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Macht mal schneller! Aufschieberitis bei der Wiedereinführung von G9

Ein Gastkommentar von RAINER DOLLASE.

BIELEFELD. „Schnell und gründlich geht nicht!“ Mit diesem Spruch aus dem Repertoire aller Bummelanten und Aufschieberitis-Fans (Probe: „Das muss erst reifen“, „Das darf man nicht übers Knie brechen“) macht die neue NRW-Schulpolitik bei der Wiedereinführung von G9 den ersten Kniefall vor Verbänden und Bildungsverwaltung und vergisst flugs, dass die hauchdünne Koalitionsmehrheit im Düsseldorfer Landtag vor allem der Lockung mit G9 zu verdanken ist. Ruckzuck ist eine solche Mehrheit auch dahin – wie die erste schwarz-gelbe Mehrheit ja erfahren hat. Politisch ist die Enttäuschung großer Mehrheiten in der Bevölkerung ein schlimmerer Fehler als die Verärgerung und die Jammerei von Verbänden. Wer das jetzt nicht hören will – der wird es fühlen.

„Schnell und gründlich geht nicht“? Foto: pixabay

„Schnell und gründlich geht nicht“? Foto: pixabay

Der populistische Spruch „Schnell und gründlich geht nicht“ kann natürlich auch kabarettistisch gekontert werden: „Was lange währt, wird endlich Schrott“ – wir denken an den  Berliner Flughafen. Wir könnten uns ja auch ausmalen, wie der die Unfallärztin auf das abgerissene Bein des Patienten reagiert – oder wir stellen uns den Dachdecker vor, der uns weismacht, dass er die Ausbesserung des Sturmschadens drei Monate in der Werkstatt vorbereiten muss.

„Schnell und gründlich geht nicht“ – genau, könnte man sagen, deswegen ganz schnell zu G9 zurück. Eine schnelle und gründliche Vorbereitung auf die allgemeine Hochschulreife (genannt „Abi“) ist in acht Jahren nicht zu schaffen. Dafür brauchen wir länger, nämlich mindestens neun Jahre. (Ich brauchte zehn – Gott sei dank).

Rückkehr zu G8: Bloß nichts überstürzen – dann aber konsequent, meinen GEW und VBE

NRW will jahrelang G8 weiterführen, zigtausend sollen erst noch nach G8 leben – ehe man G9 gültig macht. Die neuesten Forschungsergebnisse (2017) sprechen exakt gegen diese Strategie. Der verbummelte Umstieg auf G9 kostet das Land NRW einige Durchschnittspunkte im IQ seiner Abiturienten – und kleine Durchschnittsunterschiede im IQ haben mittelfristig wirtschaftliche Bedeutung. Das ist internationaler Forschungskonsens – nicht irgendeine hysterische Meinung alternder Professoren. (News4teachers hat über eine entsprechende Studie berichtet, d. Red. – und zwar hier.) Schon allein aus diesem Grunde: G9 sofort beziehungsweise so schnell wie möglich. NRW-Schüler und -Schülerinnen schneiden ja ohnehin im Bundesvergleich unter allen Aspekten miserabel ab (zusammen mit den pädagogischen Besserwisser-Ländern Bremen, Hamburg und Berlin) – hier hätte man eine preiswerte (jawohl „preiswert“ – keines der Bummelanten-Argumente zum Umstieg auf G9 kann überzeugen) Möglichkeit gehabt, die Intelligenz der Absolventen zu steigern. Mit der Abschaffung des verpflichtenden Nachmittagsunterrichts an Gymnasien kommt die Lösung auch noch billiger.

Wenn man aber ein schönes Vorurteil gefasst hat, ist jedes populistische Argument gegen Forschungsfakten genehm: Andere Länder haben auch G8 – zum Beispiel Sachsen, die sind doch gut – ach nee. Die haben eine andere Bevölkerungszusammensetzung, eine andere Unterrichtskultur, eine andere Abnehmer- und Hochschulstruktur, eine andere Auffassung der Bedeutung schulischen Lernens, eine völlig andere Lehrerschaft – und wir wissen nicht, was in notorischen G8-Ländern wäre, wenn die Schülerschaft dort noch ein Jahr länger auf der Oberschule/ dem Gymnasium bleiben könnte. Andere Länder – andere Sitten: Am besten nehmen wir uns ein Beispiel an Griechenland – ganz hohe Abi Quote und ein „funktionierendes G8“ seit langer Zeit. Einverstanden?

Warum die Schulpolitik für Rot-Grün zum Desaster wurde – eine Analyse

Als argumentativer Dauerlutscher der G9-Procrastinateure entpuppen sich die Versuche, zwischen den einzeln zu treffenden Entscheidungen, der Daueraufgabe einer Reform der gymnasialen Bildung und der Zeitstruktur Leitentscheidung zurück zu G9, eine untrennbare Verbindung aufzubauen, die es natürlich nicht gibt. Was für ein  durchsichtiges Manöver – einem Psychologen wie mir kann man kein X für einen U vormachen. Aus gekränkter Eitelkeit – nämlich eine falsche Entscheidung pro G8 in der Vergangenheit gestützt zu haben, verfallen unsere Zeitgenossen in Untätigkeitsagonie, demonstrative Hilflosigkeit und Aufschieberitis. Wie Kleinkinder. Statt wie aufrichtige Zeitgenossen zu sagen „ok – wir haben uns geirrt“. Die Aufgabe ist jetzt: Auf welchem Weg können wir ganz schnell möglichst vielen unserer Schüler und Schülerinnen beziehungsweise deren Eltern den Entwicklungsvorteil einer G9 Schulzeit anbieten.

