Neue PISA-Erhebung: Das deutsche Schulsystem ist deutlich gerechter geworden (heißt auch: Es geht!)

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BERLIN. Es schien lange fast wie ein Naturgesetz: Soziale Herkunft ist in Deutschland entscheidend für den Schulerfolg. Jetzt zeigt eine neue PISA-Studie, dass Benachteiligte nicht abgehängt bleiben müssen.

Die OECD hat wichtige Daten zur Bildung in Deutschland zusammengetragen.. Foto: Departement of Education / flickr (CC BY 2.0)
Bildungsgerechtigkeit – ein ehrgeiziges Ziel. Foto: Departement of Education / flickr (CC BY 2.0)

Sozial benachteiligte Schüler haben laut einer neuen PISA-Studie in Deutschland deutlich aufgeholt. Nach nur jedem vierten betroffenen Schüler im Jahr 2006 erzielte 2015 fast jeder dritte dieser Schüler (32,3 Prozent) solide Leistungen, wie OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher am Montag in Berlin sagte. Der Anteil der gut abschneidenden Schüler mit schwieriger sozialer, wirtschaftlicher Ausgangslage sei so stark gewachsen wie in kaum einem anderen Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

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Fast 20 Jahre nach dem PISA-Schock 2001 wegen unterdurchschnittlicher Leistungen und sozialer Ungerechtigkeit an Deutschlands Schulen lässt das Ergebnis aufhorchen. Dennoch bleibt Deutschland bei der Chancengleichheit laut Studie noch immer unter dem OECD-Schnitt. «Der soziale Hintergrund ist immer noch eine Barriere», sagte Schleicher.

An den PISA-Ergebnissen lasse sich klar erkennen, wie mehr Aufstiegsmöglichkeiten für benachteiligte Schüler geschaffen werden könnten. Positiv hätten mehr Ganztagsschulen gewirkt, die Zusammenführung von Haupt- und Realschulen und somit eine bessere soziale Mischung, mehr frühkindliche Bildung an Kitas und eine stärkere Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund. «Diesen Weg müssen wir weitergehen», sagte Schleicher.

Zentral: ein positives Schulklima

«Es ist der letzte abfahrende Zug», mahnte Schleicher. Die Politik müsse nach dem PISA-Schock eingeleitete, dann abgeflachte Verbesserungen weiterführen. «Die Menschen, die an einer guten Erstausbildung scheitern, haben später kaum noch Chancen.»

Zentral seien ein positives Schulklima mit stabilen Lehrerkollegien ohne viele Wechsel, mit motivierendem Leitungsstil, mit einem Klima des Zusammenhalts, sagte Schleicher. Der OECD-Bildungsdirektor forderte, die Lehrer müssten Zeit bekommen, sich um unterschiedliche Lernbedürfnisse einzelner Schüler und Schülergruppen zu kümmern. Schüler müssten ihre Talente und Schwachstellen auch außerhalb des eigentlichen Unterrichts im Rahmen von Ganztagsangeboten fördern und angehen können.

Klassengröße und technische Ausstattung seien für sich genommen keine Ursachen für bessere Lernbedingungen. «Auch die Anzahl der Computer, der Tablets sagt sehr wenig über das Arbeitsklima aus», sagte Schleicher. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zum Start der Koalitionsverhandlungen vor allem das Ziel einer Digitalisierung der Schulen hervorgehoben.

Sebastian Gallander, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, die die Studie mitinitiiert hatte, rief Union und SPD auf, ihre Ankündigung umzusetzen, die Bildungschancen im Schulterschluss von Bund und Ländern zu verbessern. PISA ist die weltweit größte Schulleistungsstudie und erfasst die Kompetenzen von 15-jährigen in 80 Ländern. dpa

 

Hintergrund: Fragen und Antworten

Wie hat sich die Bildungsgerechtigkeit entwickelt?

