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Bildungsbericht 2018: Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern vertieft sich – Experten (und Lehrerverbände) fordern massive Investitionen

BERLIN. Zu wenig Lehrer und Erzieher, eine wachsende Kluft zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern: Kitas und Schulen in Deutschland müssen nach Ansicht von Experten besser für den stetig wachsenden Zulauf von Kindern und Jugendlichen gerüstet werden. Dabei müssten sie benachteiligte Kinder, etwa aus zugewanderten Familien, besser fördern. Das geht aus dem am Freitag in Berlin vorgestellten Bildungsbericht 2018 hervor. Der Bericht im Auftrag von Bund und Ländern stammt von einer unabhängigen Forschergruppe. «Er ist ein Weckruf an die Politik», sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Linke). Die Experten sehen enorme Investitionen als nötig an.

In den Schulen herrscht eine bunte Vielfalt – aber kann die Lehrerschaft den zunehmend unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen gerecht werden? Foto: Shutterstock

So verließen mit 49.300 – oder sechs Prozent der Schulabgänger 2016 – wieder mehr Jugendliche als in den Vorjahren die Schule ohne mindestens Hauptschulabschluss, 2015 waren es 1900 weniger. Der Anstieg ging fast komplett auf ausländische Jugendliche zurück,
10.800 von ihnen blieben 2016 ohne Abschluss. Insgesamt müssten die Bildungseinrichtungen wegen des verstärkten Zuzugs Schutzsuchender mehr Integrations-, Sprach- und Vorbereitungsleistungen erbringen.

Der Bericht zeigt eine verfestigte Spaltung zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern an den oberen und unteren Rändern. Fast jeder zehnte Jugendliche in Stufe 9 verfehlt den Mindeststandard beim Lesen. Dagegen stieg der Anteil der Schulabsolventen mit Abitur binnen zehn Jahren von 34 auf 43 Prozent 2016.

Die 15-Jährigen in Deutschland haben im internationalen Vergleich aufgeholt: Ihre Leistungen lägen nicht mehr, wie noch im Jahr 2000, unter OECD-Durchschnitt. Bei den Grundschülern aber sei der Abstand zur Spitzengruppe im OECD-Vergleich sogar größer geworden.

Wegen steigender Geburtenzahlen und der Zuwanderung nach Deutschland kommen dabei immer mehr Kinder und Jugendliche in die Kitas und Schulen. Deshalb kommen die Forscher zu dem Schluss: Es brauche mehr Personal und Plätze. Auch weil Mütter immer häufiger arbeiten, steige der Bedarf an Betreuung. Der Sprecher der Autorengruppe, der Berliner Bildungsforscher Kai Maaz, sprach sich für einen weiteren Ausbau und Umbau des deutschen Bildungssystems aus.

Bereits heute gebe es enorme Unterschiede beim Versuch, genug Lehrer zu gewinnen. Bei Neueinstellungen schwanke der Anteil der Seiteneinsteiger von Land zu Land zwischen 0 bis 35 Prozent, sagte Maaz. Viele Stellen müssten auch wegen älter werdender Lehrer absehbar neu besetzt werden. Holter mahnte, allein in Ostdeutschland sei jeder zweite Lehrer älter als 50 Jahre.

In den Kitas mit ihren mehr als 600.000 Erzieherinnen und Erziehern konnte der enorm gewachsene Personalbedarf bisher großteils über neu Ausgebildete gedeckt werden, so der Bericht. Bis 2025 aber brauchen die Kitas, so die Forscher, 313.000 zusätzliche Fachkräfte. Aber nur 274 000 würden bis dahin neu ausgebildet. Weitere 270.000 zusätzliche Fachkräfte würden benötigt, wenn die Kitas grundlegend mehr Bildungs- und Erziehungsaufgaben übernehmen sollten.

Problemregionen im Teufelskreis

Die regionalen Unterschiede sind groß – die Forscher sehen Problemregionen dabei vor einem Teufelskreis. «In einem Teil der ländlichen Regionen gibt es bereits jetzt nicht mehr ausreichend wohnortnahe Bildungsangebote», so der Bericht. Das betreffe vor allem Schulen. Aber auch der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist etwa in Ostdeutschland deutlich stärker gesunken (auf 3,6 Prozent im Jahr 2016) als in Westdeutschland (5,2 Prozent). Auch Hochschulangebote seien in schwächeren Regionen weniger vielfältig. Diese Schwierigkeiten drohten die Attraktivität der Problemregionen weiter zu senken.

