„Unsere Ansprüche liegen höher“: PISA-Ergebnisse schlagen in den Ländern Wellen

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KIEL. Die schlechten Ergebnisse der neuen PISA-Studie für Deutschland sorgen auch in den Bundesländern für Unmut. Beispielsweise in Schleswig-Holstein: Bildungsministerin Karin Prien (CDU) etwa stellt fest: «Die Erkenntnis, dass ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland den Sinn von Texten kaum richtig erfassen kann, muss uns alarmieren.» Für ein Land, das auf Spitzenleistungen in allen Bereichen angewiesen sei und zunehmend mit Fachkräftemangel umgehen muss, bestehe deshalb Handlungsbedarf.

Beklagt „relativ geringe Schulzeit“ in Deutschland: Ties Rabe ist Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland. Foto: Senatskanzlei Hamburg / Michael Zapf

Grundsätzlich ist es laut Prien zwar erfreulich, dass die Leistungen der deutschen Schulen noch über dem internationalen Durchschnitt liegen. Das sei auch ein Verdienst der Lehrer, die angesichts einer immer heterogeneren Schülerschaft gute Arbeit leisteten. Trotzdem „bleibt es dabei, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nach wie vor zu groß ist“, sagte Prien. Der Norden habe eine umfassende Leseförderung in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I aufgebaut. Parallel würden mathematische Kompetenzen gefördert. «Außerdem bilden wir Lehrkräfte zu Lesecoaches aus und es gibt eine Vielzahl von Projekten zur Förderung von Lesen und Sprache, zum Beispiel «Fake Hunter» oder «Zeitung in der Schule».

„Armutszeugnis für die Bildungspolitik in Deutschland“

Von einem «Armutszeugnis für die Bildungspolitik in Deutschland» sprach die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke. Sie forderte mehr Geld für Bildung, bessere personelle Ausstattung der Schulen, Stärkung der Gemeinschaftsschulen durch mehr Differenzierungsstunden, stärkere Unterstützung von Schulen mit besonderen Herausforderungen sowie den Ausbau von Förderprogrammen wie «Lesen macht stark».

Die große Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft bleibt nach Ansicht der GEW die Achillesferse des deutschen Schulsystems. Es sei höchste Zeit zum konsequenten Gegensteuern, kritisierte Henke. «Wer als Kind in einem gut situierten Elternhaus aufwächst, hat gute Chancen auf eine erfolgreiche Bildungslaufbahn. Wer aus sozial schwierigen Verhältnissen kommt, hat eben Pech gehabt.» Auch fast 20 Jahre nach dem Pisa-Schock schaffe es das deutsche Schulsystem noch immer nicht entscheidend, Nachteile abzubauen. «Wir dürfen einfach nicht akzeptieren, dass mehr als ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage ist, sich Texte zu erschließen», sagte Henke. «Bei den Jungen ist es sogar ein knappes Viertel.»

Weitere Reaktionen aus den Ländern

Ties Rabe, Hamburger Bildungssenator und Sprecher der SPD-geführten Bildungsministerien, meint: „Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland liegen im internationalen Vergleich im oberen Drittel, aber haben sich nicht weiter verbessert. Dabei fällt auf, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine relativ geringe Schulzeit und eine höhere Zahl von Schülerinnen und Schülern hat, die zu Hause kaum Deutsch sprechen. Wenn wir vorankommen wollen, dann brauchen wir deshalb mehr Bildungszeit und müssen insbesondere früher mit Bildung beginnen. Zudem müssen wir die Schulzeit stärker auf die Kernkompetenzen ‚Lesen‘, ‚Schreiben‘ und ‚Rechnen‘ konzentrieren. Dabei sollten wir die Erkenntnisse der modernen Unterrichtsforschung besser nutzen: Das Bund-Länder-Programm ‚Bildung in Sprache und Schrift‘ (BISS) hat gezeigt, dass Kinder nach bestimmten Methoden besser lesen und schreiben lernen. Diese Erkenntnisse müssen wir jetzt umsetzen.“

Stefan Behlau, Vorsitzender des VBE NRW, erklärt: „Leseförderung in der Familie, individuelle Förderung in der Kita, die Stärkung der Grundschulen und der Sek I sind dringend notwendig. Es muss alarmieren, dass viele Jugendliche nicht den Sinn von Texten erfassen und reflektieren können. Alle müssen zudem in die Lage versetzt werden, zwischen Meinung und Tatsachen unterscheiden zu können. Hier ist eine lückenlose individuelle Förderung notwendig. Der Personalmangel in der Grundschule und in der Sek I erschwert dies.“

