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Schlechte Bildungsbilanz von Muslimen: Verantwortlich ist nicht die Religion – sondern die soziale Herkunft

KONSTANZ. Der Bildungserfolg muslimischer Kinder in Deutschland ist geringer als der ihrer Mitschüler mit anderen Konfessionen. Was angesichts der langen Bildungstradition islamisch geprägter Kulturen eigentlich nahe liegt, belegt nun eine Studie: Nicht die Religionszugehörigkeit ist Ursache, sondern vielmehr die soziale Herkunft.

Angesichts der Integration hunderttausender Flüchtlinge an den deutschen Schulen werden auf der Problemseite oft religiös basierte kulturelle Faktoren ins Feld geführt. Ernährungs- und Bekleidungsvorschriften, teilweise nicht vorhandener Bereitschaft, zur Teilnahme am Sportunterricht oder Probleme in der Akzeptanz von weiblichen Lehrern lassen Viele grundsätzlich an der Integrierbarkeit muslimischer Migranten zweifeln.

Der Islam ist nicht bildungsfeindlich. Foto: muhammedweb/geralt - pixabay (CC0 1.0)

Der Islam ist nicht bildungsfeindlich. Foto: muhammedweb/geralt – pixabay (CC0 1.0)

Abgesehen von Vorurteilen und Stammtischparolen, scheint der geringere Bildungserfolg von Muslimen und türkischstämmigen Schülern, auch wenn deren Familien schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben, den Kritikern Recht zu geben. Insgesamt haben es Muslime im deutschen Schulsystem immer noch schwer, obwohl Studien Lehrern eine überdurchschnittlich aufgeschlossene Haltung gegenüber Muslimen bescheinigen. Seltener als der Durchschnitt machen sie Abitur und auch unter den Schulabbrechern ist ihre Zahl höher, als ihr Bevölkerungsanteil erwarten lässt.

Trotz einer zumeist aufgeschlossenen Haltung: Lehrer haben gegenüber Muslimen Vorurteile, die sich im Unterricht auswirken

In der öffentlichen Debatte werden dieser geringere Bildungserfolg muslimischer Kinder und der langsamere Integrationsverlauf Türkeistämmiger oft auf religiöse Unterschiede zurückgeführt.

Das dem nicht so ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Universitäten Konstanz und Göttingen. Die Soziologen Claudia Diehl und Matthias Koenig ermittelten auf Basis einer großangelegten Panel-Studie von Schülern der neunten Klasse, ob Religionszugehörigkeit oder individuelle Religiosität Einfluss auf den Bildungserfolg haben. Dabei nahmen sie rund 5000 Schüler in den Blick.

Die Ergebnisse belegten deutlich, dass das schlechtere Abschneiden einzelner Konfessionsgruppen im deutschen Bildungssystem nicht mit religiösen Faktoren zu erklären sei. Entscheidende Faktoren seien in erster Linie der sozioökonomische Status des Elternhauses sowie sprachliche und kognitive Kompetenzen.

Die zentralen Ergebnisse:

• Personen mit Migrationshintergrund sind in allen konfessionellen Gruppen tendenziell religiöser. 62 Prozent der muslimischen Schüler ist ihr Glaube „sehr wichtig“.
• Die Leistungsmotivation unter den Muslimen ist bei den religiösen Jugendlichen etwas stärker ausgeprägt – und auch teilweise stärker als bei den Einheimischen.
• In der Sprachverwendung zu Hause finden sich keine Unterschiede in Abhängigkeit von der individuellen Religiosität, wenngleich die Herkunftssprache von Muslimen häufiger verwendet wird als von anderen Konfessionsgruppen mit Migrationshintergrund.
• Muslime haben insgesamt etwas schlechtere Noten als die meisten anderen Konfessionsgruppen. Dies lässt sich allerdings damit erklären, dass sie mehrheitlich aus Elternhäusern mit niedrigerem Sozial- und Bildungsstatus stammen und zu Hause häufiger die Herkunftssprache verwendet wird.
• Bei gleichem Sozial- und Bildungsstatus der Elternhäuser und ähnlichen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in den Noten oder dem besuchten Schultyp zwischen den Konfessionen. Dies spricht gegen die Annahme, dass muslimische Schülerinnen und Schüler systematisch diskriminiert werden.

„Der Bildungserfolg muslimischer Kinder wird also weder durch deren Religiosität noch durch ethno-religiöse Diskriminierung verzögert. Er verläuft vergleichsweise langsam, weil sie mehrheitlich aus bildungsfernen Elternhäusern stammen und daher unzureichend auf die Schule vorbereitet sind“, fassen Diehl und Koenig zusammen.

