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Wie zwei Lehrer ein Theaterstück über Luther in Zwickau auf die Bühne bringen – und die Titelrolle spielt (und singt): ein Ex-Lehrer

ZWICKAU. Zwickau gilt nach Wittenberg als die zweite Stadt, in der sich die Reformation durchsetzen konnte. Nur wusste das lange niemand. Durch das Reformationsjubiläum steht Zwickau inzwischen mit im Rampenlicht – und Luther in einem Laientheaterstück gleich mit. Das wurde von einem Lehrer geschrieben, der es dann auch selbst inszeniert. Die Musik stammt von einem Kollegen. Und die Hauptrolle spielt: ein Ex-Lehrer.

Drei Pädagogen, ein Kulturamtsleiter: Ulf Firke, Michael Löffler, Lutz Mahnke und Holger Wettstein (v. l.). Foto: Kultour Z.

Drei Pädagogen, ein Kulturamtsleiter: Ulf Firke, Michael Löffler, Lutz Mahnke und Holger Wettstein (v. l.). Foto: Kultour Z.

Eine Feder in der Hand, blickt Lutz Mahnke immer wieder auf, sucht laut nachdenkend nach den richtigen Worten für die Schrift «Von der Freiheit eines Christenmenschen». Als er endlich den letzten Punkt setzen kann, jongliert der Leiter der Zwickauer Ratsschulbibliothek in seiner Rolle als Martin Luther (1483-1546) vor Freude mit einem Besen – um nur einen Augenblick später wieder den ernsten Reformator zu geben. «Sehr gut, das hat perfekt gepasst», lobt Regisseur und Autor Holger Wettstein seinen Luther-Darsteller.

Dieser muss nicht nur im historischen Deutsch des Kirchenmannes sprechen, sondern auch singen. Den hellblauen Schnellhefter mit Text und Regieanweisungen hat Mahnke seit Jahresbeginn stets in seiner braunen Ledertasche dabei. «Mit einer Musik-CD habe ich hin und wieder auch im Büro das Singen geübt», verrät er augenzwinkernd. Vier Lieder übernimmt der frühere Musiklehrer, der seit 16 Jahren die älteste wissenschaftliche Bibliothek Sachsens leitet und zum ersten Mal bei einem solchen Projekt mitmacht.

Holger Wettstein hat neben seinem Beruf als Gymnasiallehrer für Deutsch und Kunst bereits 19 solche Stücke auf die Bühne gebracht. Doch bei Nummer 20 arbeitet er nicht wie bislang nur mit seinen Schülern. Stattdessen muss er als Regisseur von «Luther in Zwigge» den Chor der Westsächsischen Hochschule, Schüler einer sechsten Klasse sowie Lutz Mahnke und den Leiter des Zwickauer Kulturamts, Michael Löffler, als Stadtrat Erasmus Stella unter einen Hut bringen.

Seit Januar proben die rund 30 Darsteller jeden Mittwoch für das «Spectaculum», für das Ulf Firke, ein Kollege Wettsteins, die Musik beigesteuert hat. Diese reicht von Renaissance-Tänzen und deftigen Saufgesängen bis hin zum Rap. Das Stück habe er schon 2014 verfasst, runtergeschrieben in sechs Wochen Sommerferien, sagt Wettstein. «Ich war nicht verreist, ich war in der Renaissance.»

«Holde Maid, red‘ keinen Scheiß», schallt es da plötzlich über die Bühne. Gemeint ist Luise Storch, die Tochter des Tuchwebers Nikolaus Storch. Während ihr Vater als Teil der sogenannten Zwickauer Propheten gegen die Katholische Kirche wettert, bahnt sich zwischen ihr und Hermann Mühlpfort, dem damaligen Bürgermeister Zwickaus, eine – frei erfundene – Liebesgeschichte an.

Autor Wettstein lässt in künstlerischer Freiheit Luthers Worte «Hütet euch vor Katzen, die vorne lecken, hinten kratzen» einfließen, um die eigenwillige Dame zu beschreiben. Der Aufruhr in der Stadt führte schließlich dazu, dass Luther – dieses Mal historisch belegt – im Mai 1522 höchstpersönlich nach Zwickau kam und viermal in der Stadt predigte, um die Massen zu beruhigen, wie Lutz Mahnke erläutert.

Das Stück ist neben einem Festgottesdienst und einem Kirchenkonzert im Dom St. Marien der Abschluss des Reformationsjubiläums in Zwickau. Zwei Aufführungen sind am kommenden Dienstag (31.10.) geplant – in der zweiten Stadt nach Wittenberg, in der sich die Reformation durchsetzen konnte. «Heute kommt einem das ganz selbstverständlich über die Lippen, aber vor zehn Jahren war das quasi ein Insidertipp», meint Michael Löffler. Der Kulturamtsleiter hat das Zwickauer Luther-Stück mit auf den Weg gebracht und übernimmt darin eine kurze Sprechrolle.

Anfangs habe er bei diversen Veranstaltungen im Rahmen der Lutherdekade noch seine Anwesenheit erklären müssen. Mittlerweile habe sich die Wahrnehmung jedoch verändert und Zwickau werde in Sachen Reformation als unerlässlicher Partner angesehen. Unter Experten galt die westsächsische Stadt bereits zuvor aufgrund der wertvollen Bestände der Ratsschulbibliothek und des Stadtarchivs als wichtige Adresse.

