Schluss mit Löhrmanns Schulpolitik: NRW-Grüne setzen aufs Gymnasium

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NEUSS. Die Grünen wollen ihren Erfolg bei der Europawahl in weitere Wahlerfolge ummünzen. Dafür wollen sie in NRW Fehler ausbügeln, die sie zuletzt Wählerstimmen gekostet haben – etwa in der Bildungspolitik.

Beflügelt von ihrem Erfolg bei der Europawahl nehmen die nordrhein-westfälischen Grünen die Kommunalwahlen 2020 ins Visier. Aus der Europawahl und dem Umfragehoch müssten die Grünen Kraft für die anstehenden Wahlen ziehen, sagte die Grünen-Parteichefin Mona Neubaur beim Landesparteitag in Neuss. «Wir wollen starke Kommunen.» Auch auf kommunaler Ebene müsse sich «Zukunftsmut» verbreiten.

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Nordrhein-Westfalens bislang letzte Grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann. Von ihrer Politik will sich die Landespartei künftig stärker absetzen. Foto: Bündnis 90/Die Grünen, flickr (CC BY-SA 2.0)
Nordrhein-Westfalens bislang letzte Grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann. Von ihrer Politik will sich die Landespartei künftig stärker absetzen. Foto: Bündnis 90/Die Grünen, flickr (CC BY-SA 2.0)

Mit einem moderneren Bildungskonzept wollen die NRW-Grünen auch in der Schulpolitik wieder schlagkräftiger werden. Kinder und Jugendliche dürften angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und tiefgreifenden gesellschaftlichen Prozessen nicht auf eine «Welt von gestern» vorbereitet werden, sagte der Co-Vorsitzende Felix Banaszak. «Es reicht nicht, einmal eine Ausbildung für den Rest des Lebens zu machen.»

Mit ihrem neuen Konzept setzen sich die Grünen von der zuletzt deutlich von den Wählern missbilligten Schulpolitik ihrer Ex-Ministerin Sylvia Löhrmann ab. Gymnasien und Gesamtschulen werden sich aus Sicht des Vorstands in den nächsten Jahren als die beiden wichtigsten Säulen des Schulsystems herauskristallisieren. Die Hauptschule habe keine Zukunft.

Die Grünen fordern auch einen Rechtsanspruch auf kostenlose, hochwertige Ganztagsangebote für Grundschulen sowie die Sekundarstufe I der weiterführenden Schulen – in einem ersten Schritt zumindest für die Klassen 1 bis 6. Außerdem treten sie für «alternative Formen» der Leistungsüberprüfung ein. An Stelle von Klassenarbeiten könnten nach Ansicht der Grünen etwa Portfolios, Fachreferate, Vorträge oder Präsentationen treten.

Als Herausforderung sehen die Grünen die Digitalisierung aller Lebensbereiche. Bund und Land müssten in den nächsten zehn Jahren in flächendeckenden Glasfaserausbau und schnelles Internet «an jeder Milchkanne» investieren.

Die Grünen sind bundesweit und auch in Nordrhein-Westfalen auf dem Höhenflug. Bei der Europawahl hatten sie in NRW mehr als 23 Prozent gewonnen und sogar das bundesweite Ergebnis (knapp 21 Prozent) getoppt. Bei der Landtagswahl 2017 waren die NRW-Grünen als damalige Regierungspartei noch auf 6,4 Prozent abgestürzt. Unter anderem wurde die Bildungspolitik als Grund für die Stimmenverluste gesehen. Nun konnten die NRW-Grünen bei der Europawahl Ende Mai ihre absoluten Wählerstimmen auf über 1,8 Millionen mehr als verdreifachen und die SPD erstmals bei einer deutschlandweiten Wahl hinter sich lassen – sogar in der einstigen «Herzkammer der Sozialdemokratie» im Ruhrgebiet.

Der Stimmenzuwachs bedeute aber nicht, dass die Grünen automatisch auch bei der Kommunalwahl oder späteren Bundestags- oder Landtagswahlen wieder gewinnen würden, warnte Banaszak. «Aber es zeigt das Potenzial.» Die Grünen müssten dem Vertrauen, das viele in sie setzten, nun auch gerecht werden.

