Inklusion: Deutsche UNESCO-Kommission fordert, Förder- und Regelschulen zusammenzulegen

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BERLIN. Ute Erdsiek-Rave war von 1998 bis 2009 Bildungsministerin von Schleswig-Holstein – heute engagiert sie sich als Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission für mehr Inklusion im deutschen Bildungswesen. Warum Förderschulen nicht ausreichend qualifizieren und wieso es einen Planungsrahmen für Inklusion braucht, erklärt die SPD-Politikerin und frühere Lehrerin im Interview.

Dass die Inklusion in Deutschland mehr Ressourcen benötigt, dürfte unstrittig sein. Foto: Shutterstock
Dass die Inklusion in Deutschland mehr Ressourcen benötigt, dürfte unstrittig sein. Foto: Shutterstock

Frau Erdsiek-Rave, wo gibt es in Deutschland beim Thema Inklusion am meisten Aufholbedarf?

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Erdsiek-Rave: Inklusion ist im deutschen Bildungssystem leider noch nicht der Normalfall. Oft genug hängt das Schicksal eines Kindes mit Handicap vom Wohnort ab. Immer wieder werden zwar die steigenden Inklusionsanteile hervorgehoben, der Anteil der Kinder in Förderschulen ist aber nur in geringem Umfang gesunken.

Wir sehen erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern – auch im Verständnis von inklusiver Bildung. Das Spektrum reicht von einer Bestandsgarantie für alle Förderschulen bis zu ihrem erklärten Abbau und der Überführung in das Regelschulsystem. Es geht also um die Strukturen. Es ist vielfach belegt, dass Förderschulen ihre Schülerinnen und Schüler mehrheitlich nicht zu qualifizierenden Abschlüssen führen, Kinder und Jugendliche an diesen Schulen also nicht für den Arbeitsmarkt und ein selbstbestimmtes Leben gebildet werden. Das ist weder für den einzelnen jungen Menschen gut noch für den Arbeitsmarkt und das Sozialsystem. Das müssen wir durch die Zusammenführung von Förderschulen und allgemeinen Schulen ändern.

Ute Erdsiek-Rave ist Vorsitzende des Expertenkreises Inklusive Bildung der Deutschen UNESCO-Kommission und ehemalige Bildungsministerin Schleswig-Holsteins. Foto: privat

Empfehlungen dazu haben wir mit dem Expertenkreis „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission erarbeitet. Dazu zählen unter anderem die Schaffung eines langfristigen Planungsrahmens für ein inklusives Bildungssystem, die Ausstattung aller Schulen mit einer verlässlichen pädagogischen Grundausstattung, die Entwicklung von Förderschulen zu Förderzentren und die Verankerung von Multiprofessionalität in der inklusiven Bildung.

Fast jedes Bundesland geht bei der Inklusion einen anderen Weg. Wie kann mehr Vereinheitlichung erreicht werden?

Erdsiek-Rave: „Vereinheitlichung“ ist für viele ein Reizwort. Wir sind aber überzeugt, dass ein von Bund, Ländern und Kommunen abgestimmter und langfristiger Planungsrahmen für ein inklusives Bildungssystem allen Beteiligten helfen würde. Dieser Planungsrahmen sollte materielle, räumliche, personelle und finanzielle Voraussetzungen an allen Bildungseinrichtungen festlegen: Wie viel und welches Personal benötige ich für eine hochwertige inklusive Bildung. Welche Räume sind notwendig und wie müssen diese ausgestattet sein? Wie können Lehrkräfte und weiteres Bildungspersonal für eine inklusive Bildung aus- und weitergebildet werden? Welche Kooperationen mit weiteren Trägern sind notwendig? Das sind nur einige der Fragen, die in so einem Planungsrahmen beantwortet werden müssen.

Alle an einem inklusiven Bildungssystem Beteiligten müssten bei der Erstellung dieses Planungsrahmens beteiligt werden. Eine solche gemeinsame Verständigung wäre auch für die besondere Förderung von Begabungen oder im Umgang mit Kinderarmut und Bildungsbenachteiligung von Bedeutung. Die unterschiedliche Ausgangssituation in den Bundesländern muss natürlich immer berücksichtigt werden.

