Studie: Antisemitismus an Schulen auch unter Lehrern „normalisiert“

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FRANKFURT. Viele jüdische Schüler und Lehrer an deutschen Schulen gehen aus Angst nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Die Präsentation von Hitlergruß und Hakenkreuz sowie Sprüche über Gas und Vergasung scheinen weitgehend enttabuisiert. Engagierte Lehrer bleiben oft auf sich allein gestellt. Eine neue Studie von Frankfurter Wissenschaftlern zum Antisemitismus an Schulen gelangt zu bedenklichen Ergebnissen.

Antisemitismus ist in der vergangenen Zeit in der Öffentlichkeit verstärkt sichtbar geworden: Wiederholte Angriffe auf jüdische Kinder und Jugendliche zeigen, dass es auch an vielen deutschen Schulen ein Problem gibt. „Du Jude“ ist 73 Jahre nach dem Holocaust ein auf Pausenhöfen und in Klassenzimmern häufig benutztes Schimpfwort. Zudem herrscht in den Lehrerzimmern häufig Unwissen über Antisemitismus unter Schülern vor – oder das Thema wird bagatellisiert, manchmal sogar toleriert. Für das Thema sensibilisierte Pädagogen hingegen fühlen sich oft überfordert und allein gelassen.

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Sich an einer deutschen Schule offen als Jude zu bekennen scheint heute wieder ein Risiko zu sein. Foto: Adam Jones / flickr (CC BY-SA 2.0)
Sich an einer deutschen Schule offen als Jude zu bekennen, scheint heute wieder ein Risiko zu sein. Foto: Adam Jones / flickr (CC BY-SA 2.0)

Diese sind einige Ergebnisse der aktuellen Studie „,Mach mal keine Judenaktion!‘ einer Arbeitsgruppe um Professor Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS). Für die Studie führten die Wissenschaftler deutschlandweit über 17 Monate knapp 230 Interviews an 171 Schulen. Befragt wurden jüdische Schüler, deren Eltern, Lehrkräfte sowie Fachleuten aus der Sozialarbeit und aus Bildungsorganisationen. Im Vordergrund der Studie stand – erstmals, so die Autoren – die Perspektive der Betroffenen, bezog aber dennoch verschiedene Akteure schulischer Bildung ein.

Drei inhaltliche Problemschwerpunkte des Antisemitismus an Schulen kristallisierten sich schließlich in der Befragung:

1. Antisemitismus in Bezug auf Israel sei unter Schülern und Lehrern normalisiert. Er manifestiere sich als sogenannte „Israelkritik“, die oft Aggressivität und Hass gegen Juden verbirgt. Israel wird laut Bernstein „zum ,Juden unter den Staaten‘, er wird dämonisiert, und die jüdischen Schüler werden als Repräsentanten des Staates verhasst.“

2. Antisemitismus werde nicht als Phänomen eigener Art wahrgenommen. Oftmals würde er als Rassismus missverstanden. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede würden oft nicht verstanden.

3. Der gegenwärtige Antisemitismus artikuliere sich häufig in Bezugnahmen auf den nationalsozialistischen Antisemitismus und die Shoah. Es zeichne sich eine deutliche Kontinuität des Antisemitismus ab. „Die Dimension der Nutzung nationalsozialistischer Symbolik unter Jugendlichen sowie auch an Jüdinnen und Juden gerichtete Vernichtungsphantasien in direkter Bezugnahme auf die Shoah haben uns überrascht”, sagt Bernstein. Die Präsentation von Hitlergruß und Hakenkreuz sowie Sprüche über Gas und Vergasung seien in hohem Ausmaß enttabuisiert.

Für Bernstein zeige die Studie nicht nur bedenkliche Tendenzen im schulischen Bereich: „Die Schule ist ein Mikrokosmos. Gesamtgesellschaftliche Phänomene bilden sich in der Institution Schule und im Habitus ihrer Akteurinnen und Akteure wie unter einem Brennglas ab. Das gilt auch für Antisemitismus“, so die Soziologin. Antisemitismus beginne nicht erst dann, wenn jüdische Schüler bedroht würden oder Gewalt erführen. „Solche Angriffe stellen nur die Spitze einer Stufenleiter der Ausdrucksformen des Antisemitismus in Schulen dar“, stellt sie klar.

