Rechtschreibverfall? “Nicht belegt” – Verband fordert sachlichere Debatte um freies Schreiben

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BERLIN. Der Philologenverband möchte sie Grundschullehrern sogar verbieten lassen: Wohl keine Methode ist so umstritten wie „Lesen durch Schreiben“ beziehungsweise „Schreiben wie Hören“, die auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen zurückgeht. Prof. Dr. Erika Brinkmann, stellvertretende Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes, erklärt im Interview, warum die Aufregung über die Didaktik und eine angeblich darauf zurückzuführende Rechtschreib-Katastrophe überzogen ist. Das Thema wird auf der weltweit größten Bildungsmesse, der “didacta” in Hannover (20. bis 24. Februar), heiß diskutiert.

Hier geht es zum “Teacher’s Guide” auf News4teachers zur “didacta”.

Seit 2011 ist Erika Brinkmann Landesvorsitzende des Grundschulverbands in Baden-Württemberg und seit 2014 stellvertretende Bundesvorsitzende. Foto: didacta
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Frau Prof. Brinkmann, Wissenschaftler haben in diversen Studien die Rechtschreibleistungen unterschiedlicher Jahrgänge zwischen 1972 und 2016 verglichen. Mit dem Ergebnis, dass die Fehlerquote steigt. Laufen Kinder in Deutschland Gefahr, zu Rechtschreibanarchisten zu werden?

Brinkmann: Für die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz zwischen 1945 und 2000 gibt es generell keine klaren Belege, sondern nur widersprüchliche Befunde – je nach Altersgruppe, Stichprobe, Aufgabe usw.. Das ist nicht verwunderlich, da es aus dieser Zeit keine – den heutigen Ansprüchen genügenden – repräsentativen und methodisch verlässlichen Studien gibt. Für die Zeit nach 2000 zeigt sich eine leichte Verbesserung der Rechtschreibung an den Grundschulen. Und der IQB-Ländertrend 2015 hat in 9. Klassen entgegen dem Mediengetöse in der durchschnittlichen Rechtschreibkompetenz über alle Bundesländer hinweg keine signifikanten Unterschiede zwischen den Jahren 2009 und 2015 festgestellt, während aktuell der IQB-Grundschultrend von einer leichten Verschlechterung berichtet. Die Untersuchungen ergeben ein sehr uneinheitliches Bild, das aber keinen generellen Rechtschreibverfall belegt. Trotzdem möchte ich festhalten, dass es in Deutschland nach wie vor zu viele Kinder gibt, die über eine für unsere Gesellschaft nur unzureichende Schriftkompetenz verfügen. Da gibt es auch in den Grundschulen noch viel zu tun!

Die Schulkultur spielt laut Steinig eine große Rolle dabei, wie viel Wert auf Rechtschreibung gelegt wird. Foto: Shutterstock
Führt eine falsche Rechtschreibdidaktik in den Grundschulen zu mehr orthografischen Fehlern? Foto: Shutterstock

Immer mehr Bundesländer wenden sich von Jürgen Reichens Methode „Lesen durch Schreiben“ ab. Ist es ein Fehler, Kinder zu ermutigen, einfach draufloszuschreiben?

Brinkmann: „Lesen durch Schreiben“ ist eine Methode, um die Kinder zum selbstständigen sinnverstehenden Lesen zu bringen. Es ist kein Verfahren, mit dessen Hilfe die Kinder die Rechtschreibung erwerben sollen. Anders im Spracherfahrungsansatz: Die Kinder sollen von Schulbeginn an in die Lage versetzt werden, mit Hilfe der Anlauttabelle die Schrift funktional zu nutzen. Die Kinder schreiben erste Wörter zu Bildern, Notizen, Einkaufszettel und Liebesbriefe, indem sie sich an der Lautung des Gesprochenen orientieren, und versuchen, das, was sie im Mund beim Sprechen fühlen, in passende Schriftzeichen zu übersetzen. Dies entspricht genau den Forderungen der KMK, in denen es heißt: „Die Kinder nutzen die Schrift von Beginn an zur Kommunikation, zum Festhalten von Informationen und zum gedanklichen Austausch.“

Mit einem Lehrgang, in dem jede Woche einen bis zwei neue Buchstaben gelernt werden, können die Kinder frühestens im zweiten Schuljahr selbstständig über das schreiben, was sie persönlich bewegt, weil erst dann alle Buchstaben „dran“ waren. Mit Hilfe einer Anlauttabelle, auf der die Kinder zu den Sprechlauten passende Schriftzeichen finden können, gelingt den meisten Kindern das selbstständige Schreiben ziemlich rasch.

Prägen sich falsche Schreibweisen nicht ein?

Brinkmann: Die Zuordnung von Lauten und Buchstaben hilft den Kindern, unser alphabetisches Schriftsystem zu verstehen und die Schrift frühzeitig aktiv nutzen zu können. Da dieses alphabetische Prinzip aber nicht 1:1 in unserer Orthografie umgesetzt wird, entsprechen die Kinderschreibungen zuerst einmal nicht den orthografischen Normen. Für den Einstieg in das Verfassen von Texten erfüllen sie aber ihren Zweck, und da die Kinder jedes einzelne Wort immer wieder neu konstruieren, prägen sich diese Schreibungen auch nicht ein. Grundsätzlich ist es also außerordentlich sinnvoll, die Kinder zum Drauflosschreiben zu ermutigen. Allerdings muss für alle Beteiligten deutlich geklärt werden, dass diese Kinderschreibungen nicht das Ziel des Unterrichts sind, sondern ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum immer richtigeren Schreiben.

Was sollten Lehrkräfte beachten?

Brinkmann: Zentrum des Anfangsunterrichts ist das Schreiben eigener Wörter und Texte – und analog das Lesen in selbst gewählten Büchern. Beides muss zu Beginn gut eingeführt werden, zum Beispiel durch das gemeinsame lautierende Schreiben einfacher Wörter mit Hilfe einer großen Anlauttabelle im Klassenraum und durch das gemeinsame Erlesen einfacher Wörter, die graphemweise aus einem Lesekrokodil oder Turnbeutel herausgezogen und lautiert werden.

