Lehrer protestieren gegen Mehrarbeit – Piazolo verspricht Entlastung an anderer Stelle. Und mehr Beförderungen

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MÜNCHEN. Mit seinen Zwangsmaßnahmen zum Stopfen des Lehrermangels hat sich Bayerns Kultusminister bei vielen Pädagogen unbeliebt gemacht. Ihren Ärger zeigen sie öffentlich. Piazolo sagt zeitgleich Entlastung zu – kann das den Unmut dämpfen?

Sieht sich harter Kritik ausgesetzt Bayerns Bildungsministerer Michael Piazolo. Foto: Andreas Gebert / StMUK

Lehrkräfte in ganz Bayern haben ihrem Ärger über die Zwangsmaßnahmen zur Bekämpfung des Lehrermangels mit zahlreichen Aktionen an Schulen sowie bei zwei Kundgebungen Luft verschafft. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) kündigte am Freitag zeitgleich an, die Pädagogen an anderer Stelle zu entlasten.

«Wir wissen durchaus, dass unsere Lehrer hervorragende Arbeit leisten», sagte Piazolo in München. Zu ihrer Unterstützung seien verschiedene Schritte geplant – darunter finden sich mehrere bisherige Forderungen von Lehrerverbänden.

Protestierende Lehrer winken ab – „ändert gar nichts“

Die Reaktion der Protestierenden kam prompt: «An der Stimmung ändert das gar nichts. Die Kolleginnen und Kollegen haben es nicht als Entlastung wahrgenommen», berichtete Sebastian Jung von der Bildungsgewerkschaft GEW von der Kundgebung in Nürnberg. Die Lehrer befürchteten, dass die Maßnahmen weitgehend verpufften.

Zur Kundgebung in Nürnberg waren nach GEW-Schätzungen mehr als 2000 Menschen gekommen. Am frühen Abend sollte es, ebenfalls gemeinsam mit dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), eine weitere Kundgebung in Eichstätt geben, zu der auch Piazolo erwartet wurde.

Der BLLV veranstaltete am Freitag zudem einen dezentralen Aktionstag an den Schulen (News4teachers berichtete). «Die Kollegen draußen haben unterschiedliche Aktionen und Formate gewählt, um zu zeigen: Ich bin belastet, ich zeige Solidarität, und ich will nicht zulassen, dass das alles auf unseren Schultern ausgetragen wird», sagte Präsidentin Simone Fleischmann. «Die Kollegen wollen Zeichen der Wertschätzung sehen!

Die Zeugnisse der Grundschulen sollen „verschlankt“ werden

Unter den Pädagogen ist der Unmut groß, seitdem der Minister Anfang Januar zu freiwilliger Mehrarbeit aufgerufen und zugleich verschiedene Maßnahmen verpflichtend vorgeschrieben hatte, die für viele Betroffene Mehrarbeit bedeuten. Im Gegenzug sollen nun 3000 Grund- und Mittelschullehrer zusätzlich befördert werden. «Auch im Bereich der Verwaltungsangestellten wird aufgestockt, und die Leitungszeit der Schulleitungen erhöht», sagte Piazolo.

Zudem solle die Zahl der Proben in der vierten Klasse reduziert werden. «Und ein großes Thema für die Grundschulen sind die Zeugnisse, die wollen wir verschlanken», kündigte Piazolo an. Auch werde mehr Geld für Drittkräfte zur Verfügung gestellt, die dann Sprach- und Alphabetisierungskurse anbieten könnten. Der Umfang der als bürokratisch verschrieenen externen Evaluationen soll ebenfalls reduziert werden.

Viele Grundschullehrer müssen ab dem kommenden Schuljahr für voraussichtlich fünf Jahre eine Stunde pro Woche mehr unterrichten; diese Stunde soll ihnen später gutgeschrieben werden. Ebenso wie an den Mittel- und Förderschulen müssen viele Teilzeitler ihren Stundenumfang aufstocken, der Vorruhestand ist in der Regel erst ab 65 Jahren möglich, und Sabbatjahre werden ganz gestrichen. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Was das “Piazolo-Paket” für betroffene Lehrer bedeutet: Manche müssen plötzlich 60 % mehr arbeiten – für andere platzt der baldige Ruhestand

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5 KOMMENTARE

  1. Ich fände es sehr angebracht, dass diejenigen, die in dieser Situation erwarten, dass die Lehrer die Mehrarbeit in Kauf nehmen ohne sich darüber zu beschweren, sich solidarisch zeigen und selber Mehrarbeit leisten.

  2. „Auch werde mehr Geld für Drittkräfte zur Verfügung gestellt, die dann Sprach- und Alphabetisierungskurse anbieten könnten.“ Prognose: Es wird einen weiteren Zuwachs an Schülern mit LRS geben!

