Startseite ::: Leben ::: Raufen für bessere Noten? Jungen zu fördern, heißt auch: Lasst sie ihren Bewegungsdrang ausleben!

Raufen für bessere Noten? Jungen zu fördern, heißt auch: Lasst sie ihren Bewegungsdrang ausleben!

BRAUNSCHWEIG. Jungen leiden zumeist mehr als Mädchen darunter, ihren Bewegungsdrang in der Schule kaum ausleben zu können. Was sich durchaus bei den Leistungen bemerkbar macht. Ein Beitrag aus der Zeitschrift “Grundschule”.

„Von Erwachsenen häufig als Aggression missverstanden“: Gemälde des italienischen Malers Giulio Del Torre (1856 – 1932).

„Jungen fehlen Vorbilder und vor allem der Raum, sich frei entwickeln zu können, ihren Bewegungsdrang auszuleben und ‚Gefühle’ und ‚Schwäche’ zeigen zu dürfen“, so heißt es auf der Homepage der Gottfried Kinkel Grundschule in Bonn. Sie nimmt sich ihrer männlichen Schüler besonders an – mit zwei nach den Klassenstufen eins und zwei sowie drei und vier getrennten Jungengruppen, in denen sich die Kinder mal so richtig austoben sollen. Mitunter dürfen die Jungs dabei sogar miteinander raufen,  beaufsichtigt natürlich und unter Beachtung von Regeln. Das Projekt ist kein Selbstzweck: „Dabei bauen wir mit den Jungen durch Übungen der Schulerlebnispädagogik ein Gemeinschaftsgefühlt auf und die Erkenntnis ‚Gemeinsam sind wir stark und haben mehr Freude’“, erklären die Initiatoren, darunter der Schulsozialarbeiter. Und: „Mit den älteren Kindern versuchen wir, die männlichen Rollenbilder zu reflektieren und Rücksichtnahme einzuüben (Coolness-Training). Weitere Aspekte sind, den Jungen Freude an Schule zu vermitteln und Verantwortung für schulische Aktivitäten zu geben.“

Raufen für mehr Schulfreude? Das kann tatsächlich bei der Zielgruppe funktionieren – denn Jungen leiden im Schnitt offenbar tatsächlich mehr als Mädchen darunter, ihren Bewegungsdrang in der Schule kaum ausleben zu können. Was sich durchaus bei den Leistungen bemerkbar macht.

Studie: Mädchen sind in der Schule leistungsbereiter als Jungen – weil sie sich früher ins System schicken

„Eine starke Benachteiligung der Jungen zeigt sich in der Erreichung einer Gymnasialempfehlung: Sie müssen in der Grundschule einen höheren Leistungsstand als Mädchen aufweisen. Für die bessere Bewertung der Mädchen wird das angepasstere, schulkonformere Verhalten der Mädchen verantwortlich gemacht: Sie gelten als ‚schulschlauer‘“, so heißt es in einem Gutachten des Aktionsrats Bildung. Eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kommt zu einem ähnlichen Befund. Danach schließen rund 51 Prozent der Mädchen die Schule mit Hochschulreife ab, aber nur 41 Prozent der Jungen. Jungs beenden dagegen häufiger nur die Hauptschule oder scheiden ganz ohne Abschluss aus dem Bildungssystem aus. „Der Hauptgrund dafür, dass Jungen schlechtere Noten bekommen und anschließend weniger gute Abschlüsse machen, liegt in ihrem Verhalten“, erklärt Studienautor Stephan Sievert  gegenüber „Spektrum der Wissenschaft“. „Sie sind nicht weniger intelligent als Mädchen, aber sie passen im Unterricht oft weniger auf, machen seltener die Hausaufgaben, lesen nicht so viel in ihrer Freizeit. All das sind Dinge, die sie aus ihrem Umfeld nach wie vor ein wenig als typisch männliche Verhaltensweisen vorgelebt bekommen: im Unterricht stören, Autoritäten in Frage stellen, Fußball statt Bücher.“

Jungen als Bildungsverlierer: Der Befund sorgte schon vor Jahren für eine hitzige Diskussion – und zum Vorschlag, mehr männliche Lehrkräfte in die Grundschulen zu bringen. Die dahinterliegende These: Weil fast nur (noch) Frauen in der Primarstufe unterrichten, fehle es Jungen an Rollenvorbildern, die sie zu besseren Schulleistungen motivieren. Die scheinbar naheliegende Schlussfolgerung, dass Jungen bei Männern besser lernen, ist allerdings mittlerweile widerlegt – das Geschlecht der Lehrkraft hat keinerlei Effekte auf die Noten von Schülern. Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung werteten 42 Studien mit Daten zu 2,4 Millionen Schülerinnen und Schülern aus 41 Ländern aus. „Die Studien zeigen, dass Lehrkräfte des jeweils gleichen Geschlechts die schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen nicht verbessern. Mädchen profitieren nicht von Lehrerinnen, Jungen nicht von Lehrern“, so heißt es. Und noch ein Vorurteil widerlegten die Wissenschaftler – nämlich die Behauptung, dass sich die Leistungen von Jungen gegenüber Mädchen verschlechtert hätten. Tatsächlich waren sie schon vor 100 Jahren schlechter. „Dieser Befund stützt die Annahme, dass sich Mädchen seit jeher besser in der Schule zurechtgefunden haben“, so heißt es beim WZB.

“Aktiver, raumgreifender, wilder”

So erscheint es sinnvoll, einfach mal die Frage zu stellen, ob’s am Unterricht und seinen Bedingungen liegt – konkreter: an den fehlenden Möglichkeiten für Jungen, ihr natürliches  Bedürfnis an Bewegung auszuleben.