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„Die Ergebnisse unserer Untersuchungen belegen, dass jüdische Kinder und Jugendliche im Schulalltag mit Antisemitismus in verschiedenen Erscheinungs- und Ausdrucksformen konfrontiert sind.“, resümiert Bernstein. Sie seien nicht nur verschiedenen antisemitischen Stereotypen, Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt, „sondern auch oft einer feindseligen Atmosphäre, die einen selbstverständlichen, offenen Umgang mit ihren jüdischen Identitäten erschwert, wenn nicht gar verhindert.“

Besonders erschreckend: Die Artikulation von Antisemitismus und Anfeindungen gehe nicht ausschließlich von der Schülerschaft, sondern teils auch von Lehrkräften aus. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Teilen des Kollegiums und blieben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein. Diese Erfahrungen finden sich nach den Berichten der Interviewten in unterschiedlichen Schulformen, Klassenstufen und Orten in ganz Deutschland wieder.

Ihre Ergebnis schlüsseln die Wissenschaftler in ihrer Studie aus drei Perspektiven auf: die der jüdischen Schüler, die der nicht-jüdischen Lehrer und die der jüdischen Lehrkräfte

Aus sicht der Schüler sei Antisemitismus an deutschen Schulen Normalität, Sätze wie „Mach mal keine Judenaktion“ oder „Deine Mutter ist doch Jude“ sind gebräuchlich. Jüdische Schüler erlebten subtile Anmerkungen, diffuse Ablehnung, offenen Hass und auch Gewalt. Die offene Selbstpräsentation Jude in der Schule berge die Gefahr, antisemitischen Angriffen ausgesetzt zu sein. Dies reiche von Bloßstellungen als Jude – einem Betroffenen wurde in den ersten Tagen an einer neuen Schule ein Zettel mit der Aufschrift „Jude“ auf den Rücken geklebt, und niemand machte ihn während des ganzen Schultags darauf aufmerksam – über Zurückweisungen durch Freunde und Judenwitze bis hin zu physischen Angriffen. Viele jüdische Schüler gingen deshalb aus Angst vor Antisemitismus nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Antisemitische Anfeindungen gingen von Schülergruppen jeden Alters und jeder Schulform aus. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Lehrkräften und blieben mit ihren Antisemitismuserfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein.

Aus der Perspektive der Lehrer ließen sich folgende wesentliche Problemfelder rekonstruieren: Antisemitische Verschwörungstheorien sein unter der Schülerschaft weit verbreitet, Lehrer hätten Schwierigkeiten im Umgang damit. Die falsche Wahrnehmung des Antisemitismus als ausschließliches Problem muslimischer Schüler von manchen Lehrern führe zudem dazu, dass Antisemitismus anderer Gruppen an Schulen oftmals nicht adäquat problematisiert werde. „Bei Lehrerinnen und Lehrern, die sich gegen Antisemitismus engagieren, fällt auf, dass sie oftmals überfordert sind: Auch fehlt ihnen oft die Kompetenz zur professionellen Intervention und die strukturelle Unterstützung der Institution Schule“, so Bernstein. Zudem werde auch in den Berichten der Lehrkräfte deutlich, dass sie zum Teil antisemitische Stereotype und Weltanschauungen verinnerlicht hätten und selbst in die Klassenzimmer trügen. Überdies zeigten sich laut den Studienautoren gravierende Defizite in der Thematisierung des Nahostkonflikts im Unterricht und im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus. „Im Kontrast dazu haben wir festgestellt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer keinen Bedarf für Weiterbildungen im Bereich Antisemitismus sehen, bzw. Weiterbildungsangebote nicht in Anspruch nehmen“, so Bernstein.

