Studie: Jugendliche wollen mehr politische Mitsprache – neue Klima-Proteste

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BERLIN. Seit Wochen lassen junge Menschen deutschlandweit freitags den Unterricht ausfallen, um auf der Straße für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren – heute auch vor dem Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) in Düsseldorf. Eine Umfrage bestätigt: Sie fordern mehr Mitsprache. Der Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann, Referent auf dem DSLK, sieht wieder eine deutlich politischere junge Generation heranwachsen.

Europaweit demonstrieren Schüler für eine bessere Klimapolitik. Foto: Tommi Boom / flickr (CC BY-SA 2.0)

Jugendliche wollen bei Zukunftsfragen der Gesellschaft deutlicher gehört werden und stärker mitbestimmen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung, bei der 1000 Menschen ab 14 Jahren befragt wurden. Danach habe es in den vergangenen fünf Jahren eine starke Zunahme bei den unter 20-jährigen Jugendlichen gegeben, die «viel mehr Volksabstimmungen für die Bürger» fordern (2014: 73 Prozent – 2019: 94 Prozent). Am Freitag gingen auch in Deutschland und anderen Ländern Europas wieder Tausende Schüler für das Klima auf die Straße.

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Mit Blick auf die Studie sagte der Leiter des Instituts, Horst Opaschowski: «Die Jugendlichen vermissen in der Politik klare Vorstellungen darüber, wie unsere Gesellschaft in 20, 30 Jahren aussehen soll.» Die «Fridays for Future»-Proteste seien eine neue Mitmachbewegung im Sinne von Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes, wonach alle Staatsgewalt «in Wahlen und Abstimmungen vom Volke ausgeht» und Parteien bei der politischen Willensbildung lediglich «mitwirken», aber nicht allein bestimmen sollen. «Die jugendlichen Protestgruppen richten sich gegen Polit-Profis, die sich zu verselbstständigen drohen, und dabei die Interessen kommender Generationen aus den Augen verlieren», meinte Opaschowski.

Außerdem forderten die Jugendlichen mehr selbstständiges und verantwortliches Handeln im Unterricht. 92 Prozent (2014: 77 Prozent) befürworteten die Aussage: «Zu den wichtigsten Erziehungszielen der Zukunft werden Selbstständigkeit und Selbstvertrauen gehören, die in schulischen Projekten gefördert und eingeübt werden müssen.» Deshalb sei die Forderung von Politikern falsch, die Jugendlichen sollten sich in ihrer Freizeit engagieren.

Hurrelmann sprach auf dem Deutschen Schulleiterkongress

Jugendforscher Klaus Hurrelmann sagte der «Heilbronner Stimme» mit Blick auf die Proteste: «Ich wüsste nicht, dass wir schon so eine, man kann schon sagen, kinderpolitische Bewegung gehabt hätten.» Die bisherigen politischen Proteste seien meist von Studenten gesteuert worden. Es sei «wirklich auffällig», «dass die Jugendlichen heute so intensiv und professionell ihre Bewegung in Form von Demonstrationen mit Reden, Plakaten organisieren». Hurrelmann sprach heute auch vor dem Deutschen Schulleiterkongress, wo er den nach 2000 Geborenen, der “Generation Greta”, ein deutlich stärkeres politisches Bewusstsein attestierte als ihren Vorgängergenerationen. Das fokussiere sich derzeit auf Umweltthemen, könne sich aber auch noch auf andere Schwerpunkte verlagern.

In Nordrhein-Westfalen beteiligten sich am Freitag nach Veranstalterangaben bis zu 5000 Schüler und Studenten an Protestmärschen für mehr Klimaschutz. «Schwerpunkt war diesmal Düsseldorf, wo etwa 1500 Streikende zusammen kamen», sagte eine Sprecherin der Bewegung «Fridays for Future». Dort hatten sich die Demonstranten zunächst vor der Messe versammelt, wo der Deutsche Schulleiterkongress tagte. In Bayern demonstrierten mehr als 2000 Schüler für mehr Klimaschutz, deutlich weniger als in der Vorwoche.

