Startseite ::: Aus der Wirtschaft ::: Neues Leben für eine untergegangene Traditionsschule: Das Joachimsthalsche Gymnasium soll ein europäisches Elite-Internat werden

Neues Leben für eine untergegangene Traditionsschule: Das Joachimsthalsche Gymnasium soll ein europäisches Elite-Internat werden

TEMPLIN. Das leerstehende Gebäudeensemble des früheren Joachimsthalschen Gymnasiums am Ortseingang von Templin hat schon mehrfach zu neuen Nutzungsideen inspiriert. Umgesetzt wurde in den vergangenen 20 Jahren jedoch keine. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf.

Denkmalgeschützte Anlage: das Joachimthalsche Gymnasium in Templin. Foto: Doris Antony / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Denkmalgeschützte Anlage: das Joachimthalsche Gymnasium in Templin. Foto: Doris Antony / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Ulrich Schoeneich hat Interessenten in den vergangenen 20 Jahren kommen und gehen sehen. «6 oder 7 Konzepte gab es bisher für das historische Ensemble des Joachimsthalschen Gymnasiums. Alle scheiterten irgendwie am Geld und an mangelnder Unterstützung», erzählt der 66-Jährige, der bis 2010 Bürgermeister (parteilos) in Templin (Uckermark) war. Dennoch hat der Uckermärker die Hoffnung nie aufgegeben, für die rund neun Hektar große denkmalgeschützte Immobilie am östlichen Ortseingang der Stadt eine neue Nutzung zu finden.

«Dieses 1912 erbaute Gebäudeensemble direkt am Ufer des Stadtsees hat Potenzial», sagt Schoeneich und führt über das Gelände mit den gelben Mehrgeschossern, die sich hufeisenförmig um einen Innenhof gruppieren. Sparsam eingesetzte Schmuckelemente wie Zahnfriese oder kleine Reliefs fallen ins Auge, ebenso gewölbte Torbögen, Säulen und ein Uhrenturm.

Eine der ältesten Schulen Deutschlands: «Wiege des deutschen Fußballs» feiert 600. Geburtstag

Ferdinand von Saint Andre‘ kann Schoeneich nur beipflichten. Der 45-Jährige ist Geschäftsführer einer im vergangenen Jahr neu gegründeten Stiftung, die auf dem geschichtsträchtigen Areal eine Europaschule etablieren will. Der Geschäftsführer verweist auf ein inzwischen europaweites Netzwerk, das vor 60 Jahren mit ersten Bildungseinrichtungen für die Kinder von EU-Beamten entstand.

«Bisher stehen diese 27 Schulen meist in großen Städten und Metropolen. Unsere Bildungseinrichtung könnte in diesem Netzwerk die erste auf dem Lande sein und die bisher einzige in Ostdeutschland, als Brücke zwischen Ost- und Westeuropa», sagt der Geschäftsführer. Aus diesem Netzwerk heraus gebe es bereits ein großes Interesse an einer ersten Europäischen Internatsschule.

Die nach Überlegungen in der Stiftung etwa 340 künftigen Gymnasiasten sollen aus ganz Europa kommen, mehrsprachig lernen und auf dem großzügigen Gelände auch leben. Platz gibt es jede Menge, allein 26 500 Quadratmeter Nutzfläche in den Gebäuden. «Im nächsten Jahr planen wir ein Sommercamp für 30 Schüler. Da wollen wir das Ganze schon einmal üben», sagt Saint Andre‘.

Mit dem regulären Schulbetrieb starten könne das Projekt jedoch frühestens im Jahr 2022, erläuterte der Stiftungsvorsitzende. Die Schüler würden ein speziell in Brüssel entwickeltes europäisches Abitur ablegen, das den Hochschulzugang überall in Europa ermöglicht.

«Generell befürwortet das Land Brandenburg eine vielfältige Schullandschaft und jede sinnvolle Bereicherung. Aus Templin gibt es aber noch nicht einmal einen Antrag», sagt Ralph Kotsch, Sprecher des Potsdamer Bildungsministeriums. Er verweist darauf, dass für ein solches Schulprojekt ein fristgebundenes zeitaufwendiges Genehmigungs-Verfahren erforderlich ist.

Älteste öffentliche Schule Deutschlands wird 800 Jahre

Dafür sei es im Moment noch zu früh, sagt Saint Andre‘. «Das Modell Europäische Schule ist in Brandenburg noch Neuland, die Stiftung mit dem Brandenburger Bildungsministerium daher schon länger im Gespräch.» Dabei gehe auch darum, wie sich das Land am Schulbetrieb möglicherweise beteiligen könnte.

Bis in die 1950er Jahre diente das historische Gebäudeensemble als Gymnasium, später als Einrichtung für Lehrerbildung, über die Wende als Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen. Bis 1996 war es wieder eine Schule mit Internat. Seither hat der Zahn der Zeit mächtig an der Bausubstanz genagt. «Damals ging man noch von Sanierungskosten in Höhe von 20 Millionen D-Mark aus, heute liegen wir bei Investitionskosten von 80 Millionen Euro», sagt der ehemalige Bürgermeister.

Eine solche Summe könne die Stiftung natürlich nicht auf einmal aufbringen, stellt von Saint Andre‘ klar. Gemäß einer Machbarkeitsstudie soll mit einem ersten Bauabschnitt begonnen werden, für den 24 Millionen Euro nötig sind. «Mehr als die Hälfte davon könnten wir aus öffentlichen Förderprogrammen bekommen, zumindest wurde uns das so signalisiert. Für den Rest sammelt die Stiftung gerade unter privaten Geldgebern», sagt der Geschäftsführer.

Mut macht ihm und auch Schoeneich die Rückendeckung der Stadt Templin, des Landkreises Uckermark und der regionalen Abgeordneten im Landtag und Bundestag sowie im EU-Parlament, die bereits in Templin waren. Betreiber der Internatsschule soll eine gemeinnützige GmbH werden, die allerdings noch zu gründen ist. Bis Ende nächsten Jahres soll die Finanzierung des ersten Bauabschnitts unter Dach und Fach sein, in dessen Mittelpunkt das alte Schulgebäude mit der riesigen Aula inklusive Bühne und Kassettendecke sowie einer über vier Stockwerke ausgelegten Bibliothek steht. Von Jeanette Bederke, dpa

 

Hintergrund: Das Joachimsthalsche Gymnasium

Das Joachimsthalsche Gymnasium war 1607 in Joachimsthal (Barnim) als Fürstenschule für begabte Knaben gegründet worden – auf Geheiß des Brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich. Ausgebildet wurden die Schüler für den Staats- und Kirchendienst. Das Gymnasium zählte zu den bedeutendsten höheren Schulen in Brandenburg. Nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg zog die Einrichtung zunächst nach Berlin und 1912 nach Templin um.

Das hufeisenförmige, denkmalgeschützte Gebäudeensemble in Templin wurde von Regierungsbaumeister Fritz Bräuning entworfen, der mit dem Architekten Martin Gropius befreundet war. Das neun Hektar große Gelände war ein Geschenk der Stadt Templin, die sich damals bemühte, ein bedeutender Bildungsstandort zu werden. Zu dem Areal gehörten ein Schülerwald, ein Botanischer Garten, ein Bootshaus am Ufer des Stadtsees sowie ein Schwimmbad.

Ein Kommentar

  1. ich hoffe, niemand macht sich Hoffnungen für die örtliche Bevölkerung. mehr als neureiche Russen und Chinesen wird man nicht bekommen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*