Prien macht Druck auf die Grundschulen, das Schreiben besser zu vermitteln – bis 2021 sollen Resultate her

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KIEL. Schreiben mangelhaft: Jeder fünfte Schüler in Schleswig-Holstein beherrscht zum Ende der Grundschule nicht die Mindeststandards. Bildungsministerin Prien will das mit einem Bündel an Maßnahmen ändern. Unterstützen soll sie dabei das Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität Köln – das sich allerdings gegen ein pauschales Verbot der Methode “Lesen durch Schreiben” wendet, wie Prien es de facto erlassen hat.

“Eine gute Grundschule ist von entscheidender Bedeutung für die gesamte Lernentwicklung”: Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien. Foto: Frank Peter / Landesregierung

Zu viele Grundschüler in Schleswig-Holstein haben nach Auffassung von Bildungsministerin Karin Prien (CDU) Defizite beim Schreiben. «Zu viele Mädchen und Jungen verlassen die Grundschule nach vier Jahren, ohne richtig schreiben zu können – das können wir nicht länger zulassen», sagte Prien. «Wir müssen bei diesen Basis-Qualifikationen besser werden und wollen dies mit einem Bündel an Maßnahmen erreichen.» Eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) habe 2016 ergeben, dass 21,8 Prozent der Grundschüler im Norden nicht die Mindeststandards erreicht hätten.

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«Für mich ist das inakzeptabel, auch wenn Schleswig-Holstein damit im bundesdeutschen Durchschnitt liegt», sagte Prien. «Bis zum nächsten Bildungstrend 2021 streben wir in Schleswig-Holstein deutlich bessere Werte an.»

Ein Schwerpunkt der Maßnahmen ist die Fortbildungsinitiative «Orthographie lehren und lernen an Grundschulen». Dabei arbeiten die drei Länder Schleswig-Holstein, Hamburg und Baden-Württemberg zusammen, damit die Lehrkräfte an Grundschulen den Kindern die Orthographie besser vermitteln. Nach einer Fachtagung im vergangenen Dezember in Norderstedt sind eine Fortbildungsreihe sowie fünf sogenannte Webinare geplant. Dabei können Lehrer im Internet an den Fortbildungen teilnehmen. Schwerpunkte sind Schrift und Orthographie, Schrifterwerb, Diagnose, Rechtschreiben im Unterricht und Rechtschreibkompetenz.

Wissenschaftliche Begleitung

Zusätzlich wird eine Internetplattform mit Materialien und Webinar-Aufzeichnungen erstellt. Das Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität Köln übernimmt unter anderem die wissenschaftliche Begleitung der länderübergreifenden Fortbildung.

Bemerkenswert: Dessen Leiter, der renommierte Deutsch-Didaktiker Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, hatte sich angesichts der Debatte um “Lesen durch Schreiben” im vergangenen September gegen ein generelles Methodenverbot gewandt. Viel wichtiger sei es, dass Lehrkräfte die Methoden auf ihre Schüler abstimmen.“Leistungsstarke Kinder lernen Lesen und Schreiben selbständig und unabhängig von der Methode. Schwächere Schüler benötigen mehr Struktur und Unterstützung. Gerade im ersten Schuljahr ist es sinnvoll, den Schülern einen leichten Zugang zur Schrift zu ermöglichen, indem sie die Laute schreiben, die sie hören. Die korrekte Rechtschreibung muss darauf aufbauend vermittelt werden”, so erklärte er. Prien dagegen hat den Grundschulen in Schleswig-Holstein de facto “Lesen durch Schreiben” verboten (siehe Beitrag unten).

Seit dem Schuljahr 2018/19 lernen Grundschüler in Schleswig-Holstein auch wieder eine Schreibschrift. In der ersten Klasse wird eine unverbundene Schrift – Druckschrift also – als Erstlese- und -schreibschrift eingeführt, danach erfolgt im Laufe der Eingangsphase eine verbundene Schrift – die lateinische Ausgangsschrift oder Schulausgangsschrift. Die Schulkonferenzen entscheiden, welche der verbundenen Schriften an der Schule verwendet wird. Die Druckschrift ist nach wie vor als erste Lese- und Schreibschrift vorgesehen. Danach lernen alle Schüler eine verbundene Schreibschrift. «Es ist aber noch zu früh für Resultate», sagte Prien. News4teachers / mit Material der dpa

Gegen 'Lesen durch Schreiben'

In einem Schreiben an alle Grundschulen in Schleswig-Holstein hatte die Ministerin bereits im Oktober 2017 über ihre wichtigsten Vorhaben in Sachen Rechtschreibung informiert.

