Studie: Fast jede 4. Schulform-Empfehlung ist falsch – Forscher fordern unabhängigen Pflicht-Test für Viertklässler

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DÜSSELDORF. Kinder aus bildungsfernen Familien schaffen es seltener aufs Gymnasium als Schüler aus Akademikerhaushalten. Eine Studie zeigt, dass für Viertklässler oft nicht die passende Schulform empfohlen wird. Fazit: Potenziale werden verschwendet.

Welche Schulform ist die richtige? Foto: Shutterstock

Experten haben einen verpflichtenden Test für Viertklässler in Nordrhein-Westfalen gefordert, um Empfehlungen für die weiterführenden Schulen treffender und gerechter zu machen. Selbst bei gleichen Fähigkeiten und Noten erhielten Grundschüler aus bildungsfernen Familien viel seltener eine Empfehlung für das Gymnasium als Kinder von Eltern mit Abitur. Das sagte Ricarda Steinmayr in Düsseldorf bei der Vorstellung einer Studie der Uni Dortmund mit 837 Viertklässlern und 1092 Neuntklässlern.

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Um das Potenzial der Kinder exakter einschätzen zu können und zugleich mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen, solle ein landesweiter objektiver Lese- und Mathe-Kompetenztest in der vierten Klasse eingeführt werden, empfahl Studienleiterin Steinmayr.

Bei den Übergängen nach der Grundschule würden oft versteckte Potenziale nicht entdeckt und so verschenkt, betonte Oliver Döhrmann von der Stiftung Mercator. Ziel müsse sein, für jedes Kind die optimale Schulform zu finden.

Das ist den Angaben zufolge bislang noch längst nicht erreicht. Die Studie habe gezeigt, dass Grundschülern in mehr als 20 Prozent der Fälle nach einem Lese- und Mathe-Kompetenztest eine andere Schulform empfohlen wurde als es nach der bisher «notenbasierten Strategie» der Fall war. Unter den Viertklässlern aus bildungsfernen Familien würden demnach 12 Prozent nun doch eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Und ebenso würden 12 Prozent der getesteten Grundschüler aus Familien mit hohen Abschlüssen keine Gymnasialempfehlung mehr erhalten.

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Der Elternverein NRW würde einen verpflichtenden Test für Viertklässler begrüßen. «Es ist wichtig, dass objektiv festgestellt werden kann, ob ein Kind für ein Gymnasium geeignet ist», sagte die Vorsitzende Andrea Heck. Das Niveau an den Grundschulen sei sehr unterschiedlich. Deshalb könne ein solcher Test sowohl für Kinder und deren Eltern als auch für die Lehrer der Grund- und weiterführenden Schulen Sicherheit bringen.

Weiteres Ergebnis der Studie: 14 Prozent der getesteten Schüler mit Hauptschulempfehlung verfügten über ein überdurchschnittliches oder sogar weit überdurchschnittliches kognitives Potenzial. Bei Kindern mit Realschulempfehlung traf das auf 23 Prozent zu.

Soziale Ungleichheiten habe die Untersuchung auch bei Jugendlichen der neunten Klassen zutage gefördert. Erstmals habe sich gezeigt, dass auch bei gleichen Leistungen, Noten und Potenzial Neuntklässler aus bildungsfernen Elternhäusern seltener einen späteren Wechsel in die gymnasiale Oberstufe planen als Altergenossen, deren Eltern über ein Abitur verfügen.

Um Schülern keine Karrierechancen zu verwehren und begabte Schüler aus bildungsschwachen Familien nicht durchs Raster fallen zu lassen, sei das Instrument eines Standard-Kompetenztests sinnvoll, betonte Steinmayr. Bisher dominierten die Noten der Schüler zu stark bei der Empfehlung der Lehrer, sagte Döhrmann. Noten bildeten aber nicht immer das tatsächliche kognitive Potenzial der Kinder ab. Im dritten Schuljahr gebe es zwar Lernstandserhebungen vor allem zur Lesefähigkeit. Die Ergebnisse dürften aber laut Schulministerium nicht in die Übergangsempfehlungen einfließen, bemängelte er.

