Wirrwarr ums Mathe-Abi: Hamburg vergibt bessere Noten, Nachbarländer nicht – Philologen stellen gemeinsamen Aufgabenpool infrage

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HAMBURG/HANNOVER. Für viele Abiturienten landauf, landab war das Mathe-Abitur ein harter Brocken, Tausende protestierten gegen zu schwere Aufgaben. Die Hamburger Schulbehörde reagierte nun mit einem neuen Bewertungsschlüssel, der für die Schüler bessere Noten bedeutet. Die Nachbarländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern (die ihre Aufgaben ebenfalls aus dem Pool des zuständigen Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, IQB, gezogen haben) sehen hingegen keinen Anlass zur Nachbesserung. Der Philologenverband Niedersachsen zeigt sich angesichts der unterschiedlichen Reaktionen empört  – und fordert einen Ausstieg des Landes aus dem gemeinsamen Aufgabenpool, bis dieser eine Vergleichbarkeit gewährleisten kann.  

Ein verwirrendes Bild: Die Bundesländer gehen höchst unterschiedlich mit den Schülerprotesten zum Mathe-Abitur um. Illustration: Shutterstock

Das schriftliche Mathe-Abi war für Zig-Tausende Schüler und Schülerinnen ein Schock, doch nun können zumindest die Prüflinge in den Hamburger Grundkursen aufatmen. Der Bewertungsschlüssel wurde geändert, und damit haben sie am Mittwoch bessere Noten bekommen. In einem Schreiben der Schulbehörde an die Hamburger Schulen heißt es: Bei der Festlegung von Notenpunkten gilt: 85 Bewertungseinheiten entsprechen jetzt 100 Prozent der zu erbringenden Leistung.

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Damit reichen für 15 Punkte in der schriftlichen Prüfung 81 «Bewertungseinheiten». Für 10 Punkte müssten die Schüler 59,5 Einheiten absolvieren. So erhielt etwa eine Abiturientin des Emilie-Wüstenfeld-Gymnasiums, die vorher 7 Punkte hatte, in der revidierten Bewertung 9 Punkte. Die 17-Jährige zeigte sich am Mittwoch wie andere auch erleichtert. «Ich bin glücklich, dass ich nicht auf der schlechten Note sitzen bleibe», sagte sie. Jetzt geht sie in die – bereits als erste Konzession der Schulbehörde angebotene – mündliche Prüfung und hofft, sich dort weiter zu verbessern.

Am Vortag hatte die Schulbehörde bereits mitgeteilt, dass aktuelle Zwischenergebnisse bestätigt hätten, dass zwei der vier Mathematik-Abituraufgaben des grundlegenden Niveaus zu schwer gewesen seien. Das habe das für die Bundesaufgaben zuständige Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) der Hamburger Schulbehörde bestätigt. Zuvor hatte das Saarland angekündigt, einen für die Schüler günstigeren Notenschlüssel anwenden zu wollen.

Rückmeldungen aus den Schulen

Hamburgs Nachbarländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg Vorpommern und Niedersachsen teilten hingegen am Mittwoch mit, sie sähen keinen Grund für eine Verbesserung der Bewertung. Nach Auswertung von 90 Prozent der Rückmeldungen aus den Schulen zeige es sich, dass die Ergebnisse auf dem Niveau der vergangenen Jahre seien, sagte ein Sprecher des Kieler Bildungsministeriums. «Wir sind zu dem Ergebnis gelangt, dass die Bewertung der Klausuren Bestand hat», erklärte auch Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Bettina Martin (SPD). Die Aufgaben seien anspruchsvoll, aber für ein Abitur angemessen gewesen. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sieht ebenfalls keinen Handlungsbedarf. Eine Untersuchung habe gezeigt, dass die Aufgaben zwar anspruchsvoll, aber lösbar gewesen seien, sagte er in Hannover.

Zugleich gab Tonne eine Verschlechterung des landesweiten Gesamtschnitts bekannt. Über alle Schulformen und Anforderungsniveaus liege er im Fach Mathematik nach noch vorläufigen Zahlen bei 6,4 Notenpunkten (Vorjahr: 6,8). «Wir haben eine vergleichsweise geringe Verschlechterung: wenn man das auf Noten übertragen möchte, wäre man von einer 3 minus auf eine 4 plus gerutscht», sagte er.

Tonne kündigte im Nachgang eine ausführliche Manöverkritik an. Bei der Kultusministerkonferenz am Donnerstag in Wiesbaden werde das Mathe-Abi ein Thema sein. Die Debatte über die Vergleichbarkeit der schulischen Realität und dem Aufgabenpool müsse fortgeführt werden, auch wenn es keine Absenkung der Qualitätsstandards gebe. «Ich möchte ausdrücklich betonten, dass das niedersächsische Abitur anspruchsvoll ist und auch anspruchsvoll bleiben wird», erklärte der Minister. Die Erfahrungen aus diesem Jahr müssten Anlass sein, um in allen Bundesländern Aufgaben so zu stellen, dass sie lösbar sind. News4teachers / mit Material der dpa

Die Stellungnahme der Philologen

Das Desaster um die Bewertung des diesjährigen Mathematikabiturs in einigen Bundesländern unterstreicht erneut die Notwendigkeit, den länderübergreifenden Aufgabenpool auf den Prüfstand zu stellen – meint der Philologenverband Niedersachsen.

„Es ist kaum zu glauben, wie es zum wiederholten Male zu einer missglückten Aufgabenstellung im Mathematikabitur kommen konnte“, sagt Verbandschef Horst Audritz. „Nach Meinung vieler Fachleute seien die Aufgaben zwar lösbar gewesen, aber mit konstruierten Textzusammenhängen überfrachtet, nicht eindeutig formuliert und vor allem dadurch in der vorgegebenen Zeit auch für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler kaum lösbar gewesen. Die Normierung der Aufgaben und ihrer Bewertung durch einen Aufgabenpool des Instituts für Qualitätsentwicklung in Berlin ist im Fach Mathematik offensichtlich gescheitert. Die Vergleichbarkeit des Abiturs ist so mehr Schein als Sein.“

Es sei nicht hinnehmbar, dass niedersächsische Abiturientinnen und Abiturienten, die nachweislich gute Leistungen erbracht haben, bei der Zulassung zum Studium benachteiligt würden. Echte Vergleichbarkeit müsse angestrebt werden. „Solange der Aufgabenpool das nicht leisteu, sollte Niedersachsen vorübergehend aus diesem Angebot aussteigen“, so der Verbandsvorsitzende.

Audritz betonte, dass die Vergleichbarkeit unterlaufen werde, wenn einzelne Bundesländer den Aufgabenpool nicht in Anspruch nehmen oder nach Gutdünken in die Aufgabenstellung und die Bewertung eingreifen. Auch der Druck auf Bewertungsmaßstäbe durch die betroffenen Schülerinnen und Schüler sei fragwürdig. Das führe zu einem Wettlauf um den besten Abiturschnitt im Länderranking, der besonders die niedersächsischen Abiturientinnen und Abiturienten benachteilige und das Abitur als Hochschulreifetestat entwerte. Deshalb müsse das Abitur ein angemessen hohes Niveau haben. Sonst drohten Hochschuleingangsprüfungen nach eigenen Maßstäben der Universitäten, die noch weniger Bildungsgerechtigkeit herstellen würden.

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