Schlechtere Noten für Migrantenkinder: Forscher finden Hinweise auf „systematische Benachteiligungsprozesse“ im deutschen Bildungssystem

Felix Streiter von der Stiftung Mercator forderte angesichts der Ergebnisse, die Anstrengungen für frühkindliche Bildungsangebote und Ganztagsschulen auszubauen. Nur so könne man auf die individuellen Bedürfnisse von Schülern besser eingehen und die mit Migration verbundenen Herausforderungen im Bildungssystem meistern. Bildungsungleichheit auf Religiosität oder Religionszugehörigkeit zurückzuführen, sei zu kurz gedacht. (zab, pm)

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16 Kommentare

  1. Mit anderen Worten kann der Migrantenanteil nicht mehr als Ausrede für das schlechte Abschneiden der Schüler in Deutschland bei diversen Vergleichsstudien herhalten. Gut so, zumindest wenn in Zukunft die kognitiven Voraussetzungen mehr bzw. überhaupt mal in den Fokus rücken. Die Bildungspolitiker und -forscher müssen dann aber akzeptieren, dass das Konzept mit einer Schule oder gleich Abitur für alle nicht funktionieren kann.

  2. Dann braucht es ja auch keine Programme speziell für Migranten, abgesehen von Sprachkursen, sondern eher für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche – also ALLE, die darunter fallen… und womöglich auch da: Sprachkurse, um Bildungssprache zu erlernen, zu verstehen und nutzen zu können.

    • Palim

      Unabhängig voneinander sind wir zum selben Ergebnis gekommen.

    • Richtig bemerkt: Bildungssprache und Umgangssprache sind eben zweierlei. Es wird der Schule (speziell dem Gymnasium) ja schon vorgeworfen, dass es die Bildungssprache pflegt und so mal wieder zur sozialen Ungerechtigkeit beiträgt.
      Skeptisch machen aber die Verhältnisse in Frankreich: sehr viele Migranten kamen aus den ehemaligen Kolonien und sprachen fließend Französisch, bevor sie nach Frankreich kamen. Dennoch sieht es in puncto Integration und Bildungsgerechtigkeit in F nicht besser aus als bei uns. Es scheint also doch noch mehr zu sein als die Sprache, vielleicht das, was der Volksmund “Mentalität” nennt ?

      • Wie? Es heißt nicht “Isch geh Mensa!”.

      • Das stimmt. Interessant finde ich aber auch schon, dass korrekte Verwendung der deutschen Grammatik und korrekte Aussprache der Worte schon für Bildungssprache reicht. Zumindest für mich reaktionären Humboldt-Nachtrauerer gehört noch eine gehörige Portion Wortschatz hinzu.

        • Wenn Sie ‘ne Klasse verblüffen wollen, versuchen Sie es doch einmal mit dem Genitiv …
          Gerade im November ist ja vieler Toter zu gedenken!

          Und das in Regionen, wo jeder weiß wer gemeint ist, wenn es heißt:
          “Dem Willy seine Teante ihren Mann…”

          • … wobei in Ihrem Beispiel “Willys Onkel” vollkommen ausreichen würde …
            (vorausgesetzt Nachdenken passt noch zur wirtschaftlichen Verwendbarkeit des Quartalszahlenerreichungsmaterials)

          • Aber nur wenn die beiden verheiratet sind …
            Sie müssen Patchwork mitdenken und sich nicht sklavisch an Stammbäume halten wollen.

          • Aber sie haben doch selbst geschrieben “ihren Mann”. Dies ist zumindest in Deutschland eindeutig mit dem Status Ehemann verknüpft. 😉

          • In Deutschland – meinswegen …

            Aber in Pott?

  3. Da kommt es dann entscheidend auf eine intensive vorschulische und schulische Sprachförderung bei den Kindern der Migranten an , um die Ergebnisse dieser zu verbessern.
    Betrachtet man die große Mehrheit der türkischen Migranten,
    so fällt der überdurchschnittliche Anteil an Menschen aus einfachsten sozialen Verhältnissen der Eltern oder Großeltern in der Türkei auf.Die Großeltern waren oft durch eine fehlende Beschulung funktionelle Analphabeten. Aus den Leo-Studien der Universität Hamburg 2012 fiel als besondere Risikofaktoren für einen funktionellen Analphabetismus die Fremdsprachigkeit , mit dem Faktor – 8,4,
    dem Schulabschluss der Eltern mit -4,0 bei keinem Abschluss,
    wobei dieser negative Effekt sich auf – 1,5 bei Volksschulabschluss der Eltern reduziert
    und beim Abitur der Eltern auf + 0,1 steigert.
    Frauen/Mädchen haben in allen Gruppen einen Vorteil von + 2,6,
    was aber bei orthodoxen Eltern ,
    welche einer höheren Schulbildung der Töchter entgegenstehen,
    diesen Vorteil in seiner Entfaltung begrenzen.

  4. “In der Sprachverwendung zu Hause finden sich keine Unterschiede in Abhängigkeit von der individuellen Religiosität, …”

    “… Muslime haben insgesamt etwas schlechtere Noten als die meisten anderen Konfessionsgruppen. Dies lässt sich allerdings damit erklären, dass sie mehrheitlich aus Elternhäusern mit niedrigerem Sozial- und Bildungsstatus stammen und zu Hause häufiger die Herkunftssprache verwendet wird.”

    Wenn ich schon solche offensichtlichen Widersprüche lese, weiß ich direkt, was ich von dieser Studie zu halten habe.

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