Rot-Rot-Grün in Berlin: Gemeinschaftsschule ausbauen – aber Probejahr am Gymnasium erhalten (hat die SPD erstritten)

25

BERLIN. Bei der Bildungspolitik müssen in den Berliner Koalitionsverhandlungen alle drei Parteien Zugeständnisse machen: die SPD bei den Hortgebühren, Linke und Grüne beim Probejahr an Gymnasien. Doch es sind längst nicht alle Streitfragen geklärt. Die GEW erinnerte unterdessen die an den Koalitionsverhandlungen beteiligten Parteien an ihre Wahlversprechen.

Mehr Berliner Kinder sollen bald unbürokratisch Plätze in Horten und Kitas bekommen. SPD, Linke und Grüne wollen die Bedarfsprüfungen großteils abschaffen, wie die potenziellen Koalitionspartner am Mittwoch nach Verhandlungen zur Bildungspolitik sagten. Das Probejahr am Gymnasium dagegen bleibt entgegen der Absicht von Linken und Grünen erhalten.

Anzeige


Die drei Parteien verhandeln in Berlin über die Bildung der bundesweit ersten rot-rot-grünen Landesregierung unter SPD-Führung. Bis zum 16. November soll die Koalition stehen, am 8. Dezember der Regierende Bürgermeister gewählt werden.

Bislang müssen Eltern in Berlin nachweisen, dass sie Betreuungsbedarf haben, wenn sie ihre Kinder länger als fünf Stunden am Tag in die Kita schicken wollen. Kinder von Arbeitslosen bekommen oft keine ganztägigen Plätze. In den Horten soll der Nachweis nun schrittweise komplett wegfallen, in den Kitas zumindest für bis zu siebenstündige Betreuung. Nicht durchsetzen konnte sich die SPD mit ihrer Forderung nach gebührenfreien Horten.

Dafür einigten sich die Parteien, noch mehr Geld in den Ausbau von Kitaplätzen zu stecken. Ziel seien etwa 1.000 Plätze mehr als bisher geplant, sagte SPD-Vize Mark Rackles. Im Raum standen Investitionen von 25 Millionen Euro – die aber noch unter Vorbehalt einer letzten Finanzrunde stehen. Dann dürfte auch die Sanierung der maroden Schulgebäude und die Bezahlung der Lehrer noch einmal Thema werden. Über die Betreuungsqualität in den Kitas wollen SPD, Linke und Grüne in der Schlussrunde der Verhandlungen weiter diskutieren.

Auch Linke und Grüne mussten Zugeständnisse machen: Die von ihnen geforderte Abschaffung des Probejahres am Gymnasium wird nicht in den möglichen Koalitionsvertrag aufgenommen. Derzeit müssen Kinder, die das Probejahr am Gymnasium nicht schaffen, auf die Sekundarschule wechseln. Ohne Probejahr sehen die Gymnasien ihre Schulform gefährdet, da die Leistungsfähigkeit der Schüler nicht mehr garantiert sei.

Die bisher als Projekt eingerichteten Gemeinschaftsschulen sollen als Regelschulen weiter ausgebaut werden. Die Bezirke sollten ermuntert werden, bei allen Neubauten mit Gemeinschaftsschulen zu planen, sagte Rackles. Die Schulen sollen IT-Fachkräfte bekommen: um Lehrer zu entlasten, die sich bisher um die Technik kümmerten. Auch Gymnasien sollen künftig inklusiv arbeiten und Schüler mit besonderem Förderbedarf aufnehmen.

GEW: “Die Kostenfrage ist nachrangig”

„Wie wichtig der SPD, den Linken und den Grünen das Thema Bildung wirklich ist, wird sich jetzt zeigen, wenn die Kostenfrage gestellt wird“, betonte Doreen Siebernik, Berliner Landeschefin der GEW. Die Gewerkschaft erwarte von der neuen Regierung den nötigen Mut, um “endlich die erforderlichen Haushaltsmittel zur sachgerechten Ausstattung des Bildungswesens” zur Verfügung zu stellen. „Eines muss klar sein: Das Menschenrecht auf Bildung darf nicht unter Kostenvorbehalt gestellt werden“, unterstrich die Vorsitzende.