Aus diesem freien Umgang mit der Schriftsprache lassen sich dann weiterführende Aktivitäten entwickeln, wie die Übersetzung des Kindertexts durch die Lehrperson in die Buchschrift, in der die Kinder anschließend in den einzelnen Wörtern die Buchstaben markieren können, die sie schon richtig geschrieben haben. Regelmäßige kurze Rechtschreibgespräche, in denen die Lehrerin oder ein Kind ein besonders schwieriges Wort diktiert, das jeder zunächst für sich aufschreibt, dann die Schreibung mit der Partnerin oder der Tischgruppe bespricht, ehe die Lösungen gemeinsam in der Klasse diskutiert und schließlich das richtige Wort mit orthografisch korrekter Begründung aufgeschrieben wird, kommen ab Ende der ersten Klasse dazu. So kann eine zunehmend sichere Rechtschreibkompetenz aus dem freien Schreiben erwachsen – fundiert in der grundlegenden Einsicht in das alphabetische Prinzip, die Lautorientierung unserer Schrift.

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Hintergrund

„Schreiben nach Hören“ wird auch „Lesen durch Schreiben“ genannt, weil der Methode die Annahme zugrunde liegt, Schreiben gehe dem Lesen voraus. Der Ansatz wurde in den 70er Jahren vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt: Kinder sollen Lesen lernen, indem sie Wörter aufschreiben; eine Korrektur der Rechtschreibung ist zunächst nicht wesentlich. Nach einer aktuellen Erhebung des Germanistik-Professoren Wolfgang Steinig (selbst ein harscher Kritiker der Methode) arbeiten nur drei Prozent der Grundschulen in Deutschland nach Reichens Prinzipien. Steinig moniert allerdings: Elemente davon  – etwa in Form von Anlauttabellen – hätten Eingang in den Unterricht der meisten Lehrer gefunden. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat ein Verbot der Methode angekündigt.

Das Thema Rechtschreibung auf der didacta 2018 in Hannover

Rotstift oder Didaktik? Wie Kinder recht schreiben lernen

Prof. Dr. Erika Brinkmann, stellvertretende Bundesvorsitzende des Grundschulverbands

  • Forum Unterrichtspraxis (Halle 12, Stand D46)
  • Donnerstag, 22. Februar 2018
  • 12:00 – 13:00 Uhr

Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Hier gibt es weitere Informationen zu der Veranstaltung.

Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben

Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Dudenredaktion, diskutiert mit Pädagogen und Sprachexperten: Burghart Klaußner, Theater- und Filmschauspieler (angefragt), Ulrike Holzwarth-Raether, Grundschullehrerin, Schulentwicklerin und Autorin, Professor Dr. Peter Gallmann, Mitglied des Rates für deutsche Rechtschreibung

  • Forum didacta aktuell (Halle 12, Stand D14)
  • Samstag, 24. Februar 2018
  • 11:00 – 11:45 Uhr

Veranstalter: Bibliographisches Institut

Hier gibt es weitere Informationen zu der Diskussionsrunde.

Schwächere Schülerleistungen in der Grundschule – was tun? Konsequenzen aus der IQB-Länderstudie Klassenstufe 4

Es diskutieren: Prof. Dr. Hans Anand Pant, Geschäftsführer Die Deutsche Schulakademie gGmbH, Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg, Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst des Freistaates Bayern

  • Forum Bildung (Halle 12, Stand C45)
  • Freitag, 23. Februar 2018
  • 14.45 – 15.45 Uhr

Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Hier gibt es weitere Informationen zu der Diskussionsrunde.

Lehrerverbands-Chef Meidinger macht die Grundschulen für die schlechten IGLU-Ergebnisse verantwortlich – er fordert: “Lesen durch Schreiben” verbieten!

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62 KOMMENTARE

  1. Redaktion
    Und dann fände ich es im Sinne der Ausgewogenheit gut, wenn zu dieser Art des eigen initiativen, selbst gesteuerten Schriftspracherwerbs der Gegenentwurf von Frau Prof.Christa Röber, Herrn Prof.Günther Thomé oder Frau Prof. Bredel hier abgedruckt würde, denn schließlich ist einiges nicht korrekt dargestellt.
    Schließlich ist Frau Brinkmann die höchste Vertreterin in einem Lobbyverband.

    • Frau Brinkmann behauptet oben, dass sich falsche Schreibungen bei den Kindern nicht einprägen.
      Das ist aber falsch, denn die Hirnforschung (Prof.Manfred Spitzer,Ulm/Prof. Güntürkün,Bochum) weist das Gegenteil nach. Durch den Schriftgebrauch werden die Schreibungen als solche neurologisch fixiert, denn unser Gehirn lernt ständig, es wird neu synaptisch verknüpft und durch den weiteren Gebrauch weiter fixiert.
      Die synaptische Fixierung wird noch verstärkt, wenn diese kryptischen Schreibungen noch durch ein positives Feedback durch den Lehrer, wie vielerorts tägliche Praxis, mit einem Smile positiv zurückgemeldet werden.
      Dann wird die falsche Schreibung in ein eigenes Regelwerk übernommen und dient dem Kind als Automatisierung für weitere Verschriftlichungen.
      Warum werden fünf- bis sechsjährige Kinder wie kleine Erwachsene behandelt, die Abläufe, Erlebnisse und Begebenheiten in einer Schriftsprache verschriftlichen sollen, deren Orthographie sie nicht annähernd kennen oder verstehen, noch deren ungenaue Zuordnung der Grapheme zu den Phonem sie weder kennen, noch sie verstehen können.
      Und dann sollen die Kinder mit der Anlaut-Tabelle einfach drauf los schreibe;, und so werden sie Synapsen beim Lernvorgang des Schreibens verschaltet und verknüpft und führen über das positive Gefühl des Erfolges, verstärkt durch den Lehrer, zu richtigen Wort-Ruinen, die falsche oder keine Vokale in Silben enthalten, falsche Grapheme beinhalten und nur dem erahnten Zustand einer Lauttreue entsprechen.
      Derartige kryptische Bilder sieht man im ersten Schuljahr zu Hauf und diese Schreibstrategien werden von den Kindern in der weiteren Schulkarriere mitgenommen und diese erweisen sich als sehr resistent gegenüber Bemühungen , diese abzustellen.
      Ein derartiges Vorgehen würde niemals von einem Erwachsenen verlangt werden, der zum Beispiel Russisch lernt.
      Und diese falsche Schreibungen bleiben bei schnell lernenden Kinder sehr schnell hängen.
      Auch ist jeder Mensch bestrebt nach vereinfachenden Regeln im System zu suchen und diese dann anzuwenden.
      Und schließlich beruft sich Frau Brinkmann auf einen Passus der Kultusministerkonferenz: “Die Kinder nutzen die Schrift von Anbeginn an zur Kommunikation, zum Festhalten von Informationen und zum Gedankenaustausch.”
      Der Einfluss des Grundschulverbands auf die Kultusministerkonferenz hat dazu geführt, dass derartige, die Grundschüler der ersten und zweiten Klasse überfordernde Passus in den Lernkatalog aufgenommen wurden.
      Es muss der Einfluss dieses Lobbyverbandes, der von einer kleinen Gruppe um das Professorenduo Brügelmann/Brinkmann dominiert wird, auf die Kultusministerkonferenz zurückgedrängt werden.