Dabei hob sie insbesondere die Bedeutung des richtigen Schreibens und des Erlernens einer verbundenen Schrift hervor. Prien wies darauf hin, dass bereits in den derzeit gültigen Lehrplänen von 1997 dem richtigen Schreiben eine bedeutende Rolle zukomme und auch das Erlernen einer verbundenen Schrift (vereinfachte Ausgangsschrift) darin vorgesehen sei. Die Methode des “Lesens durch Schreiben” sei hingegen nicht mit den geltenden Lehrplänen zu vereinbaren, so hieß es ausdrücklich.

“Eine gute Grundschule ist von entscheidender Bedeutung für die gesamte Lernentwicklung und die Bildungskarriere unserer Schülerinnen und Schüler”, so hieß es in dem Brief. In der Grundschule sollten die Kinder eine solide Wissens- und Kompetenzbasis erhalten. “Deshalb überarbeiten wir zurzeit die Fachanforderungen für Deutsch und Mathematik für die Grundschulen noch einmal. Damit die Kinder von Anfang an das richtige Schreiben lernen, wird unter anderem ein Grundwortschatz von rund 800 Wörtern eingeführt, den jedes Kind am Ende der Grundschulzeit beherrschen soll. Das Erlernen der verbundenen Schreibschrift soll verpflichtend sein.”

Der Grundwortschatz wurde den Grundschulen mit Beginn des Schuljahres zur Verfügung gestellt. Sie können ihn zunächst freiwillig einsetzen, bevor er zum Schuljahr 2019/20 verpflichtend eingeführt werden soll. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

“Schwarzer Peter” heißt das Spiel: Die Debatte um “Lesen durch Schreiben” nimmt hysterische Züge an – zum Schaden der Schulen

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9 KOMMENTARE

  1. Ausgerechnet Herr Becker-Mrotzek, ein dogmatischer Verfechter von LDS und Selbstalphabetisierung der Schüler , der regelmäßig sich in Printmedien für diese Methoden öffentlich einsetzt, wurde mit den Ausschuss geholt. Warum werden nicht die Professorinnen Frau A. Schründer-Lenzen, Frau U. Bredel oder Frau Röber mit einbezogen ? Da werden Positionen aufeinanderprallen, denn es geht ihm darum, die Doktrin des eigenständigen Lese-und Schrifterwerbs zu verteidigen ob miserabler Ergebnisse.
    Erst erfolgt Erlernen der Druckschrift, die man benötigt, um die eigenständige Alphabetisierung umzusetzen, anschließend erfolgt wieder ein Umlernen des Schriftverlaufs mit den beiden gegenläufigen Schrifttypen, die als solches primär zu bevorzugen sind, damit flüssig geschriebene und lesbare Schreibschriften entstehen können. Bessere Ergebnisse dürften sich erst nach 4 Jahren ergeben.

  2. Wurde bei den Reformen der letzten Jahrzehnte nicht immer Druck auf die Schulen gemacht, damit dieses und jenes angeblich besser würde? Bei allem wurde Fortschritt und Besserung versprochen, um möglichst widerstandslos immer neue Ideen in die Tat umsetzen zu können.
    Hat sich das bewährt und sind unsere Schulen und Schüler nun leistungsfähiger und glücklicher geworden?

    • Der wissenschaftliche Werdegang des Herrn Prof. Michael Becher-Mrotzek ist geradezu pathognomonisch für derartige wissenschaftliche Leistungsträger auf aller höchstem internationalem Niveau mit bahnbrechenden Arbeiten und herausragenden Veröffentlichungen.
      Seine sprachliche Dynamik ist geradezu herausragend belebend und äußerst unterhaltsam und jedem nur anzuempfehlen, der einmal etwas anderes als Unterhaltung erleben und erfahren möchte, um seinen Kompass für Geschmack neu auszurichten zu können.
      Besonders gut gefällt mir, dass er die im deutschen Sprachraum verankerten Kinder zieldifferenziert weiterhin mit Selbstalphabetisierungsmethoden und Anlaut-Tabellen beglücken will, während den Risikogruppen eine gezielte Förderung mit strukturierten Schreib- und Sprachlehrgängen zugesteht, damit sich die Ergebnisse angleichen und Chancengleichheit entstehen möge ?
      Eine wahrlich beglückende Entscheidung für Grundschüler und ein Lichtblick für deren Eltern.