In kaum einem anderen Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist der Anteil sozialschwacher Schüler mit soliden Leistungen so deutlich gewachsen wie in Deutschland – von 25,2 im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent 2015. Auch Israel, Japan, Norwegen, Polen, Portugal, Slowenien und Spanien verzeichneten hier eine positive Entwicklung. In Australien, Finnland, Neuseeland, Korea, Schweden und Ungarn ging der Anteil dieser Schüler dagegen zurück.

Warum holte Deutschland hier auf?

Laut OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher gibt es klare Gründe: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht mit bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas. «Die positive Entwicklung ist beeindruckend», sagt Schleicher.

Ist das Problem der Bildungsungerechtigkeit gelöst?

Bei weitem nicht – noch immer ist Deutschland hier schlechter als der OECD-Durchschnitt. Nach Reformen für die Schulen Mitte des vergangenen Jahrtausends habe die Veränderungsdynamik wieder nachgelassen, sagt Schleicher.

Was muss getan werden?

«Das Lernen zu individualisieren, ist das Entscheidende für den Bildungserfolg», sagt Schleicher. Die Schulen müssten auch offen dafür sein, dass sich Leistungspotenziale der Schüler zu unterschiedlichen Zeitpunkten entfalten.

Was bedeutet das konkret?

Gutes Schulklima ist laut den OECD-Ergebnissen zentral. Die Lehrer müssten einen Geist des Zusammenwirkens an ihrer Schule empfinden. Schlecht: hohe Lehrerfluktuation. Gut: ein vertrauensvolles Verhältnis an den Schulen. Lehrer bräuchten Zeit außerhalb der Unterrichtsstunden, sich um schwächere Schüler zu kümmern oder auch Talente zu fördern. Doch die Stundendeputate seien für deutsche Lehrer so hoch, dass es an dieser Zeit oft fehle.

Steht die Schulzuständigkeit der Länder dem Erfolg im Weg?

Laut Schleicher nicht unbedingt. Aber es brauche mehr Kooperation von Bund, Ländern und Kommunen. «Es ist nicht sinnvoll, dass man Lehrer in den 16 Ländern unterschiedlich ausbildet», kritisiert Schleicher. Nicht förderlich sei es auch, wenn guter Unterricht in maroden Schulgebäuden stattfinde. Sebastian Gallander, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, die die Studie mitinitiiert hatte, zeigt sich optimistisch, dass eine neue große Koalition positive Weichen stellt: «Es ist ein Fenster der Möglichkeit, das sich eröffnet.» Immerhin wollten Union und SPD mehr Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen.

Wo können Vorbilder für Deutschland sein?

Schleicher führt Shanghai als Beispiel an. Dort sei der Problemdruck wegen vieler sozialschwacher Zugezogener besonders hoch gewesen. Die Klassen seien eher vergrößert worden, die Deputate der Lehrer lägen mit 11 bis 16 Stunden pro Woche aber bei rund der Hälfte der deutschen Lehrer. Dennoch arbeiteten die Pädagogen dort mehr: Sie würden sich intensiver außerhalb des Klassenverbands mit einzelnen Schülern befassen, wöchentlich mit den Eltern sprechen und untereinander stärker über die Schüler beraten.

Ziehen schlechtere Schüler die besseren nach unten?

Dies könnte man bei gemeinsamem Unterricht leicht fürchten – doch Schleicher gibt Entwarnung: «Es gibt keinerlei Absinken der Leistungen.» Das zeigten der internationale Vergleich und die deutsche Entwicklung. Während die stärkere Zusammenführung von Haupt- und Realschulen die Leistungen dort verbessert habe, seien an den eher gleich gebliebnen Gymnasien die Leistungen nicht besser geworden.

Was erschwert Verbesserungen in Deutschland?

Der Chef des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, sagt: «Die momentane Realität, dass dem Lehrermangel durch eine Vielzahl von personellen Notmaßnahmen versucht wird entgegenzuwirken, steht dem entgegen.» Wegen fehlender Lehrer gibt es immer mehr Seiteneinsteiger – 3015 waren es im Schuljahr 2016/17. Schleicher mahnt, die Mittel nicht an falscher Stelle einzusetzen, wenn es nicht mehr davon geben sollte: Mehr Computer an den Schulen allein zum Beispiel brächten kein besseres Lernklima.