„Wenn die Inklusion der politische Wille ist, dann muss jetzt umfassend in die Zukunft investiert werden. Alles andere wäre unseriös“, ergänzte der Co-Vorsitzende Tom Erdmann. Und befand: „Vor den Wahlen wurde gebetsmühlenartig die Bedeutung eines qualitativ hochwertigen Bildungswesens für Berlin betont. Nach den Wahlen rückt dann das Diktat der Schuldenbremse wieder in den Fokus.“ Erdmann rief die Koalitionäre dazu auf, die miserable Ausstattung an den Schulen, Kitas, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen nicht länger hinzunehmen. „Die Kostenfrage ist nachrangig. Das Geld muss den Aufgaben folgen!“

Die GEW werde die Koalitionsvereinbarung auch mit Blick auf die gemeinsame Erklärung mit dem Finanzsenator zur Bezahlung der angestellten Lehrkräfte bewerten. „Es wird sich zeigen, ob der neue Senat den Tarifkonflikt mit den angestellten Lehrkräften tatsächlich beenden will“, erklärte Siebernik. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Berlin ist Schlusslicht in der deutschen Bildungslandschaft – Scheeres nimmt die Lehrkräfte in die Verantwortung

Anzeige


25 KOMMENTARE

  1. Nur zum Verständnis: Bislang müssen die Kinder nach nicht-Bestehen des Probejahres das Gymnasium verlassen. Ohne Probejahr dürfen sie etwa bleiben und (also Konsequenz) spätestens nach Klasse 6 eine Ehrenrunde drehen oder dann die Schulform wechseln? In wiefern das die Qualität des (ohnehin schon nicht so berauschenden) Berliner Gymnasialwesens gefährden soll, ist mir schleierhaft.

    Andererseits: Wenn man die besten Sekundarschüler auf das Gymnasium steckt, werden sich im Schnitt beide Schulformen verschlechtern.

  2. Ich bin ja dafür – nur wüsste ich gerne von der GEW, wo das Geld herkommen soll, das man mutig ausgeben soll? Anders gefragt: Wo soll gekürzt werden und wer soll künftig mehr zahlen?

    • Nur für sich selbst mehr fordern und ansonsten “nach mir die Sintflut” – das ist für mich keine verantwortungsvolle, sondern reine Klientel-Politik. Lobbyarbeit. Branchenegoismus. Mehr nicht!

  3. Was sehen denn nun – knapp drei Jahre nach Beginn von rot-rot-grün in Berlin – die Erfolge in der Schulpolitik aus? Beeindruckend ist das wohl nicht, wenn man die aktuelle Kritik an Schulsenatorin Scheeres liest (auch hier bei news4teachers).
    Die Gemeinschaftsschule als einzige Schulform einzuführen, ist ja das erklärte Ziel der Grünen sowie der Linken und auch der GEW. Aber wer garantiert denn, dass sich dadurch etwas gegenüber dem jetzigen Stand verbessert? Welche Schulreformer übernehmen denn auch die Verantwortung für ihre Reformen? Wird es nur Vorteile und keinerlei Nachteile geben? Wirklich nicht?
    Immerhin gibt es auch eine Gegenposition und ein paar Gegenargumente, die hier von einem Lehrer unter Berufung auf seine Erfahrungen und auf wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengestellt sind:
    https://www.welt.de/debatte/article197444393/Gruene-Mit-linker-Bildungspolitik-schaden-sie-Benachteiligten.html
    Dabei fällt auch das Wort “ernüchternd”. Zu den vielen PRO Argumenten gehören eben auch mal ein paar CONTRA Argumente. Wünschenswert fände ich eine sachliche Debatte – ohne überhitzte Parteiideologie aus dem Wolkenkuckucksheim – darüber, welche handfesten Gründe (auch empirische) eigentlich dafür bzw. dagegen sprechen, dass in einer obligatorischen Gemeinschaftsschule insgesamt mehr und besser gelernt wird als im jetzigen System (auch dem 2-Säulen-Modell).
    Die Kernfrage dabei scheint zu sein: Ziehen die stärkeren Schüler die schwachen mit oder werden die schwachen dadurch eher frustriert, dass sie ihre Grenzen täglich vor Augen geführt bekommen?
    Und bevor jetzt hier alle über mich herfallen, ein Hinweis: Der Text in dem Link stammt nicht von mir, ich fühle mich auch nicht für den Inhalt verantwortlich. Ich kenne den Autor gar nicht. Zu beachten sind aber die immerhin 275 interessanten Leserkommentare, viele von Schulpraktikern oder betroffenen Eltern (aber keiner von mir).

