Wie sich die Lage beruhigen lässt: Lehrerinnen berichten von ihrem alltäglichen Kampf mit “Löwenmüttern” (Teil 2)

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DÜSSELDORF. Sechs Grundschullehrerinnen aus Nordrhein-Westfalen haben anonym ihre Alltagserfahrungen mit stets kampfbereiten “Löwenmüttern” mit uns geteilt. Hier ist Teil zwei des Berichts, der anschaulich macht: Lehrkräften wird von Elternseite immer mehr zugemutet. Allerdings wird auch deutlich: Die positiven Erlebnisse überwiegen nach wie vor. 

Hier geht es zu Teil eins des Beitrags.

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Der Bericht ist zunächst in der Zeitschrift “Grundschule” erschienen.

Eine mögliche Deeskalationsstrategie: „Kritik darf nicht wie ein Vorwurf klingen". Foto: norro / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.5)
Eine mögliche Deeskalationsstrategie: „Kritik darf nicht wie ein Vorwurf klingen”. Foto: norro / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.5)

Falsche Aussagen eines Schülers führten auch bei Verena S. zu einer unangenehmen Begegnung mit der Mutter. Diese sei eines Morgens nach Unterrichtsbeginn in den Klassenraum gestürmt und habe ihr „völlig unbegründet Vorwürfe“ gemacht. „Ich fühlte mich komplett überfahren und zu Unrecht angegriffen und habe erst einmal versucht, die Situation zu deeskalieren.“ Kurz darauf beim Elternsprechtag begegnete sie der Mutter erneut. „Am Schluss habe ich ihr gegenüber dann ganz deutlich geäußert, dass sie bei Problemen um ein Telefonat oder persönliches Gespräch bitten kann und es sich nicht gehört, mich mitten im Unterricht so zu überfahren.“

Zudem berichtigte Verena S. die ursprünglichen Aussagen des Kindes. „Das war ihr dann doch unangenehm.“ Allerdings habe es sie nicht daran gehindert, beim nächsten Elternabend erneut „unbegründete und wenig nachvollziehbare Anschuldigungen“ zu äußern – dieses Mal vor den versammelten Eltern. Diese hätten sich aber nicht mit der Kritikerin, sondern mit Verena S. solidarisch gezeigt. „So etwas ist vielleicht wirksamer.“

 

Die Zeitschrift 'Grundschule'

Der Beitrag ist der Ausgabe 3/2017 der “Grundschule” entnommen – Titel des Heftes: “Zielscheibe Lehrkraft. Wie Schüler und Eltern mit ihrem Verhalten Lehrkräften zusetzen und wie Sie sich dagegen wappnen können ”.

Hier lässt sich die Zeitschrift bestellen oder einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig). 

Kinder, die andere beleidigen, sich aggressiv verhalten, und Eltern, die sich beschweren, weil sie etwa mit den Noten des Nachwuchses nicht einverstanden sind – für Lehrkräfte gehören solche Situationen beinahe schon zur Stellenbeschreibung. Lehrervertreter sehen in der Verrohung des Umgangs eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich in den Schulen wiederspiegelt. Sie warnen: Ein primitiverer Umgangston senke die Hemmschwelle – sowohl für verbale als auch für physische Übergriffe. Dieser Problemlage widmet sich die Ausgabe der “Grundschule”. Sie beschäftigt sich unter anderem mit den Erfahrungen, die Lehrer mit solchen Situationen im Schulalltag gemacht haben, welche Folgen Gewalterfahrungen haben können und welche Unterstützungs- sowie Präventionsmöglichkeiten Lehrkräften zur Verfügung stehen.

 

An eine ebenfalls äußerst unangenehme Elternbegegnung erinnert sich auch Laura K.: Nachdem sie einem ihrer Schüler statt einer 2 eine 3 auf dem Zeugnis gegeben hatte, habe sie der Vater des Jungen massiv verbal angegriffen – „mit böswilligen, nicht mehr sachlichen Beschimpfungen“. Sie hat den Vater schimpfen lassen, aber „an bestimmten Stellen, an denen er unsachlich, geradezu persönlich wurde, habe ich ihn in seine Schranken verwiesen. Ich schilderte dann meinen Eindruck, dass offensichtlich keine beidseitige Gesprächsbereitschaft vorliegt, sondern sein Bild von mir längst gefestigt ist.“

Obwohl der Vater kein Interesse an irgendwelchen Erklärungen gezeigt habe, wie die Note zustande gekommen war, beendete Laura K. das Gespräch nicht. Sie versuchte stattdessen herauszubekommen, was den Ärger des Vaters tatsächlich ausgelöst hatte – mit Erfolg. „Es stellte sich heraus, dass es nicht nur um die Zeugnisnote ging, sondern vor allem um nicht transparente Rückmeldung meinerseits ans Elternhaus. Das konnte ich wiederum nachvollziehen und habe dies auch signalisiert.“ Auf diese Weise habe sie das Gespräch zu einem halbwegs vernünftigen Abschluss führen können und dabei auch ihren Grundsatz durchgehalten: „Sich gewillt zeigen, ein gutes Verhältnis aufzubauen, wenn man den Eindruck hat, dass es das wert ist.“ Sollte das mal nicht möglich sein, helfe nur noch: ignorieren. „In manchen Fällen ist Hopfen und Malz verloren und es kostet zu viel Energie. Dann sollte man sich selbst schützen.“

Gesprächsstrategien

Das Eskalationspotenzial von Elterngesprächen hat die Grundschullehrerinnen Gesprächsstrategien entwickeln lassen, mit denen sie auch Kritik am Kind vermitteln können, ohne dass sich die Eltern direkt angegriffen fühlen. Gute Erfahrungen haben Laura K. und Annika W. gemacht, wenn sie die Eltern erkennen lassen, dass es ihre gemeinsame Aufgabe ist, die Situation zum Wohle des Kindes zu verändern. „Kritik darf nicht wie ein Vorwurf klingen, da ist die Wortwahl entscheidend und der Ton“, sagt Annika W. bestimmt.

