Nach der alarmierenden Lehrer-Umfrage: Politiker betonen den Wert des Handschreibens. Von Konsequenzen spricht keiner

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BERLIN. Die alarmierenden Ergebnisse der Lehrer-Umfrage zu den Handschreib-Fertigkeiten ihrer Schüler, gestern vom VBE und dem Schreibmotorik Institut veröffentlicht, haben für ein großes politisches Echo gesorgt. Allenthalben wird der Wert des Handschreibens für die Bildung betont. Nur: Politische Konsequenzen scheint niemand ziehen zu wollen. Verhallen die politischen Forderungen des VBE – mehr Zeit für Förderung, stärkere Ausrichtung der Lehrpläne, mehr Unterstützung der Lehrkräfte (News4teachers berichtete) – im Nirgendwo?

Vergeblicher Einsatz: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek auf der re:publica in Berlin, einer der wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Foto: Jan Zappner/re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)
Findet Handschreiben wichtig: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Foto: Jan Zappner/re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bestätigt den klaren Befund der Studie, der zufolge eine übergroße Mehrheit der Lehrer in Deutschland zunehmende Schwierigkeiten beim Handschreiben unter den Schülern ausmacht. „Immer mehr Kinder bekommen Handkrämpfe, wenn sie längere Aufsätze schreiben müssen“, sagt Meidinger, selbst Leiter eines bayerischen Gymnasiums, gegenüber der „Welt“. Das gelte nicht nur für die unteren Jahrgänge, sondern ziehe sich bis in die Oberstufe.

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„Natürlich gab es immer Kinder mit motorischen Störungen“, sagt Meidinger. „Aber dass die Lesbarkeit insgesamt schlecht ist, hat sich deutlich verstärkt. Das sind Beobachtungen, die wir so vor zehn Jahren nicht hatten.“ Der Lehrerverbands-Chef macht dafür auch die Schulpolitik verantwortlich. Es fehle an Zeit für das Üben der Grundlagen. „Die Geringschätzung gegenüber der Schreibfähigkeit hat zugenommen“, sagt er. Extrastunden für Schönschrift seien weitgehend aus den Lehrplänen verschwunden. Noten für äußere Form, zu der auch das Schriftbild zählt, gebe es immer seltener. Und auch Rechtschreibung und Grammatik würden als weniger wichtig angesehen als noch vor einigen Jahren. Stattdessen solle es stärker um Inhalte gehen.

Dabei mangelt es nicht an – zumindest verbaler – Unterstützung aus der Politik, wenn es um die Förderung des Handschreibens geht. So fordert der Präsident der Kultusministerkonferenz, Alexander Lorz, gegenüber den Zeitungen der “Funke-Mediengruppe” eine stärkere Förderung der Handschrift in den Schulen: „Wann immer es möglich ist, also auch in den höheren Klassen, sollte mit der Hand geschrieben werden“, sagte der CDU-Politiker, befragt nach den Konsequenzen aus der aktuellen Umfrage.Gerade weil die Digitalisierung weiter voranschreite, sei es umso wichtiger, dass die Schule dafür sorge, dass alle Schüler eine individuelle und gut lesbare Handschrift bis zum Ende der Grundschulzeit entwickelt hätten. „Mit der Hand zu schreiben entwickelt nicht nur die motorischen Fähigkeiten, die Handschrift ist auch ein wertvolles Kulturgut, das auch die Individualität des Menschen zeigt.“ Was er als hessischer Kultusminister konkret tun möchte? Dazu sagt er nichts.

“Handschrift ist eine Kulturtechnik – auch im digitalen Zeitalter”

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) spricht sich gegenüber den Zeitungen der “Funke-Mediengruppe” ebenfalls für eine Förderung des Handschreibens aus. „Mit der Hand zu schreiben ist und bleibt für mich eine wichtige Kultur- und Arbeitstechnik“, sagt Karliczek. „Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit. Bei Kindern fördert es die geistige Entwicklung. Und es ist doch auch bekannt: Vieles bleibt besser im Kopf, wenn man es von Hand notiert hat.“ Konsequenzen für ihr Ministerium? Bislang Fehlanzeige.

Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann reagiert. „Eine leserliche Handschrift ist eine Kulturtechnik – auch im digitalen Zeitalter“, erklärt die Christdemokratin. Schon vor Jahren hätten Studien belegt, dass der, der mit der Hand schreibt, sich die Dinge besser einprägen und lernen könne. Wer flüssig schreiben könne, beherrsche meistens auch die Rechtschreibung besser als derjenige, der sich nur Notizen auf dem Handy mache.

„Vor allem in den Grundschulen müssen wir uns zunächst auf die Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Kulturtechniken wie die Handschrift konzentrieren“, sagt Eisenmann. „Darin bestärkt mich auch das klare Urteil der Lehrkräfte, dass Stift und Papier immer noch die effektivsten Werkzeuge in der Grundschule sind und nicht durch Smartphones oder Tablets ersetzt werden können.“

Die bildungspolitische Sprecherin der AfD-Fraktion Brandenburg, Birgit Bessin, zieht einen Bogen vom Thema Handschreiben zu den Schüler-Demonstrationen für mehr Klimaschutz. „Immer weniger Schüler können richtig mit der Hand schreiben. Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Statt mit den Schülern zusammen freitags den Unterricht ausfallen zu lassen, um vermeintlich für das ‘Klima’ zu demonstrieren, sollte wieder mehr geschrieben werden. Meine Forderung: ‘Hilfe für Handschrift’ statt ‘Fridays for Future’.” Agentur für Bildungsjournalismus

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Interview: “Das Tippen am Computer kann das Handschreiben nicht ersetzen”

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12 KOMMENTARE

  1. “Statt mit den Schülern zusammen freitags den Unterricht ausfallen zu lassen, um vermeintlich für das ‘Klima’ zu demonstrieren, sollte wieder mehr geschrieben werden.”
    Die Bildungspolitische Sprecherin übersieht, dass sie zwei Anliegen verknüpft, die mind. 6 Altersstufen auseinander liegen.

