Streit um Rechtschreibung: Kretschmann legt nach – GEW unterstützt ihn

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STUTTGART. Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) hat sich Gedanken zum Rechtschreibunterricht gemacht – und damit viel Wirbel ausgelöst. Nun versucht er zu erklären, wie er zu seiner Aussage gekommen ist. Die GEW wirft seinen Kritikern aus der CDU indirekt Scheinheiligkeit vor.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat eine bundesweite Debatte um die Rechtschreibung losgetreten. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Ein knappes Statement mit einer großen Wirkung: Ministerpräsident Winfried Kretschmann  hat mit seinen Äußerungen zum Rechtschreibunterricht bundesweit eine kontroverse Debatte ausgelöst. «Ich höre jetzt als Rückmeldung, es gibt keine Gruppe von Eltern und Großeltern, die nicht heftig darüber debattiert», bemerkte er am Dienstag in Stuttgart. In den sozialen Medien und von einigen Politikern hat Kretschmann am Wochenende großen Widerspruch geerntet. Jetzt erläuterte er vor Journalisten den Hintergrund seiner Worte – im Kern blieb er aber bei seiner Aussage.

Wie muss sich der Schulunterricht perspektivisch ändern?

Der Regierungschef wiederholte noch einmal das, was er zuerst im Interview vergangene Woche gesagt hatte (News4teachers berichtete). «Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage», sagte er. Korrekt mit Sprache umzugehen sei auch Grundlage einer jeden Kultur. «Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben. Wir haben ja kluge Geräte, die uns die Grammatik und die Fehler korrigieren.» Er fügte nun hinzu, er habe das mit Blick auf die Zukunft gemeint. Heute könnten die Geräte die Rechtschreibung nur unvollkommen korrigieren. «Aber sie werden immer besser.»

Kretschmann geht es nach eigenen Worten um die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz und die Frage, was der Mensch in Zukunft selber können muss und was Geräte ihm abnehmen können. «Was müssen wir anders machen, damit wir die Welt verstehen?», fragte er. Und wie müsse sich deshalb der Schulunterricht ändern? Er sei nicht gegen richtige Rechtschreibung. Die Frage sei nur, wer das zum Schluss mache. «Jemandem, der ein Bewerbungsschreiben wegschickt, dem würde ich doch in fünf Jahren empfehlen, das mal durch so ein Programm durchlaufen zu lassen», sagte Kretschmann, der früher selber als Lehrer für Biologie, Chemie und Ethik gearbeitet hat.

Kretschmann hatte viel Widerspruch geerntet (News4teachers berichtete). So sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD): «Wir müssen in den Schulen dafür Sorge tragen, dass unsere Schülerinnen und Schüler richtig rechnen, lesen und schreiben lernen.» Dazu gehöre vor allem auch die Rechtschreibung. Digitale Endgeräte wie Handys und Tablets hätten viele Vorteile. «Aber wer sich in Sachen Rechtschreibung auf sie verlassen muss, ist schnell verlassen», sagte Hubig.

Woraus soll das Grundgerüst an Rechtschreib-Kenntnissen bestehen?

Auch innerhalb Kretschmanns grün-schwarzer Regierungskoalition runzeln einige die Stirn. Kultusministerin Susanne Eisenmann, die auch CDU-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2021 und somit Kretschmanns Herausforderin ist, teilte mit: «Rechtschreibung ist für eine umfassende Bildung von existenzieller Bedeutung.» Sie halte es für fatal und für einen großen Fehler, wenn man sich stark von Technik abhängig mache. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sagte: «Für mich ist korrekte Rechtschreibung eine der Grundvoraussetzungen, um miteinander zu kommunizieren. Da muss es ganz klare Regeln geben, online und offline, analog und digital.»

