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Ganztagsschulen sind auf dem Vormarsch – aber: Rechtsanspruch käme den Staat teuer zu stehen

GÜTERSLOH. Kinderbetreuung auch am Nachmittag: In Ganztagsschulen gehört das dazu. Doch wie viele Kinder besuchen überhaupt eine? Und was würde ein flächendeckender Ausbau kosten? Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung macht deutlich: Das wäre ein teures Unterfangen.

Im Ganztag - hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt "Ganz In" teilnimmt - können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Im Ganztag – hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt “Ganz In” teilnimmt – können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Ganztagsschule zumindest für Grundschulkinder: Im Bundestagswahlkampf hatten mehrere Parteien das gefordert – darunter Union, SPD und Grüne. Nach den aktuellsten Zahlen für das Schuljahr 2015/2016 nehmen bundesweit rund vier von zehn Schülern (39,3 Prozent) eine Ganztagsschule in Anspruch. Das geht aus einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor, die heute veröffentlicht wird. Um bis 2025 für 80 Prozent der Schüler einen Ganztagsschulplatz anzubieten, müsste die Politik weitere 3,3 Millionen Ganztagsplätze schaffen. Kritiker halten das kaum für machbar. An Personalkosten würden laut Studie 2,6 Milliarden Euro jährlich anfallen.

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In den vergangenen Jahren besuchen immer mehr Kinder eine Ganztagsschule. Zum Vergleich: Im Schuljahr 2002/2003 ging jeder Zehnte (9,8 Prozent) dorthin. Deutliche Unterschiede gibt es je nach Bundesland. Im Schuljahr 2015/2016 hatten beim Spitzenreiter Hamburg rund neun von zehn Kindern einen Platz in einer Ganztagsschule (91,5 Prozent) – beim Schlusslicht Bayern sind es mit 16,0 Prozent deutlich weniger.

47.600 zusätzliche Pädagogen

Um bis 2025 für 80 Prozent der Schüler einen Ganztagsschulplatz zu haben, müsste die Politik 15 Milliarden Euro in die räumliche Infrastruktur investieren und 47.600 zusätzliche Pädagogen einstellen – darunter 31.400 Lehrkräfte und 16.200 sonstige Pädagogen wie Schulsozialarbeiter oder Erzieher.

Um dann bis 2030 für alle Kinder einen Platz zu haben, müssten pro Jahr mindestens 300.000 zusätzliche Ganztagsschulplätze entstehen. «Das ist eine Größenordnung, die beim Kita- und Krippenausbau selbst in den Zeiten des stärksten Ausbaus nie erreicht wurde», räumt Dirk Zorn ein, Experte zum Thema bei der Bertelsmann-Stiftung.

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Prof. Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München hält das in der Studie angenommene Ausbautempo für «extrem sportlich» und kaum schaffbar. Er sieht die Annahmen für die Modellrechnung der Bertelsmann-Studie noch aus einem anderen Grund kritisch. «Es wird immer einen Teil der Eltern geben, die ihre Kinder nicht in die Ganztagsschule geben wollen», sagt er. Für jedes Kind einen Ganztagsschulplatz zu schaffen – wie in dem Modell für 2030 vorgesehen – sei zu viel und gehe am Bedarf der Eltern vorbei.

Laut einer von der Bertelsmann-Stiftung zitierten Umfrage wünschen sich derzeit fast drei von vier Eltern (72 Prozent) einen Platz in einer Ganztagsschule. Auf etwas andere Zahlen kommt das Deutsche Jugendinstitut: Danach haben 85 Prozent der Eltern im Osten Bedarf – aber nur 57 Prozent im Westen.

Die Bertelsmann-Stiftung fordert von der Politik, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz einzuführen. Die Einführung eines Rechtsanspruchs habe auch den Kita- und Krippenausbau erst richtig ins Rollen gebracht, erklärt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

„Die Kostenberechnungen für den Ausbau von Ganztagsschulen machen deutlich, dass das Ziel ´Gleiche Bildungschancen für alle´ nur dann zu erreichen ist, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam die dafür notwendigen Mittel bereitstellen“, kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die Ergebnisse. „Qualifizierter Ganztag erfordert ausreichendes und qualifiziertes Personal. Das ist mit einem unterfinanzierten Ganztag nicht vereinbar“, betont Beckmann.  Von Kristin Kruthaup, dpa

 

