Berlin will Lehrer an Brennpunktschulen künftig besserstellen – offen ist, ob mit Prämien oder Entlastungen

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BERLIN. Berlin will – bundesweit einmalig – Lehrer an Brennpunktschulen künftig besserstellen. Dafür seien vom rot-rot-grünen Senat 8,6 Millionen Euro in den Haushaltsplan 2018/2019 eingestellt worden, so berichtet der „Tagesspiegel“. Mit dem Geld solle ein Anreiz geschaffen werden, um mehr Pädagogen für Schulen in schwierigen sozialen Lagen zu gewinnen und dort zu halten – wobei allerdings noch offen ist, ob der Betrag für Sonderzahlungen oder für Entlastungen eingesetzt werden soll.

Der Sanierungsstau in Berlin beträgt geschätzte fünf Milliarden Euro. Foto: onnola / flickr (CC BY-SA 2.0)
Lehrer an Brennpunktschulen werden in Berlin künftig womöglich besser bezahlt. Foto: onnola / flickr (CC BY-SA 2.0)

In Deutschland fehlen nach einer Schätzung des Deutschen Lehrerverbands rund 20.000 Lehrer. Vor allem an Grundschulen können freiwerdende Stellen nicht mehr besetzt werden. In  städtischen Brennpunktvierteln, wo sich die Probleme ballen, stehen (Grund-)Schulen angesichts der Flaute auf dem Lehrerarbeitsmarkt bei der Bewerbersuche auf verlorenem Posten – so auch in Berlin, wo jährlich alles in allem rund 2.000 neue Lehrkräfte benötigt werden. Deshalb will der Senat, der bereits eine finanzielle Aufwertung von Grundschullehrkräften auf A13/E13 beschlossen hat, jetzt zusätzlich die Arbeit an einer Brennpunktschule honorieren.

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Begünstigt werden sollen laut „Tagesspiegel“ Lehrer an Schulen, an denen mindestens 70 Prozent der Kinder von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind, weil ihre Familien auf Sozialtransfers angewiesen sind. Betroffen seien rund 80 Schulen in Berlin und rund 3500 Lehrkräfte.

„Mit einer Zulage wollen wir den Lehrern an Brennpunktschulen unsere Wertschätzung entgegenbringen“, so zitiert der „Berliner Kurier“ die SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic. „Engagierte Lehrer bringen noch zusätzliche  Arbeitszeit für die individuelle Förderung der Schüler oder für die  Elternarbeit auf.“  Im Gespräch sei eine Zulage von 300 Euro brutto im Monat. Möglich sei auch eine Staffelung  von 200 Euro mehr ab 70 Prozent armer Schüler und 400 Euro mehr ab 85 Prozent.

Modell mit Tücke

Der „Tagesspiegel“ berichtet von einer weiteren Alternative: eine Arbeitsentlastung, möglicherweise auch nach dem Anteil armer Schüler gestaffelt, von ein oder zwei Unterrichtsstunden pro Lehrkraft. Betroffene Schulleiter hätten signalisiert, dass ihnen eine Reduzierung der Arbeitszeit lieber wäre, berichtet der „Tagesspiegel“. Die Crux an diesem Modell: Dadurch würde der Bedarf an zusätzlichen Lehrern steigen – aber die gibt es ja eben nicht auf dem Arbeitsmarkt.

Der Berliner Vorstoß fällt in eine bundesweite Debatte um die Belastung von Lehrkräften an Brennpunktschulen. Das Kollegium einer Gemeinschaftsschule in einem Saarbrücker Brennpunkt meldete unlängst „Bankrott“ an. In einem Brandbrief an Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), den alle Lehrer der Schule unterschrieben haben, ist in Bezug auf den Bildungsauftrag als etwas „objektiv Unmöglichem“ die Rede. Angesichts zunehmender Gewalt, Beleidigungen, Drogen- und Alkoholkonsum sowie unzureichender Unterstützung durch das Land könne von geregeltem Unterricht kaum mehr die Rede sein. Das Schreiben der Schule, deren Schülerschaft angeblich zu 86 Prozent aus nicht-deutschen Kindern und Jugendlichen besteht, sorgte bundesweit für einen gehörigen Medienwirbel.

