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Hintergrund: Für viele Eltern ist Ganztag (an der Grundschule) ein Schlüsselthema

BERLIN. Ein Rechtsanspruch für Ganztagsbetreuung für Grundschüler. Hört sich gut an – für Millionen von Eltern. Und auch die Wirtschaft dürfte sich bei den Jamaikanern bedanken, fordert sie doch seit langem, mehr Frauen in Vollzeitjobs zu bringen. Die Länder wären sicherlich auch dafür. Nur: Wer bestellt, der zahlt. Und was hat der Bund dann zu sagen? Einen Rechtsanspruch für einen Kita-Platz gibt es bereits – bei ihren Sondierungs-Gesprächen reden Union, FDP und Grüne nun über das Thema Ganztagsbetreuung für Grundschüler. Ein Überblick.

Was ist der Stand der Dinge bei den Jamaika-Sondierungen?

Die Unterhändler wollen laut einer Absichtserklärung, dass künftig Grundschülern ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gewährt wird. Es sind allerdings noch viele Fragen offen: Wie soll das Ganze finanziert werden? Welche Mitspracherechte hat der Bund? Soll dafür das sogenannte Kooperationsverbot gekippt werden? Damit wird die Trennung von Bund- und Länderkompetenzen im Bereich der Bildung bezeichnet. Die FDP bekräftigte am Dienstag, ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung stehe unter Finanzierungsvorbehalt. Länder sollten Geld für Bildung vom Bund nur dann erhalten, wenn es klare Qualitätsvorgaben gebe, sagte FDP-Chef Christian Lindner – etwa mehr gemeinsame Standards und vor allem die Überprüfung durch den Bund.

Was sagen die Kommunen?

Ein möglicher Rechtsanspruch sei «vollkommen falsch», wetterte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes: «Mit einem Rechtsanspruch schaffen wir keinen einzigen zusätzlichen Betreuungsplatz und wecken unnötig Erwartungen bei den Menschen, die in absehbarer Zeit nicht zu erfüllen sein werden.» Der designierte neue Präsident des Verbands, Uwe Brandl, warnte vor einer Politik der Versprechen auf Kosten anderer.

Und: Wie soll ein Rechtsanspruch umgesetzt werden? Eine Rolle dürfte auch Angst vor möglichen Klagen spielen, wie beim Kita-Rechtsanspruch, wenn nicht überall ausreichend Plätze zur Verfügung stehen.

Was ist überhaupt eine Ganztagsschule?

Die Kultusministerkonferenz definiert Ganztagsschulen als Schulen, bei denen an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Außerdem soll es für die Schüler an allen Tagen ein Mittagessen geben und die Ganztagsangebote sollen in einem «konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht» stehen.

Generell ist die Bedeutung von Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Zum einen der hohe Bedarf nach ganztägiger Betreuung, um Familie und Beruf zu vereinbaren, wie es bei der Kultusministerkonferenz (KMK) heißt. Sprich: Bei mehr Ganztagsbetreuung könnten mehr Eltern in Vollzeit arbeiten – vor allem mehr Frauen. Darauf drängen zum Beispiel Wirtschaftsverbände seit langem.

Dazu kommt zum anderen der PISA-«Schock»: Nach dem schwachen Ergebnissen deutscher Schüler bei internationalen Vergleichsstudien rückte auch die Ganztagsschule in den Fokus. Für viele Lehrer, Eltern und Politiker verbessere ein Ganztagesangebot das schulische Lernen, heißt es bei der KMK. Wissenschaftliche Belege dafür fehlen allerdings – bessere Schülerleistungen konnten durch die Ganztagsschule bislang nicht nachgewiesen werden.

Wie ist der derzeitige Stand bei der Ganztagsbetreuung?

Etwas mehr als ein Drittel aller Grundschüler in Deutschland besucht bereits eine Ganztagsschule – fast drei Mal so viele wie 2006. Genau genommen lernten im Schuljahr 2015/2016 in der Primarstufe 35 Prozent der Schüler über den ganzen Tag, wie es in einer im Oktober vorgelegten Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt, basierend auf Daten der Kultusministerkonferenz. Insgesamt ist die Zahl der Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – quer über alle Schulformen.

Die Eltern von Grundschulkindern jedenfalls legen großen Wert auf eine Ganztagsbetreuung. Wie es in einer im Juli vorgelegten Prognos-Studie für das Familienministerium heißt, sind 76 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen 6 und 10 Jahren dafür, dass die Familienpolitik einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder legen sollte. Die meisten Eltern (83 Prozent) versprechen sich dadurch bessere Chancen für Kinder – etwa durch eine Hausaufgabenbetreuung.

Der Aktionsrat Bildung monierte allerdings in einem Gutachten, dass der Anspruch besserer Bildung in den meisten sogenannten „offenen“ Ganztagsgrundschulen (mit unverbindlichem Betreuungsangebot) nicht erfüllt werde. Es handele sich dabei zumeist um keine echten Ganztagsschulen – sondern um Halbtagsschulen mit einem ergänzenden Betreuungsangebot am Nachmittag. Eine zwischen Lehrkräften und Betreuern abgestimmte Förderung finde dort kaum statt.

Was würde eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Grundschüler kosten?