Trotz einer Rekord-Mitgliederzahl von inzwischen rund 16 400 in NRW hat die Öko-Partei auch Probleme: Sie muss Personal für künftige politische Posten finden und qualifizieren. Bei dieser Aufgabe werden die Kreisverbände jetzt beraten. Banaszak sagte, die Partei sei auch auf «Bündnisse mit der Zivilgesellschaft», etwa Umweltverbände, Gewerkschaften oder auch aufgeschlossene Wirtschaftskreise, angewiesen. (dpa)

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12 KOMMENTARE

  1. Auf in die Zukunft, bei der letzten Landtagswahl standen sie vor dem Abgrund, jetzt wollen sie in der Bildungspolitik wieder einen großen Schritt vorwärts setzen.
    Mit von den Grünen so benannten alternativen Leistungsüberprüfungen, wie “Fachreferaten, Portefoiles, Referate und Präsentation” gelingen keine validen Rückmeldungen über die Leistungsstärke der Schüler. Das widerspricht alles dem, was an effektiven Rückmeldesystemen den Schülern zumutbar und geläufig sein sollte, es sein denn, die Schüler sollen sich an das niedrige Leistungsniveau der Laborschule Bielefeld angleichen, in dem valide Leistungsüberprüfungen eingestellt werden.
    Nur weiter so, Grüne !

    • Ich finde den Vorschlag der Grünen in NRW, an Stelle von Klassenarbeiten etwa Portfolios, Fachreferate, Vorträge oder Präsentationen treten zu lassen, überdenkenswert.
      Natürlich erfüllen diese Überprüfungen nicht die Gütekriterien der Validität (Gültigkeit) und Reliabilität (Zuverlässigkeit) wissenschaftlicher empirischer Studien. Dies tun die praktizierten Klassenarbeiten aber ebenfalls nicht, wie dies bereits in den 60-er Jahren Ingenkamp festgestellt und mit Recht kritisiert hat.
      Zudem werden Klassenarbeiten häufig lediglich zur Findung von Zeugnisnoten eingesetzt und weniger als Feedback für den erreichten Lernerfolg genutzt. Diese Funktion könnte durch den Vorschlag der Grünen evtl. besser erfüllt werden.
      Der häufig durch ständige Klassenarbeiten beklagte Stress bei Schülern und Lehrern (auch hier im Blog) könnte außerdem so gemindert werden.

      • Die Klassenarbeiten erfassen den Lernstand der Schüler bezogen auf die vermittelten Inhalte in einer künstlich erzeugten Stresssituation, was so nicht sein sollte, denn auch Klassenarbeiten bieten theoretisch die Möglichkeit zusätzlich den Stoff durch noch weiter zu vertiefen.
        Voraussetzung ist aber auch, dass die Lerninhalte vor der Arbeit eingeübt und automatisiert wurden, weil die Anzahl der Aufgaben oft nicht mehr genügend Zeit zum Überlegen bietet, um sich beim Blackout wieder in ausreichender Zeit in die Aufgabenstellung hineinzudenken und Lösungsansätze selbst entwickeln zu können.
        Nehmen wir dagegen die Portfolios, Referate und Vorträge zum Vergleich, so bieten diese die Möglichkeit mit Hilfe anderer Beteiligter, etwa der Eltern, Nachhilfelehrer und anderer Mitschüler, falsche Rückmeldungen über den tatsächlichen Wissensstand des Schülers diesem und dem Lehrpersonal zu vermitteln.
        Die Inhalte müssen aber nun mal sitzen, und erst recht in Stresssituationen sollte man erlernen, die Nerven zu behalten erlernen, weil man später, bei anderen Prüfungen und im realen Berufsleben, man sich derartigen Situationen ausgesetzt sehen wird und diesen Situationen auch nicht mehr entfliehen kann.
        Eine Möglichkeit wäre aber auch vorausgehende Übungsarbeiten zu erstellen, um dem Schüler vorher schon die eigene Fähigkeit zur Selbstreflektion abzufordern, um den Inhalt der Übung noch einmal zu vertiefen oder die Gelegenheit zu bieten Satzstrukturen anders aufzubauen, Gedankengänge anders zu formulieren etc..
        Die Note ist nicht das Ziel, sondern das selbst reflektierte Erfassen der Lerninhalte durch die Schüler. Stelle ich an mich einen höheren Anspruch an die eigene Leistung, so sollte der Lehrer mir die entsprechende Hilfestellungen bieten können, um mich weiter zu verbessern. Das erfordert aber auch Eigeninitiative vom Schüler, denn sonst funktioniert die Zusammenarbeit zwischen beiden nicht.