  2. Aussage: In den letzten 40 Jahren hat sich die Rechtschreibung deutlich verschlechtert.

    Antwort: Quatsch, weil nicht einheitlich untersucht und seit 2000 statistisch wieder leicht verbessert.

    Kommentar von mir: Die uneinheitliche Untersuchung lasse ich gelten. Die Aussage basiert auf Erfahrungen vieler Lehrer anhand ihrer Schüler. Ansonsten ist die Dame Äpfel mit statistisch verwässertem Birnensmoothies verglichen (Smoothie weil modern) und dies in PR-Sprech verpackt. Was auch sonst, sie muss ja für das freie Schreiben mit Anlauttabellen sprechen.

  3. Wie weit muss denn der Verfall der Rechtschreibleistungen noch gehen, bevor den Lobbyisten für freies Schreiben endlich die Puste ausgeht und sie nicht mehr wagen, diese unheilvolle Methode zu verteidigen.

    • g.h.
      Die sind beratungsresistent und verhalten sich wie die Anhänger einer Glaubenssekte. Mit rationalen Argumenten kommt man denen auch nicht bei. Aber es gibt die Möglichkeit über die Kultusministerien den Unsinn zu verbieten.

          • Wenn die Sekte bereits in den Universitäten angekommen ist, eigentlich bzw. mit einem romantisch verklärten Blick ein Hort des Wissens, der Bildung, der Forschung, also der geistigen Elite des Landes, dann ist das Ministerium kein Hindernis mehr.

            (Realistischer in einigen Fakultäten ist leider links-ideologisch verklärter Haufen, der ohne Förderung durch das BMBF erheblich kleiner und seriöser wäre.)

    • Interessant waren auch die Leistungsvergleiche von Prof.May/Hamburg zwischen Hamburger Schülern und Schülern der ehemaligen DDR nach dem Fall der Mauer, denn da schnitten letztere deutlich besser ab.

    • Herr Brügelmann widerspricht sich selbst: Kinder aus schriftarmen Milieu werden besser gefördert, wenn man sie die Rechtschreibung / Schrift nicht üben lässt.

      • Abgesehen davon müsste es wohl richtig heißen “aus schriftarmem Milieu”, oder? Das Wort “aus” steht doch mit dem Dativ, so wie “ein Kleid aus rotem Stoff”, “ein Kind aus religiösem Elternhaus”. Aber im Original steht “schriftarmen”. Kann natürlich auch ein Tippfehler sein …

        • Spontan würde ich sagen, ja, der Dativ stimmt in Ihren Beispielen. Beim “schriftarmem Milieu” sieht der Dativ allerdings etwas seltsam aus.

          Germanisten, bitte helfen Sie uns !!!1!!elf!!1!

          • Es scheint keine Germanisten in der Runde zu geben. Müssten nicht alle Lehrer solche Dinge beurteilen können? Wie kann man sonst unterrichten? Sollte man vielleicht künftig A13 für Grundschullehrer von einem Sprachtest abhängig machen? Immerhin ist das das Eingangsamt der Akademiker. Lehramtsstudenten haben jedenfalls öfter mal bei Sprach- und Orthographietests versagt. Und damit meine ich nicht Migranten (denen könnte man manches nachsehen).

          • @ xxx, cavalieri, es sind aber auch nicht immer alle Lehrer online. 🙂

            “Kinder aus schriftarmem Milieu” (mit -m-) ist richtig. Das Adjektiv übernimmt selbst die Dativ-Endung, da kein Artikel oder Ähnliches davor steht, die sonst die Dativ-Endung übernommen hätten.

          • Es scheint keine Germanisten in der Runde zu geben. Müssten nicht alle Lehrer solche Dinge beurteilen können? Wie kann man sonst unterrichten? Sollte man vielleicht künftig A13 für Grundschullehrer von einem Sprachtest abhängig machen? Lehramtsstudenten haben jedenfalls öfter mal bei Sprach- und Orthographietests versagt. Und damit meine ich nicht Migranten (denen könnte man manches nachsehen).

  4. Da die meisten Kommentatoren hier, außer ysnp, palim und emil nichts mit Anfangsunterricht zu tun haben hier nur ein kurzer Einblick aus dem Real Life.
    Ich unterrichte NICHT nach der LdS-Methode, aber meine Erstklässler sind deshalb KAUM in der Lage, einfache lauttreue Wörter zu Bildern zu schreiben, z.B. Salami, Kanu, König, …weil sie es NICHT gewohnt sind, auch wenn diese Wörter im Lehrgang schon vorkamen.
    Ich frage mich gerade, wie sie mal demnächst ihre Montagsgeschichten schreiben sollen, wenn sie zu 25zigst an mir zupfen: “Frau…., wie schreibt man Auto?” Kinder, die von Anfang an nach der LdS-Methode lernen sind im Schreiben von eigenen Texten viel produktiver und unbefangener. Das sollte man auch mal sehen.
    Im Zeitalter von PC und Autokorrektur, was ist wichtiger, einen anspruchsvollen, inhaltlich kreativenText verfassen zu können oder Rechtschreibfehler zu finden?
    Die Erwartung, dass die Rechtschreibung nach der 4. Klasse fehlerfrei beherrscht wird und dass man in den weiterführenden Schulen nichts mehr üben müsste, ist zu hoch gegriffen. Nach der 8., 9. Klasse können es die meisten. Egal nach welcher Methodesie Lesen und Schreiben gelernt haben, es sei denn man ist Legastheniker. Selbst da kann man sich heutzutage helfen.

    Korrekte Rechtschreibung ist wichtig, aber hemmt die Kinder auch beim Verfassen eigener Texte. Deshalb: Erst schreiben lassen und dann korrigieren, aber da bekommen hier ja einige schon Stellhaare.

    • Was für ein erfrischend pragmatischer und ideologiefreier Beitrag, liebe mississippi. Hier mein Beifall, bevor die Trockenschwimmer gleich wieder über Sie herfallen.

      Es ist völlig absurd, was für ein Popanz um “Schreiben wie Hören” gemacht wird. Dass man Kinder erstmal motiviert, Dinge auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu sammeln, bevor man mit der dicken Regelkeule kommt, sollte doch eigentlich selbstverständlich sein – oder sollen wir jetzt auch Kindern, die Sprechen lernen, den Mund verbieten, bis die Aussprache perfekt sitzt?