Ist die Diskussion rund um die Inklusion eher ideologisch oder finanziell geprägt?

Erdsiek-Rave: Die UN-Behindertenrechtskonvention und die Bildungsagenda 2030 der Vereinten Nationen sehen ganz eindeutig die Schaffung eines inklusiven Bildungssystems vor. Das ist alles andere als eine ideologische Vorstellung. Vor diesem Hintergrund sollte man ganz pragmatisch überlegen, wie ein solches inklusives Bildungssystem schrittweise und gemeinsam mit allen Akteuren erreicht werden kann. Sicherlich sind dazu mehr Mittel notwendig. Eine reine Beschränkung auf finanzielle Ressourcen verkürzt jedoch die Debatte.

Tatsächlich lässt sich bereits im Rahmen der gegebenen Ressourcen eine Menge bewerkstelligen. Die Entwicklung von Netzwerken auf kommunaler beziehungsweise regionaler Ebene kann zum Beispiel viele Synergieeffekte schaffen. Auch einzelne Schulen können bereits jetzt eine Menge Schritte in die richtige Richtung unternehmen. Die Preisträgerschulen des Jakob-Muth-Preises zeigen dies beispielhaft. Für eine flächendeckende Verankerung inklusiver Bildung aber brauchen wir eine Änderung der Strukturen und Rahmenbedingungen.

Hier geht es zu den Leitlinien Inklusion der Deutschen UNESCO-Kommission.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Deutsche UNESCO-Kommission fordert verbindliche Qualitätsstandards für die Inklusion – und einen konkreten Plan, wie sie vonstatten gehen soll

Thema Inklusion auf der didacta

KÖLN. Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. Das Thema Inklusion spielt auf vielen Veranstaltungen dort eine Rolle, zum Beispiel hier:

Forum Bildung
Inklusion in der Schule: Welcher Weg führt zum Erfolg?

  • Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Autor
  • Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
  • Eva-Maria Thoms, 1. Vorsitzende mittendrin e. V.

21.02.2019
11:00 bis 12:00 Uhr
Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

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Forum Bildung
Inklusion – Wende in Richtung Vernunft

  • Michael Felten, Gymnasiallehrer in Köln, Lehrbeauftragter an der PH Heidelberg, Autor (zuletzt 2017: Die Inklusionsfalle) und Gründer der Info-Plattform www.inklusion-als-problem.de

23.02.2019
12:15 bis 13:15 Uhr
Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

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Forum Bildung
Inklusion in NRW: Notwendige Kurskorrektur oder Rolle rückwärts?

  • Ralph Fleischhauer, Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Abteilungsleiter 5 (Allgemeinbildende Schulen, Inklusion)
  • Prof.‘in Dr. Kerstin Merz-Atalik, Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung/Inklusion, PH Ludwigsburg
  • Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW

23.02.2019
13:30 bis 14:30 Uhr
Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

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Forum didacta aktuell
Diversität und Inklusion: Umgang mit heterogenen Lerngruppen – ein multiperspektivischer Einblick in den Unterricht an Auslandschulen Lehrerinnen und Lehrer arbeiten 

  • Nuran Ceylan und Zoe Fuchs, Lehramtsstudentinnen der Goethe-Universität Frankfurt
  • Prof. Dr. Daniela Elsner, Goethe-Universität Frankfurt, Institut für England- und Amerikastudien und Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL)
  • Barbara Noeske, Goethe Universität Frankfurt Hessische Lehrkräfteakademie, Schulleitung, Alexander von Humboldt Schule – Colegio Alemán Alexander von Humboldt, Mexiko City.

21.02.2019
16:00 bis 16:45 Uhr
Halle 8, B 51
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

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Forum didacta aktuell
inklusion.de – Wie kann konkrete Unterstützung für Pädagogen und Lehrkräfte aussehen? 