Einen Test nun zum alleinigen Kriterium für die Schulformempfehlung zu machen – und das Elternwahlrecht abzuschaffen –, so weit möchten die Forscher allerdings nicht gehen. Die Testergebnisse beruhen nur auf einer einmaligen Messung. Somit ist  nicht auszuschließen, dass die Kinder nur aufgrund verschiedener Ursachen wie Müdigkeit,  Unlust oder Unwohlsein schlechter  abgeschnitten haben und die Ergebnisse nicht das tatsächliche Potenzial der Kinder abbilden“, so heißt es. „Die Testergebnisse sollten aber im Beratungsgespräch mit den Eltern besprochen und thematisiert werden.“ Keine Diagnostik könne Fehlentscheidungen ausschließen. Deshalb „sollten Eltern darüber hinaus auch  unabhängig von der Übergangsempfehlung weiterhin ihre Kinder an einer Schulform ihrer Wahl anmelden können. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Eltern,  die  diesen Schritt gehen,  in  den überwiegenden Fällen richtig liegen und ihre Kinder an der höheren Schulform erfolgreich sind.“ N4t / mit Material der dpa

Hier geht es zu einer Zusammenfassung der Studie.

 

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14 KOMMENTARE

  1. Verstehe ich nicht!

    1. Behauptung, die ich nicht verstehe:
    “Im dritten Schuljahr gebe es zwar Lernstandserhebungen vor allem zur Lesefähigkeit.”
    VERA Deutsch-Lesen, VERA Deutsch-Schreiben, VERA-Mathe
    … “vor allem zur Lesefähigkeit”? und WOHER kommen diese Tests?
    Warum wird behauptet, es gäbe “vor allem zur Lesefähigkeit” Tests, wenn es doch 3 verschiedene VERA gibt?
    Warum müssen diese VERA durchgeführt und von Lehrkräften nach genauer Anleitung ausgewertet werden, wenn diese nicht aussagekräftig sind … und als Konsequenz werden weitere Tests gefordert?

    2. Behauptung, die ich nicht verstehe:
    “Bisher dominierten die Noten der Schüler zu stark bei der Empfehlung der Lehrer, sagte Döhrmann. Noten bildeten aber nicht immer das tatsächliche kognitive Potenzial der Kinder ab.”
    Man kritisiert, dass Noten die Empfehlung dominieren und dass Noten das tatsächliche kognitive Potenzial nicht abbilden würden … und fordert im selben Beitrag einen allgemeinen Test … der genau WAS abfragen soll?

    Die Einschätzung der Grundschullehrkräfte, die die Kinder 4 Jahre lang täglich unterrichten, beobachten, erziehen, ermuntern, begleiten, beraten …, sind zu 3/4 richtig, aber dennoch nicht aussagekräftig genug, da zu viele Kinder die falsche Schulform besuchen?
    Zu viele SuS mit bildungsfernem Hintergrund wählen nach der 9. Klasse keinen weiteren Weg zum Abitur… und das ist eine Begründung, weshalb die Grundschulempfehlung 5 Jahre zuvor falsch gewesen ist?
    Ein Test soll die Entscheidung objektivieren, die aber gar nicht von den Grundschullehrkräften, sondern von den Eltern getroffen wird (… und zu wie viel Prozent von den Empfehlungen der Lehrkräfte abweicht?)

    Verstehe ich nicht. Ganz ehrlich: Will ich auch gar nicht verstehen.
    Aber wenn irgendjemand irgendeinen Test in der Grundschule haben möchte, dann kann er oder sie das Personal stellen, dass den Test ausarbeitet, durchführt, auswertet, die Rückmeldungen formuliert, diese verteilt UND die Elterngespräche führt sowie protokolliert und wiederum auswertet. Grundschullehrkräfte können dies ja offenbar 4 Jahre lang nicht richtig durchführen und sollten für diese Aufgabe nicht eingesetzt werden.