      Wie hysterisch die politische Debatte geworden ist, zeigt der Umstand, dass Baden-Württembergs Kultusministerin “Schreiben wie Hören” für den Absturz von Baden-Württemberg in der IQB-Studie verantwortlich macht – als wäre “Schreiben wie Hören” innerhalb der vergangenen Jahre eingeführt worden, und das nur in Baden-Württemberg.

      • Hysterisch sind Sie. Bei Ihnen und anderen Anhängern der Methode (z.B Hamburg/Relligerstraße etc. ) geht doch jetzt die Angst um.
        Im übrigen sind Mamma51, SR500 und andere auch Grundschullehrer.
        Wer wird denn motiviert, wenn dann in der dritten Klasse wieder umgelernt werden muss. Im übrigen verwies Prof.Steinig darauf, dass ein großer Teil der Grundschullehrer Elemente aus der Brügelmann/Reichen-Methoden anwendet, was sich in den kryptischen Schreibweisen der Schüler niederschlägt.
        Sie brauchen sich nur die Kommentare verzweifelter Eltern in den Foren durchlesen und damit erhalten Sie dann ein Feedback zu der von Ihnen favorisierten Methodik und ihrer Abarten der unterlassenen Hilfeleistung mit der gezielten Irreführung der Kinder.
        Wir Eltern haben keine Lust mehr auf diesen abstrusen Feldversuch und Schönreden und Herunterspielen des Problems war schon immer die Masche der ranghohen Vertretern des Grundschulverbands .Es sind immer die gleichlautenden Formulierungen, die bei Kritik als ewige Litanei zum Besten gegeben werden.

        • Ich bin keine Anhängerin einer Methode, sondern für einen kindgerechten Unterricht mit Mass und Mitte. Dazu gehört Motivation eben auch – aber keine Ideologie, wie Sie sie hier vertreten.

          • Anna
            Ich vertrete hier den kindgerechten Unterricht, der sich auf eine linguistisch fundierte Methodik stützt, und den schülern eine man der Lautierung der Sprache orientierte Schreibung vermittelt .
            Dazu nzählt dann aber auch die schrittweise Vermittlung der Orthographie, welche Legasthenikern und den Risikogruppen als wertvolle Hilfe dient.
            Wo ist denn bei der Linguistik eine Ideologie im Spiel ?

          • Anna
            Ideologisch fundierte Standpunkte vertreten Sie hier.
            Das beginnt mit der Ideologie des selbst erforschendem Lernen der Schüler im Schriftspracherwerb und im Leseerwerb, die von ihnen als natürlicher Prozess verstanden werden, wie etwa das Erlernen des Laufens und des Kletterns.
            Das sind aber zwei verschiedene Prozesse. Gehen lernt man als Folge der synaptischen Ausreifung unter dem Einfluss der Schwerkraft als Feedback.
            Beim Erlernen des Lesen und Schreiben bildet man synaptische Verbindungen zwischen dem motorischen Cortex, der Sehrinde und der Hörbahn aus, die so von alleine nicht entstehen würden.
            Erst durch die gemeinsame Aktivierung dieser Areale werden Synapsen zwischen diesen gebildet.
            Und dieser Vorgang gelingt bei heranwachsenden Kindern am schnellsten, da das Gehirn durch die Ausbildung von Synapsen noch wächst. Grundvoraussetzung ist ein gutes Hörverstehen und eine gut ausgebildete Sprache.
            Kindern sich selbst durch Angebote von Materialien diese Kulturtechniken beizubringen lassen zu wollen , bedeutet eine kognitive Überforderung dieser.
            Und es ist nicht natürlich, dass man automatisch sich selbst das Lesen und Schreiben beibringt oder dieses sich natürlich entwickelt.
            Für die Entwicklung unseres deutschen Schriftsystem bedurfte es von 1517 bis heute 500 Jahre.

    • “… wie sie mal demnächst ihre Montagsgeschichten schreiben sollen.”

      Vielleicht sind sie ja mit anspruchsvollen Montagsgeschichten überfordert, warum müssen die denn in der Grundschule unbedingt sein? Wieso ist das Verfassen eigener Texte in diesem Stadium so wichtig? Nur weil einige “progressive” Pädagogen das gefordert haben? Bei Brettspielen geht es auch erst um die Anwendung der Regeln, bevor man eigene Brettspiele erfindet.
      Im übrigen könnten alle so vorgehen wie wir, wenn wir einen fremdsprachlichen Text verfassen müssen: Wir verwenden zweckmäßig nur die Wörter, die wir mitsamt Schreibweise kennen, damit eben kein Unsinn herauskommt. Es gibt ja notfalls auch Wörterbücher. Schließlich ist der sog. “Grundwortschatz” für die Grundschule von einst 1300 auf dann 1100, dann 900 und jetzt zum Teil 700 Wörter reduziert worden. So behauptet es Josef Kraus in seinem Buch.
      Und “fehlerfrei” wird ja wohl in keinem Fach und nirgends verlangt. Die Frage ist, wieviele und welche Fehler noch tolerierbar sind. Und wenn die weiterführenden Schulen sich verstärkt um die Rechtschreibung kümmern müssen, dann fehlt die Zeit für anderes, z.B. für das Schreiben eigener und die Interpretation fremder Texte. Man kann immer postulieren, “Kompetenzen” in die späteren Jahrgänge zu verlagern. In seinem Buch “Föhn mich nicht zu” zitiert Stephan Serin eine Deutsch-Gymnasiallehrerin mit (sinngemäß): “Meine Klausuren bestehen nur aus Ankreuzaufgaben. Ganze Sätze zu schreiben lernt man doch an der Uni.” An der Uni wird das dann vom Bachelor in den Master verschoben usw.

      • “Bei Brettspielen geht es auch erst um die Anwendung der Regeln, bevor man eigene Brettspiele erfindet.”

        Das möchte ich sehen – wie Sie Vierjährige, die ihre ersten Gesellschaftsspiele spielen, mit Regeln traktieren.

          • Wir reden hier von Ortgografie – das ist ein bisschen komplexer. Wer mit jungen Kindern erste Spiele spielt, lässt sie oft gewinnen – der Motivation wegen. Auch wenn die Regeln anders aussehen. Aber Sie, xxx, pochen wahrscheinlich auf korrekte Einhaltung. Da freut sich dann jeder Vierjährige, wenn er einen Vortrag über die korrekt gewürfelte Augenzahl hört.

          • Was ist denn mit der überaus wichtigen Kompetenz des Verlieren Könnens? Gerade bei einfachen Spielen können Kinder das lernen ohne sich im Falle einer Niederlage schreiend auf dem Boden zu wälzen.