Viele jüdische Lehrkräfte berichteten in den Interviews mit den Forschern davon, dass sie als offen auftretende religiöse Juden sowohl von der Schulleitung als auch im Kollegium Benachteiligungen, teils sogar Anfeindungen erfahren haben. „Manche jüdischen Lehrkräfte bezeichnen einen offenen Umgang mit ihrer jüdischen Identität als ,Outing‘“, so Bernstein. „Viele von ihnen möchten, dass ihre jüdische Identität im Kollegium und in der Schülerschaft nicht bekannt wird.“ Auch jüdische Lehrkräfte seien mit antisemitischen Anfeindungen aus der Schülerschaft konfrontiert. Diese reichten von Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen. Kollegen äußerten ihnen gegenüber teils antisemitische Stereotype und Vorurteile. Jüdische Lehrer, die ein großes Engagement gegen Antisemitismus unter Schülern zeigten, blieben oft auf sich allein gestellt und erführen keine Unterstützung vom Kollegium.

Auf Grundlage der Forschungsbefunde formulieren die Studienautoren abschließend Handlungsempfehlungen für Lehrer, betonnen dabei allerdings selbst, dass es pauschale Handlungsrezepte zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus nicht gebe. „Es bedarf verschiedener Handlungsstrategien, die neben dem Wissen über Antisemitismus auf pädagogischen Kompetenzen und der Bereitschaft beruhen, jeder antisemitischen Äußerung entgegenzuwirken“, so Bernstein. Jede Manifestation des Antisemitismus müsse eine pädagogische oder disziplinarische Reaktion nach sich ziehen. Überdies sei es wichtig, präventiv zu arbeiten, um Fragmenten antisemitischer Weltanschauung und Ressentiments unter Schülern zu begegnen und antisemitische Angriffe zu verhindern. Bernstein betont: „Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus.“ (zab, pm)

Der 400 Seiten umfassende Forschungsbericht erscheint zunächst online. Eine gedruckte Version ist geplant. Die Handlungsempfehlungen sollen ebenfalls als Broschüre für Lehrkräfte und Sozialarbeiter erscheinen.

• Der Bericht ist hier erhältlich.

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14 KOMMENTARE

  1. Der Artikel ist aufschlussreich, aber an einer Stelle völlig dunkel: Wer sind die Täter? Es ist doch anzunehmen, dass eine so ausführliche Studie auch über die Gruppen und Milieus der Täter forscht und schreibt.
    Von wem geht der Antisemitismus aus?

    • In der Langversion (Link steht oben) findet man was Interessantes in Abschnitt 4.1 auf Seite 122 (Zählung des Textes): Israelbezogener Antisemitismus. Und der wandert nach Westeuropa ein, obwohl man in Westeuropa selbst keinen Grund dafür sieht.
      In einem Interview der Tagesschau benennt übrigens ein Prof. Merkel genau das als einen entscheidenden Mangel des UN-Migrationspakts: Die aufnehmenden Länder werden verpflichtet, jedem Rassismus usw. entgegenzutreten, aber die Migranten selbst werden auf dieses Ziel nicht verpflichtet:
      https://www.tagesschau.de/ausland/un-migrationspakt-127.html

      • Wo steht auf S. 122 was von Einwanderung?

        und beim Migrationspakt muss ich jetzt mal widersprechen, auch wenn es chronisch off topic ist.

        Dass der Migrationspakt nichts zu Pflichten von Migranten aussagt, ist schlicht nicht wahr. Er setzt sogar explizit voraus, dass es sie gibt.