  2. ZITAT: “„Vor allem in den Grundschulen müssen wir uns zunächst auf die Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Kulturtechniken wie die Handschrift konzentrieren“, sagt Eisenmann. „Darin bestärkt mich auch das klare Urteil der Lehrkräfte, dass Stift und Papier immer noch die effektivsten Werkzeuge in der Grundschule sind und nicht durch Smartphones oder Tablets ersetzt werden können.“”

    Stimmt! Beißt sich aber mit der Forderung anderer nach Digitalisierung, die ja auch schon den Grundschulen beginnen soll.

  3. Überall werden Schwächen und Leistungsdefizite festgestellt, auch im Sozialverhalten der Schüler.
    Und überall wird nur geklagt und als “nicht hinnehmbar” bezeichnet, doch keiner sagt oder wagt zu sagen, was dagegen zu tun sei.
    Warum wohl? Meiner Meinung gibt es keine geeigneten Vorschläge, ohne dass man die seit Jahren bzw. Jahrzehnten vorherrschende Bildungs- und Erziehungsideologie in Frage stellt und damit zugibt, sich entscheidend geirrt und fragwürdige Reformen durchgeführt zu haben.

      • Wie wäre es mit strengeren Einschulungskriterien? Also zwei verpflichtende Kindergartenjahre vor der Einschulung, wo Umgangsformen und die deutsche Sprache eingeübt werden. Wer das als Elternteil nicht einsieht, dessen Kind darf das kostenpflichtig ein weiteres Jahr üben. Die Grundschulen verlieren ohne Ende Zeit mit elementarsten Verhaltensregeln und Umgangsformen.

        Nein, Zöpfe sind keine Anzeichen von Rechtsradikalität. Patriarchat gibt es in unterschiedlichen Kreisen.

        • Seit Jahren bin ich bei der Schuleinschreibung. Alle Kinder, die ich eingeschrieben habe, konnten alle mindestens 3 Jahre Kindergarten (sogar teilweise 4 Jahre) nachweisen. Ich kann mich nur an ganz seltene Ausnahmen erinnern. Daran kann es nicht liegen.

          • Ein Grund könnte sein, dass die Kindergärten inzwischen sehr viel für das Sozialverhalten tun müssen. Ich erlebe das hautnah mit, denn wir haben in unmittelbarer Nachbarschaft einen Kindergarten und ich bekomme mit, was die Erzieher dort an Erziehungsarbeit leisten müssen. Stichpunkt: Selbststeuerung.
            Da geht vielleicht die Motorikschulung unter.
            Und welche Eltern basteln überhaupt noch mit ihren Kindern zuhause?

  4. Die Kinder haben, wenn sie eingeschult werden, weniger Vorerfahrungen als früher. Sie kennen weniger Brettspiele mit abzählen, vorwärts – und rückwärts zählen, würfeln. Kommen kaum mehr mit dem Zahlungsmittel Geld in Berührung. In ländlichen Gegenden haben sie kaum Gelegenheit, selbst etwas einzukaufen wie früher beim Bäcker, Eismann usw. In unserer Schule kann man auch nichts kaufen. Der letzte Durchgang Erstklässler konnte mit Geldscheinen, Euro – und Centstücken so gut wie nichts anfangen. Kein Plan, was mehr ist. Euro oder Cent? Kaufladen mit Spielgeld wird auch nur noch wenig gespielt. Die Eltern zahlen meist mit Karte und machen online-Banking. Bewegungserfahrungen durch Draußen spielen fehlen auch oft. Es fehlt an Grob – und Feinmotorik. Folgen der Digitalisierung.

    • Ihre Beobachtung trifft voll zu. Der praktische Umgang mit dem Zahlungsmittel Geld fehlt sowie das Spiel mit Würfen zum Abzählen, weil die Eltern allgemein weniger Zeit dafür aufbringen ?

  5. Vielen Kindern fällt es auch schwer, etwas zu üben, sich anzustrengen. Sie wollen schnell Erfolge sehen und geben gerne auf. Eine meiner Lieblingsdisziplinen: Den Kindern seilspringen beizubringen und dabei vielerlei Möglichkeiten kennenzulernen. Ist ansteckend und wenn ich in einer Klasse gerade Seilspringen mache, wird in den Pausen auch von anderen viel gesprungen, auch mit dem großen Seil, das von 2 Schülern geschwungen wird und ein oder mehrere Schüler hüpfen dann gemeinsam. Das sind alles Dinge, die wir früher draußen gespielt haben. Auch Zehnerball (10 verschiedene Wurfdisziplinen an die Wand). Mache ich alles im Sportunterricht (bzw. in den Pausen), denn Bälle werfen und fangen ist auch nicht selbstverständlich. Mississippi hängt im Pausenhof Pläne auf und die Schüler vergnügen sich mit alten Kinderspielen…

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