Schüler mit Sandwesten ruhigstellen? Philologenverband nennt Hamburger Idee zur Inklusion „schockierend“

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MAINZ. „Es ist schockierend, was im Namen der Inklusion in Deutschland passiert! Sind wir mittlerweile so weit, dass wir Inklusion auf Biegen und Brechen durchziehen müssen, dass wir Zappelphilippe lieber zurechtstutzen, indem wir ihnen zwei bis fünf Kilogramm schwere Sandwesten anziehen, als sie auf spezialisierte Förderschulen zu schicken, die die Kinder tatsächlich so annehmen können, wie sie sind?“, fragt die Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, Cornelia Schwartz, angesichts eines Berichts auf News4teachers. „Genial – oder pädagogischer Unfug? Hamburger Schulen nutzen Sandwesten für unruhige Kinder“, so hatten wir die Geschichte betitelt.

Solche "Sandwesten" und Zubehör werden im Internet angeboten. Screenshot
Solche “Sandwesten” und Zubehör werden im Internet angeboten. Screenshot

Unruhige Kinder tragen an einigen Hamburger Schulen im Unterricht zeitweise bis zu fünf Kilo schwere Sandwesten. Das sei freiwillig und erfolge nur in Absprache mit den Eltern, teilte die Hamburger Schulbehörde mit. Von 56 Grund- und Stadtteilschulen mit Schwerpunkt Inklusion setzen den Angaben zufolge 13 die therapeutischen Hilfsmittel ein, um Kinder ruhiger werden zu lassen.  Die Behörde räumte ein, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe, dass die Westen allgemein bei Kindern eine Steigerung der Konzentration oder Verminderung körperlicher Unruhe bewirken. Trotzdem begrüße sie den Ansatz, in Einzelfällen diesen Weg zu wählen, wenn einzelne Schüler positiv reagierten, hieß es.

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„Es ist der verzweifelte Versuch von Regelschulen, noch irgendwie Ordnung ins Chaos zu bringen. Dabei haben wir in Deutschland mit unserem vielgliedrigen Schulsystem doch wirklich genügend Möglichkeiten, ohne zu solchen Methoden greifen zu müssen“, so meint nun die Philologen-Landesvorsitzende Schwartz. „Warum nicht die vorhandenen Strukturen nutzen: Materiell gut ausgestattete Förderschulen mit speziell dafür ausgebildetem Personal können Kindern mit besonderen Bedürfnissen gerecht werden: Übermäßiger Bewegungsdrang darf hier ausgelebt und muss nicht unterdrückt werden.“

Der Philologenverband Rheinland-Pfalz sei bestürzt über den Einsatz der Sandwesten. Zwar dürften die Westen laut Anweisung nicht länger als dreißig Minuten getragen werden, und Lehrkräfte berichteten von einem „regelrechten Andrang“ seitens der Kinder. Damit scheinen den Philologen allerdings zum Beispiel gesundheitliche Folgen wie Haltungsschäden und Verformung der Wirbelsäule noch lange nicht ausgeschlossen, und es bleibe die Frage, ob nicht doch das ein oder andere Kind das Tragen der Sandweste als demütigend und stigmatisierend empfindet. Das reiche. Der Philologenverband Rheinland-Pfalz fordert den sofortigen Stopp des Versuchs. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zu dem ursprünglichen Bericht.

 

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4 KOMMENTARE

  1. Die gute Frau Schwartz redet immer von “wir”. Wer ist denn “wir”? Sie wird ja wohl wissen, wer heutzutage über den Schulbesuch/Förderort entscheidet, das sind die Eltern!!! Dann soll sie das auch so benennen und nicht um den heißen Brei herumreden!

  2. Philologenverband: Sind die mittlerweile allwissend?????? Haben Gymnasien nicht genug mit dem eigenen Besen zu kehren????
    Mir ist es gerade peinlich, mit meinem Sek II Abschluss an einer Sek I unterrichtend, evtl. in Verdacht zu geraten, ich würde auch zu so einem Verband gehören.
    Da krieg ich gerade Gänsehaut……..

  3. ZITAT: “„Es ist der verzweifelte Versuch von Regelschulen, noch irgendwie Ordnung ins Chaos zu bringen…”

    Das ist zumindest mal ein Eingeständnis, dass es dieses Chaos gibt.

    Und nun sollte man überlegen, wie man das beseitigen kann (damit der Lehrerberuf wieder attraktiver wird und die Kinder auch wieder was lernen können, was in dem Chaos nämlich oft gar nicht möglich ist!).

    • Das von Ihnen aufgegriffene Zitat ist eine Unterstellung des Philologenverbandes, dass den Grundschullehrkräften keine anderen Maßnahmen einfielen, als diese Weste.
      Auch die Wortwahl, dass Zappelphilippe zurechtgestutzt und ruhige gestellt würden, ist bezeichnend.

      In der Regel sind es doch Eltern und Therapeuten, die solche Maßnahmen vorschlagen und sich davon Besserung versprechen. Einen Versuch ist es allemal wert, bevor ich zu anderen Maßnahmen greifen muss.

      Wenn die Philologin dann darauf verweist, dass es materiell gut ausgestattete Förderschulen mit spezial dafür ausgebildetem Personal gäbe, muss man wieder feststellen, das dies die Realität nicht abbildet: Die vorhandenen FöS-Lehrkräfte hätten auch für eine Versorgung in den FöS nicht ausgreicht und von einer flächendeckenden Versorung mit ESE-Schulen kann überhaupt nicht die Rede sein. Die gab es auch vor der Inklusion nicht.
      Zudem: übermäßiger Bewegungsdrang wird auch an Förderschulen nicht hemmungslos ausgelebt.

      Zugegeben. Die Bedingungen für Inklusion sind erbärmlich. Da muss sich dringend und vor allem schnell etwas ändern.
      Dann aber als rheinlandpfälzischer Philologenverband Einzelmaßnahmen an Hamburger Grundschulen zu nutzen, um die Bemühungen um diese SuS in Abrede zu stellen, ein differenziertes Schulsystem einzufordern und eigene Interessen zu stellen, ist schon reichlich verquer.

      Schickt doch ein paar Philologen als Abordnung in die Hamburger Grundschulen, damit diese die Personaldecke verstärken!

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