Auffälliges Verhalten von Schülern: “Es gibt Kinder, die halten schlichtweg andere Kinder nicht aus” – ein Experten-Interview

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HEILBRONN. Auf Platz eins rangiert der Lehrermangel. Auf den Plätzen zwei und drei der von Lehrern meistgenannten Herausforderungen in ihrem Beruf folgen dann aber schon zwei Kategorien, die mit Unterrichtsstörungen in Verbindung gebracht werden können: das Verhalten der Schülerinnen und Schüler – und die Inklusion. Dies ergab eine aktuelle Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung (News4teachers berichtete). Der Wissenschaftler Thomas Müller von der Universität Würzburg, selbst Sonderschullehrer, forscht zum Thema und referiert auf der aim-Bildungskonferenz am 10. und 11. Mai 2019 in Heilbronn. Wir sprachen mit ihm darüber, ob es heutzutage tatsächlich mehr verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler gibt als früher. Und wie sich darauf reagieren lässt.

Lehrer fühlen sich durch verhaltensauffällige Schüler stark belastet. Symbolfoto: Shutterstock

News4teachers: Wenn man Lehrer befragt, was sie am meisten belastet, dann stehen Verhaltensauffälligkeiten von Schülern immer weit vorne. Sie forschen zu dem Thema. Gibt es tatsächlich mehr verhaltensauffällige Schüler, wie oft gesagt wird – oder stimmt das womöglich gar nicht?

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Müller: Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage. Auf der einen Seite gibt es das subjektive Gefühl bei Kolleginnen und Kollegen – ich gebe sehr viele Fortbildungen, wo ich das auch immer wieder höre –, dass es entweder immer schlimmer wird oder dass die Zahl der Fälle von Verhaltensauffälligkeiten zunimmt. Diese subjektiven Empfindungen stimmen mit der Realität zum Teil überein – aber zum Teil eben auch nicht. Wo sie nicht übereinstimmen, das ist die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die psychisch erkranken, die eine Störung des Sozialverhaltens, eine Ess-Erkrankung, ADHS, also, alles, was sich psychiatrisch diagnostizieren lässt, aufweisen. Diese Zahl ist seit Jahren eigentlich stabil. Ungefähr ein Fünftel aller Kinder und Jugendlicher bilden im Laufe ihrer Kindheit und Jugend eine psychische Erkrankung aus. Ein Teil nimmt sie ins Erwachsenenleben mit, aber der Großteil verliert sie. Da hat sich also nichts gesteigert.

Wenn man sich dann aber die Zahlen der Kultusministerkonferenz anschaut, dann sieht man, dass die Zahl der Kinder, die einen emotional-sozialen Förderbedarf haben, um mehrere hundert Prozent in den letzten zehn Jahren gestiegen ist. Und dafür kann man verschiedene Gründe anführen. Es gibt wohl tatsächlich mehr Kinder, die zwar nicht unbedingt eine psychische Erkrankung oder Störung ausbilden, die aber emotional oder sozial sehr stark belastet sind durch die Verhältnisse, aus denen sie kommen, und auch durch den Leistungsanspruch des Bildungssystems, mit dem sie konfrontiert sind. Und man kann dann schon auch fragen, welches Verständnis von Normalität haben wir eigentlich in den letzten Jahren entwickelt – ist das nicht vielleicht auch enger oder rigider geworden, als das noch vor zehn Jahren der Fall war?

Wenn man zur Schule zurückkommt, ist es schon so, dass der Spagat, den vor allem die Regelschule machen muss, immer größer wird. Auf der einen Seite soll auch unter dem Aspekt der Inklusion ja immer mehr individualisiert werden. Es sollen Kompetenzraster erstellt werden. Es sollen individuelle Förderpläne geschrieben werden und, und, und… Auf der anderen Seite wird aber immer stärker standardisiert. Alle sollen dann trotzdem zur gleichen Zeit die gleichen Vergleichsarbeiten schreiben. Alle sollen zur gleichen Zeit den gleichen Test und die gleiche Klassenarbeit schreiben.

aim-Bildungskonferenz
Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sind häufig von Armut betroffen. Foto: Natasha Chub-Afanasyeva / flickr (CC BY 2.0)
Kinder aus sozial schwachen Familien haben es schwerer, Bildungserfolge zu erreichen. Foto:
Natasha Chub-Afanasyeva / flickr (CC BY 2.0)

Aus zahlreichen Studien wissen wir seit Jahrzehnten, dass Kinder aus sozial schwachen Familien in Deutschland schlechtere Chancen auf Bildungserfolge haben – der Befund hat an der Situation bislang allerdings wenig geändert.