Gemeinsamer Alarm

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, zeigt sich überzeugt, dass die Saarbrücker Schule kein Einzelfall ist – dass also „an vielen anderen Schulen“ in Deutschland Lehrkräfte ähnlichen massiven psychischen und physischen Bedrohungen ausgesetzt seien.

Tatsächlich schlugen erst im Oktober 15 Schulen aus einem als belastet geltenden Essener Stadtteil gemeinsam Alarm. „Wir benötigen sofort mehr Unterstützung, um unseren Aufgaben gut gerecht werden zu können“, erklärte der Leiter einer der beteiligten Grundschulen. „Allein an unserer Schule ist die Zahl der Schüler in nur einem Jahr von 260 auf 340 gestiegen wegen der Flüchtlingskinder.“ Die durchschnittliche Klassenstärke liege bei 28 Kindern – was viel zu hoch sei: „Sie können in einem sozialen Brennpunkt nicht mit so vielen Kindern in einer Klasse arbeiten, da kommt bei den einzelnen Schülern viel zu wenig an.“

Die GEW in Nordrhein-Westfalen hat einen  „schulscharfen Sozialindex“ vorgeschlagen, nach dem Schulen in Problemlagen zusätzliche Stellen erhalten sollen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Saarbrücker Kollegium schreibt Brandbrief: Beleidigungen, Gewalt, Drogen, Frauenfeindlichkeit – Wir haben Angst vor unseren Schülern!

Immer mehr Eltern bekommen es nicht mal mehr hin, ihr Kind zur Schule anzumelden – Brennpunktschulen schlagen Alarm

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11 KOMMENTARE

  1. Meine Meinung ist ja bekannt.

    Mehr Geld hilft uns gar nicht. Hätten wir zu wenig, ja, dann wäre das erstmal nötig. So ist es aber nicht. Bitte, liebe Politik, triff mal eine kluge Entscheidung. Gewähre Entlastung! Eine Arbeitsstunde weniger ist wenig, ja, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung !!!

    • Wie wissen die mehr Geld zu rechtfertigen, die immer für gleichen Lohn für gleiche Arbeit plädieren und sagen, es gäbe keine wesentlichen Unterschiede zwischen Schulen und Schularten?

      Würde mich mal interessieren?

  2. Ja, lieber sofawolf. Wie in allen anderen tausenden (leichte Übertreibung beabsichtigt) Beiträgen, in denen es um die GS geht, teilen Sie natürlich auch hier wieder Ihre bekannte Meinung mit. Die Frage ist nur, warum?

    • Erstens ging es in dem Artikel nicht (ausschließlich) um die Grundschule.
      Zweitens äußerte Sofawolf nur seine Zweifel, dass der Lehrermangel durch ein paar 100€ zusätzlich im Monat (nicht einmal 10% brutto) die Motivation, an einer solchen Schule anzufangen, signifikant erhöhen wird.
      Drittens hält Sofawolf es für viel sinnvoller, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Reduktion der Unterrichtsverpflichtung um 1-2 Wochenstunden ist dafür zu wenig, viel besser wäre (aus meiner Sicht) eine Entlastung um Zusatzarbeiten abseits des Unterrichts, sprich Büroarbeit, Aufsichten, Protokolle sind Aufgaben von Schulassistenten. Dazu empfiehlt sich eine rechtliche Stärkung des Lehrers, was seine Person, seine Notengebung und seine Sanktionen für Fehlverhalten betrifft. Das setzt aber ein gewisses Rückgrat des Dienstherren oberhalb der Schulleitung voraus.

