Startseite ::: Titelthema ::: Schwerer Rückschlag für die Digitalisierung des Unterrichts: NRW stoppt den Start seiner Schul-Cloud – Sicherheitsbedenken

Schwerer Rückschlag für die Digitalisierung des Unterrichts: NRW stoppt den Start seiner Schul-Cloud – Sicherheitsbedenken

DÜSSELDORF. Das Land Nordrhein-Westfalen lässt eine Cloud entwickeln, in der Lehrer mit ihren Schülern sicher kommunizieren und Schulen sensible Schülerdaten verwalten können. Doch jetzt hat das Schulministerium das Projekt aufgrund von Sicherheits- und Datenschutzmängeln gestoppt – ein schwerer Rückschlag für die geplante Digitalisierung der Schulen, und zwar womöglich nicht nur in NRW.

Bis die Schulen in Deutschland allesamt online sind, dürfte noch einige Zeit vergehen. Foto: Bilal Kamoon / flickr (CC BY 2.0)

Bis die Schulen in Deutschland allesamt online sind, dürfte noch einige Zeit vergehen. Foto: Bilal Kamoon / flickr (CC BY 2.0)

Eine aktuelle Studie aus den USA mit dem Titel „Spying on Students“ macht das Problem anschaulich: IT-Konzerne, so das Ergebnis einer Untersuchung der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation, sammeln Daten von Schülern, ohne dass deren Eltern zugestimmt hätten. Die Autoren haben festgestellt, dass aufgrund der Nutzung von privaten Clouddiensten und gesponserten Computern durch Schulen individuelle Konten angelegt und darin enthaltene Informationen automatisch übermittelt werden. Es geht dabei zunächst wohl nur um Namen und Adressen. Damit ist allerdings die Grundlage für umfassende Datenprofile gelegt. Fazit der Forscher: „Die Überwachungskultur beginnt schon in der Grundschule“. Und: Das Problem sei keineswegs auf die USA beschränkt, sondern ein internationales Phänomen.

Der Markt für digitale Bildung boomt weltweit – ein Milliardengeschäft. Gibt es bald also den gläsernen Schüler, dessen individuelle Stärken und Schwächen im Netz so gut erfasst werden, dass die Internetwirtschaft ihm maßgeschneiderte Nachhilfe anbieten kann? Droht gar ein Handel mit sensiblen Schülerdaten, der es Arbeitgebern künftig erlaubt, die Schulkarriere von Bewerbern, samt Ausrutschern, lückenlos nachzuvollziehen? Wird die Fünf in Mathe, die der Achtklässler heute auf dem Zeugnis stehen hat, später zum Karrierehindernis? Sorgt der Eintrag ins elektronische Klassenbuch wegen Herumalberns im Unterricht dafür, dass ein Kind in die Kategorie „verhaltensauffällig“ einsortiert wird und dann als Erwachsener höhere Versicherungsbeiträge zahlen muss?

Wanka und Eisenmann haben miteinander telefoniert – und beteuern: Digitalpakt Schule ist doch noch bis Ende 2017 machbar

Solche Albtraumszenarien haben in Deutschland die Politik auf den Plan gerufen: In Nordrhein-Westfalen lässt das Schulministerium das Portal „Logineo NRW“ entwickeln, das den Schulen des Landes „eine geschützte Arbeitsplattform für optimale Kommunikation, Organisation und Dateiverwaltung“ bieten soll. „Logineo“, derzeit in der Erprobungsphase, sollte Anfang 2018 an den Start gehen. Jetzt allerdings hat das Schulministerium offenbar die Reißleine gezogen, wie der Verband „lehrer nrw“ berichtet. Das Projekt, das ursprünglich bereits 2016 den Schulen zur Verfügung stehen sollte, ist vorerst gestoppt.

