Pro Bewerber eine Stelle: Chancen auf Ausbildungsplatz so gut wie seit Jahren nicht mehr

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BERLIN. Es sind gute Zeiten für Bewerber am Ausbildungsmarkt. Doch zugleich steigt auch die Sorge vor einem Fachkräftemangel. Menschen mit Migrationshintergrund oder Bewerber mit Hauptschulabschluss seien noch immer benachteiligt, beklagt die IG Metall.

Auszubildende bemängeln eine schlechte Abstimmung zwischen Betrieb und Berufsschule. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)
Die Duale Ausbildung gilt als Erfolgsmodell – aber… Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)

Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind derzeit so gut wie lange nicht mehr. Auf 100 Ausbildungssuchende kamen nach einer am Mittwoch vorgelegten Bilanz des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im laufenden Jahr rund 97 Angebote. Insgesamt sei das betriebliche Angebot damit gegenüber dem Vorjahr um 17.800 Ausbildungsplätze beziehungsweise um 3,2 Prozent gestiegen. Es erreichte mit 574.200 eine seit 2009 nicht mehr übertroffene Höchstmarke. Gleichzeitig stieg die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze um 17,7 Prozent weiter an.

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Vor allem unter jungen Männern sei es gelungen, Interessenten für eine Berufsausbildung auch außerhalb der aktuellen Schulabgängerjahrgänge zu finden. Dazu zählten etwa männliche Abiturienten, die im Schnitt schlechtere Abiturnoten erzielten als junge Frauen, ebenso wie männliche Studienabbrecher. Auch unter Migranten fänden sich viele junge Männer.

Angesichts einer steigenden Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze warnte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser jedoch vor einem drohenden Fachkräftemangel. DIHK-Präsident Eric Schweitzer rief dazu auf, mit Vorurteilen in den Köpfen vieler Schüler und Eltern aufzuräumen und die berufliche Bildung als interessante Alternative zum Studium herauszustellen.

Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall beklagte Hans-Jürgen Urban, dass junge Menschen mit Hauptschulabschluss oder Migrationshintergrund immer noch erhebliche Nachteile am Ausbildungsmarkt hätten. «Wer Fachkräfte will, muss bereit sein, allen eine Chance zu geben», sagte er.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte vor einem zunehmenden «Zerfall des Ausbildungsmarktes in parallele Welten». «Während die Zahl der unbesetzten Plätze steigt, hängen die Ausbildungschancen der Jugendlichen noch immer stark von ihrem Wohnort, ihrem Schulabschluss und ihrem Pass ab», sagte DGB-Vize Elke Hannack dem «Handelsblatt». Es dürfe nicht zugelassen werden, «dass in Oberhausen, Bochum, Hameln, Flensburg oder Nordbrandenburg eine abgehängte Generation heranwächst». In diesen Regionen müsse der Staat ergänzend zur betrieblichen Ausbildung auch außerbetriebliche Plätze anbieten.

Der anhaltende Online-Boom im deutschen Einzelhandel sorgte unterdessen für einen Ansturm auf die erstmals angebotene Ausbildung zum E-Commerce-Kaufmann. Knapp 1400 Verträge seien im laufenden Ausbildungsjahr 2018/19 für den neuen Beruf abgeschlossen worden, berichtete der Handelsverband Deutschland (HDE) in Berlin. dpa

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13 KOMMENTARE

  1. Leider ist die Situation für uns junge Leute bei Weitem nicht so gut wie hier dargestellt wird. Mitschüler von mir hatten sich mit guten Abitursnoten auf kaufmännische Ausbildungsplätze beworben, aufgrund der hohen Bewerberzahlen wurden sie aber nicht genommen. Jetzt müssen sie halt studieren.

    • Ich habe kein überragendes Abi gehabt, eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht und anschließend studiert. (Nicht der Wunschweg, den ich wollt, ABER ein guter Plan B). Sich nur auf einen Beruf zu fixieren ist nicht sinnvoll. Man sollte einen Plan B immer in der Hinterhand haben.
      Zu deinen Schulkameraden: Der Betrieb war in der Luxussituation aus den Bewerben die für ihn passensten auszuwählen, das kann heute nicht mehr jeder Betrieb. Übrigens unter kaufmännische Berufe fallen unteranderem die Bankenbranche, aber auch ein Duales Studium in dem Sektor wäre eine Möglichkeit für deine Mitschüler gewesen. Ein Duales Studium wird unter anderem auch von großen Firmen im Groß- und Einzelhandel angeboten wie auch von einigen Banken.