  • Bernd Kochanek, Vorstand Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen NRW, Dortmund
  • Sabine Kreutzer, Schulleiterin Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn (angefragt)
  • Prof. Dr. Jutta Schöler, Hochschullehrerin i.R. für Erziehungswissenschaft, Berlin 22.02.2019

14:00 bis 14:45 Uhr
Halle 8, B 51
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

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Forum didacta aktuell
„Soziales Lernen: Mit Kopf, Herz und Daumen“
Kabarettist Rainer Schmidt über Inklusion und Lions-Quest

22.02.2019
12:00 bis 12:45 Uhr
Halle 8, B 51
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

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22 KOMMENTARE

    • Der “Deckel kommt dann drauf” – heißt: Wir bekommen eine Inklusion, die den Namen verdient – wenn die Politik endlich der Situation in den Schulen den Stellenwert einräumt, den sie verdient.

      NRW zum Beispiel war die Umstellung von G8 auf G9 – wahrlich nicht das größte bildungspolitische Problem im Land – mal eben eine halbe Milliarde Euro Wert. Und das nur für die zusätzlichen Klassenräume! Dazu kommen jährliche (!) Kosten von mindestens 150 Millionen Euro.

      Und die Inklusion? Wird gleichzeitig in NRW faktisch abgewickelt… wegen Personalmangel.

      Soviel zur Frage, mit wie viel Engagement die Landesregierungen in Deutschland die Inklusion betreiben.

      • Liebe Anna, Hessen müsste aktuell 5660 SOnderpädagogen einstellen – bisher arbeiten 4680 derzeit in Hessen -, um den MINDESTBEDARF der Inklusion abzudecken.
        Das sind Jahr für Jahr 500 MIllionen Euro. Dazu kämen andere Professionen. Die schulbaulichen Maßnahmen sind da das geringste Problem, die meisten Landkreise sind sich der Aufgabe mehr als bewusst.
        Ergo: INKLUSION, wie diese z.B. definiert wird im Index des Kantons Aargau, wird es in Hessen nie geben – inhaltlich.
        Vom Begriff her sieht die Politik das anders

      • Wie gut, dass wir in einem Rechtsstaat leben – und Minderheiten in Deutschland nicht mehr der Willkür von Menschen ausgesetzt sind, zu deren Amtsverständnis die Anmaßung gehört.

        • Wie gut, dass N4t nebenan gerade darüber berichtet, dass sich nach den bösen Gymnasien (z.B. in Essen) nun auch die guten Gesamtschulen (z.B. in Hannover) “von der Inklusion abwenden”.

          Potzblitz: Wie geht denn sowas, wenn doch die Inklusion angeblich ein “Menschenrecht” ist?

          Fazit: Das, was bestimmte Wanderpredigerinnen und Wanderprediger als “Das ist mit dem Menschenrecht Inklusion gemeint!” verkaufen, ist offensichtlich rechtlich nicht so unstrittig, wie eben diese Wanderpredigerinnen und Wanderprediger nicht müde werden zu behaupten.

        • Liebe ANNA, KInder mit Förderbedürfnisen sind in der Minderheit. Ich sehe nun aber kaum, dass sich irgendwer für diese Gruppe stark macht und für eine Gleichbehandlung sorgt. Das Gegenteil ist der Fall.
          Und – um den sich hier ja auch immer gerne sich meldenden Herrn Wocken anzuführen: Die Sonderpädagogen in den Bildungsministerien scheinen ohnehin stark am Erhalt der Föderschulen zu arbeiten – bewusst auf Kosten der Kinder.

  1. Auf der Facebook-Seite von N4t wird der Beitrag oben u.a. folgendermaßen kommentiert.

    1. Die Userin “Malvine Kirsch” schreibt: “Frau Erdsiek-Rave, die als SPD Politikerin bekannt ist für ihre strikt- fundamentalistisch einseitige, linke Ablehnung der Vielfalt der Schulen und Schulformen und die eine strikte Kämpferin für Einheitsschule ist, ist jedenfalls keine seriöse wissenschaftliche Quelle für Vor- und Nachteile und Qualität von Förderschulen, Inklusion oder Einheitsschulen. Bitte unterlassen Sie doch bitte, ernsthaft interessierte Leser mit derart einseitigen Relotius-Beitragen in die Irre zu führen.”

