Studie: Inklusion kommt (zu) langsam voran – viel Kritik am Bund

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GÜTERSLOH. Eine Untersuchung sieht zwar Fortschritte beim inklusiven Unterricht an Schulen. Allerdings nicht in allen Bundesländern. Kein Wunder – angesichts schlechter Rahmenbedingungen, sagen die Lehrergewerkschaften. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, kritisiert allerdings auch die Studie.

Die Inklusion in Deutschland kommt nicht so recht voran. Foto: Shutterstock

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung an Regelschulen – die Inklusion – kommt einer Studie zufolge allmählich voran: Der Anteil aller Kinder, die noch an Förderschulen lernen, nahm von 4,9 Prozent im Jahr 2008 auf 4,3 Prozent 2017 ab, wie die Bertelsmann Stiftung am Montag in Gütersloh mitteilte. Allerdings gebe es regionale Unterschiede, auch wenn sich die Abstände unter den Bundesländern tendenziell etwas verringerten. Und: In Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gehen derzeit sogar wieder mehr Kinder auf eine Förderschule. Von Bildungs- und Sozialverbänden kam viel Kritik an Bund und Ländern: Die Rahmenbedingungen stimmten nicht.

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Mit Blick auf die Bundesländer zeigt sich: In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen ist der Anteil der separat an Förderschulen unterrichteten Kinder besonders gering. Auch in Ostdeutschland sei der Anteil der Kinder an Förderschulen erheblich gesunken. In Nordrhein-Westfalen und Hessen fielen die Rückgänge moderat aus.

Vor allem beim Förderbedarf Lernen sei im bundesweiten Schnitt ein Rückgang zu verzeichnen, ergab die Analyse des Bildungsforschers Prof. em. Klaus Klemm im Auftrag der Stiftung. Bei speziellem Förderbedarf wird unterschieden etwa nach Schülern mit Lernschwierigkeiten, mit geistigen oder körperlichen Handicaps oder auch Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung.

Insgesamt seien die Klassenzimmer in Deutschland heterogener geworden, betonte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Allerdings werde das «Unbehagen» vieler Lehrer angesichts dieser wachsenden Vielfalt nicht ernst genug genommen. Nötig sei vor allem zusätzliche sonderpädagogische Kompetenz in den Kollegien. Auch der Verband Bildung und Erziehung forderte mehr sonderpädagogisches Personal.

Bund und Länder hätten weder eine Strategie noch Standards vorgelegt, wie Inklusion umgesetzt werden solle, monierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Daher falle das Bild regional stark unterschiedlich aus, werde die Inklusion in vielen Bundesländern «halbherzig bis zögerlich» angegangen. Wenn die Politik die Inklusion nicht vor die Wand fahren wolle, müsse sie ein Bund-Länder-Programm schaffen. Auch nach Ansicht des Sozialverbands VdK ist eine «bundesweite, verbindliche Gesamtstrategie für inklusive Bildung» überfällig.

Deutschland hat sich mit Ratifizierung der 2009 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet.

Hier geht es zur Studie der Bertelsmann Stiftung.

Was die Verbände meinen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte von Bund, Ländern und Kommunen mehr Anstrengungen bei der Umsetzung der Inklusion an. „Es gibt keinen Grund zum Jubeln. Politik muss mehr Geld in die Hand nehmen sowie Konzepte und Strukturen entwickeln, damit Inklusion erfolgreich sein kann“, betonte Ilka Hoffmann, für Schule verantwortliches GEW-Vorstandsmitglied, mit Blick auf die  Studie. „Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass der Fortschritt bei der Inklusion bescheiden ist. Das gilt insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Bundesregierung die UN-Behindertenkonvention bereits vor fast zehn Jahren unterzeichnet hat.“ Hoffmann kritisierte, dass Bund und Länder weder eine Strategie noch Standards vorgelegt hätten, wie Inklusion in den Schulen umgesetzt werden solle.