Beim Superstar der Klimaschutzbewegung im schwedischen Stockholm kehrte nach dem Großprotest in der vergangenen Woche diesmal wieder so etwas wie Normalität ein: Greta Thunberg gab am Freitag einige Interviews, während sie an ihrem gewohnten Platz vor dem Reichstag für mehr Klimaschutz protestierte. Nachdem vergangenen Freitag mehr als 10.000 Mitstreiter die Straßen und Brücken rund um den Ort ihrer Protestaktion gesäumt hatten, waren es diesmal lediglich knapp 50 Mitdemonstranten. Auf einem Banner neben Thunbergs Protestschild mit der Aufschrift «Schulstreik fürs Klima» erklärten sie: «Wir verpassen unseren Unterricht, um euch etwas beizubringen.»

In ganz Norwegen protestierten am Freitag Zehntausende Schüler für mehr Klimaschutz. Allein vor dem Parlament in der Hauptstadt Oslo und den umliegenden Straßen kamen laut Organisatoren mehr als 15.000 junge Leute zusammen, wie die Nachrichtenagentur NTB berichtete. dpa

“Fridays for Future”: Schüler demonstrieren bundesweit in 180 Städten – GEW und Philologen streiten über Sanktionen fürs Schwänzen

 

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14 KOMMENTARE

  1. Wer würde denn auf die Frage, ob er mehr Mitsprache wolle, mit Nein antworten. Normalerweise strebt jeder Mensch danach, soweit wie möglich selbst (über sich) zu bestimmen. Eher das Einfügen bereitet ihm Probleme.

    Die Erfahrung lehrt, dass es eine Minderheit ist, die ihre Mitmach- und Mitentscheidungsmöglichkeiten wahrnimmt. Das betrifft nicht nur die Jugendlichen (und Kinder). Die Schweiz zeigt auch, je mehr Mitentscheidungsmöglichkeiten, desto geringer die Beteiligung.

    ZITAT:
    ” Stimmbeteiligung

    Die Beteiligung an den eidgenössischen Volksabstimmungen hat im 20. Jahrhundert stetig abgenommen. Der Rückgang ist allerdings von starken Ausschlägen geprägt. So betrugen seit 1990 die Extremwerte 28% und 79%. Der Abwärtstrend hat sich jedoch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht fortgesetzt. Die durchschnittliche Stimmbeteiligung ist sogar wieder leicht angestiegen (von 42% in den 1980er-/1990er-Jahren auf 45%).”
    https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/politik/abstimmungen/stimmbeteiligung.html

  2. Es wäre in der Tat schön, wenn es wie in der Schweiz mehr Volksabstimmungen geben würde, an denen man ab dem 18. Geburtstag teilnehmen könnte. Dann würden sich die Leute weniger fremdbestimmt fühlen und das Vertrauen in das politische System würde steigen.

    • Dann wären wie in der Schweiz Tor und Tür für Populisten geöffnet, um sich eine Plattform in der Öffentlichkeit aufzubauen und um ihre öffentlich wirksamen Ideen durchzusetzen.

      • Die Schweiz ist wirtschaftlich erfolgreicher als Deutschland. So schlecht kann die direkte Demokratie nicht sein.

        • Und warum ist die Volksabstimmung des Brexit wohl in die Richtung für den EU-Austritt gekippt, obwohl jetzt die Mehrheit der Briten wohl dagegen wäre.
          Da gab es im Vorfeld versteckte Internetkampagnen gegen Ausländer, die sich an bestimmte vorher abgecheckte und dann ausgesucht Zielgruppen richtete, nachdem eine Britische Internetfirma die Daten von Google und Facebook ausgewertet hatte.
          Außerdem arbeiteten die Kampagnen des Herrn Farage und des ehemaligen Außenministers gezielt zusammen und unterstützten sich gegenseitig in der Propaganda.

