Streit um Gemeinschaftsschulen – Bürgermeister gegen Philologen: „Lobbygruppe, die während des Fluges die Triebwerke abmontieren möchte“

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STUTTGART. Die Attacke des Philologenverbands auf die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg sorgt weiter für Wirbel. Massiver Widerspruch wird laut: Mit einem veröffentlichten Brief haben elf Bürgermeister aus dem Landkreis Karlsruhe ihre Solidarität mit den Gemeinschaftsschulen bekundet. Der Angriff der Gymnaisallehrer wirke wie eine „gezielte Kampagne“, um Eltern bei den derzeit laufenden Informationsveranstaltungen für weiterführende Schulen zu beeinflussen. Auch die Gemeinschaftsschulen selbst, organisiert im Verein der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, weisen die Kritik zurück – sie werfen den Philologen eine „Beschmutzung“ ihrer Schulen vor.

Der Angriff der Philologen auf die Gemeinschaftsschule stößt auf Widerstand. Illustration: Shutterstock

Mit einer vollen Breitseite war der Philologenverband Baden-Württemberg in dieser Woche auf die Gemeinschaftsschule in dem Bundesland losgegangen (News4teachers berichtete). Die darin üblichen Berichtszeugnisse seien unverständlich, Kinder mit Gymnasialempfehlung würden nicht ausreichend gefördert, es herrschten massive Disziplinprobleme, Ergebnisse von Lernstandserhebungen würden geschönt – und: Gymnasiallehrer würden in den Kollegien von Gemeinschaftsschulen gemobbt.

Gemeinschaftsschüler haben gut abgeschnitten

„Es wäre gut, der Philologenverband würde mal mit den Gemeinschaftsschulen reden, anstatt sie immer zu beschmutzen“, sagt dazu der Vorsitzende des Vereins der Gemeinschaftschulen in Baden-Württemberg, Matthias Wagner-Uhl, den „Badischen Neuesten Nachrichten“ zufolge.

Die Schüler der (in Baden-Württemberg noch jungen) Gemeinschaftsschulen hätten bei ihrer ersten Teilnahme an den zentralen Prüfungen zur Mittleren Reife erfolgreich abgeschnitten, so Wagner-Uhl – und die Prüfungsaufgaben seien ja für alle gleich. So hätten die Noten im Schnitt bei den Gemeinschaftsschülern nur um 0,1 bis 0,3 schlechter gelegen als bei den Realschülern. Die Durchfallquote sei zwar mit sechs Prozent an den Gemeinschaftsschulen doppelt so hoch, doch man müsse die unterschiedliche Schülerschaft sehen: Im ersten Abschlussjahrgang hatten 47 Prozent der Gemeinschaftsschüler eine Hauptschulempfehlung. „Aber zwei Drittel der Kinder sind zur mittleren Reife weitergegangen – und haben die Grundschulempfehlung damit Lügen gestraft“, so betont Wagner-Uhl dem Bericht zufolge.

Auch die Bürgermeister von elf Städten aus dem Landkreis Karlsruhe kritisieren den Vorstoß der Philologen. „Das Ganze kommt zur Unzeit und wirkt wie eine Kampagne, denn dieser Tage finden allerorts die Schulinformationstage statt, auf deren Grundlage die Schulanmeldung vorgenommen wird“, so heißt es in dem Offenen Brief. Im Landkreis Karlsruhe gebe es über ein Dutzend Gemeinschaftsschulen. Die Städte und Gemeinden hättenn teils mit hohem finanziellen Aufwand ihre alten Haupt- und Werkrealschule ertüchtigt, um eine Gemeinschaftsschule genehmigt zu bekommen. Vielerorts seien  Millionenbeträge in Schulgebäude und Infrastruktur investiert worden. Die Schulen hätten in den meisten Fällen ausgelaufene Haupt- und Werkrealschulen ersetzt, die keine Nachfrage mehr erfahren haben.

