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Schwimmbadschließungen und zu wenig Sportlehrer – Experten beklagen anhaltende Krise des Schwimmunterrichts

MÜNSTER. Lehrpläne und Absichtserklärungen in den Koalitionsverträgen verschiedener Regierungen haben daran nur wenig geändert: Zu viele Kinder können aus Expertensicht nach der Grundschule nicht sicher schwimmen. Noch zu Oppositionszeiten hatte die FDP die nordrhein-westfälische Landesregierung dafür heftig kritisiert und Maßnahmen gefordert. Nun heißt es aus dem Schulministerium, man wolle zunächst prüfen, welche weiteren Schritte erforderlich sind.

Im NRW-Lehrplan steht «Jedes Kind soll am Ende der Grundschulzeit schwimmen können» – viele können es laut Experten aber nicht. Im Gegenteil: «Grundschulkinder können immer schlechter schwimmen», sagt Achim Wiese von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). «Wir sehen diese Tendenz auch», ergänzt Joachim Heuser, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen. Die neue Regierung will Abhilfe schaffen – laut Koalitionsvertrag soll es am Ende der Grundschulzeit ausschließlich sichere Schwimmer geben.

Schwimmen gehört zu wichtigen Grundfertigkeiten, die KInder früh erlerenen sollten. Die Leistungsunterschiede bei Grundschülern sind hoch. Foto: TaniaVdB / pixabay (CC0 1.0)

Schwimmen gehört zu wichtigen Grundfertigkeiten, die KInder früh erlerenen sollten. Die Leistungsunterschiede bei Grundschülern sind hoch. Foto: TaniaVdB / pixabay (CC0 1.0)

Wie groß der Nichtschwimmeranteil am Ende der Grundschulzeit ist, lässt sich nicht genau sagen. Forscher der Universität Wuppertal haben sechs Studien zur Schwimmfähigkeit aus den Jahren 2006 bis 2015 ausgewertet. Darin schwankt der Nichtschwimmeranteil von 7,1 Prozent bis 46 Prozent. «Die Systematik der Studien ist unterschiedlich», sagt Maike Kels von der Universität Wuppertal. Deshalb seien sie nicht miteinander vergleichbar. Mal würde nach Grundfertigkeiten gefragt, mal nach dem Schwimmabzeichen Bronze, mal befragten Forscher Eltern, mal Lehrer. Uneins sind sie schon darüber, ab wann ein Kind schwimmen kann: Was muss es dafür können?

Auch wenn empirisch unklar ist, wie viele Kinder nicht schwimmen können: Einig sind sich alle, dass nicht alle Kinder am Ende der Grundschulzeit sicher schwimmen können. «Seit Jahren wird mit politischer Duldung der Lehrplan bewusst verfehlt», kritisiert Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW. Dabei ist das Schwimmen elementar – im Jahr 2016 sind nach Zahlen des DLRG in NRW 76 Menschen beim Baden ertrunken, in den ersten acht Monaten 2017 waren es 37.

Warum nicht alle Kinder am Ende der Grundschulzeit schwimmen können, hat nach Expertenansicht mehrere Ursachen: Immer mehr Eltern verließen sich darauf, dass Kinder in der Schule schwimmen lernten, sagt Schäfer. Die Schulen seien damit aber oft überfordert.

Ein Grund für die Überforderung der Schulen sei, dass immer mehr Schwimmbäder schließen, sagt Schäfer. Es sei derzeit unklar, ob alle Grundschulen in NRW Zugang zu einer Schwimmhalle haben und Schwimmunterricht geben können. Fakt ist: Die Zahl der Schwimmbäder nimmt in NRW seit Jahren ab. 2016 wurden nach Zahlen der DLRG in NRW vier Frei- und acht Hallenbäder geschlossen. 2017 waren es sieben Frei- und neun Hallenbäder. Neueröffnungen gab es nach DLRG-Erhebungen in NRW nicht.

Sportlehrer: Schäfer zufolge gebe es außerdem an Grundschulen zu wenig ausgebildete Sportlehrer. Von 45 553 Lehrkräften an Grundschulen im Schuljahr 2016/2017 haben 9 277 laut der Schulstatistik eine Ausbildung im Fach Sport. «Das ist verglichen mit anderen durch alle Klassenstufen unterrichteten Fächern wie Mathe sehr, sehr wenig», so Schäfer. Lehrer unterrichteten deshalb mitunter das Fach Schwimmen an der Grundschule, obwohl sie das nie studiert haben. Wer Schwimmen unterrichtet, muss nach einem Erlass von 2015 seine Rettungsfähigkeitsbescheinigung regelmäßig erneuern. Außerdem brauchten Sportlehrer eine Fortbildung.

Das Schulministerium unter Sylvia Löhrmann (Grüne) hatte nach dem Erlass von 2015 eine Fortbildungsmöglichkeit für Grundschullehrer im Fach Sport geschaffen. «Es gab pro Regierungsbezirk aber zu wenig Angebote», kritisiert Schäfer. Neben der Ausbildung von Sportlehrern hat die alte Landesregierung außerdem das Landesprogramm «NRW kann Schwimmen» bis 2020 verlängert. Danach werden 135 000 Euro pro Jahr für Schwimmkurse ausgegeben, die Schüler in der Freizeit an das Schwimmen heranführen sollen.

Die FDP hatte noch in der Opposition die mangelnde Schwimmfähigkeit von Grundschulkindern kritisiert. Sie hatte deshalb in einem Antrag im Landtag gefordert, am Ende der Grundschulzeit die Schwimmfähigkeit der Grundschüler zentral zu erheben. Außerdem sollte die Landesregierung aufgefordert werden, den Zugang der Grundschulen in NRW zu Schwimmhallen zu erfassen. Nun heißt es aus dem Schulministerium, man arbeite an dem Ziel, dass alle Schüler am Ende der Grundschulzeit schwimmen können. Das Landesprogramm «NRW kann schwimmen!» soll fortgeführt werden. «Darüber hinaus wird geprüft, welche weiteren Schritte erforderlich sind, um das im Koalitionsvertrag formulierte Ziel zu erreichen.» (Kristin Kruthaup, dpa)

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