Wohin mit kriminellen Kindern? Plätze in geschlossenen Heimen sind Mangelware

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SINNTAL. Es ist oft der letzte Ausweg: Kriminelle, aber strafunmündige Kinder können in geschlossene Heime kommen. In Sinntal befindet sich das einzige in Hessen. Die Sozialpädagogen dort haben gute Erfahrungen gemacht. Kritiker sprechen von einem «Kinderknast».

Was tun mit kriminellen und gewalttätigen Kindern? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Für verhaltensauffällige und kriminelle, aber strafunmündige Kinder gibt es in Deutschland großen Bedarf für eine Unterbringung in geschlossenen Heimen. «Bundesweit ist eine immens hohe Nachfrage zu verzeichnen. Das zeigt sich auch in unserer Einrichtung. Im Jahr 2018 haben uns für zwei freie Plätze 160 Anfragen erreicht», sagte Martin Lotz, Leiter der geschlossenen Wohngruppe in Sinntal. Im Main-Kinzig-Kreis befindet sich Hessens einziges geschlossenes Kinderheim. Acht Jungen zwischen 10 und 13 Jahren werden dort betreut. Bundesweit gebe es nur etwa 320 Plätze für Jungen und Mädchen. Das Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz bestätigte: In Deutschland gebe es viel mehr Bedarf als Plätze.

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Das geschlossene Heim in Sinntal existiert seit rund sieben Jahren. Es ist oftmals die letzte Hoffnung, auf die schiefe Bahn geratenen Kindern zu helfen. Es handelt sich um Nachwuchs, der nicht selten aus schwierigem sozialen Umfeld stammt. Die Krawall-Kids haben mitunter Drogenprobleme, trinken Alkohol, stehlen, schwänzen die Schule oder sind gewalttätig. Wenn Eltern und Behörden ratlos sind, was sie nach diversen anderen Hilfsangeboten und Psychiatrie-Aufenthalten noch unternehmen sollen, ist das geschlossene Heim in Sinntal eine Anlaufstelle.

Geschlossene Kinderheime treffen nicht überall auf Akzeptanz. Kritiker bezeichneten die Einrichtung in Sinntal auch schon als «Kinderknast». «So etwas ist auch immer ein politisches Thema. Da gibt es ein Für und Wider», beurteilte Gruppenleiter Lotz. Doch der Vergleich mit einem Knast hinke: «Dort geht es um Sühne und Buße. Bei uns um Pädagogik und Entwicklung.»

Marcus Bocklet, sozialpolitischer Sprecher der Grünen im hessischen Landtag, sagte: «Eine geschlossene pädagogische Einrichtung wie Sinntal kann in wenigen Einzelfällen für Jugendliche notwendig und hilfreich sein, wenn alle anderen Jugendhilfeangebote nicht gegriffen haben.» Es gebe erkennbare pädagogischen Erfolge, die diesen Jugendlichen wieder auf «die Spur helfen».

Heimleiter Patrick Will erklärte: «Anfangs war unsere Einrichtung sicherlich umstritten. Aber mittlerweile haben wir uns etabliert.» Die Kinder würden auch nicht einfach weggesperrt. «Es gibt je nach Einzelfall so viel Geschlossenheit wie nötig und soviel Offenheit wie möglich.» Es handele sich nicht um ein Gefängnis. Die Kinder können sich in ihren Zimmern und auf dem Gelände der Gruppe frei bewegen und auch Zeit außerhalb der geschlossenen Gruppe verbringen.

Nach den Worten von Gruppenleiter Lotz habe eine Evaluation der ersten fünf Betriebsjahre der Einrichtung eine erfolgreiche Arbeit bescheinigt. Doch es sei höchst unterschiedlich, was man als Erfolg bezeichnen könne. «Für manch einen ist es bereits ein Erfolg, keiner Gefährdungssituation ausgesetzt zu sein und gut durch den Tag zu kommen.» Die Kinder blieben im Durchschnitt 20 Monate in der Einrichtung. Im besten Fall können sie danach zurück in ihre Familien – oder sie kommen in Anschluss-Wohngruppen.

Die Arbeit des Heims in Hessen wurde vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz wissenschaftlich untersucht. Der geschäftsführende Direktor Michael Macsenaere berichtete: «Die Kinder in der Einrichtung nehmen eine eindeutig positive Entwicklung.» Im Vergleich zu anderen Häusern in Deutschland seien sie auf einem «überdurchschnittlich guten Weg».

Die Einrichtung will sich und ihre Arbeit am 22. Oktober bei einem Fachtag in der Stadthalle Schlüchtern vorstellen. Der Titel lautet: «Recht auf Freiheit. Chancen und Möglichkeiten der geschlossenen Unterbringung.» Dort stellt auch IKJ-Direktor Macsenaere weitere Ergebnisse der Untersuchung vor. Der Fachtag ist ein seltener Anlass, zu dem sich die Einrichtung der Öffentlichkeit präsentiert.

In den vergangenen sieben Jahren haben 21 Kinder das geschlossene Heim verlassen, wie Gruppenleiter Lotz bilanzierte. Wie nachhaltig die Arbeit dort war oder ob die Kinder wieder auf die schiefe Bahn geraten sind, kann Lotz nicht sagen. Jörn Perske, dpa

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