    • In dem Text ist wohl nicht klar herausgekommen, was damit gemeint ist. Das hat nichts mit der Rechtschreibung oder dem Anfangsunterricht zu tun. Damit sind die Sprach- und Alphabetisierungskurse (DAZ- Kurse) der Migrations- und Flüchtlingskinder gemeint. Die haben teilweise differenzierten Unterricht in Deutsch, wenn genug DAZ- und Förderlehrer verfügbar sind (aber noch viel zu wenig). Das würde schon eine Entlastung bringen, wenn es Personal gäbe (es gibt an bayerischen Unis DAZ- Studiengänge), die das übernehmen.

  3. Es wird das angeboten, was kurzfristig wohl am schmerzlosesten geht. Natürlich ist das mittel- und langfristig viel zu wenig. Aber es ist ein Anfang, der ausgebaut werden muss. Man darf uns nicht nur mit dem „abspeisen“. Es muss ein Engagement von seiten des Kultusministeriums her, das darauf abzielt, dass unsere Aufgaben wieder in einem richtigen und verträglichem Verhältnis zum geleisteten Arbeitsaufwand und der psychischen Belastung stehen. Viele, die die Antragsteilzeit stellen, machen das, um der Belastung gerecht zu werden!
    Zudem muss Gerechtigkeit zwischen den einzelnen Lehrämtern geschaffen werden, was die Entlohnung betrifft. Lehrämter dürfen nicht einem „finanziellen Klassensystem“ zum Opfer fallen, zumal die Herausforderungen überall groß sind.
    Die ursprünglichen Maßnahmen des Kultusministeriums in Bezug auf Erhöhung der Stundenzahl ohne Reduzierung von anderen Aufgaben bei den Grundschulen zeigen, dass das Kumi die Belastung der Grundschullehrer völlig falsch einschätzt. Ich hoffe, dass durch die Aktionen des BLLV (auch meine Schule folgte diesem Aufruf der dezentralen Aktion heute) den Verantwortlichen endlich einmal bewusst wird, was wir an der Grundschule an Vielfalt von Aufgaben leisten (müssen) und dass da dringender Handlungsbedarf besteht!

    • Die Kultusministerien in allen Ländern handeln ähnlich, sparen an allen Ecken und überfrachten die Kollegien mit unzähligen Aufgaben, sodass nun ein extremer Lehrkräftemangel ansteht.
      Um diesem Herr zu werden, ordnen sie noch mehr Mehrarbeit an.

      Warum kann man die Arbeit immer in den Schulen abladen und die Entlastungen entweder gar nicht ansprechen oder auf die lange Bank schieben?

      Warum kann man nicht deutlich sagen:
      Ihr möchtet, dass wir diese Aufgabe übernehmen?
      Dann streicht bitte andere Aufgaben im selben Maße der Arbeitszeit!
      DANACH übernehmen wir dann für genau 5 Jahre die Mehrarbeit, bei der schon jetzt vertraglich geregelt wird, dass sie anschließend per Freizeitausgleich abgegolten werden muss.
      Während dieser 5 Jahre verpflichtet sich jedes Bundesland zudem weitere Aufgaben zu streichen und für Ausgleich bzw. Ressourcen zu sorgen, um die nachgewiesenermaßen bei allen Lehrämtern zu hohe Arbeitszeit auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren.
      Ansonsten stehen in 5 Jahren jeder Lehrkraft als Ausgleich für die über die zu hohe Arbeitszeit und zu hohe Belastung weitere Deputatsstunden als Entlastung zur Verfügung, bis dies vernünftig geregelt ist.

      Die Kultusminister der anderen Länder haben gleiche Probleme und schauen alle nach BY, wie es dort weitergeht. BW und Nds haben schon freiwillige Mehrarbeit ausgelobt.
      In Nds. steht bereits in diesem Sommer die Rückkehr zu G9 an. Wie man den zusätzlichen Jahrgang auffangen will, wo ohne diesen nun schon nicht ausreichend Lehrkräfte für den Pflichtunterricht zur Verfügung stehen, weiß keiner.

      Dass Zusatzbedarfe und Entlastungsstunden gestrichen werden, läuten auch hier schon die Glocken. Bedeutet: Keine Alphabetisierung und DaZ-Kurse, keine ohnehin unzureichende Grundversorgung in der Inklusion, vielleicht ist man auch besonders konsequent und streicht Orchideenkurse an weiterführenden Schulen und Entlastungsstunden für was auch immer, die es an anderen Schulen ohnehin nicht gibt.
      Dann können wir uns endlich alle über Schul- und Ländergrenzen hinweg gemeinsam aufregen und für andere Bedingungen stark machen.

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