Mädchen wollen Lehrerin werden, Jungen Automechaniker – PISA-Chef Schleicher: Berufsorientierung in Schulen muss breiter werden

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DAVOS. Ärztin, Lehrerin, Anwalt, Polizist – die Traumberufe von Teenagern haben sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert, zeigt eine Studie. Es entstehen zwar neue Jobs, aber die haben viele Jugendliche nach Expertenansicht gar nicht auf dem Schirm.

Berufswünsche von Kindern orientieren sich (zu sehr?) an dem, was die Arbeitswelt von heute ausmacht. Foto: Shuttesstock

Die Teenager von heute streben nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) immer noch vor allem in Berufe aus dem vergangenen Jahrhundert. Die OECD legte am Mittwoch eine Sonderauswertung der neuesten PISA-Studie vor und kommt zu dem Schluss, «dass auch im Zeitalter sozialer Medien und künstlicher Intelligenz Jugendliche in den OECD-Ländern kaum Tätigkeiten anstreben, die mit der Digitalisierung entstanden sind, sondern vor allem etablierte Berufe».

Schleicher: Mehr Jobmessen und Unternehmen an die Schulen holen

Beim Schulleistungsvergleich PISA wurden neben den obligatorischen Tests in Mathe, Lesen und Naturwissenschaften auch persönliche Daten erhoben. Die 15-jährigen Teilnehmer wurden zum Beispiel gefragt, in welchem Beruf sie glauben, später einmal zu arbeiten. An der letzten PISA-Studie, deren Ergebnisse im vergangenen Dezember vorgestellt wurden, hatten 2018 weltweit rund 600 000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen, darunter knapp 5500 deutsche.

Die meisten 15-jährigen Mädchen in Deutschland (10,4 Prozent) sehen sich im Alter von 30 wieder in der Schule: als Lehrerin. Dahinter folgen Ärztin (10), Erzieherin (6,4), Psychologin (4,5). Auf die Jungen in Deutschland trifft die Aussage der OECD-Studie nicht ganz zu: Immerhin erwarten die meisten 15-Jährigen (6,7 Prozent), dass sie mit 30 IT-Spezialist sein werden. Oben im Ranking stehen aber weiterhin auch die Berufe Industrie- und Automechaniker (5,2 und 5,1), Polizist (4,5) oder Lehrer (3,8).

Der Bildungsdirektor der OECD, Andreas Schleicher, forderte am Mittwoch, dass die Themen Berufsberatung und Arbeitswelt in den Schulen der OECD-Länder einen deutlich höheren Stellenwert bekommen sollten. «Man kann nicht werden, was man nicht kennt», sagte er bei einem Fachgespräch am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. «Es besteht ein großes Risiko, dass wir die nächste Generation für unsere Vergangenheit ausbilden und nicht für deren Zukunft.» Schleicher schlug vor, mehr Arbeitgeber und Jobmessen an die Schulen zu bringen. Auch Bürger sollten Kindern ihren Beruf vorstellen. «In der Bildung müssen wir uns mehr auf die Was-, anstatt auf die Wie-Frage konzentrieren.»

DIHK-Chef Dercks: Schüler brauchen praktische Erfahrungen – möglichst früh

Handlungsbedarf sieht auch die Wirtschaft. Viele Jugendliche seien auf ihren Traumberuf festgelegt und schlügen Ausbildungsangebote in weniger bekannten Berufen aus, da sie zu wenig über berufliche Perspektiven, Verdienstmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven wüssten, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. «Jugendliche sollten so früh wie möglich praktische Erfahrungen sammeln. Denn: Wer weiß, was er will und kann, der trifft auch leichter die Entscheidung für den richtigen Beruf.»