      • “Ich finde den Vorschlag der Grünen in NRW, an Stelle von Klassenarbeiten etwa Portfolios, Fachreferate, Vorträge oder Präsentationen treten zu lassen, überdenkenswert.”
        Mich wundert, dass es das in NRW noch nicht geben soll. Das ist in anderen Bundesländern längst üblich, entweder als verpflichtender Teil NEBEN den Klassenarbeiten ODER als Möglichkeit ANSTELLE einer Klassenarbeit – je nach Fach und Vorgabe.

        “Der häufig durch ständige Klassenarbeiten beklagte Stress bei Schülern und Lehrern (auch hier im Blog) könnte außerdem so gemindert werden.”
        Das kommt darauf an 😉
        Den Stress der Klassenarbeiten mindert es.
        Gleichzeitig fordern andere Aufgabenformate andere Kompetenzen ein, die in Klassenarbeiten nicht gefordert sind, z.B. Präsentieren, Sprechen vor einer größeren Gruppe und vorab die Vorbereitung darauf. Dies wiederum liegt manchen Schülern weit weniger, als allein für sich eine Klassenarbeit zu schreiben, und erzeugt bei diesen durchaus Stress.

        Die Einflussnahme sehe ich weit weniger als bei Klassenarbeiten.
        Stress ergibt sich allerdings daraus, dass die genannten Arbeiten im Unterricht (und nicht zu Hause!) zu erstellen sind, sodass die Schülerleistung beurteilt werden kann. (Die Klassenarbeit gibt man ja auch nicht zum Ausfüllen mit nach Hause!) Zeitlich ist das nicht zu leisten, wenn gleichzeitig die üblichen Klassenarbeiten vorbereitet und absolviert werden sollen.
        Hinsichtlich der Betreuung der SuS bei diesen Aufgaben empfinde ich es als weitaus anstrengender, einer Klasse das Erstellen von Referaten zu vermitteln, sie dabei anzuleiten und zu begleiten.

        Sinnvoll eingesetzt sind manche Formate ein guter Ersatz für klassische Klassenarbeiten, gerade wenn oder weil andere Aufgabenformen gesetzt sind.

        • Warum sollte das Erarbeiten und Erfassen von Lerninhalten in einer Klassenarbeit gleichbedeutend mit Stress sein, oder wie läuft sonst der Unterricht ab ? Ist dieser etwa nie mit eingewobenen Phasen der inneren Konzentration auf die Erarbeitung von Inhalten verbunden ?
          Gelingt es die Inhalte nur noch in einem allgemeinen Tohuwabohu zu vermitteln, oder gibt es doch noch konzentrierte Lernphasen in Ruhe.
          Das Lehrpersonal hat es selbst in der Hand, die Abläufe des Unterrichts zu steuern, schreibt sogar Peter Petersen als eines ihrer pädagogischen Vorbilder.

          • Wie der Unterricht abläuft?
            Vor der Klassenarbeit werden die Inhalte erarbeitet, geübt und dann in einer 1-6-stündigen Klausur abgefragt, in der Regel schriftlich in Einzelarbeit.
            Vor dem Referat werden die Inhalte erarbeitet, die Präsentation erstellt und geübt und dann im Vortrag dargeboten.
            Die unterschiedlichen Leistungsbewertungen erfordern zum Teil gleiche, zum Teil unterschiedliche Fähigkeiten.
            Setzt man unterschiedliche Formen ein, fordert man eine Vielzahl von Fähigkeiten. Das erachte ich als schwieriger, da insgesamt vielfältiger.

            Über die Klassenführung, eingesetzte Methoden zur Vermittlung wie auch zur Erarbeitung, selbst über Notenschlüssel, Bewertungsgrundlagen und deren Transparenz sagt dies erst einmal gar nichts aus, weder für die eine, noch für die andere Form.
            Nicht im Allgemeinen und schon gar nicht über meine persönlichen.

  2. Referate usw. gibt es auch jetzt schon. Zudem kann in NRW eine Klassenarbeit durch eine mündliche Prüfung (z. b. in Englissch) oder ein Portfolio (Praktikumsbericht in Deutsch) ersetzt werden. Ihre Bedenken bzgl. der Anforderungsreduktion teile ich, weil besonders die Portfolios in der Regel zu besseren Noten führen als reguläre Klassenarbeiten.