Bei der aim-Bildungskonferenz am 10. und 11. Mai 2019 in Heilbronn – wo auch Dr. Thomas Müller referiert – drehen sich mehr als 40 Workshops und Foren um die Frage: Welche Voraussetzungen sind in den Kitas und Schulen notwendig, damit Bildungsgerechtigkeit hergestellt wird? Renommierte Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis berichten von ihren Erfahrungen – Anmeldungen sind möglich. Die Teilnahme ist gratis.

Hier gibt es weitere Informationen zu der Veranstaltung.

News4teachers: Und die Lehrer werden für die Ergebnisse heute stärker verantwortlich gemacht.

Müller: …was natürlich auch nicht ganz verkehrt ist.

News4teachers: Trotzdem führt das zu der Mutmaßung, dass Lehrer früher – die nicht so starken Kontrollen unterworfen waren als ihre Kollegen heute – vielleicht auch eher geneigt waren, abweichendes Verhalten zu tolerieren und dann vielleicht den ein oder anderen Schüler durchzuwinken. 

Müller: Das kann gut sein, ja.

News4teachers: Während heute einfach die Verantwortung stärker wahrgenommen wird, weil es eben  diese standardisierten Tests gibt …

Müller: Ja, weil ein Teil der Inklusionsdebatte uns auch weismachen will, dass je mehr Kinder in möglichst großer Heteronomie zusammenkommen, umso erfolgreicher sei Lernen. Aber das ist ja nirgendswo belegt, dass das so ist. Es gibt Kinder, die sich aufgrund ihrer Verschiedenheit unwahrscheinlich bereichern – für die dieses Argument tatsächlich stimmt. Aber es stimmt eben nicht durchgehend. Und nicht jedes Verhalten anderen gegenüber stellt eben eine Bereicherung des Soziallebens oder der Gemeinschaft dar.

News4teachers: Auch Bereicherung kann ja anstrengend sein.

Müller: Klar, natürlich. Diese Bereicherung funktioniert nur dann, wenn man auf die Vielfalt methodische Antworten hat, wenn man Lerninhalte so arrangieren kann, dass solche Bereicherungsprozesse überhaupt erst ins Entstehen kommen. Aber im Falle verhaltensauffälliger Kinder ist das eben ganz oft nicht der Fall. Und ich glaube, die Inklusionsdebatte meint zu oft, dass Lehrer sozusagen nur professionell genug ausgebildet sein müssten, nur methodisch geschickt genug sein müssten, sich nur genügend Expertise hinzuziehen müssten – und dann geht das auch mit den verhaltensauffälligen Kindern. Aber es gibt eben eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen, da ist es völlig egal, wie viel Expertise Sie haben. Die halten schlichtweg ein anderes oder zwei andere Kinder nicht aus aufgrund der biografischen Erfahrungen, die sie gemacht haben. Und das hat zunächst mal gar nichts mit der Qualität der Lehrkraft zu tun.

News4teachers: Das führt zu einer Grenze von Inklusion.

Müller: Absolut. Das schließt natürlich nicht die Probleme aus, die durch die Nicht- Inklusion entstehen – dass ein solches Kind sich stigmatisiert fühlen kann, dass ein solches Kind sich einsam fühlen kann, dass ein solches Kind sich als Problemträger erleben kann. Trotzdem gibt es eben Kinder, die so massive Erfahrungen von Missbrauch, von Misshandlungen, von Verwahrlosung und Vernachlässigung gemacht haben, dass sie andere Kinder nicht aushalten und dass andere Erwachsene auf sie massiv gefährlich wirken.

News4teachers: Also würden Sie da für einen deutlich differenzierteren Blick plädieren?

