„Alles, was man braucht, sind zwei Hände“ – Schüler üben Herzdruckmassage

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HAMBURG. Tausende Menschen könnten jedes Jahr in Deutschland gerettet werden, wenn die Herzdruckmassage von Schülern genauso erlernt werde wie Fahrradfahren. «Alles, was man braucht, sind zwei Hände», sagt ein Experte.

"Schulgesundheitshelfer" sollen Lehrkräfte entlasten. Illu: Wikimedia Commons
Schüler sollen fit gemacht werden in Erster Hilfe. Illu: Wikimedia Commons

Die 13-jährige Helene rüttelt vorsichtig das Gesicht der am Boden liegenden Anne. Keine Reaktion. Auch keine Atmung. Im Ernstfall würde Helene jetzt Erwachsene zur Hilfe rufen oder die 112 wählen, was diesmal jedoch nicht nötig ist. Anne ist eine von gut 150 Plastikpuppen, die vor ebenso vielen Siebtklässlern bei der durch die Weltgesundheitsorganisation geförderten Initiative «Kids save lives» am Dienstag in einer Halle der Hamburger Messe liegen.

Ab der siebten Klasse zwei Stunden Training pro Jahr

Bernd Böttiger von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin hält solche Übungen für so wichtig, dass er sie gern regelmäßig an deutschen Schulen etablieren würde: zwei Stunden Wiederbelebungstraining jedes Jahr ab der siebten Klasse. «Das ist eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz seit 2014 und in Deutschland ist sie noch immer nicht flächendeckend umgesetzt», kritisiert der Kölner Intensivmediziner am Rande von «Kids save lives». Er ist überzeugt: Wenn Laien sofort mit einer Herzdruckmassage beginnen, verdreifacht sich die Überlebensrate.

Tausende Menschen könnten laut Böttiger jedes Jahr in Deutschland gerettet werden, wenn die Herzdruckmassage von Kindern genauso erlernt werde wie Fahrradfahren. «Alles, was man braucht, sind zwei Hände.»

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Unterrichtsmodule für Schulen, um mit den Schülern zu trainieren

In Hamburg hat in diesem Schuljahr, fünf Jahre nach der Empfehlung, ein Pilotprojekt begonnen: Schulen bekommen laut Schulbehörde verschiedene Unterrichtsmodule bereitgestellt, um Wiederbelebung mit den Schülern zu trainieren. «Es musste sich erst mit allen Akteuren verständigt werden, deshalb hat der Start so lang gedauert», erklärt die zuständige Abteilungsleiterin am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Beate Proll, die Verzögerung. Jede Schule könne zudem selbst entscheiden, ob sie teilnehme. Verpflichtend in den Bildungsplänen seien aber allgemeine Kompetenzen in Erster Hilfe.

Helene ist mit ihrer Puppe da schon weiter: Beherzt drückt die 13-jährige auf Annes Brustkorb – im Rhythmus des «BeeGee»-Klassikers «Stayin‘ alive». Das sollte im Ernstfall bis zum Eintreffen der Rettungskräfte so weitergehen. Bei der Übung in der Messehalle ist aber nach zwei Minuten Schluss.

Eine Beatmung der Puppe lernen die Kinder nicht. Einer schwedischen Studie zufolge, in der 30.000 beobachtete Herzstillstände außerhalb von Kliniken analysierte worden sind, verdoppelt sich die Überlebensrate von Patienten mit Herzdruckmassage im Vergleich zu denen ohne – und zwar egal, ob sie zusätzlich beatmet werden oder nicht. Außerdem zeigt die Studie, dass deutlich mehr Menschen eine Herzdruckmassage ohne Beatmung beginnen als eine Reanimation mit Beatmung.

Helene findet es auf jeden Fall gut, schon früh zu lernen, wie sie Menschen wiederbelebt. «Wer weiß, ob ich heute noch jemanden auf der Straße sehe, dem so etwas passiert», meint sie zum Abschluss von «Kids save lives». Von Tim Vogel, dpa