Wörtlich heißt es: „Die Gemeinschaftsschulen leisten in den Gemeinden einen wichtigen Beitrag zum Strukturerhalt. Sie stiften Identität und die mit einer Schule verbundenen Gebäude und Einrichtungen leisten einen wichtigen Beitrag für das kommunale Miteinander und die Gemeinschaft in den Kommunen. Die Gemeinschaftsschulen sorgen jedoch auch dafür, dass die Schülerinnen und Schüler eine Möglichkeit haben, in ihrer Stadt oder Gemeinde zur Schule zu gehen und nicht in kilometerweit entfernte Schulorte pendeln zu müssen.“

Bürgermeister: „Die Gemeinschaftsschulen sind erfolgreich gestartet“

Die Bürgermeister positionieren sich nach eigenen Worten „klar und deutlich“ für die Gemeinschaftsschulen – sie fordern, dass die Schulart die ursprünglich zugesagte Förderung und Unterstützung von Seiten der Landesregierung erhalten muss und die aktuellen Diskussionen sofort beendet werden. „Die Gemeinschaftsschule hat sich im Land etabliert. Es gibt eben so viele Gemeinschaftsschulen wie Gymnasien. Politisches Ziel muss es sein, die Gemeinschaftsschulen weiter zu stärken und die Erfolge der Schulart bei der erfolgreichen Abnahme von Abschlussprüfungen, bei der erfolgreichen Vorbereitung auf Beruf und weiterführende Schulen, beim differenziertem Unterricht und bei der Inklusion anzuerkennen. Die Gemeinschaftsschulen sind erfolgreich gestartet. Es ist nicht länger akzeptable, dass Lobbygruppen während des Fluges die Triebwerke abmontieren möchten und eine stabile Passagiermaschine in Turbulenzen stürzen möchten.“

VBE über Philologen: Elefant im Porzellanladen

Auch der VBE weist die Attacke des Philologenverbands zurück – insbesondere dessen Forderung, den Gemeinschaftsschulen Mittel zu streichen und den Gymnasien und Realschulen zukommen zu lassen.. Gerhard Brand, Vorsitzender des VBE Baden-Württemberg, mahnt, die Schularten nicht gegeneinander auszuspielen: „Der VBE stellt sich schützend vor die Gemeinschaftsschule und erteilt dem Sankt-Florians-Prinzip eine klare Absage. Gymnasien auf Kosten der Gemeinschaftsschulen zu finanzieren, ist eine Forderung, die so sehr in eine pluralistische Gesellschaft passt wie ein Elefant in einen Porzellanladen. Das Ziel muss sein, alle Schulen so gut zu versorgen, dass sie ihre Arbeit für die Schülerinnen und Schüler in einem für alle gedeihlichen Rahmen verrichten können. Neiddebatten führen nicht in eine bessere Zukunft, sondern in die Sackgasse.“

GEW: Gemeinschaftsschulen arbeiten inklusiv

Die GEW nennt die Kritik an den Gemeinschaftsschulen unglaubwürdig. Der Philologenverband stütze seine Aussagen über unzufriedene Gymnasiallehrkräfte an Gemeinschaftsschulen auf Rückmeldungen von rund 20 Lehrkräften. Das sind 1,5 Prozent der 1.330 der Gymnasiallehrkräfte, die an den 306 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg unterrichten. „Wer auf einer solchen Datengrundlage argumentiert, kann nicht ernst genommen werden“, meint Landeschefin Doro Moritz.