    • Zumindest ich falle nicht über Sie her. Im Gegenteil, ich danke Ihnen für den Link mit dem ausgezeichneten Artikel, der die Realität beleuchtet und nicht Ideologie verbreitet.
      So etwas hört und liest man heutzutage nur noch relativ selten und jeder Autor, der es wagt, gegen den ideologischen Gleichheitsstrom zu schwimmen, muss mit Beschimpfung rechnen. Umso erfreulicher sind die vielen Kommentare von Lesern, denen der Artikel offensichtlich ebenso aus dem Herzen spricht wie mir.

  4. Der zitierte Artikel von Rainer Esser soll ideologiefrei sein?
    Er strotzt nur so von verzerrenden falschen Einschätzungen des Autors.
    Hier einige Beispiele:
    “Ein Axiom des individualisierten Lernens ist die nur noch beratende Rolle der Lehrkraft. Sie ist nicht mehr Initiator des Lernprozesses, nicht mehr Lehrender, Erklärender und Inspirator, sondern nur noch Lernbegleiter. Die Schüler sind weitgehend auf sich allein gestellt: Das Verstehen aus eigener Kraft hat Vorrang vor der Erläuterung durch den Lehrer.” Das ist aber nicht das Konzept des individuellen Lernens! Natürlich hat der Lehrer auch die beratende Rolle als Lernbegleiter für seine Schüler, er ist aber auch Initiator des Lernprozesses, Erklärender und Inspirator.
    oder:
    “Das egalitäre Konzept, Schüler unterschiedlichster Begabungen in dieselbe Lerngruppe zu zwingen schadet den leistungsschwachen und leistungsstarken Schülern gleichermaßen.”
    Völlig widerlegte Behauptungen, wie die Schulsysteme in der Welt immer wieder eindrucksvoll belegen, die deutlich erfolgreicher sind als das deutsche selektive Schulsystem.

    Fazit: Der Autor nimmt eine sehr eingeschränkte Realität wahr, die in sein Weltbild passt. Empirische Befunde, die dem entgegen stehen, werden halt einfach ignoriert.

    • Mit Verlaub, Herr Möller, was Sie “Empirische Befunde” nennen, sind reine Behauptungen, um den Artikel schlecht zu reden. Herr Esser als Autor war immerhin jahrzehntelang Lehrer und spricht nicht nur aus schöner Theorie, sondern eigener “empirischer” Erfahrung.
      Ca. 90 Prozent der zahlreichen Leserkommentare stimmen Herrn Esser zu, darunter etliche Lehrer. Alles Ideologen und nur Sie wisen, was tatsächlich Sache ist?

    • Der Autor ist jedenfalls ein altgedienter Lehrer. Er formuliert aus seiner Sicht eine CONTRA-Position zu der hundertfach im Blätterwald abgedruckten PRO-Position, gewiss pointiert. Ideologiefrei könnte nur eine Debatte der anderen sein, z.B. der Leute hier im Forum. Viele von den 275 Leserkommentaren stimmen dem Autor zu und begründen das zum Teil auch. Sie wollen uns hoffentlich nicht erzählen, dass die Positionen der Grünen, der Linken, der GEW, des Grundschulverbands, der taz-Redakteure usw. ideologiefrei sind. Die vertreten halt ebenso pointiert die PRO-Position und blenden das aus, was dieser nicht entspricht.
      Die europäischen Nachbarländer GB, Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und andere dazu haben alle das gerühmte einheitliche Schulsystem. Bei den letzten PISA-Studien lagen sie aber alle hinter Deutschland (bei der eigentlich gemessenen Test-Leistung, zumindest bei der Mathematik, aber auch in der Gesamtwertung). Besser waren in Europa nur kleinere Länder wie Schweiz, LIechtenstein, Niederlande, Estland, … Ob Finnland bei PISA 2018 weiter abgestürzt sein wird, bleibt abzuwarten. Anfang Dezember erfahren wir mehr.
      Herr Möller: Sie scheinen diese (doch angeblich ideologiefreien) PISA-Befunde zu ignorieren. Und wenn Japan jetzt ein gegliedertes Schulsystem einführen würde, glauben Sie im Ernst, dann wäre man bei PISA plötzlich schwächer? In Japan gibt’s jetzt schon private Grundschulen mit Aufnahmeprüfungen. Die höheren Schulen (entsprechend unseren Gymnasien) haben ohnehin Aufnahmeprüfungen, für die (mit viel Nachhilfeunterricht) gepaukt wird.