    • Ich stimme Ihnen voll zu!
      Und wenn irgendjemand so einen “wundervollen” Test entwickelt und durchführt, sollte er sich auch gleich darauf einstellen, dass jedes Jahr die zahlreichen “Löwenmütter” über ihn herfallen und mit ausgefahren Krallen durchsetzen wollen, dass ihr Wunderkind trotz Test ausschließlich aufs Gymnasium gehört.
      Wir Grundschullehrer dagegen hätten ein Problem weniger. (Ich kenne keinen einzigen Grundschullehrer, der sich um die Schulformempfehlung nicht unzählige Tage und Nächte Gedanken macht und immer und immer wieder aufs Neue überlegt, was das Beste für das einzelne Kind ist.)

  2. Was ich grundsätzlich nie verstehe, ist diese Aussage:
    “Selbst bei gleichen Fähigkeiten und Noten erhielten Grundschüler aus bildungsfernen Familien viel seltener eine Empfehlung für das Gymnasium als Kinder von Eltern mit Abitur.”
    Mir sind die Berufe der Eltern überhaupt nicht bekannt, die stehen schon seit x- Jahren auf keinem Schülerbogen mehr. Ich kann aufgrund der Gespräche mit den Eltern nur vermuten, wenn ich wollte (doch das ist mir einerlei), wer eine bildungsferne und bildungsnahe Einstellung hat. Außerdem ist mir das in Bezug auf die weiterführenden Schulen egal. Ich mache meine Empfehlung – die in Bayern sich zugegebenermaßen an Noten festmacht – von den Leistungen abhängig und ich vergebe auch keine Noten nach gefühlter Bildungsferne und Bildungsnähe.
    Ich verstehe einfach nicht, warum das ständig den Lehrern vorgeworfen wird. Ich glaube es nicht, ich glaube eher, das will man aus irgendwelchen Gründen offiziell gerne so sehen.

      • Beim heutigen Abiturniveau kann man leider fast davon ausgehen …

        Perspektivisch werden mindestens 50% Abitur pro Jahrgang angestrebt, wenn maximal 30% sinnvoll wären — die aber auf einem studienvorbereitenden Niveau unterrichtet werden. Das ist heutzutage leier nicht mehr möglich — auch nicht in Leistungskursen und erst recht nicht im MINT-Bereich.

    • Irgendwo habe ich gelesen, dass von 100 Arbeiterkindern, die eine Gymnasialempfehlung bekommen, dann nur etwa 50 tatsächlich aufs Gymnasium geschickt werden. Auch das muss berücksichtigt werden. Dafür kann die Schule nichts. Das ist aber das Problem: Die Eltern sind allmächtig und herrschen über ihre Kinder.

      • die elternentscheidung zur wahl der weiterführenden schule hat uns in hamburg gewissermaßen entlastet hinsichtlich der verantwortungsübernahme einer im nachhinein sich als ungeignet herausstellenden schulempfehlung:

        den letzten satz “eltern können ihr kind besser einschätzen und haben daher eine erfolgreichere trefferquote bei der schulwahl” halte ich allerdings für realsatire, die sich dann leider direkt am kind rächt.

  3. Man beachte auch, dass ein Rechtschreib-Test nicht verlangt wird …

    Mal angenommen, dieser Test käme tatsächlich. Wenn der ähnlich konzipiert wird wie die ZAPs, das Zentralabitur usw., dann wird der Anteil Gymnasiasten noch weiter steigen, weil diese ganzen zentralen Prüfungen allesamt einfacher sind als die normale Klassenarbeit eines Fachlehrers in der Klasse.