So liegt in Zwickau unter anderem der Nachlass des Zwickauer Stadtschreibers Stephan Roth, ein Zeitgenosse Luthers. Zudem seien in Zwickau bereits drei Jahre nach dem Anschlag der 95 Thesen an der Wittenberger Schosskirche die ersten Gottesdienste auf Deutsch abgehalten worden. Besagtem Bürgermeister Mühlpfort habe der Reformator gar seine berühmteste Schrift nach der Bibelübersetzung gewidmet: «Von der Freiheit eines Christenmenschen», aus der Mahnke in seiner Rolle als Luther zitiert.

Dass sich Zwickau als Automobil- und Robert-Schumann-Stadt nun ebenfalls auf Luther besonnen hat, verdankt die Stadt auch dem ehemaligen Landrat Christian Otto. Als Lutherbeauftragter der Landesregierung hat Otto unter anderem den 550 Kilometer langen Lutherweg im Freistaat mit angeschoben. «Wir mussten anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten, vielen war die Bedeutung der Region unklar», erinnert er sich. Inzwischen können Wanderer auf rund 3000 Kilometern in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen und Bayern auf Luthers Spuren wandern.

In einer Region, in der nur jeder Fünfte ein gläubiger Christ ist, sei es nicht immer einfach gewesen, das Jubiläum und die damit einhergehenden Kosten zu vermitteln, sagt Otto. Allein für den sächsischen Lutherweg habe man rund eine Million Euro in die Hand genommen. Von wichtigen Sanierungen, beispielsweise am Zwickauer Dom, ganz zu schweigen. Doch Luthers Bedeutung für die deutsche Sprache, das Sozialwesen und nicht zuletzt die Musik sei durch zahlreiche kulturelle Veranstaltungen auch jenseits der Kirche bei vielen Menschen angekommen.

Und selbst Robert Schumann, neben dem Maler Max Pechstein der wichtigste Sohn der Stadt, hat Luther-Bezug, wie sich jetzt herausstellt. «Zum einen zeigen verschiedene Arbeiten Schumanns eine große Verehrung Luthers», betont Thomas Synofzik, Leiter des Zwickauer Robert-Schumann-Hauses, das dazu aktuell eine Sonderausstellung zeigt. Zudem habe sich der romantische Komponist mit zwei Sterbechorälen Luthers beschäftigt und arbeitete vor seinem Tod sogar an einem Luther-Oratorium, das allerdings unvollendet blieb.

«Wir werden deshalb keine Martin-Luther-Stadt werden, aber wir sind heute eine europäische Reformationsstadt», betont Kulturamtsleiter Löffler. Es sei gelungen, Zwickau als wichtige Stadt der Reformation zu positionieren, sagt Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD). «Besonders erfreulich und wichtig ist, dass es nachhaltige Projekte gab, die über die Lutherdekade hinausweisen.» Ein Beispiel sei das Europäische Kulturerbe-Siegel, das die Katharinenkirche seit 2014 trage – einstige Wirkungsstätte von Thomas Müntzer, der Luther erst folgte, sich aber später radikalisierte.

Zwar werde man das Thema zukünftig nicht mehr in der Dimension spielen – immerhin investierte Zwickau laut Löffler eine mittlere sechsstellige Summe in die Lutherdekade. «Doch das Jubiläum soll und wird nachwirken», glaubt auch Christian Otto, der bereits die nächsten Ereignisse wie beispielsweise Luthers Predigten von 1522 und deren touristische Vermarktung im Blick hat.

Frank Bliesener indes sieht diese «Eventkultur» rund um Luther kritisch. Als Pfarrer der Nikolaikirchgemeinde mit rund 1800 Mitgliedern und zwei historisch bedeutenden Kirchen war er in der Lutherdekade ständig gefragt. Rund 40 Veranstaltungen habe man organisiert oder dabei mitgewirkt, oft bis an die Grenze des personell Machbaren. «Die eigentlichen Anliegen Luthers kamen nach meiner Meinung kaum bis gar nicht vor, stattdessen jagte oftmals ein Event das nächste», meint der Dom-Pfarrer.

Ob das Reformationsjubiläum wirklich nachhaltig sei, werde sich erst noch zeigen – nach dem 31. Oktober 2017. Habe man in der Vergangenheit trotz zusammengelegter Gottesdienste zum Reformationstag auch im Dom nur wenige Plätze füllen können, sei das Interesse zuletzt deutlich gestiegen. Man müsse sehen, wie sich das nach dem «völlig übertriebenen Personenkult» der vergangenen zehn Jahre entwickeln werde, meint Bliesener skeptisch.

Auch nach dem Geschmack von Lutz Mahnke hat die Evangelische Kirche Luther lange auf einen Sockel gestellt, wie nicht zuletzt ein Stück seines zuletzt getragenen Priesterrocks zeige, das in der Ratsschulbibliothek aufbewahrt werde. Als «Reliquie von Dr. Luther», wie es auf dem Briefumschlag steht. Da passe es ganz gut, dass er als Luther in dem Bühnenstück durch die Liebesgeschichte zwischen Luise Storch und Hermann Mühlpfort ein wenig in eine Nebenrolle gedrängt werde. Von Claudia Drescher, dpa

Hier gibt es Eintrittskarten für das Theaterstück.

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