Ausschlafen? Nein danke! Schlafforscher fordern späteren Unterrichtsbeginn. Aber: Die Schüler wollen den gar nicht

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FRANKFURT/MAIN. Unter Schlafforschern ist der Befund eindeutig: Ein Unterrichtsbeginn um acht Uhr ist zu früh. „Spätaufsteher“ – und das seien die meisten Kinder und Jugendlichen ab der Pubertät – litten aufgrund des zeitigen Schulstarts am Morgen unter chronischem Schlafmangel, was das Leistungsniveau nachhaltig beeinträchtige. Eine Studie, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler befragt wurden, kommt jedoch zu einem überraschenden Befund: Eine deutliche Mehrheit möchte gar nicht, dass die Schule morgens später beginnt. Ausschlafen? Nein danke.

Früher ins Bett? Klappt bei Jugendlichen nicht – sagen Schlafforscher. Foto: Shutterstock

Schlafforscher fordern einen späteren Schulbeginn. Neun Uhr wäre eine gute Zeit, sagt etwa der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Dr. med. Alfred Wiater (News4teachers berichtete). Ein Unterrichtsbeginn noch vor acht Uhr sei «sicherlich problematisch». Und wenn schon, dann solle der Schultag mit Fächern wie Sport, Kunst oder Musik anfangen – und nicht gerade mit Mathe oder Physik. Er ist nicht der erste Experte, der sich für einen späteren Unterrichtsstart ausspricht.

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Der im europäischen Vergleich eher frühe Schulbeginn in Deutschland mache insbesondere Schülern ab der Pubertät zu schaffen, sagt Wiater. Es setze dann ein «Time-Shifting zum Spät-Typen» ein. Dementsprechend kämen viele Jugendliche unausgeschlafen zur Schule. Eine Studie der Universität Leipzig habe gezeigt, dass schon eine halbe Stunde weniger Schlaf die Leistungsfähigkeit in der Schule um 30 Prozent reduziere. «Wenn wir über eine Bildungsoffensive nachdenken, dann sollte auch der frühe Schulbeginn zur Diskussion stehen», fordert Wiater.

Befragt wurden Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe

Eine Mehrheit der Jugendlichen jedoch spricht sich für einen frühen Schulbeginn um 8 Uhr aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Forschungszentrums Demografischer Wandel (FZDW) der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Die Wissenschaftler werteten hierfür Daten aus, die sie im Rahmen ihrer Längsschnittstudie „Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im Schulalter“ (GUS) erhoben haben. In der GUS-Studie, die von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gefördert wird, wurden im Schuljahr 2018/19 rund 7.700 Schüler der 9. Jahrgangsstufe an 116 weiterführenden Regelschulen befragt, welche Unterrichtszeit sie an einem Schultag mit sechs bzw. acht Unterrichtsstunden bevorzugen würden.

Die Auswertung der Studie zeigt, dass 52 Prozent der Schüler eine Unterrichtszeit von 8 bis 13 Uhr favorisieren, wenn der Schultag sechs Schulstunden vorsieht. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) spricht sich für einen Schultag aus, der um 9 Uhr beginnt und dafür erst um 14 Uhr endet. Fünf Prozent würden gerne noch später, nämlich erst um 10 Uhr, mit dem Unterricht anfangen und dafür eine Unterrichtszeit bis 15 Uhr in Kauf nehmen. Noch deutlicher fällt das Stimmungsbild aus, wenn die Schüler nach der bevorzugten Unterrichtszeit an einem Schultag mit acht Schulstunden gefragt werden: 69 Prozent wählten hier die Option „von 8 bis 15 Uhr“, rund 22 Prozent sprachen sich für das Zeitfenster von 9 bis 16 Uhr aus und vier Prozent wünschen sich eine Unterrichtszeit von 10 bis 17 Uhr.