Das hängt sehr von der Entwicklung der Schülerzahlen ab sowie vom Bedarf. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung müsste die Politik weitere 1,6 Millionen Ganztagsplätze an Grundschulen schaffen, um bis 2025 für 80 Prozent der Schüler der Primarstufe einen Ganztagsschulplatz anzubieten. Das würde jährlich 1,6 Milliarden Euro an Personal kosten. Für zusätzliche Raumkapazitäten müssten einmalig 8 Milliarden Euro investiert werden. Von Andreas Hoenig, dpa

11 Kommentare

  1. Ach, na sowas, hier nochmal das gleiche Thema, dann passt’s ja auch hier. 🙂

    Ganztagsschule für Grundschüler (und ansonsten auch gerne bis Klasse 6) finde ich gut. Allerdings nicht mit Unterricht bis 16.00 Uhr, sondern mit Hort, AGs, HA-Hilfe, Betreuung nach dem Mittagessen.

    Das wird natürlich teuer werden. Aber wir haben ja die „sprudelnden Steuereinnahmen“. Dann müsste das ja zu schaffen sein.

    • ZITAT: “Sprich: Bei mehr Ganztagsbetreuung könnten mehr Eltern in Vollzeit arbeiten – vor allem mehr Frauen.”

      Und als was sollen die arbeiten bei 2, … Millionen Arbeitslosen? Als Lehrerinnen vielleicht? Da gibt’s ja gerade einen Mangel.

  2. Rechtsansprüche sind ja in den letzten Jahren ganz viele neu geschaffen worden. Wenn ich die Nachrichten richtig verfolgt habe, dienen sie vor allem dazu, dass Rechteinhaber vor Gericht gehen und Geld erstreiten können, meist von den Kommunen, denen das Geld fehlt, um die Ansprüche befriedigen zu können. Und wie ist es mit dem Personal? Vom Kindergarten hörte ich, der Erzieher-Markt sei leergefegt. Wisst ihr mehr darüber? Haben die Schwarzgrüngelben nachgeforscht, ob die Leute verfügbar sind, die ihr schönes neues Gesetz erfordern würde? Der Städtetag lässt verlauten, es gehe nicht.

  3. Ich war lange an einer “echten” Ganztagsschule. Es geht darum, dass Eltern arbeiten können. Genau. Um nichts anderes. Dass sich viele Kinder gar nicht so lange unter Kontrolle haben, wird nicht berücksichtigt. Kinder brauchen Ruhephasen in Privatsphäre, wo sie auch Mal Geräusche machen können, ihr Lieblingslied laut singen, die Augen schließen und einfach träumen etc. Diese Räume haben sie im Ganztagsschule nicht. Es ist immer jemand da, der sie sieht. Und es dauert nicht lange, bis man da seinen Spitznamen weg hat.
    Nachmittags brauchbare Angebote anzubieten, wo die Kinder sich vorher in der überfüllten, lauten Kantine “ausgeruht” haben, ist unmöglich.

    Und Elternarbeit ist sehr erschwert. Die meisten Eltern arbeiten nunmal. Kranke Kinder können oft nicht abgeholt werden und liegen stundenlang im unbesetzten Sekretariat.
    Klar es gibt positive Ausnahmen. Kinder, die trotz Dauerlärm, ständiger Überwachung und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten nachmittags aufnahmefähig bleiben. Das sind aber die, die zu Hause sicher und geborgen sind und nicht Angst vor ihren eigenen Eltern haben. Die, die auch auf einer Halbtagesschule erfolgreich gewesen wären.

    • Danke, Dina, für Ihren Beitrag. Was Sie beschreiben entspricht ganz meiner Meinung!
      Es geht in der Tat nur darum, dass Eltern arbeiten können. Für die Kinder ist der Ganztag in der Regel eine Zumutung. Er wird aber schöngeredet und als ein Mehr an Bildung dargestellt, damit Mutter und Vater beruhigt sind und kein schlechtes Gewissen wegen der empfohlenen oder verordneten “Kindesvernachlässigung” haben.
      Wie das Ganze für die Kinder aussieht, haben Sie knapp, aber treffend beschrieben.

      Die Krippenkinder (Babys) machen mich übrigens noch besorgter.

    • Das ist auch mein Eindruck. Aber offiziell wird ganz anderes gesagt. Da steht dann plötzlich die “ganzheitliche Bildung” im Vordergrund:

      “Durch die Teilnahme an schulischen Ganztagsangeboten werden die Schülerinnen und Schüler im Sinne ganzheitlicher Bildung nachhaltig in ihrer Entwicklung von kognitiven und sozialen Kompetenzen gefördert.”

      Quelle: http://www.projekt-steg.de/sites/default/files/StEG_Brosch_FINAL.pdf

      Das steht gleich in der Einleitung auf der ersten Seite. StEG ist eine wissenschaftliche Begleitstudie zu Ganztagsschulen, die m.E. vor allem die Funktion hat, die positiven Seiten hervorzuheben. Typisch wiss. Auftragsstudie.
      Ökonomischen Aspekte werden dort nicht erwähnt. Aber es ist viel von Lernkultur und sozialen Kompetenzen die Rede.

      • Ich glaube sogar, dass die Kinder soziale Kompetenz erwerben, wenn sie den ganzen Tag gezwungen sind, darauf zu achten, wie sie auf andere wirken. Die Frage ist nur zu welchem Preis. Was definitiv nicht vermittelt werden kann, sind inhaltliche Kompetenzen sei es in Deutsch, Mathe, Kunst oder Musik. Lernen findet nicht statt, bzw vormittags nur eingeschränkt. Und die Kinder geraten in Stress.

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