        • P:S: Versuchen Sie einmal in der Schweiz zu leben, denn die Lebenshaltungskosten sind dort deutlich höher als in Deutschland.
          Als Normalverdiener hat man dort kaum Möglichkeiten sich von unseren abzuheben, weil eben alles teurer ist.

      • So langsam weiß ich nicht mehr, was der Begriff “Populisten” bedeutet.
        Politiker, Journalisten und andere Leute, die oft im Licht der Öffentlichkeit stehen, reiten doch fast alle gern im Sattel dessen, was gerade als Meinung populär ist. Insofern dreschen sie alle populistische Phrasen.
        Das inflationär gebrauchte Schimpfwort “Populisten” kommt mir nur noch wie eine Modeschöpfung vor, mit der andere Meinung diskriminiert wird. “Populist” soll genügen und Argumente ersparen, wenn man auf billigste Weise etwas oder jemanden einfach nur schlechtreden will.

        • Falsch. “Populär” und “populistisch” ist nicht dasselbe. Ersteres zielt auf Breitenwirkung und ist völlig legitim – letzteres auf die niederen Instinkte.

          • “In der politischen Debatte ist Populismus oder populistisch ein häufiger Vorwurf, den sich Vertreter unterschiedlicher Richtungen gegenseitig machen, wenn sie die Aussagen und Forderungen der anderen Seite für populär, aber unrealistisch oder nachteilig halten. Man spricht dann auch von einem politischen Schlagwort bzw. „Kampfbegriff“. (wikipedia)
            Ihre Meinungsäußerungen, Bernd, sind meiner Einschätzung nach meist linkspopulistisch, wenn man denn den Begriff “populistisch” überhaupt mag, weil mit ihm viel Schindluder betrieben wird.
            Nach Ihrer Begriffsinterpretation richtet sich das, was Sie sagen, dann allerdings auch an die “niederen Instinkte” der Menschen.

          • Nach Ihrer Erklärung von “populär” und “populistisch” sehen Sie sich selbst offenbar als jemand, der niemals “populistisch” agieren und niedere Instinkte ansprechen würde, Bernd. Ist doch so, oder? Populistisch und rechthaberisch sind immer nur andere.

            Sie vergessen, dass der Begriff “populistisch” kein politisches Lager ausschließt. In jedem kann es Kräfte geben, die “niedere Instinkte” ansprechen und zu Hass und Hetze gegen Andersdenkende aufrufen.

  3. @ Krokodilstr. (Zitat): “Dann würden sich die Leute weniger fremdbestimmt fühlen und das Vertrauen in das politische System würde steigen.”

    Ist das Vertrauen in das politische System in der Schweiz signifikant höher als in Deutschland?

    Rein psychologisch würde es vielleicht wirklich das Gefühl stärken, weniger fremdbestimmt zu sein. Real würde die Teilnahmelust mit der Zeit eher sinken und je nach Anlass schwanken. Es würde jedoch dafür führen, dass “organisierte Minderheiten” aufgrund der Passivität der anderen die Mehrheit erreichen und es würde dazu führen, dass Leute über etwas abstimmen, was sie nicht wirklich inhaltlich in Gänze durchschauen, geschweige denn die Folgen. Was hätte wohl 2015 die Mehrheit bzgl. einer Schließung der Grenze gegenüber den Flüchtlingen beschlossen?

  4. Ich kriege viele Mails zugeschickt, die für die Klimaproteste werben, aber die kommen erstaunlicherweise alle von bezahlten Profis (Campact, BUND, usw.), nicht von Schülern.

  5. Laut Wikipedia (ich bin weit entfernt davon, an Wikipedia als Quelle der Wahrheit zu glauben) seien Volksabstimmungen eine typisch populistische Forderung:
    “Die Funktion von Parteien, an der politischen Willensbildung der Bürger mitwirken (siehe Artikel 21 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland), deuten Populisten gern als eine Bevormundung mündiger Bürger und fordern stattdessen unmittelbare Willensartikulation durch direkte Demokratie.”

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