Lehrermangel in MINT-Fächern: Ist das wissenschaftliche Niveau in der Lehrerausbildung zu hoch? Debatte um Reform entbrannt

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SCHWERIN. Angehende Landschullehrer und künftige Spitzenforscher in einem Studienkurs?  Offenbar schrecken viele vor den hohen Studienanforderungen zurück oder Lehramtsstudenten werfen im Studium entnervt das Handtuch – mit dramatischen Folgen für Schlüsselfächer wie Mathematik und Physik. Muss das Niveau gesenkt werden, um endlich genügend Lehrernachwuchs vor allem für den MINT-Bereich zu bekommen?

Angehende Mathematik-Lehrer haben beste Berufsaussichten. Foto: Shutterstock

Der Lehrermangel insbesondere an den Grundschulen sorgt bundesweit – mit unterschiedlicher Ausprägung in den einzelnen Bundesländern – für Probleme. Die Debatte darum, wie sich wieder mehr Bewerber für den Schuldienst in der Primarstufe rekrutieren lassen (News4teachers berichtete), hat einen mittlerweile schon Jahrzehnte alten Mangel an Fachlehrern aus dem Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Beispiel Mathematik: Das Studium gilt als besonders schwer. Wer die Herausforderung bewältigt, hat dann allerdings eine große Auswahl an Jobmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Mathematiker werden von Banken, Versicherungen, aber auch in der Gesundheitsbranche händeringend gesucht – und entsprechend bezahlt. Da kann der öffentliche Dienst oft nicht mithalten.

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Lehramtsstudenten machen einen großen Bogen um die Mangelfächer

Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern setzt das Problem wieder auf die Agenda. Ein Mangel an Lehramtsstudenten droht nach Ansicht der dortigen Opposionspartei den schon bestehenden Lehrermangel in Schlüsselfächern wie Informatik, Mathematik und Physik noch zu verschärfen. Weiterhin machten Studenten für das Lehramt an Regionalen Schulen einen großen Bogen um Fächer wie Geografie, Chemie, Informatik, Mathematik, Physik oder auch Sport und Französisch, konstatierte die Chefin der Linksfraktion im Schweriner Landtag, Simone Oldenburg.

So seien im Fach Informatik zuletzt nur 17 von 50 Studienplätzen im Land besetzt gewesen, für Physik 9 von 35 und für Chemie 18 von 35, sagte Oldenburg unter Berufung auf die Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage ihrer Fraktion. Demnach gab es in den Studiengängen für Gymnasiallehrer aber kaum Lücken, teilweise Überhänge.

Die Oppositionspolitikerin beklagte, dass sich in der Lehrerausbildung keine erkennbare Besserung abzeichne, obwohl eine vor einem Jahr vorgelegte Studie maßgebliche Defizite im Studium und Gründe für die vielfach hohen Abbrecherquoten bei den Studenten benannt habe. «Vor allem in den ersten Studienjahren werfen die meisten von ihnen das Handtuch. Die Tendenz der Lehramtsabsolventen in den Mangelfächern geht weiter gegen Null», beklagte Oldenburg.

“Ein Lehrer muss Lehrer werden können”

Vor allem die hohen fachlichen Anforderungen in gemeinsamen Studiengängen mit künftigen Physikern oder Mathematikern trieben manch angehenden Lehrer in die Flucht. «Wir fordern deshalb sofort einen eigenen Studiengang für Lehramt, ohne die Vermengung der Ausbildung mit den Fachwissenschaftlern. Ein Lehrer muss Lehrer werden können. Und von ihnen brauchen wir mehr», betonte Oldenburg. Denn Seiteneinsteiger, Fachleute ohne pädagogische Ausbildung, seien auf Dauer keine Lösung. «Niemand kommt auf die Idee, einen Altenpfleger am offenen Herzen operieren zu lassen», nannte Oldenburg als Vergleich.

