Startseite ::: Nachrichten ::: Schwarz-Gelb beschließt Abkehr vom „Turbo-Abi“ in Nordrhein-Westfalen – und will dafür 2300 Lehrer zusätzlich einstellen

Schwarz-Gelb beschließt Abkehr vom „Turbo-Abi“ in Nordrhein-Westfalen – und will dafür 2300 Lehrer zusätzlich einstellen

DÜSSELDORF. Die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren Gymnasium (G9) soll in Nordrhein-Westfalen im übernächsten Schuljahr mit den heutigen Dritt- und Viertklässlern beginnen. Das sieht der Entwurf für ein neues Schulgesetz vor, den das Landeskabinett am Dienstag in Düsseldorf beschlossen hat. Danach soll das G9-Abitur wieder zur Regel werden. Auch G8 bleibt aber möglich. Die Kosten für den Umstieg sollen nicht an den Kommunen hängen bleiben. Detailfragen sind in Eckpunkten für neue Ausbildungs- und Prüfungsordnungen geregelt, die Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vorstellte. Im Folgenden ein Überblick über die wichtigsten Veränderungen.

DER ZEITPLAN: Die Umstellung von G8 auf G9 als Regelfall an öffentlichen Gymnasien startet im übernächsten Schuljahr mit den Klassen fünf und sechs. Gebauer sieht derzeit keine Grundlage, dem Drängen einer Elterninitiative nachzukommen, schon zu Beginn mehr Jahrgänge auf den G9-Bildungspfad mitzunehmen. «Das ist nicht vorgesehen und wäre auch nicht fach- und sachgerecht.» Das Gesetz soll vor den kommenden Sommerferien verabschiedet werden.

DIE ENTSCHEIDUNG: Die Schulkonferenz – zu je einem Drittel besetzt mit Schülern, Eltern und Lehrern – kann zum Schuljahr 2019/20 einmalig entscheiden, bei G8 zu bleiben. Ein solcher Beschluss müsste im Herbst 2018, spätestens aber bis Ende Januar 2019, mit einer Zweidrittel-Mehrheit plus einer Stimme getroffen werden. Allerdings können die kommunalen Schulträger bei gravierenden Gründen ein Vetorecht geltend machen. Bei späteren Wechselentscheidungen zu G8 oder G9 liegt die Entscheidungsgewalt nur noch beim Schulträger. Voraussetzung ist dann eine stichhaltige Bedarfsprüfung. Auch die G-8-Gymnasien sollen Unterstützung erhalten. «Wir arbeiten daran», versprach Gebauer.

PLANUNGSSICHERHEIT: Das Schulministerium rechnet damit, dass über 90 Prozent der Gymnasien zu G9 zurückkehren werden. Wer seine Viertklässler anmelde, habe aber keine Gewissheit über den Kurs der Schule, monierten die Grünen. «Die Anmeldung wird zum Glücksspiel.» SPD und Grüne warfen der Regierung vor, grundsätzliche Entscheidungen auf die Schulen vor Ort abgewälzt und damit Streit in die Gymnasien getragen zu haben. Gebauer bat die Schulen, den Eltern bei der Anmeldung ihrer Kinder möglichst schon eine Tendenz zu nennen, ob sie demnächst G8 oder G9 anbieten.

DIE KOSTEN: Wie viele Millionen der Umstieg genau kostet, kann das Schulministerium derzeit nicht beziffern. Klar ist aber, dass mit den Kommunen eine pauschale Erstattung vereinbart werden soll. Bei Spätwechslern, die sich noch nicht zum übernächsten Schuljahr festlegen, ist die Kostenübernahme noch nicht geklärt.

DIE LEHRER: In der Endphase des Umstiegs werden nach Berechnungen des Ministeriums etwa 2300 zusätzliche Lehrerstellen in NRW nötig sein.

DIE KLASSENZIMMER: Die Jahrgangsstufe 13 wird in Großstädten wie Köln, Düsseldorf, Bonn oder Münster bis zum Schuljahr 2026/27 jeweils etwa 150 zusätzliche Klassenräume erforderlich machen.