Die Gewerkschaft setze sich dafür ein, die Gemeinschaftsschulen für den Ganztagsbetrieb, Coaching und Inklusion besser zu unterstützen. „Sie sind mit den Grundschulen die einzige Schulart, die in diesem Umfang inklusiv arbeitet. Alle Gemeinschaftsschulen müssen den Ganztagsbetrieb organisieren. Ich habe bei meinen Schulbesuchen fast ein Drittel der Gemeinschaftsschulen kennengelernt. Diese stoßen auf eindrucksvolle Akzeptanz bei den Eltern. Diejenigen, die Gemeinschaftsschulen kennen, sind überzeugt von diesem zukunftsweisenden Konzept“, sagt Moritz. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Philologen klagen an: Gymnasiallehrer werden in den Kollegien von Gemeinschaftsschulen gemobbt – viele wollen weg

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11 KOMMENTARE

  1. Gerade in BW könnte man auch dagegen halten, dass ein gut funktionierendes System ohne Grund an die Wand zu fhren droht, wenn die Triebwerke nicht abgerissen werden.

  2. Wenn GEW, VBE und dieser Verband aufheulen kann das nur eines bedeuten: Die Philologen liegen mit ihrer Kritik an dieser „Schulform“ vollkommen richtig. Wer bezahlt denn eigentlich den Versuch? Ich kann mir schon vorstellen, warum die Bürgermeister die Schulen so in Schutz nehmen.

    • Sie haben leider die Logikvorlesungen, Gümnasiallehrer a.D., im Studium zum Gymnasiallehrer verpasst: Dümmer geht´s nimmer

      • Wieso? Die GEW & co zeichneten sich in der Vergangenheit immer wieder durch Befürwortung der Einheitsschule aus, der Philologenverband ist dagegen. Sozialistische Gleichmacherei auf niedrigem Niveau hat aber noch nie funktioniert, was Sie, Herr Möller, am Beispiel der DDR gesehen haben sollten.

        • Sehr geehrte/r xxx,

          Sie scheinen verpasst zu haben, dass das DDR-Schulsystem mit seiner „Gleichmacherei“ auf hohem! Niveau agierte, was so gut funktionierte, dass Abgänger der Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschulen (vergleichbar mit Gemeinschaftsschulen?) nach der Wende mit geschmatzten Händen von vielen westlichen Arbeitgebern eingestellt wurden.
          … Bitte argumentieren Sie sachlich.

          • Ich entschuldige mich für die Vermischung. Natürlich war das DDR-Schulsystem abgesehen von der Indoktrination fachlich erheblich besser als das Westdeutsche. Was nicht funktioniert hat, war die sozialistische Planwirtschaft.

          • Ja, was denn nun – hat das Gesamtschulsystem (bis zur 10. Klasse) der DDR aus Ihrer Sicht funktioniert? Wenn es „erheblich besser als das Westdeutsche“ funktioniert hat, wie Sie behaupten (ohne Gymnasien übrigens!): Warum sollte das jetzt in Baden-Württemberg anders sein?

          • @Bernd: gleiche Wörter bedeuten nicht in jedem Fall auch eine gleichartige Schule. aktuelles Beispiel: „Oberschule“ ist in meiner Gegend ein traditionelles Synonym für „Gymnasium“, Sie wissen aber, dass es heute in Niedersachsen, Bremen, Brandenburg etwas sehr anderes bedeutet. -> https://de.wikipedia.org/wiki/Oberschule
            Die DDR-Gesamtschule funktionierte im Sinne fachlichen Lernens nach Auskunft meiner östlichen Bekannten gut, welcher soziale Druck dabei im Hintergrund mitwirkte, können Sie z.B. in Ausstellungen in Leipzig erfahren http://www.runde-ecke-leipzig.de/

          • … Entschuldigung angenommen. Dazu gehört heutzutage auch was. 😉
            Ansonsten kann ich mich Ihrer letzten Kurzantwort anschließen, denn die Veränderungen der Gesellschaft in den 60er Jahren mit den entsprechenden Folgen in den Erziehungswissenschaften haben ihre volle Wirkung inzwischen in GANZ Deutschland entfaltet. Mit all ihren positiven und durchaus auch negativen Auswirkungen.
            Inhaltlich kann das jeder für sich füllen. Die Liste ist lang …

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