Bei allen Problemen: Bildung lohnt sich laut dem Bericht für jeden Einzelnen. So verdienen zum Beispiel Akademikerinnen im Schnitt fast acht Euro pro Stunde mehr als Frauen mit beruflicher Ausbildung, bei den Männern beträgt dieser Unterschied sogar neun Euro. Bildung wirke sich auch positiv auf gesellschaftliches Engagement, Gesundheits- und Wahlverhalten aus. So gehen etwa 57 Prozent der 18- bis unter 40-Jährigen mit Hochschulreife wählen. Mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 41 Prozent.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) betonte: «Bildung liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft.» Viele Akteure seien für gute Bildung gefordert. Karliczek zitierte ein afrikanisches Sprichwort: «Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.» Von Basil Wegener, dpa

Das Thema wird hitzig auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Stimmen

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE): „Es gibt mehr Schülerinnen und Schüler. Von denen gleichzeitig mehr höhere Schulabschlüsse erreichen, sie verbleiben somit auch länger im Bildungssystem. Zusätzlich steigt die Heterogenität der Schülerschaft stetig an. Es gibt also sowohl quantitativ als auch qualitativ begründet einen sehr hohen Mehrbedarf an Lehrkräften. Und der kann schlicht nicht gedeckt werden. Wir befinden uns unbestritten in Zeiten eines massiven Lehrermangels. Dringlichste Frage muss daher sein, wie wir endlich ausreichend originär ausgebildete Lehrkräfte ins System bekommen. Die Antwort bleibt die Politik bisher schuldig.“

Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Realschullehrer: „Die ideologisch motivierten Strukturreformen und Bildungsexperimente in den vergangenen Jahren wirken sich mittlerweile massiv negativ auf das Bildungsniveau einzelner Länder aus. Die Zeichen der Zeit müssen endlich erkannt werden! Mittlere Bildungsabschlüsse bieten der jungen Generation alle Chancen einer zukunftsgerichteten Entwicklung mit allen Übergangen, Anschlüssen und Abschlüssen. Die ewige Mär der Gleichmacherei, das Ignorieren der Vielfalt und weichgespülte Abschlüsse in einigen Bundesländern können und werden nicht zum Erfolg führen! Eine rein akademische Ausrichtung der Bildungssysteme, die Orientierung an gescheiterten internationalen Vorbildern und die Vernachlässigung vielfältiger schulischer und beruflicher Wege führen Deutschland unweigerlich in eine Sackgasse.“

GEW-Vorsitzende Marlies Tepe: „Der dramatische Fachkräftemangel überlagert alle Maßnahmen im Bildungsbereich. Um gesellschaftlich notwendige Projekte wie die Inklusion und den Ganztag erfolgreich zu bewältigen, müssen wir viel mehr Menschen etwa als Erzieherinnen und Lehrkräfte gewinnen. Das wird nur klappen, wenn die Arbeitsbedingungen verbessert werden und die Bezahlung deutlich angehoben wird. Sonst steuern wir sehenden Auges auf einen Bildungsnotstand hin.“

Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln: “Die soziale Herkunft und die häufige Kombination aus sozialer Herkunft und Migrationshintergrund haben weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die Lese- und Schreibleistungen. Der Bildungsbericht warnt davor, dass diese Kluft künftig noch größer wird. Es ist notwendig, diese Kinder in den Fokus zu nehmen und darüber zu sprechen, wie der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Leseleistungen verringert werden kann. Bund und Länder müssen ihre Maßnahmen daher weiter verstärken. Lehrkräfte müssen auf die wachsende Heterogenität im Klassenzimmer vorbereitet werden. Damit sind keine Einzelmaßnahmen gemeint, sondern systematische Konzepte wie der sprachsensible Unterricht, der zusätzliche Unterstützung für sprachschwache Kinder vorsieht. Sprachliche Bildung ist außerdem nicht nur Aufgabe des Deutschunterrichts, sondern aller Fächer und Lehrkräfte. Nur wer versteht, kann auch lernen.”