Verpflichtungserklärung gefordert

Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) habe damit die Konsequenz aus den gravierenden Sicherheits- und Datenschutzmängeln gezogen, mit denen „Logineo“ behaftet sei, so heißt es. „’lehrer nrw’ hatte darauf immer wieder hingewiesen – auch im Hauptpersonalrat (HPR) Realschulen, wo unser Verband die stärkste Fraktion bildet. Nicht zuletzt dank der Beharrlichkeit von ‚lehrer nrw‘ hat der HPR Realschulen als einziger Hauptpersonalrat die noch von Gebauers Vorgängerin Sylvia Löhrmann vorgelegte Dienstvereinbarung zur Einführung von ‚Logineo NRW‘ nicht unterschrieben und auf ein reguläres Mitbestimmungsverfahren gepocht“, erklärt Verbandsvorsitzende Brigitte Balbach.

Massive Bedenken habe der Verband über seine Rechtsabteilung und einen hinzugezogenen Fachanwalt für IT-Recht m persönlichen Gespräch mit Gebauer vorgetragen. Dies betrifft vor allem die in der Dienstvereinbarung vorgesehene Verwendung von privaten Endgeräten durch die Lehrkräfte und Schulleitungen. Gerade hier hatte „lehrer nrw“ den Angaben zufolge darauf hingewiesen, dass sensible personenbezogene Daten nicht ausreichend geschützt sein könnten. Lehrkräfte sollten eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, dass sie umfangreiche Datenschutz-Vorkehrungen einhalten. Auch bei einer unbeabsichtigten oder unwissentlichen Nichteinhaltung dieser Maßnahmen wären sie und die letztverantwortlichen Schulleitungen in die Haftung geraten.

Studie: Neun von zehn Schulleitern erwarten, dass digitale Bildung kommt – aber nur jeder fünfte Lehrer glaubt, dass das beim Lernen hilft

„Es ist Aufgabe des Dienstherrn und nicht der Schule oder gar der einzelnen Lehrkraft, die Rahmenbedingungen für einen sicheren Betrieb von ‚Logineo NRW‘ zu schaffen. Es ist gut, dass die Schulministerin nun die Notbremse gezogen hat und das System komplett auf den Prüfstand stellt“, erklärte Balbach. „Hier sollte die Devise ‘Sorgfalt vor Tempo‘ gelten“  Grundsätzlich bleibe der Verband bei seiner Auffassung, dass die Schulen in NRW eine leistungsfähige IT-Plattform brauchen“, so Balbach. Das Land zahlt für „Logineo NRW“ nach Angaben des Schulministeriums rund 3,2 Millionen Euro für einen Zeitraum von drei Jahren.

Warum es allerdings keine Abstimmung mit dem Bundesbildungsministerium (BMBF) gibt, erschließt sich nicht. Denn das lässt gerade eine nahezu identische Cloud für Schulen in ganz Deutschland entwickeln. Welchen hohen Stellenwert die Schul-Cloud beim BMBF genießt, lässt sich daran erkennen, dass Ministerin Johanna Wanka (CDU) im Juni  persönlich zum Auftakt des Projekts ins Leininger-Gymnasium im pfälzischen Grünstadt gekommen war – eine von 26 Pilotschulen in Deutschland. „Das Projekt der Schul-Cloud hat Signalwirkung. Es zeigt, wie mit einer digitalen Infrastruktur modernes Lernen und Lehren unterstützt werden kann“, sagte Wanka. Zuständig für die Entwicklung ist das Hasso-Plattner-Institut (HPI), eine „Digital Engineering Fakultät“ der Universität Potsdam.

Mit der neuen „Bundes-Cloud“ wurden nun 26 Pilotschulen in 13 Bundesländern miteinander verbunden. „Die Schulklassen sind über WLAN mit der Cloud verbunden und können auf fachbezogene Lehrinhalte und Werkzeuge zugreifen“, so erklärte HPI-Direktor Christoph Meinel. Ob im Klassenzimmer, von zuhause oder unterwegs: Schüler und Lehrer können von jedem Ort und zu jeder Zeit die Cloud nutzen. Ein weiterer angedachter Vorteil: Für Schulen entfällt die Anschaffung und Wartung von leistungsstarken Rechnern, da sich alle Nutzer über einfach Eingabe- und Anzeigegeräte einloggen können. Voraussetzung ist ein Breitband-Internetzugang.

