Auf verlorenem Posten: Der Sportunterricht kommt gegen den Bewegungsmangel nicht mehr an

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BERLIN. Die motorischen Defizite bei Kindern häufen sich. Kein Wunder. Kaum können sie laufen, verbringen sie den Tag oft sitzend vor einem Bildschirm. Und wie bekommt man die Kinder nun wieder in Fahrt? Die Weltgesundheitsorganisation setzt zunächst einmal auf Basis-Bewegungen – wie Gehen.

Jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick – und das hat auch mit Bewegungsdefiziten zu tun. Foto: Shutterstock

Pro Tag eine Stunde Bewegung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Kinder. Die WHO meint damit noch nicht einmal gezielten Sport, sondern ist schon froh über einfache Aktivitäten. Gehen, Treppensteigen oder Fahrradfahren. Denn «Eltern und Kinder sind in den letzten zehn bis 15 Jahren regelrecht erstarrt», sagt der Sportwissenschaftler Endré Puskas aus Berlin.

Seit 20 Jahren ist er im Sportgesundheitspark Berlin im Programm «Fidelio» tätig. Dort lernen übergewichtige und bewegungsarme Kinder und Jugendliche Spaß an Aktivität. Aus Puskas‘ Sicht können wöchentlich zwei oder drei Mal 45 Minuten Schulsport vorhandene Defizite schon längst nicht mehr ausgleichen.

Von 45 Minuten Sportunterricht bleiben höchstens 10 Minuten übrig

«Aufbauen, abbauen, Anwesenheit, hintereinander stehen und warten, bis man mal überhaupt über den Bock springt – das hat nix mit Sport und Bewegung zu tun», ärgert sich Puskas. Von den 45 Minuten blieben nach Umziehen und Aufwärmen etwa acht bis zehn Minuten übrig, in denen Kinder sich körperlich austoben.

Bewegen sich Kinder langfristig zu wenig, hat dies fast immer negative Folgen – von Übergewicht über Diabetes bis zu Gelenk- und Konzentrationsproblemen. Der Weg aus diesem Kreislauf heraus ist nicht leicht: Viele leben auch noch als Jugendliche und Erwachsene mit den Folgen ihres Bewegungsmangels.

Smartphones, Tablets, Fernsehen und Computerspiele gelten zahlreichen Experten zufolge als Hauptursachen für die große Trägheit unter Kindern. Auch Hendrik Hein, Vater und Sportlehrer an der Carl-Schurz Schule in Frankfurt am Main, vertritt diese Auffassung. Dennoch reiche es nicht, einfach den Stecker zu ziehen.

Unverplante Freizeit? Fehlanzeige für viele Schüler!

Kinder hätten heute einen dichten Terminkalender, vieles davon findet im Sitzen statt. Unverplante Freizeit? Fehlanzeige. «Selbst wenn ein Kind Zeit hat und sagt: Ich gehe nachmittags einfach mal draußen spielen, dann trifft es ganz wenige, die das ebenso machen», so Hein.

Er sieht zudem vielerorts die Räume schrumpfen, in denen sich Kinder auch mal ohne engmaschige Begleitung verausgaben können: «Wenn ich als Kind zwanzig Mal vom Baum gesprungen bin, dann weiß ich, was ich tue», sagt der Sportlehrer. Das sei der beste Weg, Grundlagen für Körperbeherrschung zu erwerben, die schlimmere Unfälle beim Spielen verhindern können.

Den Mangel an Bewegung gleiche der Schulsport heute nicht mehr aus, sagt auch Hein. Zudem falle der Sportunterricht an vielen Schulen oft als erstes aus. Der Pädagoge hält es für wichtig, bei Bewegungsangeboten den Nerv der Kinder zu treffen. «Mit Parkour-Training kann ich meine Schüler eher überzeugen, die gleichen Bewegungen zu machen, als wenn ich das Turnen nenne.»

Videochannels und Fitness-Apps können Schüler motivieren

Auch moderates Training im Fitnessstudio sei eine gute Ergänzung für ältere Jugendliche. Kostenlos ist Sport und Bewegung in Parks oder auf Bolzplätzen – vielerorts finden sich Tischtennisplatten, Basketballkörbe oder Tore zum Kicken.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt in einer Broschüre zum Thema neben dem Sportverein etwa Fitness- oder Bewegungsapps. Eltern sollten ein passendes Angebot gemeinsam mit dem Nachwuchs auswählen. Auf Videoplattformen gibt es Kanäle mit Fitnessangeboten für zu Hause, vielleicht findet der Nachwuchs ein Vorbild, das motiviert.

Auch Professor Martin Engelhardt, Vorstand der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), vertritt den Ansatz der weit gefächerten Bewegungsangebote: «Aktivitäten müssen vielfältig und spielerisch sein. Sport muss als Bereicherung wahrgenommen werden, nur dann wird er langfristig beibehalten.»

Man muss den Kindern die Bequemlichkeit nehmen

Alle drei Sportexperten betonen: Weniger sitzen und weniger Zeit vor Bildschirmen sind ein Gewinn für Kinder. Die BZgA empfiehlt mindestens 1,5 Stunden Bewegung am Tag, vor allem nach langem Sitzen, etwa in der Schule. An zwei bis drei Tagen darf es ruhig anstrengender werden, sei es beim Volleyballtraining oder beim Schwimmen.