        Abschn. 32 betont in der Einleitung die “Ausübung ihrer [der Migranten und Aufnahmegesellschaft] Rechte und Pflichten zueinander fördern, einschließlich
        der Einhaltung der innerstaatlichen Gesetze und der Achtung der Gebräuche des Ziellandes”.

        und in 32 a) “den gegenseitigen Respekt für die Kultur, die Traditionen und die Gebräuche der Zielgesellschaft”

        Dass dies manchem nicht konkret genug ist, liegt daran, dass genaueres vollständig den unterzeichnenden Staaten überlassen wird.
        Nach Abschn 14c gestalten Staaten ihre Migrationspolitik selber “unter Berücksichtigung der verschiedenen nationalen Realitäten, Politiken, Prioritäten und Bestimmungen für Einreise, Aufenthalt und Arbeit und im Einklang mit dem Völkerrecht”

        • Was Sie aufzählen, ist doch mehr oder weniger selbstverständlich, z.B. die Einhaltung der Gesetze. Ales, was nicht selbstversätndlich ist, betrifft die Pflichten der aufnehmenden Länder. Auch zu schulischen Themen steht was in Abschnitt 32i:
          “Wir werden ein schulisches Umfeld fördern, in dem Kindermigranten sich wohlfühlen und sicher sind und das ihre Bestrebungen unterstützt, und zu diesem Zweck die Beziehungen innerhalb der schulischen Gemeinschaft verbessern, faktengestützte Informationen über Migration in die Lehrpläne aufnehmen …”
          Was mag das im Klartext heißen? Sollen sich die einheimischen Kinder auch wohlfühlen? Was passiert im Konfliktfall? Nach 32b müssen Sprach- und Integrationskurse angeboten werden, aber sie müssen nicht besucht werden. Im übrigen habe ich nur das Interview von der Tagesschau zitiert. Dort heißt es, der Pakt sei einseitig. Prof. Merkel meint, die Judenfeindschaft der zugewanderten Araber fällt nicht unter die Aussagen zum Rassismus in Abschnitt 33. Ich sehe auch nur was zum Rassismus gegen Migranten. Oder wo soll das stehen?

          • Die Antwort wird was ausführlicher. Ich hoffe, die Redaktion drückt ein Auge zu, auch wenn es nicht zum Thema nicht…

          • Das viele Sachen für Deutsche (!) selbstverständlich klingen, liegt fast in der Natur der Sache, wenn man einen Vertrag mit rund 200 Regierungen schließen möchte. Alle Fragen, die Sie gestellt haben, legt der Migrationspakt vollständig in die Verantwortung der aufnehmenden Staaten unter dem einzigen Vorbehalt der Vereinbarkeit mit Völkerrecht (und das sollte wirklich selbstverständlich sein).
            Bezogen auf die von Ihnen angesprochenen einheimischen Kinder in der Schule gilt nationales Recht (s.o.) und zB das “Übereinkommen über die Rechte von Kindern” (Präambel Fußnote 1), oder die Europäische Menschenrechtskonvention (die immer noch gilt). Das reicht doch, oder soll die UN weitere Regeln verfassen, wie sie Ihren Unterricht in der Hinsicht machen sollen, oder gar Konflikte zwischen Schülern hier vertraglich Regeln?
            Die ganze Diskussion um den Pakt krankt an einer ganzen Reihe von Missverständnissen. Da mache ich aber 2 separate Antworten zu.

          • Die Diskussion krankt hauptsächlich daran, dass uns VOR Unterzeichnung von der Regierung mitgeteilt wurde, das sei ja alles rechtlich gar nicht verbindlich, dass es aber NACH Unterzeichnung heißen wird, so, jetzt haben wir aber zahlreiche Verpflichtungen unterschrieben und müssen das daher auch machen. Das Zauberwort lautet: “Rechtlich nicht bindend, aber politisch verpflichtend.” Die Grünen fordern das schon jetzt:
            https://www.gruene-bundestag.de/integration-fluechtlingspolitik/migration-geordnet-und-legal-gestalten.html
            Wörtlich heißt es darin: “Zudem halten wir es für erforderlich, dass Deutschland auch international eine führende und verlässliche Rolle bei der Implementierung des Migrationspaktes einnimmt.” Unser Außenminister teilte übreigens mit, Asyl habe nichts zu tun mit dem Migrationspakt. So fragt ich mich, wieso die Grünen Flüchtlinge und Migrationspakt so direkt zusammenbringen. Es geht doch um Wirtschaftsmigranten, auch um die aus der EU.
            Man kann alles in rosarotem Licht sehen, man kann aber auch zwischen den Zeilen lesen und die weitere Entwicklung anhand des Textes vorauszuahnen versuchen. In der Politik darf man nie naiv sein und alle Präambeln wörtlich nehmen. Die klingen immer gut.