    • Natürlich wurden Reformen immer durchgeführt, damit sich etwas verbessert. Sonst hätte man ja alles beim alten lassen können. Eine explizite Begründung, man müsse einer drohenden Verschlechterung vorbeugen, habe ich nicht gehört. Man hat Leistungskurse eingeführt, dann abgeschafft und wieder eingeführt. Man hat G8 eingeführt und dann wieder abgeschafft, immer mit der Begründung von Verbesserungen.

  3. Zu Becker-Mrotzeks Zitat „(Leistungsstarke Kinder lernen Lesen und Schreiben selbständig und unabhängig von der Methode. Schwächere Schüler benötigen mehr Struktur und Unterstützung.) Gerade im ersten Schuljahr ist es sinnvoll, den Schülern einen leichten Zugang zur Schrift zu ermöglichen, indem sie die Laute schreiben, die sie hören. Die korrekte Rechtschreibung muss darauf aufbauend vermittelt werden“:
    Dagegen ist im Grunde gar nichts einzuwenden – wenn es genau so, wie formuliert, ernst genommen würde: die Schülerinnen und Schüler lernen am Anfang Buchstaben kennen, und zwar zunächst in ihrer Funktion, Laute, „die sie hören“ (also die sie in ihrer Unterschiedlichkeit und ihrer Unterscheidungsfunktion in Wörtern und Sätzen wahrnehmen können), zu verschriften. (Zu ergänzen wäre allerdings: um Wörter und Sätze so auch wieder für andere lesbar zu machen!) Und direkt darauf AUFBAUEND (und NICHT etwa von dem beim Laute-Verschriftlichen Gelernten ABWEICHEND) muss die korrekte Rechtschreibung vermittelt werden. (Wichtig dabei: Der Fokus muss natürlich am Anfang vor allem auf dem Regelhaften liegen. Ausnahmeschreibungen sollten vermieden werden, bzw. ggf. als solche wenigstens benannt werden.)
    Aber genau das ist der springende Punkt, genau hier liegt bislang vieles im Argen! Und zwar sowohl in den Ansätzen, die auf mehr Freies Schreiben setzen, als auch in gängigen Fibel-Lehrgängen!
    Viele Kinder können am Anfang der 1. Klasse sehr wohl hören, dass z.B. in „Ofen“ und „offen“ zwei unterschiedliche Vokale zu hören sind. Sie können auch (vorausgesetzt sie kommen nicht aus bestimmten Regionen des deutschen Sprachgebiets) den Unterschied zwischen „reisen“ und „reißen“ hören – genau wie den zwischen „rauben“ und „Raupen“. Ein weiteres Beispiel wären die „(e-)Laute“ der Reduktionssilben im Gegensatz zu den betonten „e-Lauten“.
    Doch hier versagt den Schülerinnen und Schülern der Anfangsunterricht gerade den „leichten Zugang zur Schrift“, indem er ihnen gerade keine Möglichkeit zur Verfügung stellt, diese unterschiedlichen „Laute, die sie hören“ auch unterschiedlich zu verschriften! Sprachwissen wird hier gerade nicht kontinuierlich aufgebaut, sondern die (viel beschworene) phonologische Bewusstheit wird im Laufe der 1. Klasse für bestimmte Lautunterscheidungen geradezu systematisch abtrainiert!
    Ich kenne keine gängige Laut-Buchstaben-Tabelle, die alle wesentlichen Laute darstellt. Und es ist auch völlig unklar, warum nicht von Anfang an bewusst die Erkenntnis angebahnt wird, dass Buchstaben immer in Abhängigkeit von oder in Kombination mit Nachbarlauten und deren Verschriftung oder in Abhängigkeit von der Silben- und Betonungsstruktur durchaus unterschiedliche Laute wiedergeben und verschiedene Funktionen haben können. Einige wenige dieser Fälle tauchen zwar im Anfangsunterricht und in Laut-Buchstaben-Tabellen stillschweigend auf (z.B. der „a-Laut“ im Diphthong „ei“ wird nicht durch ein „a“ wiedergegeben, der „t-Laut“ in Kombi mit dem stimmlosen /s/ wird als „z“ wiedergegeben), aber diese Kontextbedingtheit wird nicht als grundlegendes Prinzip kennen gelernt. Warum ist bei „offen“ neben „Ofen“ nicht möglich, was bei „ei“ neben „a“ und „z“ neben „t“ selbstverständlich möglich ist? Warum werden unkommentiert Ausnahmeschreibungen wie „Mama“ (oft in einem Atemzug mit dem gerade anders lautenden „Lama“!) als „lautgetreue“ Schreibungen verkauft (und damit Regelhaftigkeit suggeriert), statt von Anfang an die Bewusstheit für die unterschiedlichen „a-Laute“ zu stärken und zu festigen und so korrekte UND regelhafte Schreibungen wie „Hammer“ anzubahnen? Auch „Mais“ wird ja nicht als „lautgetreuer“ als „Eis“ und damit vor der Einführung von „ei“ gelehrt! Natürlich kann und muss nicht alles auf einmal am Anfang gelernt werden. Aber dann müssen Themen bewusst aufgeschoben werden (z.B. „mm“ nach „kurzem a“/am „Silbengelenk“: „Das lernen wir noch später“), statt zunächst falsche Laut-Buchstaben-Zuordnungen zuzulassen und so einzuüben („kurzes a“ = Buchstabe a; was „Hama“ statt „Hammer“ als „richtig geschrieben“ erscheinen lässt [obwohl es ja in dem Fall sogar offensichtlich nicht mal mehr korrekt lesbar ist!]).
    Hoffentlich geht es also bei dem angekündigten „Bündel an Maßnahmen“ endlich auch einmal um eine Qualitätsoffensive für den Inhalt des zu Lernenden: um die Qualität des sprachlichen und sprachwissenschaftlichen Inhalts und des logischen Aufbaus der Reihenfolge beim Lesen- und Schreibenlernen! (inkl. mehr Zeit und Geld für Fortbildungen usw., damit die Lehrkräfte dies auch umsetzen können!)

