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Fleischmann: „Inklusion muss im gesamten Bildungsverlauf verankert sein” – Gymnasien dürfen nicht außen vor bleiben

MÜNCHEN. Der Handlungsbedarf beim Thema Inklusion ist an den Schulen unverändert groß, auch in Bayern. Acht Jahre nach der Ratifizierung der UN-Konvention durch die Staatsregierung äußern sich noch immer viele Lehrkräfte kritisch über die schlechten Voraussetzungen, die sie an den Schulen vorfinden – betont der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). „Für viele zählt die Umsetzung der Inklusion nach wie vor zu den größten Belastungsfaktoren“, kritisiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Weil die meisten Regelschulen noch immer weder personell noch räumlich auf Kinder mit Förderbedarf vorbereitet sind, seien erhebliche Probleme im Schulalltag die Folge. Der Fokus der Inklusion sei darüber hinaus zu sehr auf Grund- und Mittelschulen gerichtet. Er müsse aber auch auf Realschulen und Gymnasien sowie auf die Ausbildung erweitert werden. Denn: „Die Teilhabechancen junger Menschen dürfen mit zunehmendem Alter nicht weniger werden.“

Kritisiert die Umsetzung der Inklusion in Bayern: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Foto: BLLV

Allein in Bayern gebe es derzeit rund 74.000 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. „Das sind 5.000 mehr als noch vor zehn Jahren“, erklärte Fleischmann. Etwas mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf werde in allgemeinbildenden Schulen inklusiv beschult, bundesweit sei es ein Drittel. Aufgrund steigender Schülerzahlen und Diagnosen sei in den kommenden zehn Jahren mit einem starken Anstieg der Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu rechnen.

„Inklusion ist also kein Thema, das heute aktuell ist und morgen nicht mehr.“ Es werde im Gegenteil eines der großen Themen der nächsten Jahre und Jahrzehnte werden. Das müsste auch bedeuten, dass bildungspolitisch alles dafür getan werde, um diese Herausforderung zu meistern. Doch ein kurzer Blick in die Schule genüge, um festzustellen, dass dort „echte Inklusion“ nicht stattfinde. „Es fehlt an Personal, Zeit und Geld.“

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Der Gedanke des inklusiven Unterrichts treffe zudem vor allem in Bayern auf eine stark separierende Schulstruktur: Sei in Kindertagesstätten das gemeinsame Spielen und Lernen noch am ehesten verbreitet – der Inklusionsanteil beträgt in Bayern knapp 42 Prozent (bundesweit 67 Prozent) , fällt dieser Anteil in den Grundschulen auf knapp 37 Prozent (bundesweit 47 Prozent) und in der Sekundarstufe I auf nur noch 23 Prozent (bundesweit 30 Prozent) ab. Besonders auffällig sei, dass Inklusion ab der Sekundarstufe hauptsächlich in den Mittelschulen stattfinde. „Das ist nicht akzeptabel“, kritisierte Fleischmann. Sie forderte daher, bei der Umsetzung der Inklusion auch einen Fokus auf die Schularten Realschule und Gymnasium und nicht zuletzt auch auf die Ausbildung zu richten. „Inklusion muss im gesamten Bildungsverlauf verankert sein.“

Fleischmann betonte erneut, dass der Wille und die Motivation der Lehrerinnen und Lehrer vorhanden seien. Das habe auch eine gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegebene Studie von diesem Jahr gezeigt. „Allerdings erleben viele, dass die Voraussetzungen für eine gelungene Umsetzung an den Schulen mangelhaft sind. Die meisten fühlen sich mit der Aufgabe allein gelassen.“

„Für viele Lehrkräfte wäre es schon hilfreich, wenn sie besser auf die Herausforderung vorbereitet wären“, so Fleischmann. Sie wünschten sich deutlich kleinere Inklusionsklassen, bessere Möglichkeiten für Teamteaching, für Kooperationen mit Sonderpädagogen und für die Entwicklung von Förderplänen. Dringend benötigt würden auch geeignete fachliche und sachliche Lehr- und Lernmittel sowie individuelle Fördermaßnahmen. „Diese Forderungen sind nicht neu“, sagte Fleischmann. Und das sei das Alarmierende – obwohl die Not seit Jahren groß ist und alle Beteiligten unter der Situation leiden, habe sich nichts getan. „Die Schulen bleiben mit den Problemen allein.“