      Noch was: In dem obigen Artikel ging es ja um rot-rot-grün in Berlin. Wo liegen jetzt die nachweislichen Erfolge der Berliner Schulpolitik mit der 6-jährigen Grundschule (jahrzehntelang SPD-dominiert), die ja sehr gemeinschaftsschulfreundlich ist (“Rackles: die Bezirke sollen ermuntert werden”)? Was ist mit der Kritik an Frau Scheeres?

    • Auch wenn Sie den Autor meinten, bleibt die Tatsache bestehen, dass fast alle antwortenden Kommentarschreiber (u.a. viele Lehrer) ihm zustimmen. Ihre vollmundige Behauptung, der Artikel “strotzt nur so von verzerrenden falschen Einschätzungen des Autors”, ist also mit Vorsicht zu genießen.
      Anderer Meinung zu sein als die Mehrheit, ist völlig in Ordnung und oft sogar richtig. Dann sollten aber stichhaltige Argumente ins Feld geführt werden und nicht bequeme Behauptungen wie “völlig widerlegt” oder “Der Autor nimmt eine sehr eingeschränkte Realität wahr, die in sein Weltbild passt. Empirische Befunde, die dem entgegen stehen, werden halt einfach ignoriert.”
      Das ist reines Herabwürdigen ohne dessen, was jemand entgegen Ihrer Meinung sagt.

      • Ich drehe mal die Beweislage um. Von dem Autor des WELT-Artikels verlangen Sie nicht, dass er seine Behauptungen belegt, vielleicht weil er Ihre Einschätzung stützt?
        Der Platz hier im Blog reicht nicht aus, um die vielen Studien zu zitieren, die keinen Zusammenhang festgestellt haben zwischen längerem gemeinsamen Lernen und Niveauabsenkungen. Genannt seien hier stellvertretend die vielen PISA-Studien im internationalen Vergleich bezüglich z.B. exzellenter Lerner (z.B. die 10% Besten), schwacher Lerner (die 20% Schlechtesten, “Risikoschüler” (unterhalb Kompetenzstufe 2) und der Kopplung von Sozialstatus und Lernerfolg. Sie können doch nicht leugnen, dass Deutschland in diesen Bereichen nur mittelmäßig bis schlecht abschneidet, wenn es auch seit einigen Jahren nicht mehr das Schlusslicht bildet. Oder anders, wo wird denn der von R. Werner behauptete Zusammenhang belegt?
        Die verzerrende Definition von Individuellem Lernen von Rainer Werner ist es nicht wert, weiter diskutiert zu werden, sie ist schlicht falsch.