          • Sie haben Recht, Anna. Als überzeugter AfD-Sympathisant, Frauen-, Moslem-, Gender- und Behindertenfeind mache ich mir grundsätzlich einen Spaß daraus, gerade kleine Kinder mit Spielregeln zu malträtieren, die sie durchweg verlieren lassen.

            (Wer in diesem Kommentar die maßlose Übertreibung meinerseits nicht entdeckt, sollte alle seine/ihre Hochschulzeugnisse verbrennen und auf dieser Seite nie wieder auch nur einen Buchstaben in die Kommentare tippen. Danke im Voraus dafür.)

    • Wofür Sie in Ihrem letzten Absatz plädieren, gab es schon immer ab zweitem Schuljahr. Es hat aber rein gar nichts mit der Methode “Lesen durch Schreiben” zu tun.
      Sie schreiben noch: “Die Erwartung, dass die Rechtschreibung nach der 4. Klasse fehlerfrei beherrscht wird und dass man in den weiterführenden Schulen nichts mehr üben müsste, ist zu hoch gegriffen.”
      Sie unterstellen da eine Erwartung, die kein Lehrer und kein Gegner der Reichen-Methode hat. Jeder weiß sogaraus der eigenen Schülerzeit, dass er nach der 4. Klasse noch keineswegs fertig war mit dem Erlernen der Rechtschreibung.

  5. @ Geli: In meiner eigenen Schulzeit wurde in der Unterstufe des Gymnasiums viel mehr Rechtschreibung geübt als heutzutage. Meine 3 Kinder haben in ihrer Gymnasialzeit je ein einziges Diktat geschrieben, in der 5. Klasse, um die Rechtschreibleistung festzustellen. Wer mehr als 10 Fehler hatte, hatte “Legasthenie”, worüber selbst die Gymnasialkollegen auf den Elternabenden lachten, aber so war es geregelt und derjenige durfte einen Förderkurs in der 7. Stunde Klasse 5 – 7 jahrgangsgemischt besuchen. Die Effektivität war überschaubar.

    • Das kann ich bestätigen. Meine Tochter kam in die 5. Klasse eine Gymnasiums und ab da gab es weder Rechtschreibunterricht noch Grammatik, die jetzt in Klasse 9 fehlt. Bevor die Lehrer aus anderen Schularten die Schmutzschleuder auf die Grundschullehrer abfeuern, bitte ich darum erstmal in den eigenen Reihen aufzuräumen.
      Zwischen einigen hervorragenden Lehrern habe ich in den letzten Jahren an den Gymnasien zu viele lustlose, unmotivierte, schlecht vorbereitete Lehrer erlebt. Ich würde mich freuen wenn hier offene Selbstkritik geübt werden würde. Ich arbeite schon seit Jahren gegen die Methode des freien Schreibens. Sie wurde oft nicht richtig angewandt und benachteiligt gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern.
      Wir bemühen uns an unserer Schule den Kindern so viel wie möglich auf den Weg mit zu geben. Trotz allem sind wir nicht die eierlegende
      Wollmilchsau. Wir können mit so wenigen Stunden nicht die gesellschaftlichen Veränderungen abfedern. Es hat sich in den letzten Jahren so viel verändert in den Familien, da ist die Rechtschreibung nur eines von vielen Problemen.

      • “Meine Tochter kam in die 5. Klasse eine Gymnasiums und ab da gab es weder Rechtschreibunterricht noch Grammatik.”

        Stand denn Rechtschreibung überhaupt im Lehrplan? Traditionell gehen die Gymnasien vielleicht davon aus, dass das nicht ihre Aufgabe ist. Grammatik sollte es zumindest bei Fremdsprachen geben, aber Frau Prof. Reiss ließ in der Zeitung wissen, dass auch das heutzutage nicht mehr wichtig ist:
        http://www.tagesspiegel.de/wissen/brandbrief-gegen-bildungsstandards-karnevalistisch-verkleidete-aufgaben-woran-selbst-studierende-scheitern/19550928-2.html
        “Es geht nicht mehr darum, die Grammatik zu beherrschen, sondern darum, sich ausdrücken zu können”, sagt sie. Für das Fach Deutsch gilt das dann vermutlich ebenso. Da haben wir doch das Problem: Rechtschreibung und Grammatik gelten nicht mehr als wichtig.

        • Und ohne Kenntnisse der Synthax ,der Rechtschreibung und der Grammatik können die Schüler sich dann auch nicht gut ausdrücken.
          Das diese Kenntnisse wichtig sind, das erkannten schon die ersten Deutschlehrer um Valentin Ickelsamer. Da begann die Entwicklung der Deutschen Schrift und es war deren ziel die deutsche Schriftsprache auf die selbe Ebene wie Latein, Hebräisch und Griechisch zu heben.

  6. @Cavalieri: Das Verfassen eigener Texte ist in den Anfangsjahren auch schon wichtig. Wer von Anfang an mit einer Schreibhemmung dasitzt, weil er sich von Rechtschreibüberlegungen zu sehr einnehmen lässt, wird später auch nicht so schnell unbefangen und mit Lust produktiv schreiben können.
    Ich erlebe das oft. Die Kinder wissen nicht mehr, was sie eigentlich schreiben wollten, vor lauter Angst, einen Fehler zu machen. Mein Bestreben ist es, dass der Erstentwurf Fehler enthalten darf, die dann korrigiert werden. Aber viele Kinder können da nicht loslassen, weil sie zu sehr am Wort kleben.
    Den Text der Kinder (bei eigenen verfassten Texten) schreibe ich in richtiger Schreibweise am PC und klebe ihn unter den Schülertext, damit da nicht so ein rotes Wirrwarr entsteht, aus dem niemand mehr schlau wird. Die Schüler übertragen die Geschichte dann ins Geschichtenheft.

    • “Die Kinder wissen nicht mehr, was sie eigentlich schreiben wollten, vor lauter Angst, einen Fehler zu machen.” Ich kenne das nicht. Woher kommt bei Ihren Schülern diese Angst?
      Hinweisen möchte ich noch auf den Umgang mit einem Wörterbuch. Zu Beginn des 3. Schuljahrs besitzt bei uns jedes Kind ein Wörterbuch, dessen Handhabung gründlich geübt wird.

    • Mississippi
      Für die Schüler ermöglicht das Einüben grammatischer Regeln, wie die Übungen zur Endlautung(b/p,g/k,d/t,tz/s) durch Verlängerungen der Wörter, das Erlernen der Grundstruktur deutschsprachiger Wörter(Haus A, B und C mit dem Schwalaut-e in der Endsilbe )und andere eine Systematik vermittelt zu bekommen, mit der diese Wörter schreiben können, die sie bisher noch nie geschrieben haben.
      Welches Kind hat denn Angst davor falsch zu schreiben. Was läuft da falsch. Man lernt doch aus Fehlern und stellt diese dann ab. Es ist doch vollkommen falsch aus Fehlern nicht lernen zu dürfen.