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) meint: „Die Ergebnisse sind stabil. Wir dürfen uns mit diesen allerdings nicht zufriedengeben. Unsere Ansprüche liegen höher.“

Reinhard Schwab, Vorsitzender des Hessischen Philologenverbands, erklärt mit Blick auf die Schülerleistungen: „Auch wenn sie sich etwas verschlechtert haben, können wir damit, vor dem Hintergrund der besonderen pädagogischen Herausforderungen in den letzten Jahren, man denke an die Migration und Inklusion, zufrieden sein.“

Anders sieht das Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes Niedersachsen. Er betont:  „Wir erleben eine erneute Ergebnisverschlechterung bei den PISA-Tests und landen bei den Auswertungen wieder bei den Ergebnissen von vor zehn Jahren. Das ist ein mehr als deutlicher Warnschuss, dass im Bildungssystem endlich an einigen Stellen umgesteuert werden muss in Deutschland. Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein.“ Weiter sagt er: „Wir fühlen uns darin bestätigt, dass die Basiskompetenzen gestärkt werden müssen. Es muss wieder stärker darum gehen Wissen zu vermitteln, das angewendet werden kann und damit auch darum das Verstehen zu fördern.“

Rolf Busch, Vorsitzender des Thüringer Lehrerverbands (tlv), sagt: „Wenn nicht endlich genügend Lehrpersonal eingestellt wird und dieses gemeinsam mit den vom tlv seit Jahren geforderten multiprofessionellen Teams jedem einzelnen Schüler die bestmögliche Bildung zukommen lassen kann, ist dieser Abwärtstrend nicht mehr aufzuhalten.“

Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL), erklärt:  „Der seit Jahren bestehende eklatante Lehrkräftemangel an diesen Schulformen macht es den Schulen sehr schwer, entsprechend zu handeln. Hier rächt sich wieder einmal die lange Untätigkeit der Landesregierungen der vergangenen Jahre. Der Lehrerberuf muss attraktiver werden, um mehr Lehrkräfte zu gewinnen. Dazu gehört auch die gerechtere Besoldung für alle Lehrkräfte mindestens nach A13.“

Gerhard Brand, Vorsitzender des VBE Baden-Württemberg, betont: „Schön ist, dass Deutschland in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft über dem OECD-Schnitt liegt. Vor dem Hintergrund, dass die Schulen in den letzten Jahren immer mehr Integration leisten mussten, ist dies nicht selbstverständlich. Alarmierend ist jedoch, dass in Deutschland jeder fünfte der getesteten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler nur auf Grundschulniveau lesen kann und dass sich die Schere zwischen starken und schwachen Schülern weiter öffnet. Ebenso hängen in kaum einem OECD-Land die Leistungen der Schüler so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Hier muss die Politik mehr leisten und die Schulen mit den nötigen Ressourcen ausstatten, andernfalls wird die Schule zur Sozialfalle.“

Jens Weichelt, Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands (slv), erklärt: „Die guten Ergebnisse sächsischer Schülerinnen und Schüler, gerade in den Naturwissenschaften, stehen zur Disposition, wenn es nicht gelingt, gut qualifizierten Lehrernachwuchs in die Bedarfsregionen zu bringen.“

 

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2 KOMMENTARE

  1. Die hessischen Philologen klopfen sich fuer die Leistungen bei Inklusion und Migration auf die Schulter. Trump fordert den Friedensnobelpreis und Bayern Muenchen ist nicht Nr. 1 in der Bundesligatabelle. Mann, es wird Zeit, dass das Jahr 2019 endet und 2020 mehr die Realität in die Diskussion einzieht.

  2. So lange sich nicht das Image der Schule in der Gesellschaft ändert, werden die
    Pisa-Ergebnisse auch in Zukunft nicht besser.

    Da können wir noch so viele Lehrpläne umschreiben, die Methodik und Didaktik verändern,
    Kompetenzorientierung einführen und sich die Lehrer „auf den Kopf stellen“.
    Das fruchtet alles nur marginal, wenn das Ansehen der Lehrer und der Schule so ein
    schlechtes ist….

    Schüler haben ein sehr sensibles Gespür dafür!

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