        • Herr Möller: Wo bitte hat denn PISA jemals nachgewiesen, woran die guten bzw. schwachen Werte in einem Land liegen? Man stellt doch nur Test-Ergebnisse und Korrelationen fest, nichts sonst. Auch die PISA-Päste haben immer gesagt, sie wüssten nicht, woran was genau liegt. Ob PISA-Test-Personen als 7-Jährige Bildungschancen hatten oder nicht, das ist gar nicht mehr feststellbar. Nur der Bildungserfolg ist feststellbar. Frankreich hat ein einheitliches Schulsystem und sogar eine Vorschule, liegt aber bei den Leistungen und auch beim Einfluss des sozialen Gradienten auf den Bildungserfolg hinter Deutschland. Schauen Sie das bitte mal konkret bei PISA 2015 an. Ich habe den Verdacht, Sie leben noch in der Zeit von PISA 2000, wo in der Tat vieles anders war. Aber die Zeiten ändern sich, Schweden ist erheblich abgestürzt, Finnland auch.
          Viele, viele der bei PISA getesteten Länder liegen weit hinter Deutschland trotz ihres einheitlichen (nicht-gegliederten) Schulsystems mit dem “längeren gemeinsamen Lernen”. Das soll eine Reklame für dieses System sein? Wer ist in Europa denn nun wirklich besser? Die Schweiz, aber die hat nur einen Gymnasialanteil von 20% eines Jahrgangs (das hält übrigens auch die von Ihnen zitierte Frau Elsbeth Stern für richtig!).

          • @ Carsten60
            Rainer Werner hat behauptet: “Das egalitäre Konzept, Schüler unterschiedlichster Begabungen in dieselbe Lerngruppe zu zwingen schadet den leistungsschwachen und leistungsstarken Schülern gleichermaßen.”
            Ich habe dagegen angeführt, dass es keine Belege für seine Behauptung gibt. So zeigt u.a. PISA, dass Deutschland trotz seiner frühzeitigen Selektion sowohl bei den Schwachen als auch Leistungsstarken schlechter abschneidet als Länder, die diese Selektion nicht vornehmen sondern länger gemeinsam beschulen. Schauen Sie doch in die Ergebnisse der PISA-Studien rein.
            Woran machen Sie und andere (so auch Rainer Werner) denn dann die o.g. Aussage fest?
            Dass frühzeitige Selektion Schüler aus bildungsfernen Schichten benachteiligt
            (Stichworte u.a. Ungleiche sozial gekoppelte Übertrittsempfehlungen nach der Grundschule; große Leistungsüberlappungen zwischen den Schulformen; differenzielle Entwicklungsmilieus),
            dürften Sie aufgrund dieser Forschungsbefunde doch wohl kaum in Frage stellen, oder doch?

          • Herr Möller: Sie weichen aus. Ich bin nicht Rainer Werner und muss nicht begründen, was er schreibt. Aber Sie hatten sich (ziemlich pauschal und wiederholt) auf PISA bezogen und sollten da mal etwas konkreter werden. Woran genau machen Sie denn Ihre Aussagen fest? Ich hatte Frankreich und andere Länder in Europa genannt, die einheitliche Schulsysteme haben und dennoch bei PISA deutlich schlechter als Deutschland abschneiden. Aber Sie scheinen PISA 2015 gar nicht richtig zu kennen. Bei der Leistung in allen drei Disziplinen lagen von den europäischen Ländern nur wenige kleinere Länder vor Deutschland, darunter Finnland und Estland. Das kann an der homogeneren Gesellschaft dort liegen oder anderen lokalen Besonderheiten. Die großen Einwanderungsländer GB, F, S sind nicht dabei. PISA macht jedenfalls zu den Ursachen keine Aussage. Die PISA-Päpste sagen das auch immer. Eine Systemänderung kann man aus PISA nicht ableiten. Die fernöstlichen PISA-Sieger muten es den Kindern zu, zu pauken bis der Arzt kommt, und sind zudem ethnisch homogen.
            Und die soziale Gerechtigkeit kann man nicht ständig als das primäre Ziel der Schule ins Schaufenster stellen, ohne dass es dazu einen Konsens gibt. Wenn alle wenig lernen, dann ist das vielleicht gerecht, aber nicht erstrebenswert.