    • @ mississippi: Zunächst mal habe ich nichts gegen Fehler und Unzulänglichkeiten. Wenn das alles korrigiert wird (wie Sie sagen) bin ich eigentlich beruhigt. Aber es gibt ja auch die Devise, dass niemand (auch die Eltern nicht) falsche Rechtschreibung korrigieren sollen. Ich finde es nur unmöglich, wenn man Rechtschreibung für vollkommen egal erklärt. Heißt es nicht immer, das sei ein Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie? Folgt dann möglicherweise die Abschaffung? An eine “Schreibhemmung” in meiner eigenen Schulzeit kann ich mich nicht erinnern, obwohl Rechtschreibung als wichtig galt. Kinder sind doch keine Schriftsteller. Selbst die haben angeblich manchmal eine “Angst vor dem leeren Blatt”, wenn ihnen nichts einfällt.
      Zum zweiten ist das “freie Schreiben” eine zweischneidige Sache. Ich erinnere mich nur mit Schaudern an die obligatorischen Schulaufsätze zum Thema “mein schönstes Ferienerlebnis”, die regelmäßig nach den Sommerferien anstanden. Ich nahm immer an, das müsse auch wahr sein, was ich schreibe. Muss man ein schönstes Ferienerlebnis überhaupt haben? Cleverer wäre es gewesen, irgend ein Abenteuer zu erzählen, das man irgendwo gelesen hat. Oder was frei zu erfinden. Mit der Rechtschreibung hatte das nichts zu tun.
      Sollen die “Montagsgeschichten” etwa das schönste Wochenenderlebnis beinhalten? Und das jeden Montag? O Graus!
      Schließlich und endlich: Können Sie uns hier erklären, warum PISA und VerA und die IQB-Vergleichstests usw. niemals das selbständige Schreiben testen, sondern immer nur das sinnentnehmende Lesen und ggfs. Orthographie mit Lückendiktaten? Wie passt das alles zusammen?

      • “Können Sie uns hier erklären, warum PISA und VerA und die IQB-Vergleichstests usw. niemals das selbständige Schreiben testen, ”

        Das stimmt so nicht.
        Es gab VerA3 zum Bereich Schreiben. Der Aufgabenstellung nach sollte eine Einladung zu einem Piratenfest in der Schule verfasst werden. Der Auswertungsanleitung, die stets erst nach dem offziellen Arbeitstermin veröffentlicht wird, war dann zu entnehmen, dass ein ausführlicher Brief mit dezidierter Darstellung der (von den SuS ausgedachten) Angebote erwartet worden war.

        Die andere Frage:
        Mochten Sie vielleicht auch keinen Weitsprung oder keine Ballspiele oder kein Geräteturnen und deshalb plädieren sie dafür, dass dies im Unterricht nicht länger aufgegriffen wird? Auch wenn Ihnen der Zugang nicht liegt, gibt es sehr viele Kinder, die über Geschichten und Phantasie einen Zugang zu allem möglichen bekommen. Warum dürfen diese damit keine Freude am Schreiben vermittelt bekommen und hochmotiviert sein, nur weil andere anders lernen? Und warum dürfen Kinder keine SchriftstellerInnen sein, nur weil Ihnen das nicht liegt?

        • Bei den vom IQB veröffentlichten VerA-3-Aufgaben in Deutsch
          https://www.iqb.hu-berlin.de/vera/aufgaben/dep
          sehe ich nur Aufgaben zu
          1. Lesen
          2. Orthografie
          3. Sprachgebrauch
          4. Zuhören
          Auch bei den Sprachgebrauchaufgaben ist ein Text vorgegeben. Es gibt allenfalls ein paar Lücken zu füllen. Freie Texte zu formulieren, das habe ich noch bei keinem offiziellen “standardisierten” Test gesehen. Man könnte das ja auch kaum als richtig/falsch auswerten. Darin sehe ich eine große Schwäche solcher Tests.

          Zum Weitsprung etc.: Ich möchte keinen ZWANG dazu. Geräteturnen ist keine Qualifikation, die jeder Mensch haben muss, Lesen und Schreiben schon. Aber dieselben Leute, die den Kindern mühevolle Rechtschreibung ersparen wollen, zwingen sie, am Reck zu turnen. Wozu denn?

  7. Heutztage liegt jedem Erstlesewerk eine Anlauttabelle bei, egal nach welcher Methode vorgegangen wird, also nicht nur bei LdS. Bei meinem jetzigen Jahrgang habe ich diese kaum in den Unterricht einbezogen, beeinflusst durch die Diskussionen hier, aber ich merke gerade, dass sich das rächt, indem die Kinder viel unselbständiger sind, wenn sie nur einen kurzen Satz wie z.B. “Wir teilen” schreiben sollen.
    Das Freie Schreiben mit der Tabelle kann man meiner Meinung nach schon gelegentlich in den Unterricht einbauen, wenn auch nicht ausschließlich.

    • Das mit dem Erstlesewerk und der Anlauttabelle stimmt. Sie hat jedoch nichts mit der Methode “Lesen durch Schreiben” zu tun, sondern ist am Anfang des ersten Schuljahrs nur Erinnerungshilfe für die Schreibung mancher bereits eingeführter Laute, also Buchstaben.
      Bei LdS hat die Tabelle eine ganz andere Funktion. Hier soll sie den Kindern ermöglichen, sich selbst das Lesen und Schreiben beizubringen, also selbstentdeckend zu lernen. Zu welch falschen Schlüssen,Techniken und Rechtschreibwegen das in Schülerköpfen führt oder zumindest führen kann, wurde hier hinlänglich beschrieben und zu Recht kritisiert..

  8. Vielleicht ist da meinem heutigen Frust geschuldet, aber ich habe den Eindruck, dass die Kinder mutiger sind beim Schreiben, wenn sie den Einsatz der Tabelle gewöhnt sind.

    • @misssissippi
      Ich teile deine Einschätzung: Kinder, die nur “abschreiben” gewohnt sind, schaffen es auch im Fachunterricht der 2. und 3. Klasse nicht, ihre Gedanken zu formulieren und aufs Papier zu bringen. Das ist aber in nahezu allen Fächern gefordert.