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Nicht nur der BLLV, auch der Bayerische Elternverband (BEV) kritisiert die Stagnation der Inklusion in Bayern auf unbefriedigendem Niveau. Zwar würden Jahr für Jahr 100 zusätzliche Lehrerstellen für die Inklusion geschaffen, ihr Effekt verdampfe jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. “Die Schulen spüren kaum Verbesserungen”, sagt Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des BEV und Leiterin des Sachgebiets Inklusion, “Jahr für Jahr vermehren sich Schüler mit besonderem Förderbedarf an der allgemeinen Schule. Dass aber zugleich die Zahl der Schüler an Förderschulen nicht abnimmt, zeigt, dass Inklusion nicht da ankommt, wo sie eigentlich ankommen sollte: an der Förderschule.” Dies könne die angestiegene Inklusionsquote nicht in wirklich gutem Licht erscheinen lassen. Paede kritisiert, dass sich bisher weder das Ministerium noch der einst beauftragte wissenschaftliche Beirat ernsthaft damit auseinandergesetzt hätten.

Der Bayerische Elternverband hatte schon zu Beginn der Inklusion in Bayern gefordert, die Lehrkräfte an den allgemeinen Schulen mit pädagogischen Zweitkräften wie Erziehern, Sozialpädagogen oder Heilerziehungspflegern zu unterstützen. “Mit solchen Kräften könnte man den Lehrkräften viel von der bei Inklusionskindern notwendigen Erziehungsarbeit abnehmen und ihnen den Rücken für den Unterricht frei halten.” Auch sei blamabel, dass sich Kultusministerium und Sozialministerium immer noch nicht auf ein gemeinsames Modell zur Finanzierung der Inklusion hätten einigen können. N4t

13 Kommentare

  1. Besonders in Bayern ist die Inklusion an den Gymnasien besonders schwer umzusetzen. Zum Einen gibt es dort noch die Zugangsvoraussetzungen über Noten, zum Anderen sind die gymnasialen Anforderungen für geistig behinderte Schüler nicht leistbar. Es droht eine Klagewelle, wenn ein Schüler mit knapp nicht für das Gymnasium ausreichenden Grundschulnoten abgelehnt werden, aber gleichzeitig ein Inklusionsschüler nur aufgrund der attestierten Inklusion bei unzureichenden Noten auf das Gymnasium geht, wohlwissend, dass es dort keine Chance haben wird. Ich behaupte sogar, dass es spätestens ab Klasse 8 auch auf der Realschule für geistig behinderte Schüler schwierig wird, mitzukommen.

    Ich wiederhole meinen Standpunkt: Unabhängig von einer Behinderung soll jedes Kind die Schulform besuchen, auf der es am besten mitkommt. Das bezieht sich sowohl auf die Fachinhalte als auf die soziale Organisation der Schulform. Daraus folgt unmittelbar, dass die meisten sozial behinderten Schüler an einer Regelschule nicht klar kommen, geistig behinderte Schüler an Gymnasien oder sogar Realschulen nicht klar kommen. Rein körperlich behinderte Schüler benötigen im Prinzip keine Inklusion.

    • Die inklusive Beschulung bei zieldifferentem Status ist gar nicht darauf ausgerichtet, dass die Kinder im Regelunterricht mitkommen.
      Kinder mit Unterstützungsbedarf in Geistiger Entwicklung, die beispielsweise einen Entwicklungsstand eines 2 1/2 jährigen haben und nicht deutlich artikulieren können, kommen im Regelunterricht der Grundschule auch nicht mit, sondern benötigen andere Materialien, andere Aufgaben, andere Ansprache.