Müller: Ja. Wo, in den Bundesländern, in denen Schulen zur Erziehungshilfe abgeschafft worden sind, die sich ja vorrangig um verhaltensauffällige Kinder gekümmert haben, wo sind diese Kinder jetzt? Zum Teil sind die in der Regelschule. Das stimmt. Zum Teil auch erfolgreich. Und man muss schon auch sagen: Vielleicht haben wir in der Sonderpädagogik zu lang an manchen Kindern festgehalten, hätten wir sie früher zurückführen können ins allgemeine Schulsystem.

Aber es gibt eben auch Kinder, die jetzt wieder in der Psychiatrie sind, wo sie vorher nicht waren. Die Anzahl der Betten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland wird ja stark ausgebaut. Oder Sie finden dann in Bundesländern, die bildungspolitisch als hinten dran bezeichnet werden wie Bayern beispielsweise was die Inklusion betrifft, Kinder aus Schleswig-Holstein oder Hamburg oder auch aus Südtirol in geschlossener Unterbringung, weil es die in Bayern eben noch gibt. Das heißt, die einen schauen bildungspolitisch eben gut aus und andere nicht. Und diese Kinder werden kreuz und quer durchs Land verschickt.

News4teachers: Wenn wir über Verhaltensauffälligkeiten sprechen, dann ist ja eine ganz breite Spanne – von Ungezogenheiten bis hin zu wirklichen psychischen Erkrankungen. Wenn wir da mal an den Anfang der Spanne gehen, also an die mildeste Ausprägung, dann wird Eltern oft vorgeworfen, nicht mehr gut zu erziehen und das schlage sich in der Schule nieder. Können Sie das bestätigen?

Müller: Nicht wirklich. Es gibt auch keine Zahlen darüber. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie wir als Menschen miteinander leben, eben anders ist, als das noch die Generation meiner Eltern oder meiner Großeltern tat und dass sich darüber auch Anforderungen an Familien verändert haben. Aber das ist etwas, was Gesellschaft schon immer zu realisieren hatte, dass die eine Generation nicht mehr lebt wie die andere vor ihr. Vielleicht sind wir nicht gut genug gewesen bisher, darauf in der Schule zu reagieren. Vielleicht haben wir uns auch zu wenig mit unserem Bildungsbegriff auseinandergesetzt, dass Erziehung eben auch ein Teil von Schule ist – und zwar ein ganz wesentlicher Teil.

Gleichwohl glaube ich schon, dass es durchaus Eltern gibt, die mit der Art und Weise, wie wir hier im Westen leben, wo ganz viel Verantwortung bei einem selbst liegt, wo man ganz viel selbst entscheiden soll und kann und das ja von vielen auch als sehr freiheitlich erlebt wird, dass es aber doch auch eine Anzahl von Menschen gibt, die das überfordert, die damit nicht zurechtkommen, die gar nicht die Optionen haben, die der westliche Lebensstil so suggeriert. Und dann haben sie natürlich eben sehr verletzbare oder verletzte Elternteile, die selbst psychisch erkrankt sind, die selbst hoch belastet sind, die eben stärker an den Rändern der Gesellschaft sind, die keine Arbeit haben, die keiner braucht und die sich dann vielleicht auch aus ihrer Erziehungsaufgabe zurückziehen. Ob diese Zahl von Eltern zunimmt, das weiß ich nicht.

News4teachers: Auf der aim-Bildungskonferenz werden Sie sprechen – sie möchten eine Unterrichtsmethode vorstellen, die gegen Verhaltensauffälligkeiten helfen soll.

Müller: Ja, genau. Ich werde das sogenannte Lernen mit Lernleitern vorstellen. Das ist Teil einer Methode, die einen etwas komplexen Namen hat, nämlich die “MultiGradeMultiLevel-Methodology”, eine Methode, die aus Südindien kommt, aus einem Landschulprojekt, das ich jetzt seit 17 Jahren begleite und bei dem ich immer wieder auch mit Lehramtsstudierenden war. Und diese Methode ist ursprünglich entstanden in ganz einfachen, sehr abgelegenen Dörfern auf dem indischen Land. Es gibt dort kaum Schulen, kaum Lehrer, es gibt aber die große Heterogenität der Kinder eines Dorfes – schnell, langsam lernend, begabt, weniger begabt, älter, jünger. Und wie kann man jetzt für die Unterricht machen? Und da hat man sich eine Methode überlegt, indem man einen strukturierten Lernweg angelegt hat, bei dem die Kinder stark sich selber anleiten können.