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, macht sich wegen der Traumberufestatistik der deutschen Schüler weniger Sorgen: Viele der genannten Berufe, wie Lehrer oder Arzt würden weiter gebraucht, dort herrsche sogar Nachwuchsmangel, sagte er im Gespräch. Außerdem sei noch gar nicht absehbar, welche neuen Berufsbilder durch Digitalisierung in 5, 10 oder 20 Jahren entstehen würden. «Entscheidend für uns als Lehrerverband ist, dass wir Kindern und Jugendlichen in den Schulen eine solch umfassende Allgemeinbildung und so viel grundlegende Kompetenzen vermitteln, dass sie flexibel genug sind, sich auf die sich verändernde Berufswelt einzustellen.» Gegen einen intensiveren Austausch zwischen Berufswelt, Wirtschaft und Schule sei aber nichts einzuwenden. Da passiere aber auch schon viel.

Karliczek: Berufsorientierung in Schulen wird immer wichtiger

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte auf Anfrage am Mittwoch, die Berufsorientierung bekomme eine immer höhere Bedeutung. Darauf weise die OECD völlig zu recht hin. «Wir erhöhen hier aber auch bereits seit Jahren die Anstrengungen». Ähnlich äußerte sich die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat nach Angaben einer Sprecherin die Berufsberatung seit Beginn des laufenden Schuljahrs deutlich intensiviert. Hunderte zusätzliche Berufsberater seien an den allgemeinbildenden Schulen in den achten Klassen unterwegs. Auch die Berufsberatung in höheren Klassenstufen an den Gymnasien sei verstärkt worden. Die Sprecherin verwies auch auf ein noch wenig bekanntes «Selbsterkundungstool» der BA. Online können Teenager dort einen umfangreichen auf «psychologisch fundierten Verfahren» basierenden Test durchlaufen und bekommen eine Empfehlung, welches Studium oder welcher Beruf zu ihnen passen könnte.

In Deutschland gibt es 326 duale Ausbildungsberufe. Die Zahl selbst hat sich nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung in den vergangenen Jahren nicht maßgeblich erhöht. Die Ausbildung für die einzelnen Berufe sei aber inhaltlich an die neuen Entwicklungen angepasst worden. «Auch ein Schornsteinfeger arbeitet heute anders als noch vor 20 Jahren», sagte ein Sprecher. Im Zuge der Digitalisierung neu hinzugekommen sind wenige Ausbildungsberufe, wie «E-Commerce-Kaufmann/Kauffrau», «Technische/r Produktdesigner/in» oder «Fotomedienfachmann/fachfrau». dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

FDP rüffelt Lehrer, weil zu wenige sich für die Berufsorientierung von Schülern weiterbilden

 

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14 KOMMENTARE

  1. Da bemühen wir uns seit 1990, Mädchen in Männerberufe zu bringen … was aber, wenn die das gar nicht wollen? Es ist doch ein Elend mit dem freien Willen!
    Das mit dem Vorstellen der neuen und unbekannten Berufe finde auch ich vernünftig. Doch erstaunlicherweise ist das neue „Berufsbild“ Influencer allen Jugendlichen vertraut. Wie also wäre es, Berufe durch entsprechende Filme in den neuen Medien vorzustellen? Das kann der Staat, das kann die OECD, auch die DIHK machen. Dann sollen sie es doch tun. Warum muss die Schule sich dafür krummlegen?

  2. Dies sagt derselbe, der sich in der Vergangenheit ansonsten kaum genug entblödet hat, das Abitur für crethi und plethi einzufordern !

    • Sie sagen es! Herr Schleicher interpretiert die Pisa-Ergebnisse seit Jahrzehnten auf Biegen und Brechen weit über das hinaus, was sie hergeben. Er scheint beseelt von rein äußerlichen Gerechtigkeitsvorstellungen, die über die Schule der Gesellschaft aufgepropft werden sollen.
      Die Idee ist ja schön, aber realitätsfremd und darum unheilstiftend.

