“Qualitätskommission” soll Berliner Schulkrise lösen – GEW: An der Realität vorbei

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BERLIN. Die Berliner Bildungsverwaltung setzt bei der Verbesserung der Schulqualität aus Gewerkschaftssicht falsche Prioritäten. Bessere Lernergebnisse und weniger Schulabbrecher seien wichtige Ziele, betonte zwar der Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin, Tom Erdmann. Er forderte aber zugleich mehr Wertschätzung und Vertrauen in die Arbeit der Schulen – und eine geeignete Unterstützung für sie.

Dunkle Wolken über dem Roten Rathaus: Berlin steckt in der Bildungskrise. Foto: Guillaume Baviere / flickr (CC BY-SA 2.0)

«Die Rahmenbedingungen in den Schulen wie die steigenden Klassengrößen, der Fachkräftemangel und die Schulsanierung dürfen nicht aus dem Blick geraten, so wie es bei den von Senatorin Scheeres angekündigten Maßnahmen zur Erhöhung der Schulqualität der Fall ist», sagte er.

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Am selben Tag nahm eine von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einberufene Kommission ihre Arbeit auf. Ziel ist es, die Qualität an den Schulen zu verbessern. Das Expertengremium soll die Umsetzung eines Anfang des Jahres beschlossenen Maßnahmenkatalogs begleiten. Mehr Deutsch- und besserer Mathematikunterricht an Grundschulen zählen dazu. Bei Vergleichstests in Lesen, Schreiben und Rechnen schneiden Berliner Schüler regelmäßig schlecht ab. Zudem verlässt jeder zehnte Schulabgänger die Schule ohne Abschluss.

Erste Empfehlungen der Kommission sollen noch in diesem Jahr kommen

Scheeres betonte: «Es ist unbestritten, dass wir eine zu hohe Schulabbrecher-Quote haben und die Leistungsdaten vor allem an Schulen in schwierigen Lagen hinter unseren Erwartungen zurückbleiben. Das treibt uns um und deshalb wollen wir hier für unsere Schulen ganz konkrete Verbesserungen erreichen.» Erste Empfehlungen der Kommission sollen noch in diesem Jahr abgegeben werden.

Bei der Auftaktsitzung der Qualitätskommission habe sich jedoch bereits gezeigt, dass die Vorstellungen der Bildungsverwaltung zur Schulqualität „weit von der Realität in den Schulen entfernt“ seien, so hieß es seitens der GEW. „Anstatt noch mehr Daten abzufragen und die Schulen mit Zielmarken und Schulverträgen noch mehr unter Druck zu setzen, sollte vielmehr über eine geeignete Unterstützung für die Schulen nachgedacht werden. Die Aufgabenfülle ist bereits jetzt schon nicht von dem pädagogischen Personal zu bewältigen“, erklärte Erdmann.

“Qualitätskonzepte nützen nichts, wenn die Schulen auseinanderfallen”

„Die Berliner Schulen sind geprägt von strukturellem Mangel. Die besten Qualitätskonzepte nützen nichts, wenn die Fachkräfte fehlen und unsere Schulen auseinanderfallen. Wenn wir zu einem gemeinsamen Verständnis von Schulqualität kommen wollen, dann müssen die Expert*innen auch diese Punkte berücksichtigen“, sagte Erdmann. Der GEW-Vorsitzende rief die Verantwortlichen dazu auf, vor den akuten Problemen in der Berliner Schule nicht die Augen zu verschließen. „Neben einer grundlegenden Qualitätsoffensive brauchen wir sofortige Maßnahmen, um die Bildungskrise abzuwenden. Wir brauchen einen schrittweisen Plan zur Verringerung der Klassengrößen und zur Reduzierung der Arbeitsbelastung der Pädagog*innen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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8 KOMMENTARE

  1. Die Berliner Bildungspolitik investiert vor allem in die Lehrergehälter und macht aus Gutverdienern Besserverdienende, hat dann aber kein Geld mehr für wirkliche Hilfen und Erleichterungen im Schulalltag.

    Wie alles (!) besser werden soll, nur weil die Lehrer mehr verdienen, erschließt sich mir nicht. Ich glaube, die haben einfach die falschen Berater.

  2. Diese Infos habe ich schon gefunden: ” … der Expertenkommission nahmen neben Professor Dr. Köller und Dr. Voges teil: Professorin Dr. Felicitas Thiel (FU Berlin), Professorin Dr. Yvonne Anders (Universität Bamberg), Professor Dr. Michael Becker-Mrotzek (Universität Köln) und Professor Dr. Kai Maaz (DIPF – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation). Professorin Dr. Susanne Viernickel (Universität Leipzig) und Professorin Dr. Susanne Prediger (TU Dortmund) waren terminlich verhindert, wurden aber zeitweise zugeschaltet.”

  3. Man sollte die Komission nehmen, die einer überaus erfolgreichen Schule ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat, weil sich nicht pädagogischen Tagträumen nachgekommen ist, wie unter anderem hier schon im Beitrag:
    Ist Schule nicht für die Schüler da, sondern für die Schulinspektion? Zum Fall der Berliner Bergius-Schule – ein Gastbeitrag
    gemeldet wurde.

  4. Danke für den Link, Carsten60! Ich habe den frühen Morgen mit schockiertem Lesen verbracht.
    Diese Stelle habe ich mal kopiert:

    “Der Senat hat die Hürden für Schulabschlüsse gesenkt [TSP, 08.05.2014]. Sowohl die Berufsbildungsreife – der frühere Hauptschulabschluss – als auch der Mittlere Schulabschluss (MSA) sind ab dem Schuljahr [2014/15] leichter zu erreichen als es bisher an den Gesamtschulen möglich war. Zudem kann man mit schlechteren Noten in die gymnasiale Oberstufe aufsteigen. Dies soll nach Einschätzung von Schulleitern die mit Spannung erwartete Bilanz des ersten Sekundarschuljahrgangs verbessern. Die Neuerungen betreffen vor allem die Mindestanforderungen für die Jahrgangsnoten, die zusammen mit den Prüfungen den Mittleren Schulabschluss ausmachen. Als Durchschnittsnote auf dem Zeugnis reicht für den MSA jetzt eine „Vier“. An den früheren Gesamtschulen wurden befriedigende Leistungen verlangt. Zudem ist eine „Sechs“ erlaubt, was früher an den Hauptschulen ausgeschlossen war, wenn man den MSA anstrebte. Zusätzlich werden den Schülern etliche Nachprüfungen angeboten, damit sie die Berufsbildungsreife schaffen. „Das Ziel ist: Jeder kommt durch“.
    Und dass kostenlose Hort-, Kita- und Essensangebote kein Mehr an Bildung bringen, dürfte jedem Sozialdemokraten, Grünen und Linken in der Koalition klar sein.”

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