Deshalb nutze sie auch „Ich-Botschaften“, um neben ihrer eigenen Sicht auf die Situation Raum für die Darstellung der Eltern zu lassen. Zusätzlich vermische sie, wie auch Regina G., Lob und Kritik, um darzustellen, dass sie durchaus auch die guten Seiten des Schülers kennt und seine Fortschritte in anderen Bereichen wahrnimmt. Hilfreich sei es auch, wenn trotz aller Probleme ein gutes Verhältnis zum Schüler bestehe. „Dann können Eltern Kritik besser vertragen, weil sie nicht den Eindruck haben, dass ich persönlich etwas gegen ihren Sohn habe.“ Darüber hinaus sollten Lehrer den Eltern Wertschätzung entgegenbringen, so Regina G. und Renate B., Verena S. empfiehlt: sachlich bleiben „und auf bestimmte Dinge gar nicht reagieren“. In verfahrenen Situationen sollten sich aus Sicht von Annika W. und Verena S. Lehrkräfte zudem nicht scheuen, einen Mediator einzubeziehen, der zwischen beiden Parteien vermittelt.

Trotz aller Schwierigkeiten, von denen die befragten Grundschullehrerinnen erzählen, zeigen ihre Berichte eine Tendenz ganz eindeutig: In der Regel unterhalten sie ein gutes Verhältnis zu den Eltern ihrer Schüler. Mit den meisten Müttern und Vätern können sie gut zusammenarbeiten und erhalten von ihnen auch Unterstützung, etwa bei Projekten oder Klassenfesten, wie Regina G.: „Grundsätzlich habe ich ein sehr positives, vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern. Sie sind mir gegenüber offen. Häufig erzählen sie auch von ihren eigenen Sorgen und Nöten. Sie nehmen Hilfen und Ratschläge an, geben positive Rückmeldungen und zeigen sich aufrichtig dankbar für meine Arbeit.“

Die negativen Erlebnisse scheinen vor diesem Hintergrund immer noch eher die Ausnahmen zu sein. Doch in ihrer Intensität heben sie sich teilweise deutlich von der Norm ab. Anna Hückelheim, Redakteurin der Agentur für Bildungsjournalismus

Hier lässt sich die Ausgabe 3/2017 der Zeitschrift “Grundschule” bestellen oder einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig). 

“Sie fordern immer mehr”: Lehrerinnen berichten von ihrem alltäglichen Kampf mit “Löwenmüttern”

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4 KOMMENTARE

  1. Wenn bei mir eine pöbelnde Mutter in den Unterricht stürmen würde, würde man meine Stategie sicher nicht als “deeskalierend” bezeichnen.

    Und “böswillige, nicht mehr sachlichen Beschimpfungen” regelt mein Anwalt ggf. mit einer Unterlassungsklage, da bin ich ziemlich humorlos.

    Ich kann mit Kindern und Jugendlichen leben, die sich nicht korrekt verhalten, das ist mein Job, aber die Eltern will ich nicht mehr erziehen.

    • @küstenfuchs

      empfehle den dienst als fach-statt klassenlehrerin, da erstere primär “nur” die brut, zweite hingegen zusätzlich an elternabenden die gelegentlich pöbelnde zusatzklasse der elternschaft an den hacken hat – aber effektiver bruteinfluss wirkt in der regel nur mit unterstützung der erziehungsberechtigten….haben wir da also überhaupt sowas wie eine wahl, wen wir erziehen wollen?

      • Ja, genau die haben wir. Es geht ja nur um Einzelfälle. Wenn man seinen Job brauchbar macht, hat man auf Elternabenden meist wenig zu befürchten und wenn mal einer (mit unqualifizierten und unangebrachten Beiträgen) aufmuckt, bekomm ich den schnell mundtot, weil er in aller Regel keine Unterstützung findet.

        Ansonsten würde ich einfach gehen (solange ich nicht der Klassenlehrer bin) bzw. Telefonate/Gespräche einfach abbrechen bzw. habe das auch schon (allerdings erst einmal in 20 Jahren) getan.

        Das bedeutet nicht, dass ich keine konstruktive Diskussion führen und Dinge genau erläutern will. Aber die Form muss gewahrt bleiben!

        • ….und als die Form einmal nicht gewahrt wurde, habe ich (gerade weil. !!!! ich Klassenlehrerin bin) höflich den Elternabend beendet und die Herrschaften nach Hause gebeten.Die positive Resonanz der anderen Eltern war anschließend sehr ermutigend, sich nicht “unerzogen” und ohne ein Mindestmaß an Manieren auf der Nase herumtanzen zu lassen. Nur Mut- es gibt keinen Grund mit gesenktem Haupt durch die Gänge zu schleichen.

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