“Präferenzen der Schüler stimmen nicht mit ihrem Schlafrhytmus überein”

„Dieses Stimmungsbild zeugt davon, dass die Schülerinnen und Schüler der Freizeit am Nachmittag offenbar einen sehr hohen Stellenwert zuschreiben“, interpretiert Prof. Dr. Andreas Klocke, Direktor des FZDW und Studienleiter, die vorliegenden Ergebnisse. Dies sei vor allem deshalb interessant, „weil diese Präferenzen offenbar nicht mit dem Schlafrhythmus der meisten Jugendlichen übereinstimmen“, so Klocke. Denn zugleich bezeichnet sich eine klare Mehrheit der befragten Jugendlichen (59 Prozent) als „Spätaufsteher/-innen“, während sich nur 27 Prozent zu den „Frühaufsteherinnen/-stehern“ zählen.

Tatsächlich unterscheidet sich das Stimmungsbild zum bevorzugten Unterrichtsbeginn zwischen beiden Gruppen klar: Unter den Spätaufsteherinnen und Spätaufstehern plädiert sogar eine knappe Mehrheit von 51 Prozent für eine Unterrichtszeit von 9 bis 14 Uhr oder von 10 bis 15 Uhr, während 45 Prozent am Schulstart um 8 Uhr festhalten möchten. Die Frühaufsteher sprechen sich dagegen eindeutig (zu 66 Prozent) für das Zeitfenster von 8 bis 13 Uhr aus. Für den Schultag mit Nachmittagsunterricht zeigen sich diese Unterschiede analog, jedoch spricht sich hier selbst unter den Spätaufsteherinnen und Spätaufstehern eine deutliche Mehrheit von 65 Prozent für eine Unterrichtszeit von 8 bis 15 Uhr aus. Unter den Frühaufsteherinnen und Frühaufstehern sind es sogar 76 Prozent. Keine Unterschiede in der favorisierten Unterrichtszeit zeigen sich hingegen nach der Schulform, dem Geschlecht oder nach der Dauer des Schulwegs.

Die Spätaufsteher unter den Schülern leiden gesundheitlich

Interessant sei jedoch ein näherer Blick auf die beiden Gruppen der Früh- und Spätaufsteher, berichtet Dr. Sven Stadtmüller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am FZDW: „Die Spätaufsteherinnen und Spätaufsteher berichten deutlich häufiger von körperlichen und mentalen Gesundheitsproblemen.“ So leiden sie häufiger unter Kopfschmerzen, können sich schlechter konzentrieren und sind häufiger gereizt als jene Jugendliche, die sich zu den Frühaufstehenden zählen. „Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass es für Jugendliche auf Dauer belastend ist, wenn ihr Tagesablauf nicht ihrem präferierten Schlafrhythmus entspricht.“ News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

“Besser erst um neun”: Schlafforscher fordern späteren Unterrichtsbeginn in Deutschland – vor allem Pubertierende leiden

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9 KOMMENTARE

  1. Interessant, dass die Schlafdauer und die Mediennutzung nach 20 Uhr nicht untersucht wurde. Diese halte ich für die Hauptursache für die morgens um 8 Uhr nicht ausgeschlafenen Schüler.

    Übrigens: Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Lehrer auch früh anfangen, damit sie aufgrund ihres zweiten Feierabends vor dem heimischen Schreibtisch auch mal vor 19 Uhr fertig sind.

    • Ich würde lieber später anfangen, damit man vor der Schule 2-3h zuhause arbeiten kann. Dann hätte man nach Schulschluss auch wirklich Schluss bzw. muss nur noch kleinere Dinge erledigen.

      Zudem besteht diese Diskussion doch nicht erst seit Heute. Medien haben ihren Einfluss, genauso Ganztag, wodurch Kinder weniger Zeit haben nochmal raus an die frische Luft oder zum Sport zu gehen. Ihre Aussage korreliert doch letztendlich auch mit der Aussage, dass Schüler später in den Tag starten sollten. Schließlich neigen Sie dazu später auch erst ins Bett gehen zu wollen.