Drängender denn je: Warum wir mehr Chancengerechtigkeit im Schulsystem brauchen – eine Gegenrede

 

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8 KOMMENTARE

  1. Interessant. Dann muss ich wohl meine Meinung wieder ändern, dass das gegliederte Schulsystem auch seine Vorteile hat (spezifische Förderung)?!?

    ZITAT: “Zentral seien ein positives Schulklima mit stabilen Lehrerkollegien ohne viele Wechsel, mit motivierendem Leitungsstil, mit einem Klima des Zusammenhalts, sagte Schleicher.”

    Im ZDF wurde eben noch dazu gesagt, dass in Klassen OHNE großes Unruhepotenzial die Leistungen auch der Kinder aus sozial schwachen Familien besser geworden seien. Dieser Aspekt fehlt hier. Ich messe ihm eine große Bedeutung bei. Das ist wohl ein Teil dessen, was im Zitat formuliert ist.

    Wie oft gesagt verlieren wir durch Unterrichtsstörungen rund 1 Monat Unterrichtszeit pro Schuljahr. Was hätte man da alles lernen und üben können!?!

  2. Wie wertet Schleicher den angeblichen Erfolg Deutschlands im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ?
    Klar ist dieser vermeindlich vorhanden und so interpretiert er, dass noch mehr gemeinsamer Unterricht in noch heterogeneren Klassen diese angebliche Verbesserung bewirkt hätte und sozialschwache Schüler von sozial besser gestellten Schülern lernen würden.
    Und auf die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit antwortet er, dass die Reformfreudigkeit nach der Mitte des vergangenen Jahrtausends nachgelassen habe.
    Aha, also noch mehr Reformen durchführen, denn dann werden die Ergebnisse noch besser.
    Und was ist mit den Ergebnissen der anderen bundesweiten Vergleichsuntersuchungen ?
    Stehen diese nicht im Widerspruch zu Herrn Schleichers eigenen Interpretationen.
    Und dann stellt er wieder die Forderung nach noch mehr “Individualisierung” auf.
    Also weiter mit dem eigenständigen Arbeiten an den Lose-Blattsammlungen und wenig interaktivem Unterricht mit den Schülern, damit das Lernen noch mehr Spaß macht ?

  3. Josef Kraus meint: Wieder eine Pisa-“Sonderstudie” mit ideologischem Faktor
    https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/josef-kraus-lernen-und-bildung/wieder-eine-pisa-sonderstudie-mit-ideologischem-faktor/

    Ausschnitt aus dem Artikel: „Also doch wieder Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule, wenn es nach der OECD geht! Und wenn es nach den „Öffentlich-Rechtlichen“ geht, die dieses Märchen ins Bild setzen, als sie zur aktuellen „Studie“ schöne Szenen aus Gesamtschulen brachten. Alles daneben! Gesamtschule hat in Deutschland – wirklich empirisch belegt! – Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Sie hat keineswegs bessere soziale Aufstiegschancen eröffnet. Dafür war und ist sie um 30 Prozent teurer als das gegliederte Schulwesen. Und es gibt keine einzige Studie, die der Ganztagsschule bzw. deren Schülern auch nur einen kleinen Vorteil in puncto Schulleistung oder Aufstieg bestätigen könnte. Im übrigen sei angefügt: Ob ein Schüler eine Ganztagsschule besucht, ist mit Pisa gar nicht erfasst worden.
    Der OECD-Direktor Schleicher bewegt sich also einmal mehr im luftleeren Raum.“

  4. Für mich ist das Schulsystem am gerechtesten, bei dem nicht am wenigsten von “Gerechtigkeit” palavert wird und am meisten darüber, wie alle Schüler am besten zum Lernen und Leisten gebracht werden.
    Das Gerechtigkeitsgedöhns lenkt nur ab und nützt allein den Möchtegerns in Sachen Moral und lobenswerter Gesinnung. Mit nichts sind ja so leicht Lorbeern zu gewinnen wie mit zur Schau gestellter Anteilnahme für Schwache und Benachteiligte.

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