    • Bei Referaten erwarten und fordern die Schüler sehr viel vehementer gute Noten. sie erleben die Mühe, die sie (oder die hilfreiche Tante? weiß man ja nicht) gemacht haben, und gehen selbstverständlich davon aus, dass unmöglich weniger als eine 3 herauskommen kann. Da es naturgemäß keine inhaltliche Vergleichbarkeit geben kann (nur auf formale Kriterien bezogen), gibt es regelmäßig Frust, wenn ein schlechtes Referat schlecht bewertet wird. Was tut man also? Man gibt gute Noten. Ist das in Ihrem Sinne, Herr Möller?

  3. @ AvL:
    Ich habe in der letzten Zeit regelmäßig news4teachers als wichtige Informationsquelle mit wichtigen Fragestellungen aufgesucht.
    was mich aber immer mehr stört sind die leichtfertigen herabwürdigenden Behauptungen im Leserblog, wie
    “es sein denn, die Schüler sollen sich an das niedrige Leistungsniveau der Laborschule Bielefeld angleichen”.
    Und dies geschieht, wie in Ihrem Fall, ohne jeglichen Beleg.
    Richtig und belegt ist, dass in den PISA-Tests die Laborschule im Schulvergleich der teilnehmenden Schulen gut abgeschnitten hat und die auch im Vergleich mit Gymnasien.

    • Der Beleg findet sich wieder in der gelebten Wirklichkeit, dass Schüler dieser Labor-Schule mannigfach von anderen Bielefelder Schulen, hier das Gymnasium Bielefeld-Bethel übernommen wurden, um diese einem gymnasialen Abschluss zuzuführen. Dabei stellte sich heraus bei der Zusammenarbeit mit diesen heraus, dass diese in Folge der fehlenden Rückmeldung durch eine fehlende Notengebung, nicht in der Lage waren sich selbstkritisch einschätzen zu können und selbst reflektierend beurteilen zu können. Das heißt, sie würden eine sehr gute Arbeit abliefern, erhielten dann aber im Vergleich mit den vermeintlich gedrillten Schülern deutlich schlechtere Noten. Das Feedback erhielt ich von Absolventen des Gymnasiums Bethel.
      Welche Studiengänge werden derartigen Schulabsolventen denn noch offen stehen, um zu einem erfolgreichen Abschluss des Studiums zu gelangen ?

    • Richtig und belegt ist auch, dass die Laborschule den selbst auferlegten Anspruch, eine Schule für alle zu sein, nicht einhält und eine Personalausstattung hat, von der Regelschulen nur träumen können.

      Quelle: Wikipedia zur Laborschule

      • Die Laborschule rekrutiert ihr Klientel zum überwiegenden Teil aus dem gehobenen Bildungsbürgertum. Sie bildet einen in sich geschlossenen Kreis, so dass in Folge der nach Außen betriebenen Verschwiegenheit eigentlich sehr wenig nach außen dringt, es sei denn man stößt auf Schüler, die in diesem System lernen sollten und um zur Erlangung eines befähigenden Abschlusses auf andere Schulen wechseln.
        Diese Schule erfährt als eine an die Universität Bielefeld angegliederte Laborschule eine massive finanziell Unterstützung vom Land NRW.
        Ausprobiert und erprobt werden neue Formen des Lernens in Kooperation mit der Erziehungswissenschaft. Sie steht in der reformpädagogischen Doktrin eines Peter Petersen und sieht sich in der Tradition eines John Dewey.
        Eine dem selbst reflektierende Feedback dienende Notengebung bei Klassenarbeiten gibt es nicht, weshalb die von mir beschriebenen Probleme bei den Schülern auftreten, wenn diese auf die Wirklichkeit in anderen Schulen, im Studium oder im Beruf treffen. Da brechen dieses geistesstarken Wesen auseinander, und so wird das Ertragen von negativer Kritik bezogen auf eigene Leistungen nicht gerade gefördert.
        Dies erfolgt in einem einheitlichen Großraum ohne eine gebäudetechnische und schalltechnische Trennung der Räume, so dass die Schüler sich von klein an selbst disziplinieren sollen, da andere sonst gestört werden.

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