      • Ich gehöre eher die Frühaufsteherfraktion an, weil ich vormittags zuhause nicht viel arbeiten kann.

        Wenn die Schule eine Zeitstunde später startet, dauert es nicht lange und die Schüler gehen noch eine Stunde später ins Bett. Effekt gleich Null, nur dass das Mittagstief aufgrund der längeren Unterrichtszeit nach der Mittagspause mehr Stunden betrifft.

  2. Wenn man liest, was oben zur Freizeit am Nachmittag steht, dann könnte man auch auf die Idee kommen, dass die (gebundene) Ganztagsschule bei Schulpolitikern wesentlich beliebter ist als bei den betroffenen Schülern. Und wenn schon Ganztag, dann lieber nur bis 15 Uhr, was praktisch kaum mehr als “Halbtag plus Mittagessen” bedeutet.

    • Wundert mich kaum, schon in meiner Schulzeit war Nachmittagsunterricht unbeliebt und wurde häufig geschwänzt. Mal abgesehen davon, dass sich gerade jüngere Schüler*innen gefühlt nachmittags kaum noch konzentrieren können, wenn regulärer Unterricht durchgeführt wird (wie hier zumindest gängige Praxis).

  3. Was haben die Schlafforscher zum Freizeitverhalten der Schüler untersucht, und was haben sie herausgefunden? Wenn sie das nicht von sich aus beschreiben, wäre es kennzeichnend für guten Journalismus, dass man solche Fragen stellt. Denn die offensichtliche Vermutung, die aber offenbar nicht ausgesprochen und schon gar nicht angesprochen wird, ist doch: die Jugendlichen gehen nicht rechtzeitig ins Bett (eine Arbeitshypothese könnte sein: weil sie jede Nacht extrem lange mit “sozialen” Medien und Filmen, z.B. Serien, beschäftigt sind) und schlafen darum nicht lange genug. Wenn das zuträfe, würde sich aber keine Forderung an die Schule, sondern eine an die Gesellschaft ergeben.

    • Wir haben schon mehrfach über das Thema berichtet.

      Soi heißt es in einem früheren Beitrag (auf den am Fuß des Textes oben übrigens verlinkt wird):

      Auf die Frage, ob es morgens übermüdeten Schülern nicht einfach helfen würde, früher zu Bett zu gehen, antwortete (Schlafforscher) Roenneberg: „Nein. Die innere Uhr macht hier etwas ganz Gemeines, was besonders Jugendliche betrifft, die man früh ins Bett schickt. Sie gibt dem Menschen ein Schlaffenster vor und sorgt dafür, dass man zwei bis drei Stunden, bevor dieses Fenster aufgeht, nicht gut einschlafen kann – auch wenn man sehr müde ist. Die innere Uhr fährt dann nochmal die gesamte Physiologie hoch, deshalb haben wir abends auch eine leicht erhöhte Körpertemperatur.“

      Die (gute) Redaktion

      • In diesem Fall ist die Schule eine gute Vorbereitung auf das Berufsleben, das keine Rücksicht auf irgendwelche inneren Uhren nimmt, wenn der Chef eine Anwesenheit ab 7 Uhr oder gar Schichtarbeit verlangt.

      • Danke für die Erinnerung, das ist wirklich gut!! Nach meiner Erfahrung – vielleicht haben Jugendliche, die nach 1990 geboren wurden, eine andere Physiologie – ist diese innere Uhr von Gewohnheit bestimmt. Sie lässt sich durch Gewöhnung umstellen. Zweitens wird sie, so las ich das aus älteren Artikeln zur Schlafforschung, am Sonnenlicht synchronisiert. Beide Aussagen sind natürlich mit dem Zitat von Herrn oder Frau Roenneberg durchaus vereinbar, da er ja nur den Ist-Zustand eines Jugendlichen beschreibt und nicht seine Entwicklungsmöglichkeiten. Um mehr zu verstehen, müsste man die Intentionen des Schlafforschers kennen.

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