DER LEHRPLAN: Die Gespräche mit den Schulbuchverlagen laufen bereits. Die alten Schulbücher, die bis 2005 verwendet worden waren – also vor der Schulzeitverkürzung in NRW – sind nicht mehr brauchbar. Die schwarz-gelbe Landesregierung will neue Akzente setzen, vor allem in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, bei digitalen Kenntnissen, aber auch in der Verbraucherbildung und bei ökonomischen Kompetenzen.

DIE STUNDENTAFEL: Mehr Zeit zum Lernen bedeutet auch mehr Unterricht. In der Sekundarstufe I soll die Gesamtjahreswochenstundenzahl von derzeit 163 auf 188 steigen. Vor 2005 lag sie bei 179. Das Unterrichtsvolumen ist so bemessen, dass G9 sowohl im Halb- als auch im Ganztagesbetrieb angeboten werden kann. Von den 188 Wochenstunden sollen acht nicht verbindlich sein. Die Schulen können sie nutzen, um schwächere und besonders starke Schüler individuell zu fördern oder um das Profil der Schule zu schärfen – etwa mit einem bilingualen oder einem künstlerisch-musischen Schwerpunkt.

FREMDSPRACHEN: Laut Schulministerin sprechen sich alle Fachverbände dafür aus, mit der zweiten Fremdsprache an allen Schulformen erst wieder in Klasse 7 statt schon in Klasse 6 zu beginnen. Dazu gebe es eine Tendenz, aber noch keine finale Entscheidung, sagte Gebauer.

 

19 Kommentare

  1. Durch das Vetorecht der Kommune können sich die Schulkonferenzen die Abstimmung sparen.

    Was für Akzente die Landesregierung setzen möchte, werden wir sehen. Da die alten Bücher von vor 2005 nicht mehr brauchbar seien, schließe ich eine Rückkehr zu mehr fachlichem Tiefgang aus.

    Der erste neue Abiturjahrgang fällt übrigens in die heiße Phase des Wahlkampfs für die übernächste Landtagswahl. Das könnte spannend werden …

    Warum werden eigentlich 150 neue Klassenräume benötigt? Vor 2005 gab es doch genug Räume und keinen Ganztag. Alternativ könnte man ja den Begriff “gymnasiale Eignung” mal etwas strenger auslegen. Wäre sinnvoll für alle.

    • “alte Bücher von vor 2005”
      Warum kann man nicht für ein paar Jahre übergangsweise G9-Lehrbücher aus anderen G9-Bundesländern benutzen?
      Oder notfalls die G9-Bücher der Gesamtschulen in NRW? Eigentlich könnten doch in den wichtigsten Fächern zwei Arten Bücher in Deutschland reichen: eine Version für G8 und eine für G9, genehmigt von den Bürokraten der KMK.

      • Die G9-Bücher der Gesamtschulen in NRW bereiten nur auf den MSA vor, auch die im Erweiterungskurs. Deswegen sind die unbrauchbar.

        Die alten G9-Bücher werden die Gymnasien schon vor Jahren entsorgt haben, G9-Bücher aus anderen Bundesländern passen nicht zum Lehrplan.

        Die Schulbuchverlage arbeiten aber schon an neuen Büchern. Bei “Nebenfächern”, die nicht jedes Jahr ein neues Buch erfordern, gibt es schon erste kombinierte G8/9-Ausgaben.

        Für Ihren letzten Vorschlag bräuchte man einen einheitlichen Lehrplan, den es sehr wahrscheinlich nicht geben wird.

        • “Die G9-Bücher der Gesamtschulen in NRW bereiten nur auf den MSA vor, auch die im Erweiterungskurs. Deswegen sind die unbrauchbar.”