    • Herr Möller: Ich denke, Sie tun Rainer Werner doch etwas Unrecht. Er hat noch anderes geschrieben, z.B. den maßvollen und sehr ernst zu nehmenden Beitrag vom 3.5.2018 (veröffentlicht in der FAZ) in seinem Blog:
      https://guteschuleblog.wordpress.com/blog/page/5/
      Er kritisiert dort, dass vieles der Schule fälschlich angelastet wird, was eigentlich von den Eltern schon vor der Einschulung an den Kindern “verbockt” wurde. Das betrifft auch Art. 6 GG. In dem Blog steht noch viel mehr, und nicht alles ist so scharf zugespitzt wie der obige Welt-Artikel. Außerdem wurde Rainer Werner hier bei news4teachers schon mal ausführlich (positiv) zitiert im Zusammenhang mit Antisemitismus in Berlin:
      https://www.news4teachers.de/2012/09/grassiert-an-deutschen-schulen-wieder-antisemitismus/
      Daraus: “Das Wort ‘Jude’ ist zum allgemeinen Schimpfwort geworden. […] Oft wird das Wort ‘Jude’ mit der Vokabel ‘Opfer’ kombiniert. ‘Du Jude, du Opfer’ – gesprochen auf deutschen Schulhöfen.” Eine Diskussion zu diesem Artikel gab es hier seltsamerweise nicht. Niemand mochte sich äußern.

  5. @ Carsten 60:
    “Wenn alle wenig lernen, dann ist das vielleicht gerecht, aber nicht erstrebenswert.”
    Hier unterstellen Sie aber ohne Beleg, dass längeres gemeinsames Lernen zu geringeren Lernerfolgen führt.

    Natürlich kann man aus PISA keine Systemänderung ableiten, das tue ich auch nicht.
    Für längeres gemeinsames Lernen führe ich die systemische Benachteiligung von sozial benachteiligten Kindern im selektiven deutschen Schulsystem an.

    Der PISA-Vergleich (auch 2015) zeigt, dass sowohl die schwächeren und stärkeren Lerner in Ländern mit längerem gemeinsamen Lernen vergleichbar abschneiden wie im deutschen selektiven Schulsystem, z.T. schlechter und z.T besser als in Deutschland. Die Unterschiede sind häufig nicht signifikant (statistisch nicht absicherbar, siehe S.E.): siehe Perzentil-Tabellen im Annex B von PISA 2015. Diese Befunde widersprechen der Behauptung von Rainer Werner.
    Mir sind auf der anderen Seite keine Studien bekannt, die seine (auch Ihre?) These bestätigen.
    Natürlich haben Sie die Aussagen von Rainer Werner nicht zu verantworten, sie ziehen ihn aber als Kronzeuge heran.

    • Herr Möller: Die “systemische Benachteiligung” wird für gewöhnlich eben aus PISA hergeleitet, so z.B. von der Bundeszentrale für politische Bildung:
      http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/174546/pisa-studie
      Man schreibt dort: “… hatten die PISA-Tester einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und Defiziten bei der Chancengleichheit in Deutschland festgestellt.”
      Das ist gelogen: PISA hat zu CHANCEN nie etwas sagen können, immer nur zu Korrelationen zwischen sozialer Herkunft und BildungsERFOLG. Aber nach PISA 2000 wurde vielfach der Ruf nach einer Änderung des Schulsystems mit PISA begründet. Anfangs hieß es, das Schulsystem in Schweden sei Vorbild. Als später Schweden bei PISA abgestürzt war, haben uns dieselben Leute erzählt, Deutschland müsse dennoch sein Schulsystem in dieser Richtung ändern. Ich nenne solche Leute Opportunisten und Wendehälse. Sie ignorierten, dass das schwedische System eben auch Nachteile haben muss.
      Die Perzentilbänder bei PISA 2015 habe ich mir jetzt daraufhin angesehen, aber in der grafischen Version (die ist anschaulicher als die Tabellen im Anhang). Die stützen Ihre These gar nicht! Nehmen wir die Mathematik: Nur die Ostasiaten kommen am oberen (rechten) Ende deutlich über Deutschland hinaus. Am unteren (linken) Ende ragt die halbe Welt weiter in die Miesen hinein, nämlich Belgien, Schweden, Frankreich, UK, Tschechien, Portugal, Italien, Spanien sowie alle (!) außereuropäischen Länder, die aufgeführt sind. Bei folgenden Ländern liegt das Perzentilband komplett innerhalb von dem deutschen: Estland, Dänemark, Finnland (!), Slowenien, Polen, Irland, Norwegen, Lettland. Das heißt im Klartext: Diese Länder haben weniger Schwache, aber auch weniger Starke als Deutschland. Ich nenne das eine NIVELLIERUNG ZUR MITTE HIN. Wollen wir das? Beim Lesen sieht es ähnlich aus. Hier ist Finnland besser, aber die anderen nicht. Hier liegen auch Japan und Korea innerhalb des deutschen Perzentilbands, Und wieder ist Frankreich am unteren Ende besonders (geradezu katastrophal) schwach trotz seines einheitlichen Schulsystems mit 3-jähriger Vorschule.
      Nichts deutet darauf hin, dass Deutschland sein Schulsystem ändern müsste. Bei einigen anderen wäre das eher angezeigt, z.B. Frankreich, USA, Israel. Andere Schulsysteme sind eben “versteckt selektiv”, z.B. durch Aufnahmeprüfungen (Japan), ein ausgeprägtes Privatschulsystem (England), eine Segregation durch die Wohnbezirke in Kombination mit Schulbezirken (Frankreich), eine Spaltung in verschiedene Ethnien (USA) usw.
      Noch was: Auf S. 466 stehen die PISA-Werte für die deutschen Nicht-MIgranten, nämlich 524-532 in den drei Disziplinen. Das sind ziemlich genau die Werte auch von Finnland, Kanada und anderen PISA-Siegern, sogar Japan und Korea. So what?

