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Geschichte: Warum Philipp “der Großmütige” Hessen zum Pionierland der Reformation machte

MARBURG. Der Marburger Landgraf Philipp wollte Hessen zum Musterland der Reformation machen. Der junge Fürst ging zielstrebig voran und löste gleich 40 Klöster auf.

Philipp I. aus dem Haus Hessen (* 13. November 1504 in Marburg; † 31. März 1567 in Kassel), war einer der bedeutendsten Landesfürsten im Zeitalter von Reformation. Foto: Wikimedia Commons

Im Kaiserdom zu Frankfurt ging es an Weihnachten 1531 hoch her. Hunderte drangen aus Protest gegen den katholisch zelebrierten Gottesdienst in das Gotteshaus ein. Frauen setzten sich auf den Hochaltar. Die Reformation hat die freie Reichsstadt Frankfurt, deren Kirchen zum katholischen Erzbistum Mainz gehörten, jahrzehntelang in religiöse Wirren gestürzt. Zugleich versuchte in Marburg Landgraf Philipp (1504-1567), Hessen zum Musterland der Reformation zu machen.

Der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther hatte am 31. Oktober 1517 – also vor genau 500 Jahren – seine 95 Thesen im damals kursächsischen Wittenberg angeschlagen. Er verurteilte damit den Ablasshandel der katholischen Kirche, um sich von Sünden freikaufen zu können. Das damalige Ereignis gilt aus heutiger Sicht als Beginn der Reformation. Sie hat nicht nur die Macht des Papstes und der katholischen Kirche beschnitten, sondern viele gesellschaftliche Bereiche wie Ehe, Familie oder das Bildungswesen massiv beeinflusst oder neu definiert.

Die Veränderungen waren jedoch ein langwieriger und oft sehr turbulenter Prozess. Hessen selbst kam unter Landgraf Philipp in der Reformationszeit im Deutschen Reich eine Pionierrolle zu, wie Markus Wriedt sagt, Professor für evangelische Kirchengeschichte an der Universität Frankfurt. Das Gebiet des Landgrafen umfasste damals einen großen Teil des heutigen Bundeslandes. Seit Sommer 1524 neigte der junge Fürst der neuen Lehre zu, die ihm von Luthers engem Freund Philipp Melanchthon übermittelt wurde. Von Marburg aus versuchte der Landgraf dann, die Reformen in seinem Herrschaftsgebiet durchzusetzen.

Wie zwei Lehrer ein Theaterstück über Luther in Zwickau auf die Bühne bringen – und die Titelrolle spielt (und singt): ein Ex-Lehrer

Nach und nach wurden die kirchliche Steuer- und Abgabenlast vermindert und Missstände abgeschafft. Seit den 1530er Jahren wurde der Gottesdienst auf Deutsch gefeiert und das Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) gereicht. Früh begannen Priester zu heiraten, mussten dafür aber manchen Ortswechsel und bedrängende persönliche Lebensverhältnisse in Kauf nehmen.

Philipp, auch der «Großmütige» genannt, löste in seinem Herrschaftsbereich rund 40 Klöster auf. Mit deren ehemaligen Einnahmen richtete der Landgraf Spitäler auf dem Land ein. 1527 gründete er in Marburg die erste evangelische Universität überhaupt. Sein Reformeifer hatte jedoch auch strategische Gründe: Der Fürst konnte damit seine politische Macht massiv ausbauen. Den hessischen Flickenteppich verwandelte er in einen modernen Territorialstaat. Nach seinem Tod wurde Hessen unter seinen vier Söhnen aufgeteilt – Anfang des 17. Jahrhunderts blieben davon noch Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt übrig.