Dass Jungen tatsächlich einen größeren Bewegungsdrang haben als Mädchen (und keineswegs nur „unangepasster“ etwa aufgrund schlechter Erziehung sind), betont auch Tim Rohrmann, Professor für Bildung und Entwicklung im Kindesalter der Evangelischen Hochschule Dresden. In seinem Buch „Jungen und Bewegung in den ersten Lebensjahren“ stellt er fest. „Im Laufe des Vorschul- und vor allem dann des Grundschulalters entwickeln sich Spielinteressen und damit einhergehend Spielgruppen von Mädchen und Jungen mehr und mehr auseinander.“

Jungen verbrächten deutlich mehr Zeit mit Bewegungsspielen – wenn sie denn können. „Vor allem Jungengruppen spielen aktiver, raumgreifender, wilder und riskanter als Mädchen. Mädchen arrangieren sich eher mit räumlichen Gegebenheitenund ziehen sich zurück, wenn es ihnen zu wild wird. Bewegungs- und Sportinteressen werden zunehmend nach Geschlecht differenziert: Jungen spielen Fußball, Mädchen tanzen oder spielen ‚Pferd‘.“ Eine Jungendomäne sei insbesondere das Raufen und Toben („rough and tumble play“), das von Erwachsenen oft irrtümlich mit Aggression verwechselt werde. „Da spielerisches Raufen ein ‚Spiel an der Grenze‘ ist (gerade das macht es spannend), kann es dabei auch einmal zu Verletzungen kommen. In erster Linie fördert es aber auf vielfältige Weise physische, emotionale und soziale Kompetenzen“, schreibt Rohrmann.

Und damit wohl auch, da liegt die Gottfried Kinkel Grundschule mit ihrem Jungenprojekt richtig, das Verhalten im Unterricht. Andrej Priboschek

 

Die Zeitschrift 'Grundschule'

Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Artikel aus der Zeitschrift „Grundschule“ des Westermann-Verlags mit dem Schwerpunkt „Bewegung bringt’s! Wie Ihr Unterricht und Ihre Schüler von körperlicher Aktivität profizieren und Sie sie in den Schulalltag integrieren können“.

Hier lässt sich das Heft bestellen oder alle Beiträge des Heftes, auch einzeln, herunterladen (kostenpflichtig).

Bewegung im Schulalltag kann viel bewirken: Stress reduzieren, das Lernen effektiver gestalten und die Motivation fördern. Darauf weisen nicht nur Forschungsergebnisse hin, auch Lehrkräfte und Schulleitungen berichten davon. Sie beobachten nicht zuletzt, dass sich das Arbeitsverhalten verbessert und dadurch das Unterrichtsklima entspannt.

Bewegungseinheiten für Lernende müssen nicht ausschweifend sein. Es existieren zahlreiche Übungen, die Lehrkräfte im Klassenraum und ohne zusätzliches Material durchführen können. Viele lassen sich mit dem Lernprozess verbinden, sodass Schülerinnen und Schüler in Bewegung kommen und gleichzeitig Lernstoff erarbeiten oder vertiefen. In dieser Ausgabe der Zeitschrift “Grundschule” wird aufgezeigt, wie Lehrkräfte und ihre Schüler von regelmäßiger Bewegung im Schulalltag profitieren, wie sie entsprechende Übungen in den Unterricht integrieren können und was eine Schule beachten muss, die sich zu einer bewegten Schule weiterentwickeln möchte.


 

3 Kommentare

  1. Seit über 25 Jahren gibt es unter dem Schlagwort “Bewegte Schule” unzählige Aktionen, die helfen, mehr Bewegung in Schulen bzw. in den Unterricht selbst zu bringen. Etliche Bundesländer bieten in ihrer Stundentafel 3 Stunden Sport pro Woche. “Aktive Pause” wird in vielen Schulen umgesetzt, um dadurch die Bewegung in der Pause zu fördern.

    Im übrigen erinnere ich mich gut, dass in der Grundschule immer wieder das Spiel “Jungs fangen die Mädchen” auf dem Pausenhof von den Kindern selbst initiiert wurden. Beim Ticken und Verstecken (mit Abwandlungen), auch Spiele, die immer noch in der Grundschule beliebt sind, tun sich Mädchen und Jungen nichts, sie können alle wild sein, miteinander um so lieber.

    Und für ein Programm “Gemeinsam sind wir stark” und “Coolness-Programm” ist es m.E. ebenfalls sinnvoll, auch Mädchen mit einzubeziehen, gerade weil ihnen von der Gesellschaft immer wieder Rollenklischees entgegengebracht werden, dass sie still und zurückhaltend sein sollten, dass Technik nichts für sie ist etc. oder weil sie inzwischen ebenso “ausbrechen” und sich zu Gangs zusammenschließen um gemeinsam gegen andere vorzugehen und sich darüber zu erheben.

    “Jungen verbrächten deutlich mehr Zeit mit Bewegungsspielen ” … leider beobachte ich eher, dass Jungen deutlich mehr Zeit am Bildschirm verbringen. So gesehen ist es wichtig, sie – ebenso wie Mädchen – für andere Unternehmungen zu begeistern und sie im Miteinander zu stärken.

  2. Du lieber Himmel! wenn das eine Professx für Genderforschung liest, kann die Gottfried-Kinkel-Grundschule aber was erleben!

  3. ” „Da spielerisches Raufen ein ‚Spiel an der Grenze‘ ist (gerade das macht es spannend), kann es dabei auch einmal zu Verletzungen kommen. In erster Linie fördert es aber auf vielfältige Weise physische, emotionale und soziale Kompetenzen“, schreibt Rohrmann.”
    Das muss ich mir unbedingt aufschreiben und dann wieder rauskramen, wenn sich Eltern über die Veilchen, aufgeschlagenenen Knie etc. beschweren…

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