      • @ Carsten60
        Letzter Versuch Sie davon zu überzeugen, dass die Behauptung von Rainer Werner
        (“Das egalitäre Konzept, Schüler unterschiedlichster Begabungen in dieselbe Lerngruppe zu zwingen schadet den leistungsschwachen und leistungsstarken Schülern gleichermaßen.”)
        den PISA-Befunden nicht standhalten mit einer Auswertung von PISA 2015 (nur Europa) bezüglich der Anteile (in %) der schwachen Lerner (= Kompetenzstufe 5) in Lesen und Mathematik. So können sich alle Mitleser des Blogs selber ein Bild machen:
        Mathematik:
        In Deutschland erreichten in PISA 2015 17,2% lediglich höchstens die Kompetenzstufe 1. In Estland (11,2), Dänemark (13,6), Finnland (13,6), Slowenien (16,1), Polen (auch 17,2), Irland (15), Norwegen (17,1), Niederlande (16,7) und Schweiz (15,8) waren es z.T. deutlich weniger.
        Schaut man sich die starken Lerner an, so erreichten in Deutschland 12,9% mindestens die Kompetenzstufe 5. In Belgien (15,9), Estland (14,2), Slowenien (13,5), Niederlande (15,5) und Schweiz (19,2) waren es mehr. In Estland, Slowenien, Niederlande und Schweiz waren die Quoten sowohl der schwachen niedriger als auch der starken Lerner höher als in Deutschland.
        Lesen:
        In Deutschland erreichten in PISA 2015 16,2% lediglich höchstens die Kompetenzstufe 1. In Spanien (auch 16,2), Estland (10,6), Dänemark (15), Finnland (11,1), Slowenien (15,1), Polen (14,4), Irland (10,2) und Norwegen 14,9) waren es z.T. deutlich weniger.
        Schaut man sich die starken Lerner an, so erreichten in Deutschland 11,7% mindestens die Kompetenzstufe 5. In Frankreich (12,5), Finnland (13,7), Norwegen (12,2) waren die Anteile höher als in Deutschland. In Finnland und Norwegen waren die Quoten sowohl der schwachen niedriger als auch der starken Lerner höher als in Deutschland.

        • Beim Übertragen ist leider ein Kopierfehler entstanden, sorry.
          Es muss am Anfang des Textes heißen:
          …den PISA-Befunden nicht standhalten mit einer Auswertung von PISA 2015 (nur Europa) bezüglich der Anteile (in %) der schwachen Lerner (= Kompetenzstufe 5) in Lesen und Mathematik.

  6. neuer Korrekturversuch:
    …den PISA-Befunden nicht standhalten mit einer Auswertung von PISA 2015 (nur Europa) bezüglich der Anteile (in %) der schwachen Lerner (unter Kompetenzstufe 2) und der starken Lerner (mindestens Kompetenzstufe 5) in Lesen und Mathematik.