    • Martin Beesk schrieb: “Doch hier versagt den Schülerinnen und Schülern der Anfangsunterricht gerade den ‘leichten Zugang zur Schrift’, indem er ihnen gerade keine Möglichkeit zur Verfügung stellt, diese unterschiedlichen ‘Laute, die sie hören’ auch unterschiedlich zu verschriften! Sprachwissen wird hier gerade nicht kontinuierlich aufgebaut, sondern die (viel beschworene) phonologische Bewusstheit wird im Laufe der 1. Klasse für bestimmte Lautunterscheidungen geradezu systematisch abtrainiert!

      Ich kenne keine gängige Laut-Buchstaben-Tabelle, die alle wesentlichen Laute darstellt. Und es ist auch völlig unklar, warum nicht von Anfang an bewusst die Erkenntnis angebahnt wird, dass Buchstaben immer in Abhängigkeit von oder in Kombination mit Nachbarlauten und deren Verschriftung oder in Abhängigkeit von der Silben- und Betonungsstruktur durchaus unterschiedliche Laute wiedergeben und verschiedene Funktionen haben können.”

      Eine sehr gelungene Darstellung des “Kasus Knacktus”. Vielen Dank dafür!

    • Vielen Dank für die gelungene Darstellung eines Teils der Probleme der Vermittlung der Phonem-Graphem-Korrespondenz, die meiner Erfahrung nach immer der begleitenden Unterstützung durch linguistisch gut geschulter Lehrerinnen bedarf.
      Den einleitenden Satz des Herrn Becker-Mrotzek :”Leistungsstarke Kinder lernen Lesen und Schreiben unabhängig von der Methode” auch nicht so stehen lassen, weil diese sprachlich vorgebildeten Schüler geradezu versucht sind, sich individuelle Regelwerke aufzubauen, die sich nicht mit den Regeln der linguistisch gestützten, allgemeingültigen orthographischen Regelwerke im Einklang befinden.
      Es bedarf vielmehr der begleitenden strukturierten Vermittlung der Basisgrapheme (z.B. 1. Rose /2.Ziege/ 3.Geige )mit nachfolgender Vermittlung der Orthographeme ( hier 1.froh, Zoo/2. ihn, sieht, Tiber/ 3.Hai).

  4. Ich meine, es liegt vor allem an den heutigen “offenen” Formen und den allgemeinen Zuständen an vielen Schulen (Lärm und Chaos), dass Lesen, Schreiben und Rechnen schlechter als früher vermittelt werden.

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