          • Zwischen “Naivität” und Paranoia liegen aber noch einige Grautöne.
            Dass Sie die Grünen dazu anführen bestätigt im wesentlichen, was ich geschrieben hatte.

            Erstens würde ich die Grünen gar nicht davon freisprechen, bei dem Thema Unsinn zu reden. Und zweitens zeigt es doch das wichtigste: Die Umsetzung ist Sache Deutschlands. Die Grünen können für ihre Interpretation werben und dafür gewählt werden…oder eben nicht.

          • Stobbart: Zwischen “Naivität” und Paranoia liegen aber noch einige Grautöne.

            Das schreibe ich auch andauernd. Bei gewissen Themen werden die aber geflissentlich ignoriert und das binäre System “entweder meiner Meinung oder Nazi” verwendet. Gerade das ist Wasser auf der Mühle der wirklich Rechtsradikalen.

        • Zu Prof. Merkels Kritik (“Einseitigkeit”):
          Es ist eine Abmachung unter Staaten und nicht Individuen. Es ist eine Abmachung darüber, wie sich Staaten gegenüber Migranten verhalten sollen – also explizit welche Pflichten Staaten haben (nicht nur aufnehmende, wie er meint). Wie sich Migranten verhalten sollen, ist einfach nicht Gegenstand des Vertrages – aus guten Gründen.
          Es wäre widersinnig, wenn Deutschland versuchen würde, u.a. mit China, Katar oder Weißrussland explizit zu vereinbaren, dass Antisemitismus hier nicht akzeptiert wird. Was soll das denn bringen? Sollen die Länder in Deutschland einschreiten, wenn ihre Staatsbürger dagegen Verstoßen? Ich möchte mir nicht vorstellen, welche Regeln o.g. Länder dann gerne noch für ihre Bürger in Deutschland festschreiben würden – etwa Verbot von Homosexualität, Kritik am “Propheten” oder dem “großen Führer” (wer auch immer das dann konkret ist).
          Außerdem würden diese Länder dann auch versuchen, ihre jeweiligen “Hausregeln” auf internationaler Ebene festzuschreiben. Der Pakt würde absurd aufgebläht mit Regeln, die für eine UN, die noch was auf sich hält, vollkommen undenkbar wären (s.o.).

          Es ist doch ein Witz, dass Prof Merkel dem Pakt vorwirft, deutsche Souveränität zu beschneiden und gleichzeitig kritisiert, dass die UN NICHT vorschreibt, welche Regeln Migranten hier auferlegt werden. Er erweckt ja den Eindruck, als würde es keine weiteren Regeln geben, was schlichtweg Unsinn ist.

          Der Pakt verweist explizit und erstaunlich weitreichend auf nationale Gesetze und Gebräuche unter expliziter Berücksichtigung humanitärer Verpflichtungen – auch zum Thema Rassismus, die Prof Merkel vermisst (Präambel Abs. 2 und Fußnote 1). Und das ist alles, was es in diesem Kontext zum Thema “Pflichten von Migranten” zu regeln gibt.