Ländervergleich: Bayern ist bei Zahl der Ganztagesschüler Schlusslicht
GÜTERSLOH. In keinem anderen Bundesland besuchen einer Studie zufolge so wenig Kinder eine Ganztagsschule wie in Bayern. Während im Schuljahr 2015/2016 fast vier von zehn Schülern (39,3) bundesweit einen Platz in einer Ganztagsschule hatten, waren es im Freistaat nur 16 Prozent. Das geht aus einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung hervor. Damit landet Bayern im Ländervergleich auf dem letzten Platz. Die Zahl hat sich aber seit dem Schuljahr 2009/2010 verdoppelt. Damals waren nur 8,5 Prozent der Schüler in Bayern in einer Ganztagsschule eingeschrieben.

Spitzenreiter unter den Bundesländern ist Hamburg. Dort hatten im Schuljahr 2015/2016 rund neun von zehn Kindern einen Platz in einer Ganztagsschule (91,5 Prozent). Sachsen folgt im Ländergleich dicht dahinter. Demnach gingen im Schuljahr 2015/2016 in Sachsen 246.666 Schüler der Klassen eins bis zehn auf eine Ganztagsschule, das waren 77,5 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es noch 79,3 Prozent gewesen. Auf den sächsischen Grundschulen lag der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb bei 85,6 Prozent, bei den Förderschulen sogar bei 95,7 Prozent. In Schulen mit mehreren Bildungsgängen blieben hingegen mit 68,3 Prozent relativ wenige Schüler auch nachmittags in der Schule. Bundesweit gingen 39,3 Prozent der Schüler bis zur zehnten Klasse auf eine Ganztagsschule.

In Niedersachsen besuchen so viele Schülerinnen und Schüler eine Ganztagsschule wie in keinem anderen westdeutschen Flächenland. Laut Studie lag ihr Anteil im Schuljahr 2015/16 bei 49,0 Prozent. Bundesweit sind es durchschnittlich 39,3 Prozent. Niedersachsen hat den Ausbau in den vergangenen Jahren deutlich vorangebracht. Im Schuljahr 2002/03 lag der Anteil der Ganztagsschüler nur bei 6,2 Prozent, 2009/10 bei 27,4 Prozent.

Der Ausbau von Ganztagsschulen geht in Baden-Württemberg dagegen nur schleichend voran. 23,7 Prozent der Schüler besuchten im Jahr 2015 eine Ganztagsschule. Damit landet der Südwesten auf dem vorletzten Platz. Zwar stieg der Anteil derjenigen, die in Baden-Württemberg eine Ganztagsschule besuchten, seit 2010 stetig an – allerdings jeweils nur um ein bis zwei Prozentpunkte.

Auch in Sachsen-Anhalt steigt der Anteil der Ganztagsschüler deutlich langsamer als in anderen Bundesländern – auf niedrigem Niveau. Demnach gingen im Schuljahr 2015/2016 in Sachsen-Anhalt 39.258 Mädchen und Jungen der Jahrgänge eins bis zehn und damit 25,4 Prozent auf eine Ganztagsschule. Sechs Jahre zuvor waren es 21,2 Prozent gewesen, im Schuljahr 2002/2003 noch 9,6 Prozent. Auf den Grundschulen Sachsen-Anhalts lag der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb besonders niedrig bei nur 4,1 Prozent. In Förderschulen blieben hingegen 66,7 Prozent auch am Nachmittag in der Schule, in Gesamtschulen sogar 86,1 Prozent. Die Studie erfasste für Sachsen-Anhalt jedoch keine Privatschulen, die zuletzt gut acht Prozent der Schüler besuchten.

Auch an Thüringer Schulen ist in den vergangenen Jahren der Anteil der Schüler an Ganztagsschulen kaum gestiegen – allerdings auf einem relativ hohen Niveau. Laut Bertelsmann Stiftung gingen in den Klassen eins bis zehn zwar 86.182 Mädchen und Jungen im Schuljahr 2015/2016 auf eine Ganztagsschule. Das waren etwas über die Hälfte (51,5 Prozent) der Schüler und damit 0,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor sieben Jahren hatte der Anteil jedoch schon bei 52,6 Prozent gelegen. Seitdem schwankte die Quote zwischen 51 und 52 Prozent, wie die Studie zeigt. In den Grundschulen war der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb mit 85,3 Prozent relativ hoch. In Förderschulen blieben laut der Studie in Thüringen alle Schüler auch am Nachmittag. Auf Schulen, die mehrere Abschlüsse ermöglichen, war dafür nur jeder fünfte (21,9 Prozent) ein Ganztagsschüler. Am geringsten fällt ihr Anteil an Gymnasien aus. Mit nur 9,6 Prozent ist Thüringen an dieser Schulart das bundesweite Schlusslicht. Dabei sieht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Thüringen in Ganztagsschulen Möglichkeiten zur Verbesserung der Bildungschancen – besonders für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Verhältnissen.

