Hoher Unterrichtsausfall wegen Krankheit – SPD fordert Vertretungsreserve von 20 Prozent

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STUTTGART. Laut einer Erhebung in Baden-Württemberg fehlt in vielen Unterrichtsstunden der eigentliche Lehrer – aus verschiedenen Gründen. Die Befragung sorgt für erneute Diskussionen zum Thema Lehrermangel.

Eine Vertretungsreserve an Lehrkräften soll den Unterrichtsausfall mindern. Foto: RainerSturm / pixelio.de

An den Schulen in Baden-Württemberg kann rund jede elfte Unterrichtsstunde nicht wie geplant stattfinden, weil die entsprechende Lehrkraft fehlt. Etwa 40 Prozent dieser Stunden fallen dabei komplett aus, für den Rest gibt es Vertretungen. Das geht aus einer einwöchigen Erhebung des Kultusministeriums an allen öffentlichen Schulen im November vergangenen Jahres hervor. Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen hatte unlängst gemeldet, dass rund 5 Prozent des Unterrichts nicht wie geplant gegeben worden sei, 1,3 Prozent sei komplett ausgefallen.

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«Mit jeder Vollerhebung werden wir die Unterrichtsversorgung noch besser einschätzen und analysieren können», sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Montag. Häufigster Grund für die Abwesenheit einer Lehrkraft waren Krankheit (53 Prozent), Fortbildungen (17 Prozent) und außerunterrichtliche Veranstaltungen (8 Prozent), wie zum Beispiel Klassenfahrten.

Fehlende Lehrer glichen die Schulen meist mit der Zusammenlegung von Gruppen und Klassen aus, oft leistete ein Kollege Mehrarbeit oder Vertretungslehrkräfte sprangen ein. In der Erhebung wird allerdings nicht aufgeschlüsselt, was die Schüler in den Vertretungsstunden machen. «Die Schulen geben ihr Bestes, es ist aber natürlich nicht möglich, dass jede Unterrichtsstunde fachlich vertreten werden kann», sagte ein Sprecher des Kultusministeriums am Montag.

Genauere Analyse gefordert

Die SPD im Landtag forderte eine genauere Aufschlüsselung der Vertretungsstunden – «Dass ein Kind in der Schule ist, heißt noch lange nicht, dass auch Unterricht stattfindet», hieß es in einer Mitteilung der Fraktion. Auch das CDU-geführte Kultusministerium strebt nach eigenen Angaben schon länger eine genauere Analyse des Vertretungsunterrichts an, die schulischen Personalvertretungen hätten das aber in der Vergangenheit blockiert. Man sei im Gespräch, um in Zukunft erfassen zu können, was Lehrer und Schüler in Vertretungsstunden machen.

Im Hinblick auf die Zahlen forderte die SPD-Fraktion erneut neue Stellen für Lehrer. «Es fällt weiterhin zu viel Unterricht an unseren Schulen aus», sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Stefan Fulst-Blei. Seine Fraktion will unter anderem den Ausbau einer Krankheitsreserve um mindestens 20 Prozent auf 2000 Lehrkräfte. Diese Maßnahme könne unmittelbar umgesetzt werden, da viele Gymnasiallehrkräfte eine Stelle suchten.

Ähnliche Forderungen kamen von den baden-württembergischen Ablegern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und dem Verband Bildung und Erziehung (VBE). «Die Steuereinnahmen sprudeln. Niemand versteht, warum nicht angesichts des Unterrichtsausfalls die Vertretungsreserve schnell ausgebaut wird», sagte die Landesvorsitzende der GEW, Doro Moritz, in Stuttgart.

«Die Daten liegen vor, jetzt muss das Ministerium auch Lösungen anbieten, um den Unterricht an unseren Schulen zu sichern und dem Lehrermangel zu begegnen», hieß es vom VBE-Landesvorsitzenden Gerhard Brand. Dass deutlich über die Hälfte des ausgefallenen Unterrichts vertreten wird, kommentierte Brand so:. „Wieder einmal zeigt sich, dass Lehrkräfte bereit sind, weit über das normale Maß hinaus ihren Dienst zu tun. Die Zahlen zeigen deutlich, mit welch überdurchschnittlichem Engagement, Lehrerinnen und Lehrer dafür sorgen, dass unserer Kinder in Zeiten des Lehrermangels unterrichtet werden.“

«Wir stehen zu den Aussagen im Koalitionsvertrag und wollen die Vertretungsreserve schrittweise verbessern. Durch den Bewerbermangel ist ein Ausbau aktuell jedoch weder sinnvoll, noch umsetzbar», entgegnete Kultusministerin Eisenmann. Es gäbe zwar gymnasiale Lehrkräfte auf dem Markt, aber da sei auch die Fächerkombination wichtig. Es helfe zum Beispiel wenig, wenn eine Lehrkraft, die Deutsch und Geschichte studiert hat, den Physikunterricht vertritt.