Die Umsetzung sei regional extrem unterschiedlich, in vielen Bundesländern halbherzig bis zögerlich und vom Bund eher theoretisch angegangen worden. „Wir brauchen jetzt dringend ein Bund-Länder-Programm, damit die Inklusion nicht vor die Wand gefahren wird. Einige Bundesländer haben sich mittlerweile negativer Stimmungsmache gebeugt und sogar den Rückwärtsgang eingelegt. Das darf nicht sein“, unterstrich die GEW-Schulexpertin. „Wir fordern die Bildungspolitik auf, die Inklusion nicht in der Schublade verschwinden zu lassen.“

Nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, zeichnet die Studie ein vollkommen falsches Bild vom Stand der Inklusion in Deutschland. „Wieder einmal orientiert sich Herr Klemm ausschließlich an Quoten statt an Qualität. Gelobt werden mit Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wegen ihrer hohen Inklusionsquoten und geringen Exklusionsquoten Bundesländer, die – häufig gegen den Willen betroffener Eltern – Förderschulen und Förderzentren zwangsweise geschlossen und damit die Kinder an Regelschulen umgeleitet haben“, kritisierte der Dachverbandsvorsitzende. Er betonte weiter: „Für die inkludierten Kinder hat sich die Fördersituation dadurch aber oft verschlechtert. Sie befinden sich meist in größeren Klassen als zuvor an der Förderschule und werden oft in geringerem Maße als zuvor an der Förderschule durch spezifisch ausgebildete Förderschullehrkräfte betreut und unterrichtet.“

Insofern verfehle die Bertelsmann-Studie ihr Thema, wenn sie behaupte, ein Bild des gegenwärtigen Stands der Inklusion zu zeichnen. Meidinger erinnerte daran, dass es das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention sei, behinderten Menschen ein eigenständiges, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Hohe Inklusionsquoten, die auf Kosten der qualitativen Förderung zustande kommen, würden diesem Ziel eher schaden als dass sie ihm nützen. „Wer sich als Elternteil in Bezug auf sein Kind für Förderschulen entscheidet, entscheidet sich nicht gegen Inklusion, sondern nur für einen anderen Weg zur gesellschaftlichen Inklusion“, betonte der DL-Präsident.

Er bezeichnete es als große Aufgabe der Bildungspolitik in Deutschland, das Regelschulsystem in Deutschland personell, finanziell und in Bezug auf die Räumlichkeiten so gut auszustatten, dass noch mehr behinderte Schüler dort optimal gefördert werden können. Dazu sei es noch ein weiter Weg. Die Entscheidungsmöglichkeit darüber, an welcher Schule sie ihr Kinder am besten gefördert sehen, müsse aber den Eltern erhalten bleiben.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW befand, dass die Politik die Sorgen und die Kritik aus der Praxis ernster nehmen muss. „Inklusion kann nicht nur beschlossen, sondern es müssen auch die nötigen Bedingungen dafür geschaffen werden. Es ist weiterhin überfällig, die Praxiserfahrung der Schulen anzuerkennen und verstärkt sonderpädagogische Lehrkräfte auch in den Regelschulen einzusetzen, um besser auf die Heterogenität der Schülerschaft eingehen zu können“, erklärt Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE NRW.

Grenzen der Inklusion: Ein Zehnjähriger, der einen Mitschüler auf der Klassenfahrt vergewaltigt haben soll, darf keine Regelschule mehr besuchen

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7 KOMMENTARE

  1. “Nach Aussage des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, zeichnet die heute (03.09.2018) veröffentlichte Inklusions-Studie der Bertelsmann-Stiftung ein vollkommen falsches Bild vom Stand der Inklusion in Deutschland.

    ‘Wieder einmal orientiert sich Herr Klemm ausschließlich an Quoten statt an Qualität. Gelobt werden mit Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wegen ihrer hohen Inklusionsquoten und geringen Exklusionsquoten Bundesländer, die – häufig gegen den Willen betroffener Eltern – Förderschulen und Förderzentren zwangsweise geschlossen und damit die Kinder an Regelschulen umgeleitet haben’, kritisierte der Dachverbandsvorsitzende.