          Es müsste doch möglich sein, für den ersten und zweiten Jahrgang der neuen G9-Schüler Lehrbücher zu finden, die für die Klassen 5-6 erstmal provisorisch benutzt werden können. Bis die in Klasse 7 sind, können die Verlage ja nachziehen.
          Und haben wir nicht längst “verbindliche” bundeseinheitliche KMK-Bildungsstandards für die Grundschule, für den die Sek I und für das Abitur, jedenfalls in den Hauptfächern, insbes. in Deutsch und Mathematik?

      • Wer gestaltet den Unterricht,die Lehrer oder die Struktur der Bücher?

        • Aus modernen Lehrplänen seit 2005 lassen sich ohne weitgehendes interpretieren keine Unterrichtsinhalte und -Verläufe mehr ableiten. Z.B. in Mathe, RLP, sind die “Kompetenzen” nur in Zweijahresabschnitten festgelegt. Die Schulbücher werden wegen der Ausleihe aber jährlich gewechselt. Also legt der Schulbuchverlag fest, wann was unterrichtet wird, z.B. ob negative Zahlen in Klasse 5, 6 oder 7 drankommen.

          • Das ist aus meiner Sicht das Problem an den modernen Lehrplänen. Sie wurden zwar als Freiheit für die Schulen und Lehrer verkauft, bürden letzteren aber eine Menge Arbeit in der Konkretisierung auf. Die Bücher nehmen einem da viel Arbeit ab, auch wenn viele Fachinhalte eine gewisse Reihenfolge erzwingen. Meiner Meinung nach haben sich die Dezernate einen schlanken Fuß gemacht und die eigentliche Lehrplanarbeit den Lehrern in ihrer unbezahlten Freizeit überlassen.

          • ” Meiner Meinung nach haben sich die Dezernate einen schlanken Fuß gemacht und die eigentliche Lehrplanarbeit den Lehrern in ihrer unbezahlten Freizeit überlassen.”

            Japp.
            Und in Nds. müssen die Bücher alle 3-4 Jahre ersetzt werden und gerne werden sie dann in den Verlagen auch alle 3-4 Jahre verändert, sodass man immer wieder neu beginnen muss.

            Hinzu kommen Veränderungen des Lehrplanes, die nicht frühzeitig angekündigt werden, sondern nach Beginn des Schuljahres für das laufende Schuljahr bekanntgegeben werden, die die Bewertung vom Kopf auf die Füße und wieder zurück stellen.

          • Pälzer, Palim, xxx:

            Was ist denn von den Kompetenzen und der ganzen Kompetenzorientierung im Fach Mathematik zu halten? Das soll doch Auswirkungen haben, sonst ist es nutzlos. Daher auch die angepassten Schulbücher.

          • Die Kompetenzorientierung führte zu einer zunehmenden Verflachung des Niveaus (in NRW). Wenn ein Lehrer es nicht bewusst macht, kommt sogar der Leistungskurs ohne einen einzigen Beweis aus. Dazu kommt der grafikfähige Taschenrechner, der Mathematik in realistischeren Kontexten erlauben soll. Das stimmt schon, nur liefern weder Bücher noch Abituranforderungen Material für solche Aufgaben. Dazu kommen die Bedienungsprobleme gerade der schwachen Schüler, die von diesen Geräten am meisten profitieren sollen.

            Dass sich das Fach Mathematik gerade durch den fehlenden Kontextbezug auszeichnet, ist nicht in die KMK durchgedrungen. Warum auch, denn wenn die Mitglieder in der Schule gute Mathematiker gewesen wären, würden sie als Mathematiker irgendwo arbeiten.

          • Von der Kompetenzorientierung wird ja bei einer Umstellung von G8 auf G9 und zurück und bei den erneuten Curricula gar nicht umgestellt.

            Dies hat Auswirkungen auf den Unterricht, Niveauverflachung kann ich so nicht feststellen, wohl aber, dass den Lehrkräften eine Menge zusätzliche Arbeit auferlegt wird.