Man gibt ihnen starke Struktur wie auf einem Art Spielplan. Und die Kinder können damit selber anleiten, sind aber gleichzeitig sehr geschickt in soziales und in kooperatives Lernen eingebunden. Und so ist es gelungen, eine aktivitätsorientierte Methode zu entwickeln, mit der eben dann auf dem indischen Land die 40, 50 Kinder eines Dorfes von der Vorschule bis zur fünften Klasse alle in einem Raum sehr erfolgreich unterrichtet werden können durch eine einzige Lehrkraft.

Der Lehrplan ist zerlegt in lauter kleine einzelne Aktivitäten. Dabei hat man die Dinge genommen, die die Kinder dort vor Ort kennen, sodass ein ganz starker Lebensweltbezug hergestellt worden ist. Und diese Aktivitäten sind alle in einem riesigen Materialpool an einer Wand der Schule zu finden. Die Kinder können jetzt anhand dieses Spielplans und eines ganz ausgeklügelten Symbolsystems Aktivität für Aktivität in ihrem eigenen Lerntempo gehen, lösen, bearbeiten. Und das ist vielleicht auch der Aspekt, wo diese Methode alles, was wir aus der Reformpädagogik kennen – wie offene Wochenplanarbeit, Projekt-, freie Arbeit und so weiter – überschreitet, weil sie über die ganze Schulzeit eines Schülers hinweg sein eigenes Lerntempo respektiert. Dann kann es sein, dass seine Grundschulzeit schon nach dreieinhalb Jahren, nach vier Jahren oder auch erst nach sechs Jahren zu Ende ist.

News4teachers: Das hat Bezüge zu Verhaltensauffälligkeiten?

Müller: Im Zusammenhang mit verhaltensauffälligen Kindern gibt es mehrere Effekte. Ein entscheidender ist, dass die Kinder, die ja oft mit Erwachsenen sehr schwierige, ambivalente, sie gefährdende Erfahrungen gemacht haben, dass sie die Erwachsenen zunächst mal nicht sofort brauchen im Sinne von Instruktionen oder von zu viel Nähe oder von Arbeitsanweisungen. Die Kinder können sich zunächst mal selber instruieren und kriegen ein Gefühl dafür, dass sie nicht in der Schule der Willkür einer Lehrkraft ausgesetzt sind, sondern dass Schule und Lernen heißt: Das bin ich ja selber. Ich lerne ja. Das ist ja mein Lernweg. Und jetzt ist die Lehrkraft eben diejenige, die mich dabei unterstützt, die ich um Hilfe bitten kann, die sich Zusatzaufgaben für mich überlegt, wenn ich das benötige. Das entlastet viele verhaltensauffällige Kinder, die Erwachsenen zunächst einmal massiv misstrauen.

Sie erleben sich selbst als Autorität. Also fühlen sich nicht weiter ohnmächtig, was ganz oft ihr Grundgefühl ist. Selbst wenn sie sich als sehr aggressiv und auffällig zeigen, so ist trotzdem ganz oft eben Ohnmacht ihre eigentliche Lebenserfahrung. Jetzt merken sie: Oh, ich bin tatsächlich in einem guten Sinne ja auch mächtig. Ich kann selber meinen Lernweg entlanggehen. Aus den zwölf einfachen Dorfschulen, die da mal mit gestartet sind, sind es mittlerweile mehr als zwanzig Millionen Kinder in Indien geworden, die mit der Methode lernen. Und es gibt sehr viele Nachfragen und konkrete Entwicklungen weltweit.