        • zum Schluss noch allgemein zum Thema:
          Seit 2015 denken die meisten Deutsche beim Wort “Migration” an Araber und Flüchtlinge. Diese sind aber weder die größten Migrantengruppen in Deutschland noch das hauptsächliche Thema des Paktes (Präambel Abs. 4). Es geht hauptsächlich um (Arbeits-)Migranten, und dass die Zugang zu Sprachkursen haben ist bereits geltendes Recht in Deutschland.
          Möchte Deutschland sie zur Teilnahme verpflichten, kann es das lt. Pakt gerne tun (Abs 14c), jedoch ist eine generelle verpflichtende Teilnahme politisch unsinnig. Oder soll grundsätzlich jeder Amerikaner, der von Bayer, BMW oder einer Universität nach Deutschland zur Arbeit geholt wird(befristet oder nicht), generell verpflichtende Sprachkurse besuchen? Ich denke, das können die Beteiligten sehr gut selbstständig beurteilen.
          Generell erfüllt Deutschland praktisch bereits alle Ziele des Paktes und kann in der Hinsicht zu kaum was weiterem verpflichtet werden. Aber der Pakt dreht sich auch nicht hauptsächlich um Deutschland.

          Anders sieht es für die Länder aus, in denen viele Millionen Menschen aus Asien als weibl. “Servicekräfte”, Bauarbeiter auf Baustellen (besonders zB Katar) arbeiten oder für Arbeitsmigranten innerhalb Afrikas (ja, die gibt es auch), für die Abs 22 u.a. Sehr wichtig wäre.
          Zur Arbeitsmigration gibt es Unmengen an Literatur der UN Arbeits- und Migrationsorganisationen (ILO und IMO), vom Roten Kreuz, Amnesty usw usw.

          Für deutsche Interessen durchaus relevant sind jedoch andere festgelegte Pflichten von Staaten, wie
          – Identitätspapiere auszustellen (Abs 20),
          – Schleuser zu bekämpfen (Abs 25),
          – Die eigenen Staatsbürger wieder aufzunehmen (Abs 37)

          Ich versteh beim besten Willen nicht, wo Deutschland hier benachteiligt werden soll.

          • Nicht nur seit 2015 dürften die meisten Menschen in Deutschland beim Wort “Migrationshintergrund” nicht an Koreaner, Briten, Niederländer, Australier oder Japaner denken. Das tut auch die Politik nicht, weil sie Migrationshintergrund, sozialer Brennpunkt, Zuwanderungsgeschichte usw. immer als Euphemismus für Kriminalität, Bildungsferne usw. verwendet. Das tut sie auch heute, jedoch wird das bei zu direkter Aussprache als Rassismus, Rechtsextremismus usw. verteufelt.

          • “Für deutsche Interessen durchaus relevant sind jedoch andere festgelegte Pflichten von Staaten, wie
            – Identitätspapiere auszustellen (Abs 20),
            – Schleuser zu bekämpfen (Abs 25),
            – Die eigenen Staatsbürger wieder aufzunehmen (Abs 37).”
            Hhmm, war das erste und das dritte nicht bisher schon so? Die eigenen Staatsbürger wieder aufzunehmen sollte ja wohl selbstverständlich sein. Soziale Wohltaten für Migranten in den Zielländern sind keineswegs so selbstverständlich. Ich vermisse jede Passage in dem Text der 23 ZIele, dass die Heimatländer wesentliche Fluchtursachen abschaffen bzw, bekämpfen, als da sind:
            Folter, andere massive Verstöße gegen die Menschenrechte, Korruption, Stammesfehden und -kämpfe, Aberglauben, Armut, Vernichtung natürlicher Ressourcen (z.B. tropische Wälder), Intoleranz gegenüber Minderheiten usw. Nur Ziel 2 formuliert einiges dazu, was man aber auch als Pflicht der anderen deuten kann (“in Programme investieren”), und das bezieht sich auf eine schon existente “Agenda 2030”.
            Die korruptesten und brutalsten afrikanischen Dikatoren haben innerlich grinsend den Pakt unterschrieben im Bewusstsein, dass sie nichts tun müssen. Alle wesentlichen Pflichten haben die aufnehmenden Länder. Die sollen Migration als grundsätzlich positiv und zudem unvermeidlich akzeptieren, so in Randziffer 8:
            “Migration war schon immer Teil der Menschheitsgeschichte, und wir erkennen an, dass sie in unserer globalisierten Welt eine Quelle des Wohlstands, der Innovation und der nachhaltigen Entwicklung darstellt…”

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