Forschungsprojekt zur Hetze im Internet: Bildung schützt vor Bösartigkeit nicht

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DRESDEN. Wissenschaftlich betrachtet ist Pegida eine «Schmähgemeinschaft». Mit solchen und anderen Phänomen beschäftigen sich Forscher der TU Dresden. Eine Ausstellung gibt nun Einblick in ein brisantes Thema. Eine ernüchternde Erkenntnis dabei: Bildung schützt keineswegs davor, zum Hetzer zu werden.

Im Netz sinkt bei manchen Menschen die Hemmschwelle. Illustration: Shutterstock
Im Netz sinkt bei manchen Menschen die Hemmschwelle. Illustration: Shutterstock

Hetze und Hass sind ein fester Bestandteil sozialer Medien, die Enthemmung nimmt zu. Befunde dieser Art sind nicht neu. Wissenschaftler der Technischen Universität gehen diesen Phänomenen seit 2017 in einem Sonderforschungsprojekt nach, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 7,5 Millionen Euro für vier Jahre gefördert wird. Ergebnisse werden auf Tagungen und in Publikationen erscheinen, aber auch die breite Öffentlichkeit soll Zugang zu Erkenntnissen haben. Am Mittwoch öffnet in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek die Ausstellung «Schmähung – Provokation – Stigma». Im Kern geht es um Formen der Herabsetzung.

Immer mehr Enthemmungen

Ein Fazit der Wissenschaftler lautet: Hetze, Schmähungen und Beleidigungen im Internet hängen nicht vom Bildungsniveau der Absender ab. «Was offenbar nicht hilft, ist Bildung», sagte die stellvertretende Sprecherin des Projektes, Marina Münkler, am Dienstag bei der Präsentation der Schau. Pöbeln gehöre im Zeitalter sozialer Medien zu den am meisten verbreiteten Ausdrucksweisen. Pöbeln sei dabei nicht an Pöbel gebunden. Die Wahrnehmung von Hasskommentaren sei besonders hoch: «Wer Gift träufeln will, setzt auf Hasskommentare.» Das Eskalationspotenzial sei durch die modernen Medien gesteigert, es gebe immer mehr Enthemmungen.

Als Beispiel bringt die Ausstellung den Shitstorm, der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im vergangenen Herbst nach einem Sturz traf. Solche Schmähungen sind keine Erfindung der Neuzeit. Die Schau geht auch in die Geschichte zurück, zeigt Beispiele für Herabwürdigungen aus allen Zeiten. Allerdings hatten Schmähreden zu Zeiten der alten Römer nur ein kleines Publikum, fanden gewissermaßen in einem geschlossenen Raum und nicht im World Wide Web statt. Die Kuratorin der Ausstellung, Lea Hagedorn, verweist darauf, dass es bereits im 16. Jahrhundert Bemühungen gab, Beleidigungen durch Zensur wieder einzufangen.

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Antisemitisches Kinderbuch

Die Ausstellung umfasst vier Abteilungen. Bei «Stereotype & Stigmata» gehört beispielsweise das erstmals 1938 aufgelegte antisemitische Kinderbuch «Der Giftpilz» zu den Exponaten. Es will Ekel und Angst vor Juden und Hass auf sie schüren. Bei «Kunst und Provokation» wird neben Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auch eine Karikatur des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo» ausgestellt, die den Propheten Mohammed mit dem Schild «Ich bin Charlie» zeigt. Vor allem in der Kunst diente und dient der Tabubruch und Skandal dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Der Ausstellungsbereich «Schmähgemeinschaften & Feindbilder» liest sich wie eine Definition der islam- und ausländerfeindlichen Pegida- Bewegung. «Die Herabsetzung von politischen, religiösen und sozialen Gruppen kann Gemeinschaften begründen, die sich überhaupt erst durch die Beteiligung an Schmähungen bilden», schreiben die Forscher. Solche Gemeinschaften würden dann ihre eigene Dynamik entwickeln, «weil sie auf Wiederholung und Überbietung angelegt sind». So war am Montagabend bei der 200. Pegida-Kundgebung in Dresden immer wieder das ewige Sprechchor-Mantra aus «Volksverräter, «Lügenpresse» und «Widerstand» zu hören.

Schmähungen und Beleidigungen

Im letzten Teil der Schau widmen sich die Forscher dem Thema «Resonanz und Deutungskraft» – welche Folgen Schmähungen haben und wie sie gedeutet werde können, vom geflissentlichen «Überhören» bis zum gezielten Gegenangriff. «Folgt auf eine empörte Reaktion eine Erwiderung, kann sich daraus ein längerer Schlagabtausch mit wechselseitigen Schmähungen und Beleidigungen entwickeln», heißt es da. Auch hierfür gibt es in Geschichte und Gegenwart viele Belege. US-Präsident Donald Trump gilt als Beispiel dafür, wie man per Twitter Resonanz erzeugt, um damit eine Deutungshoheit zu erlangen. Jörg Schurig, dpa

Die Ausstellung läuft vom 20. Februar bis 23. April 2020, täglich 10 bis 18 Uhr. Hier gibt es weitere Informationen.

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2 KOMMENTARE

  1. „Folgt auf eine empörte Reaktion eine Erwiderung, kann sich daraus ein längerer Schlagabtausch mit wechselseitigen Schmähungen und Beleidigungen entwickeln“

    Richtig. Solange kein geltendes Recht verletzt wird, soll man auf solche Kommentare einfach nicht eingehen. Insbesondere sollte man in ihnen keinen Hass, sondern Trollerei sehen. Wer das nicht aushalten kann, kann den Urheber in sozialen Medien blockieren, darf jedoch nicht anfangen, sich laut darüber zu beschweren.

  2. So schade für die Gesellschaft, dass Bildung nicht davor schützt zum Hetzer zu werden. Denn sonst hätte man das Problem mal wieder ganz leicht auf die Schulen abwälzen können und diesen den schwarzen Peter zuschieben können. So wird es zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe – also ist jede(r) gefordert.

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