“Politische Bildung soll kein Urteil vorgeben – sondern selbst eins ermöglichen”

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SCHWERIN. Der Direktor der Landeszentrale für politsche Bildung in Mecklenburg-Vorpommern, Jochen Schmidt, spricht sich dafür aus, die politische Bildung stärker an den Informationswegen aller Bürger auszurichten. «Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht umgekehrt», sagte Schmidt vor der am Dienstag in Waren (Mecklenburgische Seenplatte) stattfindenden Jahreskonferenz zur politischen Bildung. Der Schule komme allerdings eine besondere Bedeutung zu.

In Zeiten wie diesen sollte der politischen Bildung in der Schule eine hohe Bedeutung zukommen. (Pegida-DEmonstration in Frankfurt) Foto: opposition24.de /flickr (CC BY 2.0)
In Zeiten wie diesen sollte der politischen Bildung in der Schule eine hohe Bedeutung zukommen. (Pegida-DEmonstration in Frankfurt) Foto: opposition24.de /flickr (CC BY 2.0)

«Natürlich werden wir auch weiter Bücher veröffentlichen und klassische Veranstaltungsformate machen, aber wir sind in den letzten Jahren zunehmend auch im Online-Bereich aktiv – mit einem eigenen Blog-Format, mit einem Facebook- und einem Twitter-Account. Anders kommen wir an bestimmte Zielgruppen, vor allem auch Jüngere, gar nicht mehr ran», berichtet Schmidt. Allerdings sei auch Präsenz auf den Marktplätzen wichtig, um dort niederschwellig ins Gespräch mit Menschen aller Altersgruppen und aller Schichten zu kommen. Soziale Medien seien heute wichtige Informationskanäle. Doch könne dort auch in Zukunft nicht allumfassend politische Bildung betrieben werden. «Es ist immer die Mischung», betonte Schmidt.

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AfD lehnt eine besondere Verantwortung der Schule für die politische Bildung ab

Politische Bildung gehöre natürlich auch in die Schulen. Dabei gehe es nicht darum, ein Urteil vorzugeben, sondern junge Menschen mit Informationen zu versorgen, die sie in die Lage versetzen, selbst ein Urteil zu bilden. «Wenn man so politische Bildung versteht, dann wird auch klar, dass wir das brauchen.» Schmidt reagierte damit auf einen Streit im Landtag zu Bedeutung und Umfang der politischen Bildung im Schulunterricht. Die Fraktionen konnten sich im Sozialausschuss nicht auf eine Formulierung dazu in einem Papier zur parlamentarischen Anhörungsreihe «Jung sein in MV» verständigen. Die AfD hatte es abgelehnt, der Schule bei der politischen Bildung eine herausgehobene Verantwortung beizumessen. “Auch lehnen wir den Begriff der ‘offenen Gesellschaft’ im Konsenspapier ab”, hieß es von Seiten der Rechtsnationalen.

In der politischen Bildung sei es wichtig, möglichst alle politischen oder gesellschaftlichen Streitfragen abzubilden. Es gebe allerdings Grenzen – und die würden vom Grundgesetz, von der Landesverfassung und auch wissenschaftlichen Erkenntnissen gesetzt. «Nicht jede vielleicht auch krude Position hat da die gleiche Legitimität vorzukommen», meinte Schmidt. Doch werbe er immer wieder dafür, grundständige politische Bildung zu machen. Zudem trage vor allem die Förderung vielfältiger Träger politischer Bildung durch die Landeszentrale zur Pluralität bei.

Vor 30 Jahren habe die politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern ganz praktisch begonnen: Mit Kursen etwa zur Lohnsteuererklärung. Das zeige «auch die Schwierigkeiten des Transformationsprozesses und was der für den Einzelnen bedeutet hat», erklärte der Direktor der Landeszentrale.

Anlässlich des 30. Mauerfall-Jubiläums in diesem Jahr habe die Landeszentrale ein Gedenkstättenkonzept entwickelt, das sich mit «zentral, dezentral, digital» überschreiben lasse. Zentral sei der geplante Gedenkort an die Friedliche Revolution in Waren. Dort habe es im Herbst 1989 die erste dokumentierte Demonstration in Mecklenburg-Vorpommern gegeben. Dezentral solle klar machen, «dass die Friedliche Revolution an vielen Orten in unterschiedlicher Form stattgefunden hat». Kommunen könnten bei der Landeszentrale jeweils 1989 Euro zum Beispiel für die Beschaffung von Informationstafeln beantragen. «Die dritte Säule ist ein Angebot im Netz, wo wir Informationen zusammenzuführen», erläuterte Schmidt. dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Politische Bildung soll kein Urteil vorgeben – sondern selbst eins ermöglichen”

    Genau so ist es! Mit der kleinen Einschränkung, was eindeutig verfassungsfeindlich ist, darf m.M.n. ein Lehrer auch klar zurückweisen. Oder?

  2. Ich finde es sehr vernünftig, dass politische Bildung kein Urteil vorgeben darf. Es müssen sich dann nur alle Journalisten auch daran halten. Die Politiker könnten auch mal wieder mit Bürgernähe aufwarten, um ein Abwandern in extreme Richtungen zu vermeiden. Ein Staat muss es schließlich aushalten können, dass nicht alle Menschen die gleiche politische Einstellung haben.

    • Nicht nur der Staat muss verschiedene Meinungen aushalten können, sondern auch die Menschen untereinander. Ansonsten könnten wir auf die Begriffe “demokratisch” und “Demokratie” pfeifen und sie nur noch als plumpe Schminke für Meinungsbevormundung und Beschimpfung Andersdenkender sehen.

      • Genau. Das gilt aber für alle – gerade auch für die von Rechtsaußen, die gerne auf Schwächere verbal einschlagen und Nazi-Vokabular benutzen, aber von “Meinungsdiktatur” faseln, über angebliche “Beschimpfungen” jammern und sogar Denunziantenportale einrichten, wenn sie dafür Gegenwind bekommen.

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