Kretschmann verwies darauf, dass es in Bildungsfragen viele unterschiedliche Meinungen gebe. Zum Beispiel sei umstritten, woraus das Grundgerüst an Rechtschreib-Kenntnissen bestehen solle. Und sollte man technische Hilfsmittel im Unterricht nutzen oder nicht? Lehrer und Wissenschaftler seien sich da uneins. «Es gibt welche, die sagen, überhaupt nicht in die Grundschule mit den Geräten.» Andere sagten, man müsse den Umgang damit lernen und sie deshalb auch im Unterricht einsetzen. Ein Großteil der Lehrer stehe den neuen Medien sehr skeptisch gegenüber. Das mache ihn sehr nachdenklich, meinte Kretschmann, der diese Fragen sorgfältig diskutieren will. Von Bettina Grachtrup, dpa

Unterstützung durch die GEW

Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hat Ministerpräsident Kretschmann im Streit um die Rechtschreibung in Schutz genommen. Der korrekte Umgang mit Sprache sei weiterhin wichtig, sagte sie gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“. Allerdings gebe es eine gute digitale Unterstützung.

Moritz nahm stattdessen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ins Visier, die den Grundschulen die Methode „Lesen durch Schreiben“ verboten und neue Vorgaben für den Rechtschreibunterricht erlassen hat. „Wenn der CDU und Kultusministerin Eisenmann die Rechtschreibung so wichtig wäre, würde sie die Studienplatzkapazitäten für das Grundschullehramt erhöhen“, sagte Moritz laut Bericht – mit Blick auf den Lehrermangel insbesondere an den Grundschulen. Dann könnten Grundschüler besser gefördert werden. „Den Schulen wurde der neue Rechtschreibrahmen zugeschickt. Das allein kann die Rechtschreibleistungen nicht verbessern“, sagte Moritz.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Rechtschreib-Streit: Philologen kritisieren Kretschmann – und die Grundschulen

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6 KOMMENTARE

  1. gute Nachricht: „…meinte Kretschmann, der diese Fragen sorgfältig diskutieren will. …“
    Das kann man nur unterstützen.

    • So ist es! Diese sogenannte Gewerkschaft kümmert sich weniger um die Belange ihrer Mitglieder als um ihre Schattenregentschaft in bildungspolischen Fragen.
      Wenn Lehrer über Entscheidungen stöhnen, an der die GEW dank ihres Machteinflusses beteiligt ist, wäscht sie ihre Hände in Unschuld und ruft postwendend nach mehr Personal und höheren Lehrergehältern.
      Sich als fürsorglicher Helfer für das aufspielen, was man den Schulen als Aufgaben selbst eingebrockt und aufgebürdet hat, ist die Rolle der GEW seit Jahrzehnten.
      Die Schüler sollen nach ihrer Ideologie ständig entlastet werden und „alles, was nach Anstrengung oder gar Leistung riecht“, soll ihnen vom Leib gehalten werden.
      Die Lehrer hingegen sollen das Kunststück fertig bringen, den Schülern trotzdem gute Bildung zu vermitteln. Und wenn das ohne Anstrengung und Leistungswillen nicht geht, ertönt der gewohnte Ruf nach mehr Geld und Personal.
      Mit Geld selbstgeschaffene Probleme zuschütten und den eigenen Laden dabei gut verkaufen gehört zur Politik der GEW.

  2. Hätte er mal besser geschwiegen oder sich differenzierter ausgedrückt, so wären ihm eigene missverständliche Rechtfertigungsversuche und Diskussionen erspart geblieben.
    Wann wird eigentlich in BW gewählt ?

  3. Willst du leistungsunwillen sehen, musst du zur GEW gehen.

    Allein das die GEW die CDU dafür kritisiert, eine schwachsinnige Methode Lesen durch Schteiben abgeschafft zu haben, lässt tief blicken.

    Aber soll Winnie mal weitermachen, wenn die idiologisch verblendeten von der GEW ihm nichts entgegensetzen, machen es hoffentlich die Eltern. Zuletzt war bei solchen Themen wenigstens auf die noch verlass.

    • Die Methodik, die Sie zu meinen scheinen, nennt sich „Lesen durch Schreiben“ und kann durchaus bei einigen Kindern, z.B. mit Schreibhemmungen, zu Fortschritten führen. Auch wenn ich tendenziell die klassischeren Methoden des Schriftspracherwerbs favorisiere, halte ich es für fraglich, sich als Gymnasial!-Lehrer das Recht herauszunehmen, solch komplexe Prozesse beurteilen zu wollen. Wir erklären als Grundschullehrer Ihnen ja auch nicht, wie eine Abiturprüfung durchzuführen ist.

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