Das Beispiel Philipps zeigt auch, dass es bei der Reformation in Hessen wie in ganz Europa immer auch um Machtpolitik ging. Über Jahrzehnte hinweg – bis zum Augsburger Religionsfrieden von 1555 – wollte niemand die Kirchenspaltung. Sowohl Luthers Anhänger wie die Vertreter der römischen Kirche (Katholiken) sahen sich als Christen. Jeder beharrte aber auf seinem exklusiven Anspruch der Bibelauslegung. Dazu kamen noch die Reformierten, deren Vertreter seit 1535 intensiv auf Philipp einwirkten.

Philipp wollte die beiden verfeindeten Flügel der Reformation zusammenbringen, um gemeinsam mit Luthers Schutzmacht Kursachsen auch militärisch ein Gegengewicht zu den kaiserlich-katholischen Ständen zu gewinnen. Auf dem berühmten Marburger Religionsgespräch rangen 1529 Luther und sein reformierter Kritiker Zwingli heftig miteinander – etwa um das Verständnis der Gegenwart Christi im Abendmahl. Der Bevölkerung waren solche diffizilen theologischen Kontroversen wenig wichtig. Im Alltag ging es pragmatisch zu. «Man teilte zwar nicht die Kirche miteinander, dafür aber andere Dinge», sagt Wriedt.

Die sich rasant ausbreitende Reformation setzte die katholische Kirche und den um ihre Einheit besorgten Kaiser gewaltig unter Druck. Auf dem Konzil von Trient (1545-1563) wurden zahlreiche Reformen beschlossen. Der Gottesdienst wurde vereinheitlicht. Auch die Beichte wurde den Gläubigen zur Pflicht gemacht.

Die Spaltung in zwei getrennte Konfessionen wurde damit aber nicht mehr verhindert. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 erhielten die protestantischen Reichsstände weitgehende Rechte. Die römisch-katholischen Stände sicherten sich aber die Dominanz im Reich. Zugleich mussten zum Protestantismus konvertierende katholische Reichsfürsten mit harschen Sanktionen rechnen. Von Thomas Maier, dpa

5 Kommentare

  1. Ein guter Beitrag zum Luther-Jahr, aber wo ist ein Artikel über Luthers Einfluss auf die Deutsche Schrift und die Sprache,denn er hat durch seine vielen Übersetzungen und Streitschriften wie kein anderer die deutsche Schrift und Grammatik geprägt.

    • Vielleicht weil Luther gar nicht der erste war, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Es gab etliche Bibelübersetzungen ins Deutsche vor ihm.

      Nur ist seine Variante die Grundlage für die deutsche Nationalsprache geworden.

      Also die, die nun immer englischer wird. Vielleicht hat man ja deshalb auf den Hinweis verzichtet?!? Hier protzen ja auch viele mit ihren Englischkenntnissen.

      • Sofawolf
        Unsere deutsche Sprache bietet sehr viel Möglichkeiten um sich auszudrücken.
        Eine Erweiterung des Ausdrucks ergibt sicht dadurch nicht.Alternaftiv textet man die Person eben mit Französisch oder Latein zu, und das wirkt.

  2. Luthers Reformen stärkten die deutschen Landesfürsten gegen die Allmachtsnsprüche des deutschen Kaisers ,Herrscher über Spanien,Niederlande ,Burgund, Schweiz ,Ungarn, Tschechien, Österreich, Deutschland,Italien Südamerika und Südamerika,sowie gegenüber dem des damaligen Papst.
    Er ermöglichte zusammen mit anderen Reformern ,wie Jan Huss, Rudolf Karlstadt und Calvin durch ihre Bibelübersetzungen in die deutsche Sprache,einen direkten Zugang zu den in der Bibel festgelegten Normen und Moralvorstellungen der damaligen Zeit. Diese bildeten den Katalysator für die Befreiung des Individuums vom Herrschaftanspruch der “göttlichen Ordnung“.Man verstand sich als Gemeinschaft Gottes Wortes Erden,suchte den direkten Zugang zu diesem.

  3. Luther nutzte die sozialen Medien der damaligen Zeit. Heutzutage versucht Herr Maas genau das mit seinem Facebook-Zensurgesetz zu verbieten.

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