Keine Angst vor Erster Hilfe – Experte: Man kann nichts Falsches machen

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2 KOMMENTARE

  1. In Skandinavien gehört das strukturierte und wiederholte Einüben der evidenzbasierten Laienreanimation zum Inhalt schulischer Bildung, und so ist es auch zu erklären, dass in diesen Ländern das Outcome der Patienten mit einem kardialen Stillstand in Folge Kammerflimmern deutlich besser ist als in Deutschland.
    Der prozentuale Anteil der Personen ohne ein neurologisches Defizit mit einer schweren Pflegebedürftigkeit nimmt deutlich ab, die Überlebensrate nimmt gleichzeitig um das dreifache zu, und somit ist jedem gedient, der von einer derartigen Situation betroffen ist, denn es trifft auch immer die Angehörigen mit, die sich dann um schwerstbehinderte Angehörige kümmern müssen, so die Reanimation erst deutlich mehr als 2 Minuten nach dem funktionellen Herzstillstand einsetzte.
    Die Angehörigen von Herzkranken wurden bereits in der Vergangenheit in der evidenzbasierten Laienreanimation geschult.

  2. Während man sich in den Gremien der Entscheider des Gesundheitssystems zur Zeit Gedanken über die Delegierung von ärztlichen Leistungen an nachgeordnete Rettungsassistenten mit einer zusätzlich ausgestatteten Berechtigung der Notfallversorgung von Patienten im rettungsmedizinischen Einsatz macht, werden zum selben Zeitpunkt tagtäglich die Bedingungen zum Erhalt einer flächendeckenden Versorgung mit Krankenhäusern durch die fortschreitende Festsetzung des DRG-Systems, bezeichnet zu Deutsch als das Diagnose bezogenen Gesundheitssystem, weiter verschlechtert.

    Wir im öffentlichen Gesundheitssystem tätigen Angestellten verschlüsseln inzwischen eigentlich jede erbrachte Leistung schriftlich, entweder in Form von nummerierten Codes oder als eine schriftlich niedergelegte Beschreibung erbrachter Leistungen, um an die notwendigen finanziellen Leistungsentgelte für die erbrachten Leistungen zu gelangen.
    Tun wir dieses nicht, so gilt diese Leistung als nicht erbracht, wird dieser Vorgang der fehlenden Codierung oder der fehlenden Beschreibung als nicht erbracht kategorisiert, nicht bezahlt und als ein Versuch des Betrugs erfasst, woran sich dann die prozentuale Zahl der Kontrollen der erbrachten Leistungen erhöht wird und somit noch höhere Kürzungen vom MDK Medizinischen Dienst drohen.
    Ich fordere im Interesse aller in öffentlichen Gesundheitssystem Betroffenen dieses System abzuschaffen und dieses bereits in Australien zuerst etablierte aber wieder abgeschaffte System durch ein bedarfsgerecht finanziertes öffentliches Gesundheitssystem zu ersetzen.
    Deutschland ist auf Grund dieses „leistungsorientierten „DRG-System das einzige Land in dem derartig viele Leistungen, egal in welchem Teilbereich, derartige Leistungen im übersteigerten Umfang erbracht werden.
    Dieses pervertierte System fördert die Ausweitung medizinischer Leistungen, und es zwingt die Leistungserbringer im System zu denken und nicht nach dem tatsächlichen Bedarf medizinische Leistungen zu erbringen.
    Ich bin gerne bereit verantwortlich schuldige Spieler dieses pervertierten Abrechnungssystem zu benennen, um Veränderungen im aufgedrückten System zu benennen. Eines ist klar, die Länder haben für die Sicherstellung des Versorgungsauftrages der Krankenhäuser einzustehen. All zu gerne hat man sich von „defizitär“ wirtschaftenden Krankenhäusern im kommunalen Bereich getrennt, diese an Asklepios, Helios und andere börsenorientierte Konzerne für wenig Geld veräußert.
    Die Verantwortung bleibt aber für die Landesregierungen bestehen.

    Es ist aberwitzig, welch immense Zeit beim Verschlüsseln von erbrachten Leistungen verloren geht, die dann für die menschliche Zuwendung beim Patienten verloren geht.

    Dennoch straft uns dieses System durch seinen nach unten gerichteten treppenartigen Aufbau der Leistungsstruktur, in dem alle Krankenhäuser in den selben Leistungen miteinander verglichen werden, wobei diese auf den Durchschnitt der aufgebrachten finanziellen Aufwendungen miteinander verglichen werden, und somit jene Krankenhäuser Defizite einfahren, die bezogen auf die erbrachte Leistung finanziell unter dem Durchschnitt liegen.
    Somit ist eine abwärts gerichtete Spirale in Gang gebracht worden, die auf kurz oder lang zum Verschwinden von Krankenhäusern führen wird, die künstlich defizitär finanziert werden.

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