      • Genau das ist ja das Problem der Inklusion. Die anderen Materialien sind konzipierbar, wenn der Lehrer sein Privat- und Familienleben komplett aufgibt, weil ja im Zweifelsfall jeder Inklusionsschüler eigenes Material braucht. Die andere Ansprache funktioniert nicht mehr in vernünftiger Zeit ohne entweder die Regelschüler oder jeden anderen Inklusionsschüler zu ignorieren. Ich bin gespannt, wann sich die ersten Regelhauptschüler erfolgreich auf das Gymnasium klagen (mit ähnlich miserablen Leistungen), weil sie gerade noch nicht “dumm” genug sind, um als lernbehindert über die Inklusionsprogramme auf das Gymnasium gehen könnten.

        • “weil ja im Zweifelsfall jeder Inklusionsschüler eigenes Material braucht”
          Nicht nur im Zweifelsfall!

          Aber warum sollte man die Mehrbelastung der SuS und LuL nicht gleichmäßig verteilen?

          • weil auch dann alle schaden nehmen. der ist umso größer, je größer der Abstand zwischen inklusions- und Regelschüler ist. Naturgemäß ist der an Grundschulen kleiner als an weiterführenden Schulen, erst recht ab klasse 8. Wenn schon Inklusion, dann mit Förderklassen unter dem Dach einer Regelschule.

          • Man kann die Mehrbelastung auch vermeiden statt sie zu verteilen. Wer zwei Aufgaben statt einer zur gleichen Zeit erledigen soll, wird mehrbelastet. Wer drei oder vier oder 15 Aufgaben zugleich erledigen soll, wird noch viel mehr belastet.

    • @XXX: Wenn sie als körperbehindert Kinder im Rollstuhl ansehen, dann ja. Wie ist es mit denen, die an Geräten hängen?

      • hören, sehen, sprechen lässt sich mit Geräten organisieren. Für alles andere muss das Gebäude ausgerüstet sein und darf der schulbetrieb nicht unverhältnismäßig gestört werden.

        • “hören, sehen, sprechen lässt sich mit Geräten organisieren.”
          Wenn das immer alles so einfach wäre!

          • mikrofon, anschauen, langsam und deutlich sprechen. dabei setze ich voraus, dass der Schüler lippenlesen kann oder einen knopf im ohr oder eine schreibkraft neben sich sitzen o.ä. hat. schwierigere Fälle sind nicht inkludierbar, zumindest nicht ohne vertretbaren Aufwand und Einschränkungen für alle.

          • “mikrofon, anschauen, langsam und deutlich sprechen.”
            Hören selbst muss dabei aber nicht allein “technisch” oder möglich sein oder durch Geräte ersetzt werden, das Kind muss auch erlernt haben, den Sinn zu begreifen.
            Und genau DAS ersetzen die Geräte nicht, weshalb der Unterricht eben Förderung und anderes bieten muss … oder irgendjemand sonst innerhalb wie außerhalb der Schule, damit das Kind lernen kann.

            “dabei setze ich voraus, dass der Schüler lippenlesen kann oder einen knopf im ohr oder eine schreibkraft neben sich sitzen o.ä. hat. ”
            Das ist ein Wunsch und wer wirkliche Inklusion haben möchte, sollte, das sehe auch ich so, entsprechende Bedingungen herstellen.

  2. Ich habe ein SEL Schüler mit Hochintelligenz. Das Gymnasium wollte ihn nicht aufnehmen, obwohl er doch mehr kognitiv kann als andere seines Jahrgangs. Verwunderlich.

    • Es geht ja um Kompatibilität des Schülers mit dem Schulsystem und umgekehrt. Ich vermute, dass der Schüler eine stark ausgeprägte Form von Autismus hat und deshalb dauerhafte Einzelbetreuung ohne Lehrer-, Raumwechsel und Lerngruppenwechsel benötigt. Das ist an einem öffentlichen Gymnasium nicht möglich.

      (Ich gebe aber zu, dass eine gesunde Portion Asperger-Autismus in jedem Menschen die Gesellschaft verbessern würde, weil dieser das logisch-abstrakte Denken fördert. Zu viel ist aber kontraproduktiv, weil eine Gesellschaft nur mit Dr. Sheldon Coopers zusammenbrechen würde.)

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