“Mensch und Gesellschaft im digitalen Wandel”: Psychologen warnen vor digitaler Kluft

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BERLIN. Der Digitalpakt Schule liegt auf Eis. Doch die Digitalisierung der Schulen bleibt ein heißes Thema. Wie es um die Digitalkompetenz deutscher Erwachsener bestellt ist, berichtet der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

In der Debatte um Digitalisierung scheint es nur zwei Lager zu geben: Diejenigen, die mehr Digitalisierung in allen Lebensbereichen fordern und diejenigen, die vor den noch nicht gänzlich abschätzbaren Neben- und Folgewirkungen warnen. In einem aktuellen Bericht widmen sich Wissenschaftler des Verbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) der Technikfolgenabschätzung.

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Digital Natives treffen auf Zurückgebliebene? Der Digitalisierung der Gesellschaft kann sich über kurz oder lang wohl niemand entziehen. Foto: benralexander / Pixabay (CC0 1.0)
Digital Natives treffen auf Zurückgebliebene? Der Digitalisierung der Gesellschaft kann sich über kurz oder lang wohl niemand entziehen. Foto: benralexander / Pixabay (CC0 1.0)

Durch die freie und kostenlose Verfügbarkeit von Informationen war die Hoffnung groß, dass die Digitalisierung zur Auflösung sozialer Ungleichheiten beitragen würde. Allerdings haben sich auch neue “digitale Klüfte” aufgetan. Die Digitalkompetenz deutscher Erwachsener liegt zwar leicht über dem OECD-Durchschnitt, jedoch weisen ältere Erwachsene, länger nicht Erwerbstätige sowie Migranten der ersten Generation vergleichsweise niedrigere Digitalkompetenzen auf.

Den 16 bis 23 jährigen attestieren die Forscher profunde Fähigkeiten im Umgang mit Digitaltechnologien. Auf einer international normierten Skala von 0 bis 500 Punkten erreichen sie im Median 300 Punkte. Ähnlich lagen die Werte bei den 24 bis 33-jährigen, allerdings mit größeren Ausschlägen nach oben und nach unten. In der Altersgruppe 52 bis 65 Jahre zeigten sich dagegen 75 Prozent der Befragten allenfalls im Stande, einfache und vertraute Anwendungen (z.B. E-Mail oder Webbrowser) zu nutzen. Circa 40 Prozent dieser Altersgruppe können höchstens auf einem rudimentären Level computerbasierte Aufgaben lösen, bei denen die Aufgabenstellung klar definiert ist und nur wenige Schritte erforderlich sind.

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Zu digitaler Kompetenz gehören auch aus Sicht der BDP-Forscher nicht nur rein technische Fähigkeiten zur Anwendung von Hard- und Software. Digitalkompetenzen erforderten vielmehr auch kognitive Grundfähigkeiten, wie etwa Lesekompetenz, numerisch-mathematische Kompetenz aber auch die Fähigkeit zum kritischen Denken. Deutlich habe sich auch gezeigt, dass der Erwerb von Digitalkompetenz abhängig sei von Lerngelegenheiten und Übung. Die Nutzung von Digitaltechnologien in Alltag und Beruf spiele daher eine wichtige Rolle für den Erwerb von Digitalkompetenz

“Aus psychologischer Perspektive erscheint es wichtig, den Individuen den Zugang zur Technik zu erleichtern und neben der Kompetenz zur Nutzung auch zielgruppenspezifisch Methodenkompetenzen zur Recherche, zur Bewertung von Informationen und der Belastbarkeit von Quellen zu vermitteln”, erklärt BDP-Präsident Prof. Dr. Michael Krämer.

Zur Verringerung der digitalen Kluft bedürfe es aus Sicht des BDP nicht zuletzt einer klaren Kommunikations- und Medienstrategie. Die Digitalisierung werde zuweilen als Naturgewalt wahrgenommen, die über die Menschen hereinbricht. Wenn sich die Deutschen weiterqualifizieren und für den digitalen Wandel rüsten sollten, sei es daher angezeigt, den digitalen Wandel weniger als bisher als ein Widerfahrnis und als Zumutung von außen zu thematisiern, sondern als gestaltbaren Prozess darzustellen, der zahlreiche Chancen biete.

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Neben Investitionen in digitale Bildung in Schulen seien angesichts der Befunde auch verstärkt Angebote in der Fort- und Weiterbildung von Erwachsenen nötig. Digitalkompetenzen bildeten sich nicht im Vakuum heraus, sondern im Sinne eines „Learning by Doing“ durch die Anwendung digitaler Technologien. In diesem Sinne bedürfe es anregungsreicher Umwelten, die ausreichend Lerngelegenheiten für den Umgang mit Digitaltechnologien bieten.

“Mehr denn je sind psychologische Kompetenzen und Dienstleistungen gefragt, wenn Digitalisierung gelingen soll. Bedarfe sehen wir vor allem im Umgang mit Verunsicherung und Teilhabechancen und der Unterstützung von Organisationen und Beschäftigten zur Gestaltung des Wandels.”, fasst Krämer zusammen. Die Politik sei in diesem Prozess als übergeordneter Struktur- und Richtungsgeber gefordert. (zab, pm)

• Der BDP-Bericht “Mensch und Gesellschaft im digitalen Wandel” steht kostenlos zum Download zur Verfügung.

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6 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Digitalkompetenzen erforderten vielmehr auch kognitive Grundfähigkeiten, wie etwa Lesekompetenz, numerisch-mathematische Kompetenz aber auch die Fähigkeit zum kritischen Denken.”

    Da trifft es sich gut, dass alle Digitalisierungsprogramme nur auf die Geräte und Daddeln ausgelegt sind, während gleichzeitig die von mir zitierten Fähigkeiten, nicht nur die Kompetenzen, immer weiter reduziert werden. Dem kritischen Denken stehen noch dazu der Haltungsjournalismus und die drohende Nazikeule entgegen.

  2. Ich stolpere immer wieder über die Bezeichnung “GUTE-Kita-Gesetz”. Warum enthält der Name eines neuen Gesetzes ein positives Werturteil? Und wem gilt dieses Lob, dem Gesetz oder den Kitas?
    Wahrscheinlich den Kitas, denn sonst müsste es “GUTES-Kita-Gesetz” heißen.
    Bei der nächsten Überlegung komme ich nicht weiter. “Gute Kita” heißt für mich, dass die Kita eine gute Qualität hat und empfehlenswert ist. Doch was an dem “Gute-Kita-Gesetz” ist auf Qualität gerichtet?
    Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen und den Gesetzesnamen so erklären, dass ich nicht mehr über ihn stolpere.

    • Wozu? Solche Begriffe sind doch nichts weiter als Reklame. Es geht um eine “gute Kita”, ja, und wir sollen denken, dass die Regierung etwas dafür tut, dass die Kindergärten besser werden.

      Naja, tut sie ja auch, muss man ja nicht alles schlechtreden, auch wenn man sich Dinge anders wünscht und andere Prioritäten setzt, denn obwohl ich kostenlose Kindergärten richtig finde in Zeiten, in denen die meisten Frauen nicht mehr zu Hause bleiben wollen und sollen, meine ich, ZUERST sollten die Bedingungen in den Kindergärten verbessert werden, bevor man den Eltern die Beiträge erlässt – davon werden die Bedingungen in den Kndergärten nämlich nicht besser und ob dann dafür auch noch Geld da ist, bezweifle ich.

      • In dieser Reihenfolge wurden aber auch die Inklusion und G8 eingeführt. Also erst der Beschluss, danach wurde darüber nachgedacht, wie man das umsetzen kann.

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