Wie die Bildung schrittweise kaputtgespart wird

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MÜNCHEN. Früher waren deutsche Unis Weltspitze, heute nur noch Mittelmaß. Ein Blick in die Finanzpolitik der vergangenen 60 Jahre liefert Aufschluss. Die Schulen und Hochschulen sind Sparopfer – ungeachtet aller gegenteiligen Bekundungen. Dies zeigt das Beispiel Bayern.

Vor 40 Jahren gab die Staatsregierung stolze 35 Prozent ihres Gesamtetats von knapp 18 Milliarden Mark für Schulen und Hochschulen aus - ein Wert, den die Staatsregierung in den vergangenen Jahren ungeachtet aller Zusatzausgaben nicht mehr erreicht hat. Foto: Images of money / Flickr (CC BY 2.0)
Vor 40 Jahren gab die Staatsregierung stolze 35 Prozent ihres Gesamtetats von knapp 18 Milliarden Mark für Schulen und Hochschulen aus – ein Wert, den die Staatsregierung in den vergangenen Jahren ungeachtet aller Zusatzausgaben nicht mehr erreicht hat. Foto: Images of money / Flickr (CC BY 2.0)

Im bayerischen Landtag wird in einigen Wochen ein vertrautes Stück aufgeführt: Wenn CSU und FDP die Abschaffung der Studiengebühren und das neue Bildungspaket verabschieden, wird die Staatsregierung das Hohelied vom «Bildungs- und Wissenschaftsland Nummer eins» anstimmen. Doch ein Langfristvergleich zeigt: Gemessen an den Leistungen früherer Jahrzehnte ist das, was heute zuwege gebracht wird, mickrig.

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Bis zu Hitlers Machtergreifung 1933 waren deutsche – auch bayerische – Hochschulen und Wissenschaft in vielen Disziplinen an der Weltspitze: Physik, Chemie, Geologie und Geografie, Biologie, Optik, Maschinenbau, Mathematik, Medizin, Philosophie, Luftfahrt- und Fahrzeugtechnik, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Architektur, um einige wichtige Fächer zu nennen. Heute schneiden die Unis in internationalen Vergleichen eher kläglich ab: Im Times Higher Education University Ranking des vergangenen Jahres landete eine einzige deutsche Hochschule unter den ersten 50 – die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität auf Platz 48.

Der Abstieg hat mehrere Gründe: Das NS-Regime trieb scharenweise Spitzenforscher in die Emigration, von diesem Aderlass hat sich die deutsche Wissenschaft nie mehr erholt. Ein zweiter Grund aber ist die Finanzpolitik. In allen Bundesländern sind die Schulen und Hochschulen seit bald 40 Jahren Sparopfer.

In Bayern ist die Finanzausstattung der Hochschulen zwar viel besser als etwa im schwarz-gelben Nachbarland Hessen. Der Negativtrend ist aber auch im Freistaat deutlich sichtbar. Das zeigt sich bei der Durchforstung alter Akten und Dokumente im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, im Finanzministerium und im Obersten Rechnungshof.

Unter finanziellen Gesichtspunkten herrschten in Bayern in den ersten Nachkriegsjahren griechische Verhältnisse. Finanzminister Friedrich Zietsch (SPD) warnte am 31. Dezember 1952 seine Ministerkollegen in einem Brandbrief vor der Zahlungsunfähigkeit: Es bestehe die «akute Gefahr, dass die staatlichen Kassen nicht mehr zahlungsbereit sein werden», heißt es in dem Schreiben, das im Hauptstaatsarchiv in der Münchner Schönfeldstraße aufbewahrt wird. Damals gab es in Bayern nur vier Universitäten, deren Etat 1953 bei mageren 23 Millionen Mark lag. Ein Universitätsstudium war damals ein Privileg der Wenigen: Insgesamt waren nur 30.000 Studenten eingeschrieben.