Wir sollten alle antworten: „Geht nicht – gibt‘s nicht“. Und nicht wieder so kindliche Ausreden benutzen wie – „aber die fehlenden Bildungspläne“ (haben in der Praxis sowieso kaum Bedeutung), die fehlenden Räume (zusammenrücken!) oder die fehlenden Lehrkräfte (verkürzt die wöchentliche Unterrichtszeit auf 30; fördert keinen Pflichtganztag).

Warum schreibt man solche Glossen, wenn man ohnehin weiß, dass sich nichts ändert? Nun  – nur zur Erinnerung später, dann, wenn sich wieder einmal nichts gebessert hat – und die Procrastinateure von heute sagen: „Jetzt brauchen wir keine Besserwisser, sondern neue Ideen“ – oder ich, wenn ich es noch erlebe, sagen müsste „Ok – ich habe mich geirrt“. Das wäre mir jetzt schon recht lieb.

 

Der Autor
Der Psychologie-Professor Rainer Dollase gehört zu den renommiertesten Bildungswissenschaftlern in Deutschland. Foto: privat

Der Psychologie-Professor Rainer Dollase gehört zu den renommiertesten Bildungswissenschaftlern in Deutschland. Foto: privat

Dr. Rainer Dollase war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor in der Abteilung Psychologie und am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Die Vorschulerziehung stellte dabei einen seiner Arbeits- und Veröffentlichungsschwerpunkte dar. Später hat er sich einen Namen in der G8/G9-Debatte gemacht – als wortgewaltiger Gegner des Turbo-Abiturs. Dollase war Mitglied des Teams „Schule und Kultur“ der nordrhein-westfälischen CDU im Vorfeld der Landtagswahl im Mai.

8 Kommentare

  1. Werter Herr Prof. Dollase, danke, dass Sie Klartext reden!

  2. Die neuen Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wurden von der grün-roten Landesregierung sehr schnell (geradezu hastig) eingeführt nach dem Motto: es sind ja erstmal nur die 5. Klassen, alles weitere kommt später. Die Schule wachsen langsam heran so wie die Schüler auch. In der Tat hatte man nicht einmal Lehrpläne für diese Schulen, man nahm ersatzweise die für die Realschule (das wurde natürlich nie laut gesagt; stattdessen wurde verkündet, das gymnasiale Niveau sei auch mit eingeschlossen).
    Folglich könnte man jetzt für die neuen 5. Klassen gleich das G9-Gymnasium vorsehen und vorläufig mal nach den vorhandenen Lehrplänen unterrichten, die in den Klassen 5-6 ohnehin nicht viel differieren. Bis diese SuS dann in Klasse 7 sind, müsste man neue Lehrpläne haben. Aber in 2 Jahren sollte das doch zu schaffen sein. Es gibt ja immer auch andere Bundesländer, von denen man sie abschreiben könnte.

  3. ZITAT: “Schnell und gründlich geht nicht!”

    Der Spruch ist gut und fasst das Dilemma in Kürze zusammen. Es gilt doch für den ganzen heutigen Schulbetrieb!

  4. Ob das G8 in NRW im Schnitt einzelne IQ-Punkte gekostet hat oder die Kompetenzorientierung, das Zentralabitur und die allgemeine Abiturflut, mögen andere mal untersuchen. Ich tendiere eher zu den letzten drei Punkten.

    Die Zusammensetzung in Sachsen und die Schulkultur ist ein vorgeschobenes Argument, weil man ersteres auch in NRW an (deutlich kleineren) Gymnasien und letzteres durch eine positive Darstellung der Institution Schule in den Medien erreichen kann. Zu den gegenwärtigen Bedingungen für Schüler und Lehrer geht das aber nicht.

  5. Mit dem Satz von den “pädagogischen Besserwisser-Ländern” hat sich Herr Dollase als Experte auf dem Gebiet der Bildung in meinen Augen disqualifiziert.
    So schreibt jemand, der ideologisch festgefahren und nicht ganz auf dem aktuellen Stand ist.

    • Mir scheint, dass Sie Herrn Dollases Satz von den „pädagogischen Besserwisser-Ländern“ reichlich überinterpretieren. In ihm ideologische Verbohrtheit zu sehen, wirkt künstlich gesucht.
      Man muss Prof. Dollase und seine Ansichten nicht mögen. Man muss ihnen aber auch nichts unterstellen, um draufhauen zu können.

    • Mit einem Satz disqualifiziert? Machen Sie das bei Ihren Schülern auch so?

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