      • Wow, genau so ist es prinzipiell, xxx. Nur die Senkung des Stundensolls ist für mich zentral. Aber alles andere, ja, genau so sehe ich das.

      • Das haben Sie sehr schön formuliert, aber die Möglichkeiten der Entlastungen sind ja aus Ihrer Sicht und Ihre Vorschläge – von anderer Seite kommen da immer nur Vorwürfe, selten Konkretes.
        Den Möglichkeiten der Entlastung (aus meiner Sicht ff.) stimme ich zu und erweitere die Liste gerne für den Schulassistenten, sehe aber auch eine Entlastung in zusätzlichem pädagogischen wie auch therapeutischem Personal – wie neulich bereits ausgeführt.

        • @ Palim,

          ich muss wohl annehmen, dass ich die andere Seite bin, die immer nur Vorwürfe äußert und keine Vorschläge macht?

          Das fände ich dann ein wenig böswillig. Wie Ihre Fehlinterpretation seinerzeit, als Sie verkündeten, sofawolf ginge es nur ums Geld, weil er schrieb, wer freute sich nicht über mehr Geld, wobei Sie aber den 2. Teil wegließen, in dem stand, das sei jetzt aber nicht das Wichtigste.

          Ich habe stets und ständig geschrieben, was ich statt mehr Geld für uns Lehrer jetzt wichtiger fände und welche Arten von Entlastung ich uns allen wünsche. Das ist dann wieder so diese typische Argumentationsweise Ihresgleichen, zu ignorieren, welche Vorschläge man macht, um dann zu sagen, es gäbe keine. Naja, so ist das halt. Kleinreden, schlechtreden, ignorieren … die untersten Stufen eben des Umgangs mit Kritik.

      • @ mannequin

        (schön, dass Sie dieses Wort ein bisschen wiederbeleben),

        naja, Sie erwarten sicher auch nicht, dass ich jedes Mal eine andere Meinung habe, oder?

        Aus welchem Grunde hingegen sollte ich (als Einziger?) meine Meinung nur einmal sagen und dann nie wieder? Zumal ja das Thema auch nicht nur einmal publiziert wird und dann nie wieder. 🙂

        • Weil Sie immer noch nicht begriffen haben, dass die verfassungsgemäße Besoldung der Grundschullehrer und die grundsätzliche Diskussion um die Stärkung des Lehrerberuf zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.
          Dass Sie das nicht begreifen wollen, ist traurig, zeigt eine gewisse Sturheit und ein sehr verengte Weltbild.

  3. Das habe ich gerade gefunden. Einerseits mein Reden, andererseits das Handeln der Politiker. Gehaltszulage und alles ist wieder gut! (Schade, dass vorrangig monetär interessierte Kollegen ins gleiche Horn blasen!)

    ZITAT: “… Die Lehrer fordern deshalb neben einer maximalen Klassenstärke von 20 Kindern auch eine Reduzierung der Unterrichtszahl von derzeit 28 auf 20 Stunden sowie mehr Unterstützung im inklusiven Unterrichtsalltag.

    Angesichts des Lehrermangels könne derzeit niemand guten Gewissens eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung fordern, gab eine Sprecherin der Bildungsverwaltung in einer ersten Reaktion zu bedenken. Die Koalitionsfraktionen bereiten derzeit allerdings einen möglichen Gehaltszuschlag für Brennpunktschul-Lehrer vor. …

    – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/30413058 ©2018″

    • Ein Link in dem Link:
      “Viele Berliner Schulen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Die Anzahl der Grundschüler, die zu Hause vornehmlich eine andere Sprache als Deutsch sprechen, ist seit 2008 von 35 auf mehr als 45 Prozent eines Jahrgangs angestiegen. Interkulturelle Konflikte unter Schülern, besonders an innerstädtischen Brennpunkt-Schulen, nehmen zu.”
      Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/30063140

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