      Ein weiterer Vorteil an freien Texten ist auch, dass Schwierigkeiten nicht erst im Verlauf des 3. SJ beim ersten angeleiteten Aufsatz auffallen, da zuvor die Wörter Buchstabe für Buchstabe abgemalt wurden, sondern Probleme bereits vorher auffällig sind und man genauer hinschaut diagnostiziert und die Förderung viel früher greifen kann.
      Freies Schreiben in Klasse 1 einzusetzen, so wie du es erklärst, schließt nicht aus, dass man an der Rechtschreibung übt, ab dem 2. SJ ein Wörterbuch nutzen lernt oder auch die Rechtschreibkorrektur des PCs einsetzen kann (das das seht in Grundschul-Curricula).

      Den Nutzen bzw. die Motivation durch Kreativität und Kommunikation muss man offenbar erleben oder selbst kreativ genug sein, um sich dies vorstellen zu können … und diesen Ansatz gibt es auch im Fremdsprachenunterricht, in dem Geschichten, Diskussionen, eigene Texte dazu führen, Ausdrucksfähigkeit und Wortschatz zu erweitern… und durch den erheblich größeren Schreibanteil auch die Rechtschreibung.

      Statt sich an solch einem Thema aufzureiben, wäre eine Betrachtung der Bedingungen in Schulen weitaus hilfreicher. Aber das würde ja bedeuten, dass man sich WIRKLICH mit dem Unterricht in der Grundschule auseinandersetzen müsste.
      Bevor die Allgemeinheit begreift, was wirklich los ist, betäuben wir sie lieber mit Behauptungen und suchen Schuldige, die keine Kosten verursachen.

      • Palim schrieb: “Kinder, die nur ‘abschreiben’ gewohnt sind, schaffen es auch im Fachunterricht der 2. und 3. Klasse nicht, ihre Gedanken zu formulieren und aufs Papier zu bringen.”

        Das Problem ist doch viel eher, dass so einige der F ü n f t klässler, die heute bei uns im Gymnasium ankommen, nicht einmal zwei Wörter korrekt (oder zumindest waagerecht nebeneinander in einer Zeile untergebracht) von der Tafel abschreiben können, weil sie ihr gesamtes bisheriges Schulleben lang “binnendifferenziert” mit Arbeitsblättern zugemüllt worden sind und (dank der “tollen Ideen” der Grundschul-Didaktiker) nie etwas anderes zu sehen bekommen haben. Die Uhr lesen können diese heutigen Gymnasiasten übrigens auch nicht. Und das ist keine Kritik an den Kindern oder den Grundschulkolleginnen, sondern an der seit Jahren vorherrschenden Grundschul-Didaktik und der diesen kruden Ideen kritiklos nachlaufenden “Bildungspolitik”.

        • P.S. Diese Kinder können es übrigens auch am bzw. mit dem Smartboard nicht, falls die üblichen Verdächtigen jetzt wieder mit ihren Horrorgeschichten der “Gymnasien von gestern mit Methoden von vorgestern” um die Ecke kommen.

          • Wir sprechen aber nicht von Kindern im 5. SJ der Gymnasien im Alter von 11 Jahren, sondern vom Anfangsunterricht in Klasse 1 mit Kinder im Alter von 5-6 Jahren, die das System der Schrift und die Bedeutung von Buchstaben gerade erlernen und dabei die Möglichkeit erhalten, freie Texte zu verfassen, um Kommunikation und Ausdruck als Funktion von Schrift zu erfahren.

            Haben Ihnen schon mal KollegInnen nach den Sommerferien vorgeworfen, dass die im Fachunterricht übernommenen SuS bestimmte Fähigkeiten nicht genügend ausgebildet haben? Was antworten Sie denen?

            Kinder, die in meinem Unterricht in Klasse 3+4 keine zwei Wörter korrekt abschreiben können, haben in jedem Fall einen Förderplan und zusätzlich einen Nachteilsausgleich und/oder einen diagnostizierten Förderbedarf. Wie wäre es, wenn Sie die Schülerakten sichten und erruieren, wie es mit der Rechtschreibung in den vorherigen Jahren ausgesehen hat und welche Dokumentationen es schon gibt und welche Förderung bereits erfolgt ist?

            Am Gymnasium können Sie ja die ausgewiesenen Förderstunden nutzen, den SuS Rechtschreiben näher zu bringen. Diese Möglichkeit besteht in der GS nicht, da die Lehrerstunden wenn überhaupt nur für Unterricht mit der gesamten Klasse zugeteilt werden, auch wenn Erlasse etwas anderes sagen. Da ist “Binnendifferenzierung” die einzige Möglichkeit, differenziert zu üben und begabte Kinder herauszufordern.

          • Ich schrieb: “Und das ist keine Kritik an den Kindern oder den Grundschulkolleginnen…”

            Palim antwortete: “Haben Ihnen schon mal KollegInnen nach den Sommerferien vorgeworfen, dass die im Fachunterricht übernommenen SuS bestimmte Fähigkeiten nicht ausgebildet haben?”

            Na, fällt was auf?

  9. Nur um den Theoretiker hier mal zu verdeutlichen, wie absurd die massiv übertriebene Schuldzuweisung bezüglich des Lesens durch Schreibens ist:
    Vor 25 Jahren habe ich als Berufsanfänger Lesen durch Schreiben unterrichtet. Keiner hat sich über die Rechtschreibung beschwert. Heute unterrichte ich Wie unsere Schule es vorschreibt nach der Silbenmethode. Die Rechtschreibung ist kathasthrophal.
    ??????? Und nun? Wer ist nun schuld?
    Das deutliche Nachlassen der Rechtschreibfähigkeiten hat viele Gründe, nicht zuletzt den, dass mittlerweile durchschnittlich 50% der Kinder Migratioshintergrund haben und nicht nur mit der Rechtschreibung, sondern auch mit dem Wortschatz und der Grammatik Probleme haben.

    Im übrigen können alle Eltern erleben, dass Kinder, die vor der Schule anfangen zu schreiben, dies lauteren tun! Im übrigen auch meine Flüchtlingskinder, wenn sie anfangen zu schreiben!

    Bevor sich jetzt alle aufregen, ich möchte nicht zurück zum ausschließlichen Lesen durch Schreiben,aber die Einseitigkeit der Diskussion hier ist schlicht unsachlich und übertrieben.

  10. Die Diskussion ist mühsam und wir hatten das alles schon. Neulich machte ich bei meinen Erstklässlern eine kurze Umfrage, wem abends vorgelesen wird. Nur ungefähr einem Drittel. Oder “wenn die Oma da ist.” Viel gelesen, also Bücher, wird in den Familien wahrscheinlich auch nicht mehr, so dass die Kinder auch nicht so dazu angehalten werden. Das trägt auch nicht zum Verbessern der Rechtschreibung, bzw. des Wortschatzes und des sprachlichen Ausdrucks bei.