Zehn Jahre später hatte sich die Situation grundlegend verbessert: Der bayerische Haushalt war ausgeglichen, von Staatspleite redete niemand mehr. Der Etat der Staatsregierung hatte sich verfünffacht. Die Ausgaben für den Lehr- und Wissenschaftsbetrieb an den Hochschulen aber waren mit 334 Millionen Mark auf das knapp Fünfzehnfache gestiegen, obwohl sich die Studentenzahl lediglich verdoppelt hatte. Hinzu kam ein großes Investitionsprogramm von 50 Millionen Mark für die Gründung der Universität Regensburg und den Neubau des Münchner Uniklinikums in Großhadern.

Bis in die 70er Jahre hinein wurde kräftig investiert

Der Aus- und Wiederaufbau der Wissenschaft in Bayern setzte sich noch bis in die 70er Jahre fort. «Die Sparsamkeit ist die Tochter der Vorsicht, die Schwester der Mäßigkeit und die Mutter der Freiheit», mahnte Finanzminister Otto Schedl (CSU) im Jahr 1970. Das schöne Motto wurde von der Staatsregierung ignoriert. Anfang der 70er Jahre begann auch die Verschuldung unaufhaltsam zu wachsen.

Es folgten weitere Universitäten und die erste Gründungswelle der Fachhochschulen in Bayern. Der Etat des Kultusministeriums – zu dem damals auch die Hochschulen gehörten – verdoppelte sich allein von 1969 bis 1973 von drei auf sechs Milliarden Mark, die Ausgaben für den Betrieb der wissenschaftlichen Hochschulen kletterten auf 705 Millionen Mark. Der Oberste Rechnungshof monierte pikiert, die schönen neuen Münchner Hochschulbauten seien zu groß und zu teuer, wie im Jahresbericht 1973 nachzulesen ist.

Vor 40 Jahren gab die Staatsregierung stolze 35 Prozent ihres Gesamtetats von knapp 18 Milliarden Mark für Schulen und Hochschulen aus – ein Wert, den die Staatsregierung in den vergangenen Jahren ungeachtet aller Zusatzausgaben nicht mehr erreicht hat.

Gleichzeitig sind aber bei stagnierendem oder sogar leicht gesunkenem Anteil der Bildungsausgaben am Haushalt die Bildungswege der bayerischen Bürger sehr viel teurer geworden. 1970 hatten sich erst 60:000 Nachwuchsakademiker an den bayerischen Hochschulen eingeschrieben, im Wintersemester 2012/13 waren es über 330 000. Am billigsten im Betrieb ist die Volksschule – doch die Zahl der Volksschüler hat sich seit 1970 halbiert – von 1,2 Millionen auf heute gut 600.000. Fazit: Für die höhere Bildung steht heute in Bayern – relativ gesehen – weniger Geld zur Verfügung als Anfang der 70er Jahre. CARSTEN HOEFER, dpa

(18.4.2013)

Zum Bericht: “Studie: Merkels ‘Bildungsrepublik’ lässt weiter auf sich warten”

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1 KOMMENTAR

  1. Nein, die Schulen und Hochschulen sind nicht Sparopfer, sondern Reformopfer. Noch mehr Milliarden nützen nichts bei einer lebensfremden, leistungsfeindlichen Bildungspolitik ab den 70er Jahren, in denen sich der ideologische Einfluss der sog. 68er zunehmend bemerkbar machte. Und dieser jahrzehntelange Trend geht munter weiter.
    Nur in Bayern, einer der wenigen Bastionen guten Lernens (was Vergleichstests beweisen), ist die Bildung noch halbwegs in Ordnung. Und das trotz angeblich weniger Geld als in den 70er Jahren, was meine These vom Reform- statt Sparopfer unterstreicht. Bayern hat der Reformitis weitgehend widerstanden, was ihm allerdings übel genommen wird und Häme sowie Angriffe seitens der linken Gewerkschaft GEW und ihres regionalen Ablegers BLLV zur Folge hat. Der politische Gegner versucht’s natürlich mit Angriffen auf die Leistungsanforderungen, welche die SchülerInnen angeblich unter gnadenlosen Stress setzen.

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