            M.E. sind die Inhalte verschoben, mit den neuen Plänen jetzt wiederum verändert worden. Dadurch muss man Inhalte des Unterrichts und der Klassenarbeiten umstellen, unabhängig davon, ob man ein anderes Buch zur Verfügung hat oder nicht.

            Mit der nächsten Buchausgabe kann man aber wiederum Änderungen einarbeiten. So stellt man ständig um, was m.E. unnötig Arbeitszeit kostet.

          • In der Grundschule ist das vielleicht nicht so extrem wie an den weiterführenden Schulen gewesen. Das Ziel ist ja nach wie vor Lesen, Schreiben und Rechnen, was man nur sehr begrenzt eindampfen kann. Bei Abitur und MSA hat man viel mehr Möglichkeiten, politische Ziele umzusetzen.

          • Ich finde es nicht günstig, wenn plötzlich 2 klassische Arbeiten gestrichen werden, viele Vorgaben hinzukommen und 4 weitere, völlig anders geartete Aufgaben zu zensieren sind.

            Und dann kommen so Fragen wie:
            Zirkel – ja oder nein? und ähnliches.

            Dazu der Gedanke, dass zwar die Grundschulpläne verändert wurden, nicht aber die Pläne der weiterführenden Schulen, sodass sie wiederholt nicht zusammenpassen.
            Und das Wissen darum, dass mit G8 etliche Aufgaben in der Grundschule gelandet sind, nun aber mit G9 nicht wieder gestrichen werden. Mein liebstes Beispiel: Perspektive und Orientierung in Plänen in Klasse 2 (z.B. Wegbeschreibung in Straßenplänen)

          • @Cavalieri: Kompetenzen??
            Ich möchte nicht darüber sprechen.

        • Den Unterricht gestaltet natürlich der Lehrer! Der entscheidet nämlich, wie er die in der Schule vorhandenen Bücher, die bei uns ausgeliehen werden, einsetzt. Man muss nicht stur nach Buch machen. Am besten ist es natürlich, wenn die Struktur des Buches ziemlich genau dem entspricht, wie der Lehrer zu arbeiten denkt. Die Schulen entscheiden bei uns, welche Bücher sie aus den zugelassenen Angebot anschaffen. Wir haben z.B. an unserer Schule Bücher, die die meisten Lehrer gut finden und auch verwenden. Wenn jemand anders arbeiten will, dann erreicht er seine Ziele eben mit anderen Mitteln, dann wird er Bücher nur ab und zu einsetzen. Es gibt Fächer, da arbeite ich nur ab und zu mit dem Buch und in anderen Fächern relativ genau (mit Abstrichen) nach Buch; da halte ich mich an die Einteilung, weil ich diese sinnvoll finde und ich keine bessere Alternative hätte.
          Bei neuen Büchern, die man nicht kennt, wird man erst einmal dem roten Faden des Buches folgen und bei der nächsten Klasse das anders machen, was sich nicht bewährt hat. In By haben wir einige Jahre immer dasselbe Buch pro Fach. Es gibt keinen jährlichen Wechsel, da wir Lernmittelfreiheit haben.
          Ich bin übrigens sehr froh um zielgerechte, gut gemachte Bücher. Das ist eine Arbeitserleichterung und Kopierersparnis.

          • Man kann also auch nach einer Umstellung von G8 auf G9 noch mit den Büchern weiterarbeiten.

          • Wenn ein Lehrplan umgestellt wird – das wird es auch beim G9 – braucht man in der Regel neue Schulbücher, auch in der Grundschule.

  2. Schüler der G9-Gymnasien nehmen künftig an den zentralen Prüfungen am Ende der Klasse 10 zum Erwerb des mittleren Schulabschlusses teil. Da beim Übergang auf weiterführende Schulen letztlich im Rahmen vorhandener Aufnahmekapazitäten der Elternwille entscheidet, ist damit nach der Abwicklung vieler Hauptschulen auch die Schulform “Realschule” in Frage gestellt. Somit werden die Gymnasien zu Gesamtschulen umfunktioniert.

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