Warum lässt die digitale Revolution an Deutschlands Schulen immer noch auf sich warten? Inhalte fehlen

Hintergrund, warum nicht einfach auf bestehende Cloud-Angebote von IT-Konzernen zurückgegriffen wird, ist der dabei fehlende Datenschutz. Die Kernfragen beim HPI-Projekt lauten deshalb: Wie werden Daten anonymisiert? Wie wird sichergestellt, dass sie nicht an Dritte weitergegeben werden können? Wo und wie werden die Daten verarbeitet? „Wir arbeiten eng zusammen mit mehreren Landesdatenschutzbeauftragten“, so heißt es beim HPI.

Zu den Entwicklungskosten verlautete das BMBF nichts – insgesamt ist dafür aber wohl ein siebenstelliger Betrag fällig. Bis April sollen nun Erfahrungen gesammelt werden; anschließend wird das Modell ausgeweitet, bevor es vollständig in die Fläche geht.

Wenn nicht, wie in NRW, im letzten Augenblick noch die Erkenntnis dazwischenkommt, dass private Lehrerrechner für die Nutzung zu unsicher sind.  bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

4 Kommentare

  1. “Wenn nicht, wie in NRW, im letzten Augenblick noch die Erkenntnis dazwischenkommt, dass private Lehrerrechner für die Nutzung zu unsicher sind.”

    Das ist einer der Knackpunkte: Man will die Lehrer verpflichten, Computer zu benutzen und über bestimmte Plattformen mit den Behörden und auch mit den Schülern zu kommunizieren. Aber man stellt ihnen keine dienstlichen Computer zur Verfügung. Warum nicht? Wäre das nicht fair und sinnvoll? Werden die Computer im Schulministerium auch von den dortigen Mitarbeitern privat gekauft, nur um den Dienst versehen zu können?

    • Warum soollen Lehrkräfte Dienstcomputer erhalten? NRW-Polizistn nutzen doch auch ihre privaten Handys, da die gestellten Kommunikationsmittel nicht ausreichen. Privat vor Staat – oder so.

      • Und da nennen Sie mich einen Monothematiker, wenn ich darauf verweise, woran es wohl liegt, dass die gestellten Kommunikationsmittel der NRW-Polizisten nicht ausreichen. Warum fehlen die finanziellen Mittel ?

        Mehr netto vom Brutto! Da liegt der Hund begraben. 🙂

        • Die Gründe für den verschobenen “rollout” der Plattform “logineo” liegen in den umfangreichen Datenschutzrichtlinien bzw. der Tatsache, dass der Zugang zur Plattform über private Rechner erfolgen soll. Das macht den Schutz der Daten im häuslichen Bereich so gut wie nicht möglich. Bedeutet es doch, dass jede einzelne Datei verschlüsselt werden muss bzw. der Zugriff auf diese Dateien auf dem heimischen Gerät für andere Nutzer des Heimnetzwerkes oder Computers nicht möglich sein kann.
          In privaten Unternehmen ist das nicht anders – nur stellen diese ihren Mitarbeitern Firmen eigene Smartphones oder Labtops zur Verfügung. Die Mitarbeiter sind dann verpflichtet die unbefugte Nutzung dieser Geräte für Dritte (auch Familienangehörige) zu unterbinden. Diese Möglichkeit fehlt eben, wenn private Hardware für dienstliche Zwecke eingesetzt werden muss.

          Für die sächliche Ausstattung der Schulen ist aber der Schulträger – also die Kommune – und nicht der Staat – also das jeweilige Bundesland als Arbeitgeber/Dienstherr der Lehrkräfte – zuständig. Und an dieser Stelle wie auch beim Thema Lehrerarbeitsplätze an Schulen liegt der Hund begraben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*