      • Du sagst es ja selbst, die Lage für uns junge Leute ist sehr schlecht: Wer mit Abitur eine solch unattraktive Lehre machen muss, ist sicherlich nicht selbst schuld. Das Problem ist die schlechte Arbeitsmarktlage. Für duale Studiengänge haben sie sich übrigens auch beworben.

        • Nun ja. Schlecht ist die Lage nicht. Kaufmännische Berufe werden immer gerne genommen, weil man sich nicht “schmutzig” macht und die Lehre nicht “unattraktiv” ist. (Danke für die Vorlage von einem Vorurteil!)
          Sicher meine Ausbildung war nicht einfach und ich hatte keinen 7-16-Uhr-Job, aber ich habe einiges über mich und die Menschen gelernt. Insbesondere der Umgang mit extrem komplizierten Personen war so gut zu lernen. (Das hilft mir auch heute noch).
          Einen Vorteil, auf den ich und auch viele meiner Komilitonen an der Uni zurückgreifen konnten: Unsere Ausbildung ist uns zum Teil mit 100 % auf ein Pflichtpraktikum anerkannt worden. Alle die nach der Schule ins Studium sind, mussten das Praktikum machen. Weiterer Vorteil wir wussten ganz genau, wofür wir die Inhalte später brauchen und an welcher Stelle sie sinnbringen waren. Einige haben sogar Prüfungen aus ihrer Ausbildung (hier Meister) anerkennen lassen können und konnten so einige Prüfungen liegen lassen ohne das ihnen ein Nachteil entstanden wäre. So viel zu “unattraktiv”.
          Wer eine gute Ausbildung im Handwerk macht, verdient am Ende früher und bei Weiterbildung (Meister/Techniker) mehr als ein Akademiker, der womöglich sogar noch sein BaföG zurück zahlen muss. Die Berufserfahrung, die ein Azubi macht, kommt bei einem reinen Studenten wesentlich später und er (Student) leider oft ein reiner Theoretiker (was sich im KFZ-Bereich bei der Konstruktion neuer Autos gut zeigt), der von der pragmatischen Seite oft nichts wissen will.
          Übrigens gibt es im Handwerk massiv freie Ausbildungsplätze, da kann man sich auch als Student mal umgucken. Denn es muss ja auch Leute geben, die uns das Haus bauen, die Elektrik verlegen oder sich um die Rohrleitungen kümmern, auch ein Dachdecker oder Fliesenleger ist gerne gesehen ebenso wie der Zimmermann und der Schreiner.
          Es gibt genügend Akademiker mit zwei linken Händen. (Nicht alle aber viele.)
          Man kann sich übrigens auch im Handwerk weiter bilden (Meister/Techniker/Betriebswirt, auch ein Studium ist problemlos möglich).

  2. Zitat: DIHK-Präsident Eric Schweitzer rief dazu auf, mit Vorurteilen in den Köpfen vieler Schüler und Eltern aufzuräumen und die berufliche Bildung als interessante Alternative zum Studium herauszustellen.

    Ja was denn nun? Die Politik lieferte erst Abiturienten. Als die nichts mehr konnten, riefen die Betriebe nach Akademikern, die sie in Form von Bachelorenten auch bekommen. Jetzt fehlen Azubis bzw. die vorhandenen ohne Abitur können überhaupt nichts. Selbst schuld.

  3. “Bewerber mit Hauptschulabschluss seien noch immer benachteiligt, beklagt die IG Metall.” Wenn es jetzt schon ein beklagenswerter Umstand ist, dass das Abitur oder die mittlere Reife eine höhere Grundqualifikation bescheinigen, kann man unser Schulsystem auch gleich ganz abschaffen.
    Zur Ausbildungssituation ist aber auch zu sagen, dass man in fast allen kaufmännischen Berufen oder auch in den eigentlich beliebten KFZ-Ausbildungen zusehends die Angst haben muss, in absehbarer Zeit wegdigitalisiert oder nach China (E-Auto) ausgelagert zu werden; da kann man es schon verstehen, wenn Bewerber ausbleiben.

    • Der Hauptschulabschluss ist ja nicht an die Hauptschulen gekoppelt, denn auch Gemeinschaftsschulen bieten ihn an. Nur hat mir noch niemand erklären können, wieso ein Hauptschulabschluss, auf dem oben “Gemeinschaftsschule” steht, nun besser akzeptiert wird als einer, wo oben “Hauptschule” steht.

      • Wenn der Hauptschulabschluss von einer Schule der Sekundarstufe II verliehen wird, wird der Abschluss dadurch allerdings auch nicht besser.

        (Berufsschulen sind generell Schulen der SekII.)

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