In Rheinland-Pfalz besuchen im bundesweiten Vergleich relativ wenige junge Menschen eine Ganztagsschule. Etwa jeder dritte Schüler gehe in eine solche Einrichtung, heißt es. Damit liege das Land im bundesweiten Vergleich auf dem zwölften Platz. Dabei habe sich der Anteil in den vergangenen zehn Jahren bereits fast verdreifacht. Im Jahr 2015 waren es 27,2 Prozent der Schüler, zehn Jahre zuvor waren es dagegen nur 10,0 Prozent gewesen. In Rheinland-Pfalz werde vor allem an Förderschulen das Angebot der Ganztagsbetreuung genutzt.

Ähnlich die Situation im Saarland: Dort besucht ebenfalls etwa jeder dritte Schüler eine Ganztagsschule. Damit hat sich der Anteil innerhalb von zehn Jahren mehr als vervierfacht. Demnach gingen 32 Prozent der Schüler im Jahr 2015 in eine solche Einrichtung, zehn Jahre zuvor waren es nur 7 Prozent gewesen.Vor allem an Grundschulen wird das Angebot der Ganztagsbetreuung genutzt. Im bundesweiten Vergleich liegt das Saarland damit trotzdem im hinteren Bereich.

Auch in Brandenburg geht die Mehrheit der Schüler noch auf die Halbtagsschule. Der  angestrebte Ausbau in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten. Trotzdem besuchen in Brandenburg nach wie vor mehr Kinder eine Ganztagsschule als im Durchschnitt aller Bundesländer. Demnach gingen im Schuljahr 2015/2016 in Brandenburg 94.815 Schüler der Klassen eins bis zehn auf eine Ganztagsschule – das waren 47,5 Prozent. Im Vorjahr hatte der Anteil der Ganztagsschüler noch 0,3 Prozentpunkte höher gelegen. Besonders hoch lag der Anteil der Ganztagsschüler an Gesamtschulen (74,7 Prozent) und Freien Walddorfschulen (84,4 Prozent). Auch die Mehrheit der Förderschüler (53 Prozent) blieb noch nachmittags in der Schule.

Hessen liegt in etwa auf ähnlichem Niveau. Damit hat sich der Anteil innerhalb von zehn Jahren weit mehr als verdoppelt. Demnach gingen 45,6 Prozent der Schüler im Jahr 2015 in eine solche Einrichtung, zehn Jahre zuvor waren es nur 18,6 Prozent gewesen. Im bundesweiten Vergleich liegt Hessen damit im Mittelfeld. Vor allem an Gesamtschulen werde die Ganztagsbetreuung genutzt, heißt es.

Auch Berlin ist beim Ausbau der Ganztagsschule in den vergangenen Jahren vorangekommen. Im Schuljahr 2015/2016 gingen demnach 187 895 Schüler der Jahrgangsstufen eins bis zehn auf eine Ganztagsschule. Das waren 65,8 Prozent aller Schüler – 1,6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und doppelt so viel wie im Durchschnitt aller Bundesländer (39,3 Prozent). N4t / mit Material der dpa

 

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2 Kommentare

  1. Naja, da bin ich mal gespannt, wie das alles finanziert werden soll:

    – Ganztagsschulen für alle

    – mehr Polizei

    – mehr Altenpfleger

    – mehr Lehrer

    – mehr Personal in den öffentlichen Verwaltungen

    und und und

    Aber:

    – stabile Krankenkassenbeiträge, Arbeitslosenversicherungsbeiträge, Rentenbeiträge (gerne wieder höhere Renten), stabile Pflegeversicherung ….. und das alles bei mehr netto vom Brutto, also weniger Steuern zahlen, also mehr im Portmonee eines jeden Einzelnen.

    Hat da jemand die eierlegende Wollmilchsau gefunden?

  2. Komischerweise ist das Land mit dem geringsten Ganztagsschulanteil bei der IQB Studie ganz vorne. Gibt es da einen Zusammenhang?

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