Weitere Aktivitäten müssen nicht teuer und aufwendig sein – und lassen sich oft einfach in den Alltag integrieren. Der Schulweg kann zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt werden. Wenn Eltern den Spaziergang zur «Schatzsuche» erklären, lassen sich besonders jüngere Kinder eher dafür begeistern, so ein weiterer Rat der BZgA. Wer findet als erster etwas Rotes oder den schönsten Stein?

Als Familie bei jedem Wetter nach draußen

Außerdem gilt: Familien sollten bei jedem Wetter nach draußen gehen – in den Park, auf den Spielplatz oder einfach nur toben, spielen und balancieren auf Bäumen, Mauern und Treppen. Aber auch drinnen ist Bewegung möglich, etwa, wenn Eltern die Kleinen Höhlen bauen lassen oder der Teppich zur Spielwiese wird.

Sportlehrer Hein findet: «Man muss den Kindern die Bequemlichkeit wegnehmen!» Wer will, dass Kinder sich auch ohne Anleitung bewegen, muss ihre Selbstständigkeit fördern: «Geh‘ zu Fuß, nimm dein Fahrrad, das alleine ist schon ein großer Punkt», so Hein.

Éndre Puskas beobachtet junge Eltern, die zunehmend auf Ernährung und Medienkonsum achten oder den Nachwuchs auch mal zum Joggen mitnehmen. Überfordern könne man Kinder dabei nicht – eher unterfordern, so der Sportwissenschaftler: «Wenn das Kind an der Grenze ist, dann macht es nicht mehr weiter. Das machen nur Erwachsene.» Er appelliert an Eltern: «Wir alle müssen aktiver werden und wir müssen uns bewegen – dann bewegen sich die Kinder mit uns mit.» Von Sylvia Lundschien, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Langzeitstudie zeigt: Bewegung von Kindern im Alltag sinkt drastisch

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4 KOMMENTARE

  1. Tjoaa man sollte sich halt eben auch fragen, was man eigentlich politisch möchte. In etlichen Schulen sind die Kinder doch heute auch bis spät Nachmittags in der Schule, wirklich mehr Sport haben die Kinder dadurch aber nicht. Wir sind früher bei schönem Wetter jeden Tag raus gegangen, bei drei langen Nachmittagen bekommen die Kinder aber in der Regel nur einmal die Möglichkeit mehr Sport zu machen (in Rahmen von AGs) und bekommen sonst normalen Unterricht oder sollen ihre Hausaufgaben in der Schule machen.

    Vll. sollte man einfach davon wegrücken, dass man einfach alles und zwar sofort haben will, sondern die Kinder auch noch einmal Kinder sein lassen hin und wieder, vor allem Nachmittags. Ich gehe davon aus, dass kein einziges Kind mehr leistet als früher nur weil es jetzt den kompletten Tag in der Schule verbringt. Man sollte sich dann auch überlegen, ob viele nicht auch einfach an ihrer Leistungsgrenze angelangt sind, heutzutage machen viele Schüler einen höheren Abschluss als sie früher gemacht hätten und viele sind am Ende ihrer Leistungsgrenze.

    Und auch wenn ich häufig der erste bin, der schreit, dass wir vielfach die Aufgaben der Eltern mittlerweile übernehmen müssen, ja das könnte man aber in Ganztagssystemen auch mehr zu seinem Nutzen machen, wenn es die Rahmenbedingungen dafür geben würde!

    • Das sehe ich ähnlich. Es ist einfach absurd, dass man zu glauben scheint, dass durch Nachmittagsunterricht die Bildung besser wird. Kinder benötigen die freie Zeit am Nachmittag, um sich frei entfalten zu können, durch Hausaufgaben Zeitmanagement und selbstständiges Lernen zu üben, neue Hobbys auszuprobieren, über Felder und Wiesen zu stromern und die Welt jeden Tag neu zu entdecken.
      Der Sportunterricht sollte mMn nur zur Bewegung anregen und Fortschritte prüfen sowie Hilfestellungen und Tipps geben. Es kann nicht seine Aufgabe sein, dass sichergestellt wird, dass alle SuS sich hinreichend oft bewegen.

    • Dazu kommt noch, dass Kinder oft nichts Besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen wissen als Computerspiele zu spielen, fernzuschauen, auf dem Handy herumzutippen etc. Das liegt nicht daran, dass Kinder das von Natur aus wollen und müssen, sondern weil in vielen Elternhäusern die Reglementierung viel zu lasch erfolgt und Eltern schlechte Beispiele abgeben.

  2. Die Eltern haben uns früher viel mehr laufen lassen, auch lange Schulwege. Man hat uns mehr zugetraut und mehr Freiheit gelassen, uns auch in unbewachte Gefilde zu begeben und herumzustreunern. Den Bewegungsmangel heutzutage aufzufangen ist bitte nicht auch noch Aufgabe der Schule.
    Viele unserer Grundschüler werden von den Eltern so nah zur Schule gefahren (dabei wird unbeschreiblich geparkt, zum Teil sogar auf dem Fußgängerüberweg) wie es geht, damit sie keinen Schritt zu viel laufen müssen. Dabei stünde ein großer Parkplatz zur Verfügung, der aber ca. 150 m entfernt ist.

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