    Da diese Tests wahrscheinlich genauso verbindlich sein werden wie derzeit die Noten, dann machen sie den Grundschullehrern mehr Korrekturarbeit, den Kindern mehr Druck und den (insbesondere) Gymnasiallehrern mehr Überzeugungsarbeit, das Kind doch bitte schleunigst runter zu nehmen.

    Fazit: Nutzlose Mehrarbeit ohne Bezahlung.

  4. “… sei das Instrument eines Standard-Kompetenztests sinnvoll, betonte Steinmayr.”

    Bevor das aber eingeführt wird, sollten sich möglichst viele Leute diese schrecklichen standardisierten Kompetenztests genauer ansehen. Sogar an VerA 3 gab es herbe Kritik. Da wird weniger getestet, ob jemand rechnen kann, sondern ob er mit den kompetenzorientierten und textlastigen Aufgabenformaten klarkommt. Und das ist ein Unterschied.

  5. So einen Test fände ich nicht schlecht, ähnlich wie es (früher?) Tests gab, ob ein Kind eingeschult werden kann oder noch nicht.

    Vermutlich wird dann aber das schlechte Abschneiden bei solchen Tests dann den jeweiligen Lehrern angelastet. Dann werden die “gute Lehrer” sein, die hohe Bestehensquoten haben und dann werden viele die Kinder nur noch auf diese Tests vorbereiten.

    Hat dann also wohl doch auch keinen Sinn. Also sollen es die Eltern alleine entscheiden und wer das Gymnasium nicht packt, muss wieder gehen. Oder noch einfacher: die Einheitsschule, ohne Trennung der Kinder.

  6. Wäre mal interessant zu sehen, was für ein Blödsinn dann in den Tests abgefragt würde. Vielleicht würde es den Eltern auch leichter fallen, die richtige Entscheidung zu treffen, wenn sie die Rechtschreibung ihrer Kinder besser einschätzen könnten. Es dürfte doch nicht so schwer sein, ein zentrales Diktat in der dritten Klassen schreiben zu lassen, wodurch die Rechtschreibkompetenz landesweit und einheitlich erhoben wird. Die Eltern könnten dann selbst sehen, in welchem Bereich sich ihr Kind wiederfindet.
    Das soll nicht bindend sein, aber es könnte denen helfen, die hier bildungsfern genannt und vom System benachteiligt werden, ihr Kind bei schlechter Empfehlung trotz guter Leistung auf die angemessene Schulform zu schicken.

    • tritt schlechtere Empfehlung im Vergleich zur Leistung tatsächlich so oft auf? Ich meine Leistung, nicht bei geeignetem Lernverhalten und Umfeld theoretisch abrufbare Leistung.

      Die Umkehrung, also bessere Empfehlung in Relation zur gezeigten Leistung kann ich mir schon eher vorstellen, schon um weniger Stress mit den Löwen im Helikopter mit Anwalt willen.

      Das oben genannte vergleichsweise umfangreiche Diktat und ein wirklich langer Rechentest (Kopf und schriftlich) dürfte mehr Klarheit bringen. Das alles muss so umfangreich sein, dass nur Ausnahmeschüler damit fertig werden und nicht der Durchschnitt. Die Gymnasialempfehlung gibt es dann z. b. bei 70% wirklich bearbeitet, wovon 80% richtig is Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Frustrationstoleranz sind wichtige Kompetenzen, die aber durch die Vergleichsarbeiten nie geprüft werden.

      Ich gebe dann aber zu, dass bei einem bundesweit einheitlichen Verfahren die Stadtstaaten, das Ruhrgebiet u. ä. nahezu alle Gymnasien werden schließen können…

  7. Der Gedanke, dass so ein Test Ungerechtigkeiten auf Grund sozialer Herkunft beseitigen würde, ist ja geradezu grotesk!

    Was wird denn passieren? Es werden spezialisierte “Institute” wie Pilze aus dem Boden wachsen, die Kinder von Eltern, die es sich leisten können und wollen, über Monate auf den Test vorbereiten.

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