    2. Der User “MiCha” fügt an: “Sie hätte auch auf jede Frage mit ‘Bla bla bla…. Bla…bla bla…’ antworten können. Das hätte die gleiche inhaltliche Aussagekraft besessen.”

    3. Und der User “Simon To” ergänzt: “Was für eine unglaublich inhaltsleere Überschrift. Sinnbildlich für den gesamten Gehalt der hohlen Phrasen, mit denen manche Politiker aus ideologischen Gründen die UN-BRK bewusst falsch interpretieren um die gut arbeitenden Förderschulen kaputt zu machen.

    Nur ein Denkanreiz: Wie viele der Kinder, die Förderschulen besuchen, sind denn überhaupt in der Lage, qualifizierende Abschlüsse zu erlangen? Erlangen diese Kinder, wenn sie zieldifferent ein Gymnasium besuchen, einen qualifizierenden Abschluss?”

    • Danke für die zusätzlichen Facebook-Einträge.
      Dass Malvine Kirsch Näheres zur polit-ideologischen Einstellung von Frau Erdsiek-Rave schreibt, begrüße ich besonders, denn so mancher, der in der Überschrift zum Interview “Deutsche UNESCO-Kommission” liest, glaubt automatisch, die Forderung komme aus göttlicher Wahrheits- und Weisheitsquelle, bei der Fragezeichen und Zweifel eine empörende Gesinnung bedeuten.

      • Stimmt, wenn es UNO, UNESCO oder auch OECD heißt, sind die meisten Menschen bereit, alles zu glauben, was an Urteilen und Forderungen aus dieser Quelle kommt.

        • Dabei genügt es vollauf, wenn man sich hin und wieder bewusst macht, dass die OECD die “Organisation für w i r t s c h a f t l i c h e Zusammenarbeit und Entwicklung” ist. Hilft auch bei der Einordnung der Pisa-Diskussion.

          Anschließend kann man dann (allerdings höchstens ein paar Tage) auf die nächste bildungspolitische Sau warten, welche die Bertelsmann-Stiftung regelmäßig durchs von ständigen “Reformen” zerbombte deutsche Schul-Dorf treibt.

          Denn Bertelsmann hat mit wirtschaftlichen Interessen natürlich nichts am Hut…

  2. Zitat: “Deutsche UNESCO-Kommission fordert, Förder- und Regelschulen zusammenzulegen”

    Im Sinne einer “kooperativen Gesamtschule”, also in einer Schule, aber in unterschiedlichen Klassen = ja, warum nicht. Vielleicht können dann auch sinnvolle Begegnungen in einigen Fächern (Sport, Musik, Kunst) oder in AGs/IGs organisiert werden.

    Ansonsten, nein, keine Zusammenlegung!

  3. Frau Erdsiek-Rave hat immer, auch seinerzeit als Schulministerin, eine ideologisch geprägte Schulpolitik vertreten. Letztendlich hat das auch zur Abwahl der damaligen Koalitionsregierung geführt.
    Ich erinnere mich noch gut an ihren Auftritt beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg vor einigen Jahren, wo einige Hundert wütender Förderschullehrkräfte sie mit der Differenz zwischen ideologischem Anspruch und Realität der Inklusion konfrontierten.
    Wenn man sich die Zusammensetzung des Expertenkreises “Inklusive Bildung” der deutschen UNESCO-Kommission ansieht, deren Sprecherin Frau Erdsiek-Rave ist, braucht man sich über die ideologische Schlagseite von deren Verlautbarungen nicht mehr zu wundern.

    • Ich erinnere mich noch gut, als sie als meine Dienstherrin nach einer Erhöhung des Stundendepuitats versprochen hat, dass es unter ihrer Amtsführung keine weitere Erhöhung geben werde.

      Ich erinnere mich nicht mehr so genau, ob die dann folgende Erhöhung 6 oder 12 Monate später kam. Gelogen war es so oder so.

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