Zur Person
Thomas Müller. Foto: privat

Privatdozent Dr. phil. habil. Thomas Müller ist Sonderschullehrer und war in Bayern an verschiedenen Sonderpädagogischen Förderzentren tätig. Fast zehn Jahre war er als Lehrer und Schulleiter an einer Schule zur Erziehungshilfe im Einsatz. Seit 2011 lehrt und forscht er am Lehrstuhl Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Vertrauen und soziale Benachteiligung, beeinträchtigte und belastete Kindheit unter den gesellschaftlichen Bedingungen des 21. Jahrhunderts sowie Unterricht und Erziehung bei Verhaltensstörungen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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12 KOMMENTARE

  1. Unterrichtsstörungen sind ein Hauptproblem im Schulbereich und ganz wesentlich für das Ausbrennen der Lehrkräfte verantwortlich. Leider gibt es diesbezüglich nur nette Ratschläge und keine wirklichen Hilfen. Schulgesetze und Verordnungen machen es uns schwer, wirksam dagegen vorzugehen.

    Das Einzige, was der Politik dazu einfällt, sind ja bekanntlich Gehaltserhöhungen. Und alles wird wieder gut. (?)

    • In der Politik und ab der sozialen Mittelschicht aufwärts, ist man aus irgendwelchen Gründen der Meinung, dass Kinder alle gleich sind, wenn sie die entsprechenden Bedingungen vorfinden, um sich entsprechend zu entwickeln.
      Wie man überhaupt auf so eine unsinnige Vorstellung kommen kann, ist mir immer wieder ein Rätsel.

      Das führt dann schließlich zu so komischen Aussagen/Forderungen wie:
      -Jedes Kind will lernen.
      -Jedes Kind kann man über pädagogische Maßnahmen in eine soziale Gruppe integrieren.
      -Jedem Kind bekommt der Karawanenefekt gut, weil es dadurch mehr lernt (das Selbstwertgefühl ist vollkommen egal).
      -Da man alle Kinder pädagogisch und mit den richtigen Unterrichtsmethoden hinbekommt, müssen Kinder eigentlich auch nicht bestraft werden.
      -Kinder brauchen keine Grenzen, weil sie sich nur selbst verwirklichen müssen.

  2. Die Methode soll in Indien erfolgreich sein?
    Nur mal so zum Vergleich, wir waren bei PISA 2009 “nur” auf Platz 16, was den Politikern aber nicht reichte, Indien hingegen ist nur auf Platz 72 und 73 und damit Vorletzter.

    Mehr muss man dazu auch nicht mehr sagen, auch wenn ich einige Aussagen des Herrn unterstreichen würde.

  3. Ich finde die Aussage in sofern interessant, als dass dort die Lehrer noch eine ganz andere Akzeptanz und Anerkennung erhalten. Was der Lehrer den Eltern sagt, wird ernst genommen. Die Kinder wissen um die Wichtigkeit von Bildung, da nur die Besten eine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Sie gegen gerne in die Schule, weil sie wissen dass dies ein Privileg ist und nicht jedes Kind in Indien geht in die Schule. Gerade in Dörfern herrschen noch traditionelle Ansichten und Kasten. Die Kinder werden zum Teil geschlagen. Vor der Schule wird die Nationalhymne gesungen und Gymnastik gemacht. Das indische und das deutsche Schulsystem sind gar nicht vergleichbar, genauso wie die Kinder. Hier sind auch Kinder ohne Krankheitsbild aggressiv und stören bewusst den Unterricht, weil sie keine Lust haben.

  4. Sonderschulen werden geschlossen, die Schüler kreuz und quer in andere Länder/Bundesländer verteilt und dort untergebracht? Schüler, die zuvor in einer Schule für Erziehungshilfe vor Ort gut beschult waren?!!! Das dürfte nicht sein, das ist nicht nur Diskriminierung, das ist ein Skandal! Sogar Schüler aus dem hochgelobten Land der gelingenden Inklusion, Italien! Warum werden solche Machenschaften viel zu wenig publik? Und was passiert mit den Schülern, von denen es im Text oben heißt, dass sie zwar in Regelschulen untergebracht wurden, aber im Gegensatz zu einigen anderen dann doch nicht integriert werden können? Warum werden die Sonderschulen nicht parallel aufrechterhalten? Aus Kostengründen? Weil jetzt das ganze Geld in die Inklusion fließen muss? Wann passiert das gleiche mit Kindern mit schwerer geistiger Behinderung? Oder anderen Behinderungen? Eltern müssen weiterhin das Wahlrecht für die Schule ihres Kindes haben! Erst gute Sonderschulen haben es möglich gemacht, dass behinderte Kinder nicht schon in frühester Kindheit fernab vom Elternhaus in Heimen untergebracht werden müssen! Jedes Kind, dem jetzt wieder seine gute Sonderschule genommen wird und das deshalb aus der Familie genommen wird, ist eines zuviel! Da spielt keine Rolle, ob das Kind verhaltensauffällig oder geistig oder anders behindert ist. Warum nicht das eine tun und das andere nicht lassen? Regelschulen und Sonderschulen?