Nach Angaben des Bildungsministeriums von Mecklenburg-Vorpommern sind gut 200 der zum neuen Schuljahr 2019/20 bislang neu eingestellten mehr als 600 Lehrer Seiten- und Quereinsteiger, also ein Drittel (zum Vergleich: In Berlin sind es aktuell bereits zwei Drittel, News4teachers berichtete). Etwa 100 hätten in den Sommerferien einen mehrwöchigen Pädagogik-Grundkurs absolviert. Am Dienstag will Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) in Schwerin detailliert über die Personalsituation an den Schulen zum Start des neuen Schuljahres informieren. Auch sie hatte bereits Reformbedarf in der Lehrerausbildung an den Universitäten in Rostock und Greifswald angemeldet. Dort studieren derzeit etwa 4000 junge Leute auf Lehramt, die Hälfte will nach dem Studium Gymnasiasten unterrichten. News4teachers / mit Material der dpa

“Zahlen, Kurven und Datasets – MINT-Lehrkräfte sind gefragt wie nie. Wir suchen Rechenkünstler, Naturforscher, Chemiecracks und IT-vernarrte Lehrkräfte mit einer Leidenschaft zum Unterrichten”, so heißt es auch auf beim NRW-Schulministerium. Das hat die Perspektiven für die einzelnen Fächer in einer Übersicht zusammengestellt – hier abrufbar. 

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers hitzig diskutiert.

Eine Leserin schreibt auf der Facebook-Seite von News4teachers:

Ein Leser schreibt auf der Facebook-Seite von News4teachers:

Fachlehrermangel wirkt sich aus: Immer mehr Kollegen müssen unterrichten, was sie nicht studiert haben

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11 KOMMENTARE

  1. Muss man das Niveau der Medizinerausbildung senken, um dem Hausarztmangel zu begegnen? Nein, natürlich nicht. Aus demselben muss die Lehrerausbildung anspruchsvoll bleiben.

  2. Das Studium von MINT-Fächern ist doch überhaupt gar nicht genauso schwer, wie bei zukünftigen Forschern, man muss sich dann halt gegebenenfalls für ein anderes Lehramt entscheiden, und sich überlegen, ob man dann stattdessen einen größeren Fokus auf die Didaktiken legt.

    Die Leute, die für Gymnasien oder Berufskollegs ein MINT-Fach studieren, und dann wirklich viel mit den Wissenschaftlern gemeinsam machen müssen, können häufig genauso auch in die freie Marktwirtschaft gehen und bekommen dort meist deutlich bessere Arbeitsverhältnisse, zumal die Arbeitsbedingungen von Lehrern wohl gegenüber vielen anderen Berufen unterdurchschnittlich sind. Der reine Beamtenstatus kann auch nicht alles, was nicht funktioniert ausbügeln.

    Als Lehrer sollte man sich für den sozialen und pädagogischen Bereich ebenso interessieren, wie für den fachwissenschaftlichen, ich glaube in der Sekundarstufe I ist es wichtiger, dass ich jemanden die Kinder unterrichten lasse, der pädagogisch was drauf hat, sich dann aber fachwissenschaftlich viel autodidaktisch beibringen muss als andersherum (gerade in Bezug auf die ganzen Quer- und Seiteneinsteiger). In der Sekundarstufe II sehe ich dieses dann genau andersherum.

    Dass so wenige überhaupt noch freiwillig Lehrer werden wollen, daran trägt zum größten Teil die Politik die Schuld.

  3. Das fällt einem nun wieder auf? Gerade in Mathe und Physik war es doch schon immer so, dass die Studienanforderungen nicht vergleichbar waren mit den anderen Fächern. Solange an diesen Stellen im öffentlichen Dienst nicht besser bezahlt wird oder die Studienanforderungen drastisch gesenkt werden, wird sich an dieser Problematik nichts ändern. Wir müssen vielleicht auch mal ehrlich sein und die Motivation der Lehramtsstudenten betrachten: vielfach geht es um Jobsicherheit, Familienfreundlichkeit und gutem Einkommen. Denn als Germanist, Anglist, etc. lässt sich nur schwer ein Job mit vergleichbaren Attributen finden. Das gilt im übrigen auch für die Studiengänge Biologie und Chemie. Dagegen gibt es eben für Mathematiker, Physiker und Informatiker vergleichbare Angebote in der Wirtschaft, zu oftmals noch besseren Konditionen. Mathematik-/Physik-/Informatiklehrer führen ihren Job also aus voller Überzeugung aus.