Das Ministerium hatte bereits im Juni 2018 eine ähnliche Erhebung durchgeführt, damals fehlte noch in über 10 Prozent der Unterrichtsstunden der eigentliche Lehrer. Ein unmittelbarer Vergleich der Zahlen sei aber schwierig, da die Erhebung zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr stattfand. Im Februar und Juni dieses Jahres plant das Kultusministerium zwei weitere Befragungen. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Gebauer meldet rund fünf Prozent Unterrichtsausfall an den Schulen in NRW

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7 KOMMENTARE

  1. So eine Unterrichtsreserve wäre gut. Sie wurde abgeschafft bzw. verweigert, als es noch genug Lehrer gab. Damals wurden im öffentlich Dienst massenhaft Stellen gestrichen. Die Maxime war Sparen. Warum? Mehr netto vom Brutto. Das woll(t)en die Meisten. Das haben die Meisten gewählt.

    Alles hängt mit allem zusammen!

    • Das SPD-geführte Kultusministerium hatte eine ganze Legislaturperiode Zeit, diese Reserve in die Wege zu leiten. Nichts davon ist geschehen. Stattdessen hat man die Gemeinschaftsschulen als Prestige-Projekt vorangetrieben, was bestimmt nicht kostenneutral sein konnte. Zudem hat man eine SPD-Kultusministerin verschlissen. Es wurde gemunkelt, dass es ziemlich chaotisch in ihrem Hause zuginge. Am Schluss waren die Lehrer sauer auf sie. Dann sollte der Jurist Stoch mehr Ruhe hineinbringen.

  2. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob man in NRW überhaupt klar sagen kann, wann Unterricht ausgefallen ist. Meines Wissens nach wurde doch bis vor kurzem nur ein Komplettausfall dokumentiert, was zu so unsinnigen Dingen führt wie “Doppelaufsichten”, die dann wiederum dazu führen, dass zwei Klassen keinen richtigen Unterricht haben, aber es in der Statistik nicht auftaucht, und der Lehrer noch dazu ein massives Risiko bzgl. seiner Aufsichtspflicht eingeht. Oder Förderschullehrer werden aus ihrem Unterricht geholt, weil sie ja die zweite Lehrkraft darin sind, was dann dazu führt, dass im Grunde genommen ein geplantes Teamteaching nicht möglich ist, und die Schüler, die es bräuchten, meistens doch alleine da sitzen. Alles für die Statistik.

    Die neueren Statistiken mit der neuen Landesregierung sollen ausführlicher sein, aber was soll das bringen? Glaubt man wirklich, dass weniger Unterricht ausfällt, wenn man es ausführlich dokumentiert? Wieviel Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind im Schnitt gleichzeitig krank, waren es 5-7% oder sowas? Das ist doch klar, dass dieser Anteil als absolutes Minimum an Reserve vorhanden sein müsste.

    Kleine satirische Einlage der Landesregierung übrigens: Die neuen Statistiken sind so umfangreich, dass die Person, die diese erstellt eine Entlastungsstunde pro Woche dafür bekommt, also in der Regel ein ausgebildeter Kollege oder ein Schulleitungsmitglied noch weniger Unterricht gibt.

  3. Ich frage mich, ob (bezogen auf Grundschulen) die Aufteilung der einzelnen Klassen ohne Lehrer in andere Klassen auch mitgezählt wurde.
    In Herbst und Winter- Krankheitswellen ist der Ausfall sicher deutlich höher.
    Tragisch finde ich wenn in Gymnasien oder Realschulen in 9-12 Klasse ein ganzes Halbjahr kein Matheunterricht stattfindet, weil keine Vertretung zu finden ist. Da geht es um Prüfungsrelevanten Stoff, der dann aus zeitlichen Gründen auch nicht nachgeholt wird.
    Es ist eine Schande, dass ein so reiches Land wie Deutschland die Bildung immernoch auf dem Sparplan steht. Billig, billiger, Deutschlands Bil(lig)dung….

    • @ O.S., wie Sie bemerken, weise ich gebetsmühlenartig darauf hin, dass und inwiefern wir selber daran mitschuld sind, dass kein Geld für solche sinnvollen Sachen da ist. Wir wählen die Parteien, die uns weniger Steuern und höhere Gehälter versprechen.

      Es ist doch klar, dass der Staat dann an anderer Stelle sparen muss (“schlanker Staat”).

  4. Unterrichtsausfall durch Fortbildungen ist (im Mittelwert) von vornherein kalkulierbar. In RP sollen/können Lehrer 5 Tage jährlich auf Fortbildung gehen. Das ergibt für ein Kollegium von 50 Personen schon mal 250 Tage, also etwa 1 Planstelle, die die Schule zusätzlich haben sollte.

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