    Er betonte weiter: ‘Für die inkludierten Kinder hat sich die Fördersituation dadurch aber oft verschlechtert. Sie befinden sich meist in größeren Klassen als zuvor an der Förderschule und werden oft in geringerem Maße als zuvor an der Förderschule durch spezifisch ausgebildete Förderschullehrkräfte betreut und unterrichtet.’

    Insofern verfehle die Bertelsmann-Studie ihr Thema, wenn sie behaupte, ein Bild des gegenwärtigen Stands der Inklusion zu zeichnen.

    Meidinger erinnerte daran, dass es das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention sei, behinderten Menschen ein eigenständiges, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Hohe Inklusionsquoten, die auf Kosten der qualitativen Förderung zustande kommen, würden diesem Ziel eher schaden als dass sie ihm nützen.

    ‘Wer sich als Elternteil in Bezug auf sein Kind für Förderschulen entscheidet, entscheidet sich nicht gegen Inklusion, sondern nur für einen anderen Weg zur gesellschaftlichen Inklusion’, betonte der DL-Präsident.

    Er bezeichnete es als große Aufgabe der Bildungspolitik in Deutschland, das Regelschulsystem in Deutschland personell, finanziell und in Bezug auf die Räumlichkeiten so gut auszustatten, dass noch mehr behinderte Schüler dort optimal gefördert werden können. Dazu sei es noch ein weiter Weg. Die Entscheidungsmöglichkeit darüber, an welcher Schule sie ihr Kinder am besten gefördert sehen, müsse aber den Eltern erhalten bleiben.

    Dass die Bertelsmann-Studie genau die Bundesländer besonders lobe, die Eltern diese Wahlmöglichkeit genommen und Förderbedingungen verschlechtert sowie durch die Schließung von Förderschulen Sparpolitik betrieben hätten, sei schwer nachvollziehbar, so Meidinger.”

    https://phvn.de/index.php/aktuelles/bildungspolitik/1166-bertelsmann-inklusionsstudie-eine-komplette-themaverfehlung

    • Bertelsmann ist halt ein Wirtschaftsbetrieb, der den Kämmerern den Gefallen tut, die Inklusion mindestens kostenneutral, wenn nicht sogar kostensparend durchgedrückt hat. Die Lehrer können es ja richten.

      • Genau. Und spannend bleibt die Frage, warum N4t den entscheidenden Passus, in denen Meidinger seine Kritik bündelt, unter den Tisch fallen lässt:

        “Dass die Bertelsmann-Studie genau die Bundesländer besonders lobe, die Eltern diese Wahlmöglichkeit genommen und Förderbedingungen verschlechtert sowie durch die Schließung von Förderschulen Sparpolitik betrieben hätten, sei schwer nachvollziehbar, so Meidinger.”

  2. Na ja, Meidinger ist genauso neutral wie die Bertelsmannstudie. Ob man nun beim ihm die Vokale mit pädagogischem Gold ausgießen sollte, Bertelsmann hingegen jeglichen pädagogischen Anspruch absprechen – das geht dann auch an der Sache vorbei.
    Beide stehen für die – gemäßigten – Gegensatzpole der Diskussion – Widersprüche provozieren sich hier gerade gegenseitig.
    Wie so oft dürfte der Konsens in der Mitte liegen.

    • Natürlich sind beide nicht neutral. Meidinger vertritt Lehrkräfte, auf deren Rücken die Inklusion hauptsächlich bewerkstelligt werden soll, Bertelsmann die Wirtschaft, die möglichst gut ausgebildete ARbeitskräfte möchte.

      • So ist es. Zu ergänzen wäre noch, dass Bertelsmann ein ganz massiver Teil der sog. “Bildungsindustrie” ist – ein Konzern also, der (auch) im Bildungsbereich sehr viel Geld verdient, indem er genau das feilbietet, was er zuvor durch seine Studien der Öffentlichkeit als “unbedingt notwendig” aufgeschwatzt hat.

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