    Der Lehrermangel ist hausgemacht, da eben für die falschen Leute die falschen Anreize gesetzt werden.

  4. Der hohe Anspruch im Studium kann nicht allein der Grund sein! Mittlerweile finden sich die meisten Schülerinnen und Schüler doch an den Gymnasien. Von dort führt der Weg dann an die Universität – grün hinter den Ohren, orientierungslos. Ich brauche mich auf dem Campus bei Semesterbeginn doch nur umsehen. Und was studieren dann die, die keine konkrete Vorstellung von ihrer eigenen Zukunft haben (auch, weil hierfür der Übergang mangels sozialem Jahr, Wehrdienst etc. mit nur wenigen Wochen Orientierungszeit einfach zu knapp ist): BWL und Lehramt. Die brechen dann nicht ab, weil das Lehramtstudium zu schwer ist, sondern das Studium im Allgemeinen. Mehr Schüler an Gymnasien sorgen eben auch für höhere Studentenzahlen – und die können unmöglich alle qualifiziert genug sein! Senken wir die Anforderungen und den Anspruch im Studium, kommen am Ende nur mehr Unqualifizierte durch. Und das kann doch niemand wollen!

  5. Zur Eingangsfrage:
    Ist das wissenschaftliche Niveau in der Lehrerausbildung zu hoch?
    NEIN. Das Niveau muss so “hoch” sein!!!
    Wie viele Untersuchungen zeigen führt ein hohes fachliches Ausbildungsniveau zu einem hohen didaktischen Niveau und damit zu besserem Unterricht durch die entsprechenden Lehrkräfte.
    Siehe auch:
    https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/paedagogen-pisa-wehe-wenn-der-mathelehrer-rechnen-muss-a-689146.html

    Das Problem ist nur:
    Im Vergleich zu anderen Lehrämtern, haben Studierende mit einem Abschluss in einem MINT-Fach viele weitere Berufs-Möglichkeiten außerhalb des LehrerInnen-Berufes. Dort verdienen sie auch noch mehr.

  6. Wenn Deutschland seine Kinder in den MINT-Fächern schlechter ausbilden/unterrichten will, dann kann man das Niveau der Ausbildung gerne senken.
    Nur bitten dann keine Klagen, wenn Deutschland bei der PISA-Studie noch schlechter abschneidet.

  7. Mein Studium, das mittleriwele sechs Jahre her ist, empfand ich als teilweise schwer und teilweise leicht.
    Die Pädagogik-, Psychologie- und Didaktikveranstaltungen waren das reinste Kinderspiel. Man musste lesen, auswendig lernen und viel reden. Mehr als die Hälfte meines Hauptstudiums in diesem Bereich habe ich in einem Semester absolviert.
    Die Krux bei der Sache waren in Mathe und Physik das Grundstudium in den Fachwissenschaften. Für Lehrämter Sek I & II waren im Schnitt die Durchfallquoten über 90%, so dass viele Leute abgebrochen haben.
    Da hat lesen und auswendig lernen nicht genügt. Man musste verstehen und abstrakt denken.
    In Physik haben von über 170 Anfängern nur 13 das Grundstudium in meinem Jahr überstanden.
    Der Unterschied im fachlichen Anspruch im Vergleich zu Primar- Sek I – Lehrkräften war dabei schon immens.
    Leider werden immer nur absolute Zahlen zum Überhang der Sek II – Lehrkräfte veröffentlicht.
    Wie sieht es dann da mal mit einer Differenzierung nach Fächern aus?
    Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Seit Jahren habe ich nur einen Mathereferendar gesehen, keinen Physik-, keinen Chemie- und noch nie einen Informatikreferendar. Wo ist denn da der Überhang?
    Fast alle Referendare habe Deutsche/Englisch und ein nettes Nebenfach wie Geschichte. Die Bewerbungsrunden mit diesen Fächern können ja lustig werden.
    Mathe, Physik und Chemie schreibt unsere Schule jetzt zum sechsten Mal in Folge aus – wohl wieder ohne Erfolg. Da freue ich mich jetzt schon auf die Seiteneinsteiger, die in Mathe und Physik über die Hälfte der Lehrkräfte stellen – in Informatik alle (zwei).

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