  3. Da spricht wieder einer, der noch nie an der Schule war!
    In Bayern gibt es an den Realschulen seit 25 Jahren das Pflichtfach Informatik, Berufspraktika in den Ferien und in der Schulzeit, Ausbildungsmessen innerhalb und außerhalb der Schulen, der Berufsberater vom Arbeitsamt ist jeden Monat an der Schule…
    An den Mittelschulen läuft es ähnlich.
    Nur: Was erleben die Jugendlichen in ihrem Umfeld? Daran orientieren sie sich erst einmal! Danach suchen sie sich ihren „Wunsch“beruf aus.
    Aber die Schule soll es wieder richten, obwohl sie sich schon längst wesentlich stärker engagiert, als einige selbsternannte Bildungsgurus sehen wollen
    rfalio

  4. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, was so schlimm sein soll, wenn sich Jungen und Mädchen so handfeste Berufe wünschen. Besser als die „Ich-mach-was-mit-Medien“-Generation.
    Dass weiterhin Lehrerin und Ärztin typische Frauenberufe für die Jugend sind und ITler und Polizist für Jungen, kann man natürlich kritisieren. Aber neben eigenen Neigungen hat das auch was mit unserer Gesellschaft zu tun.

  5. Ich habe mehr Schwierigkeiten, zeitnah Klempner, Elektriker, Schreiner und Kfz-Mechaniker zu finden als jemanden, der von sich behauptet, eine App programmieren zu können, die mir sagt, welche Socken ich morgens anziehen soll. Warum es immer noch Leute gibt, die sich für die Meinung von Schleicher interessieren, versteh ich beim besten Willen nicht.

    • Und weil Sie keinen Klempner finden, sollen junge Menschen, die das Zeug zum Studium haben, darauf verzichten?

      Gäbe es Akademikerarbeitslosigkeit, würde Ihr Argument ja vielleicht ziehen – Tatsache aber ist: Akademiker haben in Deutschland das geringste Risiko, arbeitslos zu werden. Und deshalb haben die OECD und die studierenden jungen Leute völlig recht.

      Werden Sie doch selbst Klempner, wenn das so toll ist…

      • Bernd, Sie vermischen die gesamte Arbeitslosigkeit aller Akademiker mit der Studentenquote. Sinnvoller wäre mal eine Arbeitslosenquote und Verdienstmöglichkeiten der Bachelors of Was mit Medien zu betrachten.

        Wenn alle studieren kann auch genausogut keiner studieren.

      • Sehr viele Studienanfänger merken schnell, dass sie nicht das Zeug zum Studium haben, obwohl die Anforderungen vieler neu erfundener Bachelorstudiengänge im Vergleich zu den früheren Ingenieurs- und Diplomstudiengängen dramatisch niedrig geworden sind.

        • Ingenieurstudiengänge (bitte ohne Deppen-S) sind sowohl an TH und TU als auch an FH Diplomstudiengänge gewesen.

          Früher wusste ich nicht, wie Ingnjör geschrieben wurde, heute bin ich selber einen.

          • Danke für die Korrektur. Es sollte aber klar geworden sein, dass ich die Abschlüsse von Universitäten und Fachhochschulen meinte. Die heutigen Bachelorabschlüsse sind nicht viel mehr als bessere Vordiplome von vor der Umstellung.

  6. „Jugendliche sollten so früh wie möglich praktische Erfahrungen sammeln. “
    Wir sollten nochmal über unsere heutige Definition und Deutung von „Kinderarbeit“ nachdenken. Vielleicht war man da 1980 klüger als heute.

    • Man könnte viel einfacher das Niveau in der Schule wieder so weit anheben, dass viele Schüler nicht einmal auf die Idee kommen, die Regelschule länger als bis zum mittleren Abschluss zu besuchen, weil sie es in der Sek II nicht bestehen könnten.

      • bitte nicht vom Thema ablenken! Es geht darum, dass Jugendliche praktisches Arbeiten (und nicht nur „Jobben“) erleben.

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