    • Stimmt! Bei Lese- und Schreibproblemen spielen auch die von Ihnen genannten Faktoren eine Rolle. Dennoch gehört eine fragwürdige Methode auf den Müllhaufen.

      @Emil
      Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, dass ich Ihnen und Ihren Erfahrungen mit LdS- und der Silbenmethode nicht traue. Übrigens bin ich kein Theoretiker. Sie vielleicht?

    • Natürlich spielt das häusliche Umfeld in die Entwicklung der Schreischrift und der Lesefähigkeit mit hinein.
      Deshalb gehen die Kinder aus dem Bildungsbürgertum durch die Hilfen der Eltern auch nicht unter.

    • Wenn Sie es denn so wünschen: Ich halte Sie schlichtweg für unecht, d, h. für keinen Grundschullehrer, erst recht mit den angegebenen Erfahrungen, auch nicht auf dem Gebiet der Arbeit mit Flüchtlingskindern, das Sie so gern betonen.

      • Interessant! Für was halten Sie mich denn dann?
        Abgesehen davon, dass es eigentlich egal ist, was Sie denken. Ich könnte ja auch einfach behaupten, dass Sie kein Lehrer sind. Einfach mal behaupten geht immer. Beweisen muss ich Ihnen sowieso nichts.

  11. @ Cavalieri: Die Montagsgeschichten gibt es nur alle 4 bis 6 Wochen. Anfangs handelt es sich um zwei und mehr Sätze, z.B. “Wir waren im Wald. Da habe ich ein Reh gesehen.” Dem Umfang sind keine Grenzen gesetzt, aber schriftstellerische Meisterleistungen erwartet niemand. In der 2. Klasse wird es dann schon mehr. In der 4. Klasse erwarte ich bei freien Texten eine DIN A 4 Seite. Es gibt natürlich auch ganz andere Aufsatzthemen wie Bericht, Rezept, Bildergeschichte, Phantasieerzählung, Personenbeschreibung, vorgegebenen Anfang weiter schreiben usw. In der 1. Klasse aber noch nicht. Da hat man nicht so viele Möglichkeiten.

  12. Ja, das was Frau Prof. Brinkmann sagt, wird schon lange so gesehen. Der Schwachpunkt bei diesen Aussagen ist allerdings, dass das visuelle Gedächtnis bei diesen Überlegungen außen vor gelassen wird. Ich meine aufgrund meiner Erfahrung zu wissen, dass sich wiederholt falsch geschriebene bzw. falsch geschriebene gelesene Wörter schon einprägen.
    Es gibt 3. und 4. Klässler, die wissen nach Überlegungen die Rechtschreibstrategien, können sie aber in der Schnelle nur lückenhaft anwenden. Ich meine aber auch, dass die Schüler ihren Erstentwurf ohne durch zu viele Rechtschreibüberlegungen gebremst, hinschreiben dürfen.
    Es ist wichtig, Kompromisse zu schließen, wie mississippi erklärt hat. Die Schüler dürfen gerne frühe Versuche mit freiem und lustbetontem Schreiben machen, doch sollten diese Geschichten dann bei den Kleinen nochmals verbessert abgetippt und bei den Großen erneut rechtschriftlich richtig aufgeschrieben werden. Bei uns ist das auf jeden Fall üblich.
    Vor ca. 15 Jahren hatte man auch einmal noch falsch Geschriebenes stehen gelassen – von diesem Trend ist man schnell abgekommen. Sehr wichtig ist die Überarbeitung – sowohl stilistisch, als auch inhaltlich und natürlich rechtschriftlich. Dies ist bei uns schon lange im Lehrplan verankert. Veröffentlichte Sachen sollten im Idealfall richtig geschrieben sein.
    Dagegen bin ich, dass man wie früher, erst wartet, bis die Schüler rechtschriftlich in der Lage sind – da kann ich bei manchen bis zum St. Nimmerleinstag warten – und sie dann erst schreiben lässt. Mit dem ersten Grundwortschatz lässt sich nicht viel machen. Wenn man dann wie früher mit Bildergeschichten weitermacht, wird’s zur Qual. Die heutige Schreibdidaktik will u.a. zum fantasievollen Schreiben anregen und da gibt es auch kurze, überschaubare Sachen für Kleine. Erstklässler sind schreibmotorisch noch gar nicht in der Lage viel zu schreiben. Ein paar fantasievolle Sätze sind schon eine große Leistung.
    Grundschüler schreiben bis zum 4. Schuljahr auch noch andere Texte, sie beschreiben z.B. Versuche, verfassen Sachtexte, schreiben fiktive Tagebücher, Stichpunkte – da gibt es eine riesige Palette, was man machen kann. Mit dieser Schreibarbeit lernen sie sehr viel – auf die Rechtschreibung sollte selbstverständlich geachtet werden.

  13. Wenn man das Interview in Klarsprache übersetzt, wundert einen nichts mehr – und übersetzen muss man, da Frau Brinkmann sich doch sehr undeutlich äußert, vermutlich absichtlich. Der Akzent in der Grundschule scheint dem Interview zufolge auf unverbindlichen Tätigkeiten und “Gesprächen” zu liegen. Gearbeitet oder geübt wird wohl eher weniger.
    “Zentrum des Anfangsunterrichts ist das Schreiben eigener Wörter und Texte – und analog das Lesen in selbst gewählten Büchern.”
    Der Anfangsunterricht besteht also darin, dass die Kinder Dinge, die sie eigentlich lernen sollen, nicht lernen, sondern nach eigenem Gusto ausüben? Bzw. auch nicht – wenn die Lehrer gerade nicht hinsehen? Und wie viel Zeit vergeht nun darüber? Ein halbes Jahr? Ein Jahr (von i. d. R. vieren)? Und wer profitiert davon? Die Kinder der Mittelschichten, die wissen, was ein Buch ist? Oder alle? Schwer vorstellbar, dass hier in effektiver Weise Kompetenzen entwickelt werden oder der sozialen Selektivität der deutschen Schule entgegengewirkt wird, die immer beklagt wird.
    Es dürfte doch viele GS geben, wo die Dinge anders laufen, und viele Eltern, die nicht mitspielen. Das schönt dann die Statistik.

  14. Mal eine ganz andere Frage (von einer praktischen Theoretikerin: Förderung bei großer Rechtschreibschwierigkeit/-schwäche/-störung): Wie viele Seminare zum Schriftspracherwerb werden nach Ihrer Erfahrung von angehenden Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern in der Regel besucht? Das ist ein echte Frage, und ich bin sehr dankbar für Ihre Antworten!

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