    • Herr Möller: ich hatte doch gar nicht behauptet, dass alles, was Herr Werner sagt, nun zu 100% stimmt. Ich hatte gemeint, das sei eine Gegenstimme im Konzert der vielen anderen (ist etwa alles wahr, was die GEW sagt?). Und ich hatte die Frage aufgeworfen, ob denn nun wirklich immer die Starken die Schwachen mitziehen oder nicht. Das müsste sich doch wohl unabhängig von PISA empirisch feststellen lassen, z.B. in heterogenen Gesamtschulen. Gilt das eigentlich auch in der Grundschule? Von der Diskussion hier zu Grundschulthemen habe ich nicht den Eindruck.
      Bei den Zahlen betreiben Sie Rosinenpickerei. Gewiss ist das eine oder andere Land am unteren Ende gut, andere am oberen Ende, manche sogar an beiden. Was Sie nennen, sind aber alles kleinere Länder oder Länder wie Polen (ethnisch “äußerst homogen” lt. Wikipedia), das bekanntlich keine Flüchtlinge haben will. Dass Estland gut ist, hatte ich auch geschrieben. Das ist ein kleines Land, weniger Einwohner als München. Was bitte soll daraus folgen? Herr Werner hat seine Aussage bestimmt nicht auf Estland gemünzt, sondern auf den Ort, wo er unterrichtet hat. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass alles, was in Estland gut funktioniert, im Rest der Welt genauso gehen muss. Schon in Schweden gilt das nicht mehr: dort ist man bei der Mathematik an beiden Enden schlechter als Deutschland. Dass die Schweiz gut ist, hatte ich auch geschrieben, aber die Schweiz hat kein einheitliches Schulsystem, sondern nur 20% Gymnasialanteil und auch mal Aufnahmeprüfungen bei den Gymnasien. Finnland, Dänemark und Irland haben in Mathematik weniger schwache, aber auch weniger Starke. Das nenne ich Nivellierung zur MItte hin. Sie sagen nicht, ob Sie das gut finden. Im Hinblick auf die oben schon erwähnte Seite 466 mit der Unterscheidung von Migranten und Nicht-MIgranten kann man doch wohl Deutschland sinnvoll nur mit zwei anderen großen Ländern vergleichen: Frankreich und Großbritannien. Und hier sind die beiden anderen bei PISA schwächer (Spanien und Italien sowieso) trotz einheitlicher Schulsysteme. Estland, Polen, Slowenien habe kaum Migranten aus dem Vorderen Orient, auch Finnland 2015 nicht. Das kommt noch. Die große Flüchtlingswelle ist ohnehin nicht mit eingegangen. Warten wir mal PISA 2018 ab.
      72 Länder haben bei PISA 2015 mitgemacht, nur die Hälfte (die OECD) werden in den schönen Tabellen mit den Punkten überhaupt aufgeführt. Die anderen sind aber wohl recht schwach, auch Russland (die Ostasiaten wie Singapur ausgenommen). Fast alle haben einheitliche Schulsysteme, aber eine große Mehrheit erreicht bei der Mathematik dennoch nicht das deutsche Niveau. Schauen Sie nur auf die vielen OECD-Länder mit über 20% Anteil bei Kompetenzstufe I, darunter klangvolle Namen. Die Türkei kommt sogar auf 51%.
      Das Beispiel Estland zeigt, was grundsätzlich möglich ist, mehr aber nicht. Wenn eine Stadt wie Stralsund mit gewissen Eigenheiten besonders gut bei PISA wäre, würde für den Rest Deutschlands auch nichts folgen. Die Randbedingungen sind immer mit zu beachten, und da müssen wir die hiesigen nehmen (mit einem Migrantenanteil von 30% und mehr bei den Schulkindern, etliche mit geringen Sprachkenntnissen und aus bildungsfernen Unterschichten. Ein Land wie Südkorea, wo offenbar alle nach Bildung streben, hat es eben leichter. Ein Land wie Kanada mit handverlesenen Einwanderern auch. Deshalb sollte man die deutschen PISA-Ergebnisse nicht so viel schlechtreden. Und nicht überbewerten.

Schreibe einen Kommentar zu xxx Antwort abbrechen

Please enter your comment!
Please enter your name here