Professorin Dr. Nele McElvany an der Spitze des Instituts. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich „Empirische Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt Lehren und Lernen im schulischen Kontext“. 

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