    • Aus meiner eigenen Familie kenne ich Menschen, denen wegen ihrer schweren Behinderung die Sonderschule durch hervorragende und engagierte Betreuung seitens der dortigen Pädagogen eine glückliche Kindheit und nun ein glückliches Erwachsenenleben ermöglicht wurde. Ich unterstütze Ihr Plädoyer für die Sonderschule von ganzem Herzen, Cornelia, und werde jedesmal zornig, wenn den Sonderschulen vorgeworfen wird, behinderte Kinder zu isolieren und um ihre Menschenrechte zu bringen. Ich fürchte, neben den Kostengründen ist der Hauptanlass für den Kampf gegen die Sonderschule pure Ideologie: Stichwort EINHEITSSCHULE!

      • Danke! Wir haben nie bereut, unsere schwer behinderte Tochter auf die Sonderschule geschickt zu haben und haben es nie als Diskriminierung empfunden. Dass schulische Inklusion für manche mit weniger gravierenden Behinderungen gelingt, kann ja durchaus auch gut sein. Aber für sehr viele ist der andere Weg der hilfreichere.
        Was mich am meisten stört, sind Situationen wie die im obigen recht guten Text beschrieben, die im Laufe von Reformen eintreten können und die für die Betroffenen eine dramatische Verschlechterung ihrer Situation bedeuten. Inklusion kann nicht auf dem Rücken derjeniger ausgetragen werden, die am meisten beeinträchtigt sind.

  5. Viele Kinder aus Kleinbürgerfamilien, wo die Eltern schon keine Manieren haben, sind allerdings tatsächlich schwer zu ertragen. Wenn man da aus anderen Verhältnissen kommt, egal ob Oberschicht/obere Mittelschicht oder Proletariat, dann kann das echt anstrengend sein.

  6. In vielen Dingen hat Herr Müller recht. Doch es gibt ein paar Dinge, die ich anders sehe:

    “Und man kann dann schon auch fragen, welches Verständnis von Normalität haben wir eigentlich in den letzten Jahren entwickelt – ist das nicht vielleicht auch enger oder rigider geworden, als das noch vor zehn Jahren der Fall war?”
    Nein, das Verständnis ist nicht rigider geworden, es ist lockerer geworden. Ich bin schon lange im Schuldienst. Was heute noch toleriert wird, wurde früher nicht toleriert. Die strenge Linie von früher ist heute gar nicht mehr durchführbar.

    Zur Lernleiter:
    Ich habe eine Fortbildung dazu gemacht, wo uns auch praktische Beispiele aus der Grundschule gezeigt wurden. Es ist, wie oben im Interview richtig beschrieben wurde, eine Form des selbstbestimmten Lernens, wo Lehrer höchstens noch als Lernbegleiter fungieren. Genau das, was auch in einem Kommentaren oben erwähnt wurde, haben wir kritisch gesehen: Wir haben es in Deutschland eben nicht mit motivierten Schülern zu tun, die einen auf sie zugeschnittenen Lernweg gehen wollen. Vieles müssen sie sich nämlich bei der Lernleiter zwangsläufig selbst erarbeiten. Die Kommunikation mit anderen ist zurückgeschraubt. Diese Art von Unterricht ist extrem materialgestützt. Das Material muss so bereitgestellt werden, dass es quasi selbsterklärend ist. Doch man kann das gerne mit sehr kleinen Klassen mit problematischen Schülern einmal ausprobieren.
    Aber bei großen Klassen ist mir lieber, dass man in der Klassengemeinschaft gemeinsam durch ganz unterschiedliche Lernmethoden, wo auch Sozialkompetenz gefordert ist, gemeinsam etwas erarbeitet. Da hat man ein viel breiteres Spektrum.

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